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Todesrosen von Arnaldur Indridason

Rezension von Björn Backes

 

Inhalt:

Eine makabre Szenerie in einer Mittsommernacht in der isländischen Hauptstadt: Ein junges Pärchen entdeckt beim Geschlechtsverkehr auf einem Friedhof den nackten Körper eines jungen Mädchens, eine Leiche, die direkt auf das Grab des Freiheitskämpfers Jón Siggurdsson platziert wurde. Statement oder Zufall? Kommissar Erlendur von der Kripo Reykjavik wird zusammen mit seinem Kollegen Sigurdur Óli auf den Fall angesetzt, tut sich bei den Ermittlungen aber denkbar schwer. Die Identität der Leiche bleibt lange Zeit ein Rätsel, da das offenkundig drogenabhängige Mädchen nicht bei den Behörden gemeldet zu sein scheint. Erst durch Erlendurs Tochter, die selber im Sumpf von Drogen und Prostitution untergetaucht ist, bekommen die beiden Beamten einen heißen Tipp.

Die Spur führt die Ermittler an die Westfjorde, einem drohenden sozialen Brennpunkt, der von der Landflucht und besonders von den Entwicklungen in der Fischerei gezeichnet ist. Dort läuft ihnen auch gleich ein Verdächtiger ins offene Messer, doch ausgerechnet der wird bereits am Folgetag entführt – vom ehemals besten Freund der Ermordeten…

 

 

Rezension:

Ganze zehn Jahre haben deutsche Anhänger des isländischen Kriminalautors Arnaldur Indridason auf den zweiten Roman um Hauptkommissar Erlendur warten müssen, was angesichts der Zeitlosigkeit von Indridasons bisherigen werken im Grunde genommen keine Schwierigkeit darstellt, aber dennoch ein kleines Ärgernis ist, da der Mann hierzulande mittlerweile auch einen echten Status hat und solche Verzögerungen in engsten Fankreisen natürlich nicht wünschenswert sind. Umso schöner ist es nun natürlich, dass „Todesrosen“ den Weg auf den deutschen Markt gefunden hat und einer der (sozial-)kritischsten Texte des Autors nun auch Zugang zum hiesigen Publikum findet – denn dass diese Erlendur-Ausgabe durchaus lohnenswert ist, steht definitiv außer Frage.

 

Die Geschichte beginnt dennoch recht behäbig und bedarf einer gewissen Eingewöhnungszeit, bis sich Szenerie und Figuren dem Leser öffnen. Insbesondere Neulinge auf dem Gebiet Island-Krimi im Allgemeinen und Indridason im Speziellen werden hier womöglich erste Probleme haben, da die Atmosphäre nicht sofort packend ist, sondern sich eher aus kühlen, teils sogar recht rational ausgefallenen Kapiteln zusammensetzt, die sich erst nach und nach zu einem stimmigen Gesamtbild ausprägen. Hinzu kommt, dass Erlendur und Óli alles andere als ein typisches Ermittlerteam sind; die beiden ergänzen sich weniger, haben grundsätzlich verschiedene Ansichten und auch andere Einstellungen zum Einfluss der Globalisierung in Island, die in mehrerlei Hinsicht ein zentrales Hintergrundthema der Story wird und zumindest einige Botschaften, die der Plot vermittelt, ein Stückweit mitbestimmt.

Unterdessen kommt die eigentliche Kriminalgeschichte langsam aber sicher ebenfalls in Fahrt. Indridason verrät hierbei zwar schon sehr viel über die mutmaßlichen Hauptverdächtigen, hinterlässt sein Publikum aber ständig im Glauben, den großen Knall noch auspacken zu können, was die Erzählatmosphäre nach den schwereren Anfangssequenzen schließlich doch noch zum Knistern bringt. Da tauchen immer wieder neue Figuren und Einflüsse auf, die in Kombination mit einer ganzen Reihe von bedrückten Vergangenheits-Reflexionen das Ruder herumreißen, neue Herde zum köcheln bringen, aber dennoch nichts Eindeutiges vermitteln – und ganz nebenbei den nicht immer griffigen Spannungslevel in Höhen treiben, die man von der trübsinnigen Ausstrahlung der beiden Protagonisten gar nicht erst erwartet hätte.

Aber genau das macht „Todesrosen“ auch zu einem typischen und überzeugenden Indridason-Roman: Viele weniger effektive Puzzleteile mischen sich letzten Endes zu einer stillen, insgeheim aber explosiven Mischung, in der Emotionen, Gesellschaftskritik und Kriminalhandlung gleichberechtigt harmonieren und auf außergewöhnliche Art und Weise zu bewegen vermögen. Auch ohne opulente Aufmachung und bombastische Inszenierungen sichert der Autor hier seinen Vorzeigestatus als Top-Mann des isländischen Krimis und weist einen großen Teil der skandinavischen Konkurrenz auch mit zehn Jahren Abstand noch spielerisch in die Schranken.

 

 

Fazit:

Mit seinem zweiten Erlendur-Roman hat Arnaldur Indridason eine seiner schwermütigsten, gleichzeitig aber auch besten Geschichten erschaffen. Überraschend hierbei ist einmal mehr, dass viele unspektakuläre Elemente sich Schritt für Schritt zu einem überzeugenden Komplex zusammenschließen und auf dezente Art und Weise ein ganz eigenes Spektakel inszenieren. Der Island-Krimi bleibt europaweit eine Top-Adresse – dank Publikationen wie „Todesrosen“.

 

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Todesrosen

Autor: Arnaldur Indridason

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Lübbe; Auflage: 1 (10. Juni 2008)

Sprache: Deutsch

ISBN-10: 3785716125

ISBN-13: 978-3785716120

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 04.12.2008, zuletzt aktualisiert: 19.04.2017 10:58