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The Passengers von John Marrs

Du entscheidest über Leben und Tod

 

Rezension von Matthias Hofmann

 

The Passengers, der neue Roman des Briten John Marrs, ist einer dieser Near-Future-Thriller, die nur ein paar Jahre in der Zukunft spielen. Marrs hat ein Gespür für aktuelle Themen, die man überall mit jedem kontrovers diskutieren kann. Oder er sucht diese mit Absicht, wie man es Autoren wie Dave Eggers gerne vorwirft, die sich mit Romanen wie The Circle, quasi vorprogrammiert, auf die jeweils aktuellste Problemstelle des Internetzeitalters stürzen.

 

Letztes Jahr erschien von John Marrs, ebenfalls bei Heyne, der Pageturner The One – Finde Dein perfektes Match. Darin geht es um ein besonderes Online-Portal, eine Art Partnerschaftsvermittlung namens MatchYourDNA.com, die für jeden Topf den Deckel findet. In Zeiten von Tinder, Parship & Co. ist das ein Thema, das immer mehr Partnersuchende und Liebeshungrige beschäftigt. Damit hatte Marrs voll ins Schwarze getroffen, denn kurz nach der Veröffentlichung kursierten Meldungen, dass sein Buch von Netflix verfilmt werden soll.

 

Auch für seinen neusten Coup hat er einen brandaktuellen Stoff gefunden: autonomes Fahren.

Die Prämisse für »The Passengers« lautet: In Großbritannien wurde das selbstfahrende Auto eingeführt. In zehn Jahren sollen nur noch Fahrzeuge zugelassen werden, die keine Fahrer mehr brauchen. Die britische Regierung schafft damit diese archaische Praxis, dass Fahrzeuge von unzuverlässigen und fehleranfälligen Menschen gelenkt werden, per Gesetz ab.

Im ersten Teil des Romans werden bis zu acht Personen vorgestellt, die sich für eine Fahrt in ein autonom fahrendes Fahrzeug begeben haben. Allen ist gemeinsam, dass das Auto ihnen nach kurzer Zeit zu verstehen gibt, dass sie darin gefangen sind, an einen unbekannten Ort gesteuert werden und nur noch ein paar Stunden zu leben haben.

 

Der rote Faden der Geschichte spinnt sich um die Erlebnisse der jungen Frau Libby Dixon, die als zufällig ausgewählte Otto-Normal-Frau per Rotationsprinzip in eine streng geheime Jury berufen wird. Dieses Gremium entscheidet wer schuld ist, wenn bei einem Unfall mit einem selbstfahrenden Vehikel Menschen ums Leben kommen. Also: das Auto oder das Opfer. Die Jury besteht des Weiteren aus dem arroganten Verkehrsminister Jack Larsson und Vertretern aus Medizin und Rechtsprechung sowie einer Person, die alle wichtigen Religionen vertritt.

Daraus ergibt sich eine Vielzahl von Fragen, die man sich auch als Leser stellen kann. Wer ist schuld, wenn ein Unfall passiert? Wie entscheidet man bzw. das Auto über Leben und Tod? Ist z. B. das Leben eines 15-jährigen Mädchens mehr wert als das eines 60-jährigen Mannes? Was ist, wenn das Mädchen geistig behindert ist, der Mann kerngesund und eine Familie mit drei Kinder zu ernähren hat? Der große Gegenspieler ist jedoch ein mysteriöser Hacker, der die Entführungen orchestriert und alle an der Nase herumführt.

Ob das nun technisch so umsetzbar ist, besonders was der Hacker so treibt, wie es Marrs in seinem Roman schildert, sei dahingestellt. Selbst der technikgläubigste Nerd wird an manchen Stellen der Handlung mit der Stirn runzeln. Aber das ist nicht so wirklich wichtig, denn die Dramaturgie stimmt und macht auch diesen Roman zu einer sehr flotten Lektüre. Wie schon bei »The One« schafft es Marrs, seiner Erzählung überraschende Wendungen zu geben und so manches Kapitel mit einem Cliffhanger enden zu lassen. Dazwischen packt er die Lebensgeschichten der einzelnen Figuren, die aus dem Lehrbuch für Soap Operas stammen könnten. Und immer wieder gibt es kleine Einsprengsel in Form von Internet-Nachrichten, Bedienungsanleitungen, Social-Media-Posts oder Quizfragen.

 

Zwar stehen selbstfahrende Autos in den Startlöchern, doch dürfte ihre breitenwirksame Einführung gemäß einer aktuellen Studie des Prognos-Forschungsinsituts eher in 20 statt zehn Jahren der Fall sein. Erst nach 2040 werden in größerer Zahl Autos angeboten, die völlig autonom von Tür zu Tür fahren, also sowohl auf Autobahnen als auch Landstraßen keinen menschlichen Lenker mehr benötigen.

 

»The Passengers« ist eine fesselnde und faszinierende Lektüre. Der Roman entführt einerseits aus dem Alltag und schärft andererseits den Sinn für die Schwachstellen einer der wichtigen kommenden Technologien. Kurzum: Er ist die passende Lektüre, um nach dem Umsteigen vom autonomen Terminal-Shuttlebus des Flughafens vom selbstfahrenden Auto bis vor die eigene Haustüre gefahren zu werden.

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Eure Meinung:

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Buch:

The Passengers

Du entscheidest über Leben und Tod

Original:The Passengers, 2019

Autor: John Marrs

Taschenbuch, 496 Seiten

Heyne, 9. Juni 2020

Übersetzung: Felix Mayer

Cover: Das Illustrat

 

ISBN-10: 3453320727

ISBN-13: 978-3453320727

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07ZTFC81D

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 18.07.2020, zuletzt aktualisiert: 02.08.2020 16:07