Totenverse (Autorin: Zoe Ferraris)
 
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Totenverse von Zoe Ferraris

Rezension von Christel Scheja

 

Zoe Ferraris lebte selbst ein Jahr lang an der Seite ihres damaligen Mannes in der strenggläubigen muslimischen Gemeinde in Dschidda in Saudi-Arabien, so dass sie die Umgebung und die Menschen kennt, über die sie bereits in ihrem Romandebüt „Die letzte Sure“ schrieb. Auch wenn sie heute in Santa Barbara lebt, kontaktiert sie die Familie immer noch für offene Fragen zu Religion, Verhalten und Alltag, was man ihrem zweiten Roman „Totenverse“ ebenfalls anmerkt.

 

Eine Leiche wird am Strand gefunden, halb entkleidet, Hände und Gesicht von kochendem Öl verbrannt, um sie unkenntlich zu machen. Die Gerichtsmedizinerin Katya, eine der wenigen Frauen in diesem Beruf, hält die Tote zunächst für eines der unzähligen Hausmädchen, die auch heute noch in den Haushalten wohlhabenderer Familien wie Sklavinnen gehalten werden, auch wenn diese offiziell seit Jahren abgeschafft.

Doch schon bald stellt sich heraus, dass die Leiche eigentlich eine Filmemacherin und Reporterin namens Leila ist, die für einen Lokalsender gearbeitet hat und nebenher durch ihre provokanten Reportagen und die offene Anprangerung der saudischen Doppelmoral berüchtigt war.

Wurde sie umgebracht, weil sie viele der Regeln und Gesetze übertreten hat, die in Saudi Arabien für Frauen gelten? Hat sie einen strenggläubigen Muslim dazu getrieben, sie aus lauter Wut umzubringen? Oder steckt noch etwas anderes dahinter? Denn in ihrem Besitz befinden sich auch noch Fotos von einer alten Schrift, einer verbotenen alten Version des Koran.

Zusammen mit einem Polizeiermittler und dem strenggläubigen Wüstenführer Nadir macht sich die Pathologin daran, die Rätsel zu lösen, die Leila umgeben. Schon bald stoßen sie durch das Dessousgeschäft des Bruders der Toten auf interessante Spuren, die nicht nur zu einem zwielichtigen Koranforscher namens Apollo Mabus führen, sondern auch zu der jungen Amerikanerin Miriam, deren Mann dem Zauber des Wüstenlandes erlegen ist und sie dazu bringt mit ihm nicht in einer Enklave der Ausländer, sondern mitten unter den Einheimischen zu leben...

 

Totenverse hat zwar die Elemente eines Krimis und Thrillers, wirft aber in erster Linie eher einen Blick auf das Leben in Saudi-Arabien fern von den Touristen-Hochburgen, in denen vielleicht mehr Freiheiten erlaubt sind.

Sie zeigt, die Grenzen auf, denen Frauen in diesem strenggläubigen Land gesetzt sind, die Konflikte, denen sie sich stellen muss, egal ob sie hier geboren sind und aus den ihnen von der Tradition her vorgegebenen Rollen ausbrechen möchten, oder sich ihrem Mann zuliebe den fremden Sitten und Gebräuchen stellen, die sie zu einem Leben im Haus und unter dem Schleier verdammen.

Sie zeigt ein Land, in dem tolerantere Muslime versuchen einen Kompromiss zwischen der Moderne und dem Glauben zu schließen, während für die Strenggläubigen die Konfrontation mit den Veränderungen eher ein Schock ist.

Der Blick ist sehr differenziert und verzichtet darauf eine der Gruppen als negativ darzustellen. Jeder hat seine nachvollziehbaren Beweggründe und Motive, selbst diejenigen, die vor Mord nicht zurückschrecken. Sie behandelt den Glauben und Traditionen Saudi-Arabiens mit Respekt und versucht sie den westlichen Lesern näher zu bringen, aber auch zu zeigen, dass Frauen auch in diesem Land ihre Schlupflöcher finden und sich Chancen für die eigene Selbstständigkeit ertrotzen.

Das macht den Roman in erster Linie interessant und spannend, lässt die Geschichte, die das ganze zusammenhält eher in den Hintergrund geraten, was man ihr aber nicht übel nimmt, da sie dennoch genug Raum bekommt, um sich logisch zu entwickeln.

 

Gerade die interessante und differenzierte Betrachtung der saudiarabischen Gesellschaft ist das besondere an diesem Roman, weniger die solide Kriminalgeschichte, so dass der Roman durchaus einen Blick wert ist, wenn man mehr als nur Action vor exotischem Hintergrund geboten bekommen möchte.

 

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Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230605155555961718ab
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Totenverse

Autorin: Zoe Ferraris

Gebunden, 430 Seiten

Pendo Verlag, erschienen Oktober 2009

Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Titelbildgestaltung von Hauptmann und Kompanie

ISBN-10: 3866122322

ISBN-13: 978-3866122321

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 08.04.2010, zuletzt aktualisiert: 02.12.2021 18:51