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Veccaris Tod

Autor: Hanno Berg

 

Umjubelt verließ Benito Peronti die Bühne. Er war der Startenor der Mailänder Oper, wurde schon seit Jahren für alle großen Rollen in der Welt engagiert und feierte Erfolge über Erfolge.

Nachdem er sich umgekleidet und abgeschminkt hatte, ging er zu einem versteckten Hintereingang des Opernhauses, damit er nicht von Fans und Reportern aufgehalten würde, denn er wollte schnell nach Hause.

Peronti war achtundvierzig Jahre alt, schlank, mittelgroß, hatte bereits lichtes, graues Haar und ein nettes Gesicht mit Stupsnase. Seine Augen waren braun, und er trug im Alltag eine Brille.

Als er durch die schmale, dunkle Tür ins Freie trat, sah er am Straßenrand seinen Chauffeur mit dem Wagen stehen. Er wartete schon. Bevor Peronti allerdings einsteigen konnte, hielt ihn ein großer, sehr kräftiger Mann auf. Peronti betrachtete sein Gesicht ganz genau, wie er es mit den Gesichtern aller Menschen zu tun pflegte, die er noch nicht kannte. Der Fremde hatte lebhafte grüne Augen und kräftiges dunkles Haar. Seine Hakennase und die buschigen Augenbrauen erinnerten Peronti ein wenig an die Züge eines Adlers.

Der Mann war offensichtlich ein Fan von Peronti, denn er lobte diesen für seinen großartigen Gesang und überreichte ihm einen Strauß Rosen. Dann sagte er: „Maestro, ich habe hier einen alten, wertvollen Ring. Den möchte ich Ihnen schenken. Er soll Ihnen Glück bringen.“

„Danke, mein Lieber!“, sagte Peronti, der ein wenig ärgerlich wegen der Belästigung war, sich aber nichts anmerken ließ, nahm den Ring entgegen und stieg in seinen Wagen. „Nun muss ich aber wirklich...!“

Er schlug die Wagentür zu und befahl seinem Chauffeur, loszufahren.

Der Fremde blieb am Straßenrand zurück, und über sein Gesicht zog ein böses Lächeln. ...

 

 

 

II

 

Zwei Wochen später sollten die Proben zu einem neuen Stück an der Pariser Oper beginnen, die Peronti dafür engagiert hatte. Pünktlich zur ersten Probe reiste dieser aus Mailand an. Als er aber zum ersten Mal dort singen sollte, versagte seine Stimme, und er sang allenfalls so gut, wie ein Sänger eines Provinzmännerchores.

Völlig verzweifelt verließ er Hals über Kopf die Bühne und ließ sich zum Flughafen fahren. Dort setzte er sich in das nächste Flugzeug nach Mailand, um sofort seinen Leibarzt aufzusuchen. –

„Ich kann nichts finden, Benito,“ sagte der Arzt kopfschüttelnd, nachdem er Peronti untersucht hatte.

Dann aber fiel sein Blick auf Perontis Ring, den dieser von dem Fremden nach der Oper bekommen hatte und seitdem immer am Finger trug.

„Zeig mir einmal deinen Ring!“, forderte der Arzt. „Du weißt, ich bin Antiquitätenfan. Es könnte sein, dass...!“

Er betrachtete den Ring eine Weile. Dann nahm er einen dicken Kunstband aus dem Regal und blätterte darin.

„Da haben wir das gute Stück!“, sagte er schließlich zu Peronti und zeigte ihm das Foto des Rings im Buch. „Es ist – wie ich mir schon dachte – der Ring des Sokrates, ein unbezahlbares antikes Stück. Er ist angeblich mit einem Fluch belastet. Wenn jemand ihn als Geschenk entgegennimmt, so erhält der Schenkende dafür das größte Talent dessen, dem er den Ring schenkt. Dieser aber verliert dieses Talent völlig.“

Peronti wurde schwarz vor Augen, und er musste sich an der Kante des Schreibtisches festhalten, um nicht umzufallen. Dann aber hatte er sich wieder gefasst.

„Das ist doch nur eine der üblichen Legenden, Pravatto,“ sagte er zu seinem Gegenüber.

Dann kleidete er sich an und verließ die Praxis. ...

 

 

 

 

 

III

 

Peronti war außer sich. Gerade hatte er in der Zeitung gelesen, dass die Mailänder Oper einen neuen Tenor verpflichtet hatte. Er hieß Antonio Veccari und war der Fremde, der ihm den Ring des Sokrates gegeben hatte. Dem Artikel war ein Foto des Tenors beigefügt, und es gab keinen Zweifel. Er war es! –

Zwei Stunden später begann die Vorstellung, bei welcher Veccari auftrat. Er hatte eine wundervolle Stimme. Am Ende applaudierte das Publikum minutenlang im Stehen. Endlich konnte er die Bühne verlassen. Er kleidete sich um und verließ die Oper auf demselben Weg, den Peronti früher immer genommen hatte. Es waren etwa zweihundert Meter bis zu seinem Wagen. Als er aber auf die Straße trat, kam ihm aus einer dunklen Nische Peronti entgegen.

„So, du elender Hurensohn, nun sollst du die Quittung für deine erbärmliche Tat bekommen!“, zischte dieser.

Er streichelte sachte, fast zärtlich über die silberne Pistole, die er in der rechten Hand hielt. Dann drückte er ab. Zwei Schüsse in Kopf und Brust, und Veccari lag tot am Boden. –

Eilig verließ Peronti den Tatort und fuhr mit dem Bus nach Hause. Dort stieg er in sein Auto und fuhr damit ans Meer. An einer schwer zugänglichen Stelle schleuderte er die Pistole ins Wasser. Niemand hatte ihn gesehen. Man würde nach dem Mörder suchen, ihn aber niemals finden. Er hatte sich gerächt! –

 

 

IV

 

Er war tot! Peronti wälzte sich auf die andere Seite, ergriff sein Taschentuch, das er am Abend auf den Nachttisch gelegt hatte, und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Er war tot, und er, Benito Peronti, hatte ihn gestern umgebracht!

Er konnte nicht mehr liegen. Also richtete er sich auf, setzte sich auf die Bettkante und zog die Hausschuhe an, die vor dem Bett standen. Seine Unterwäsche, in der er sich am Abend schlafen gelegt hatte, war nass, und er stank ein wenig, nicht nur unter den Achseln, sondern auch aus dem Mund nach Alkohol, denn er hatte abends nach seiner Tat eine halbe Flasche Whiskey geleert. Fiebrige Träume hatten ihn immer wieder den Mord erleben lassen, der von ihm gestern an Antonio Veccari verübt worden war.

Gott sei Dank hatte ihn niemand gesehen! Aber das Ereignis ließ ihn nicht mehr los. Ständig hatte er das Bild des Erschossenen vor Augen, und er konnte an nichts anderes als an seine Tat denken. Er würde der Polizei seine Schuld gestehen müssen. Sonst käme er nie zur Ruhe!

Er war wie im Fieberrausch und musste etwas tun, um sich abzulenken. So ging er ins Bad, um sich erst einmal frisch zu machen. –

 

Die warme Dusche hatte gut getan. Er dachte währenddessen nicht einen einzigen Moment an den gestrigen Abend. Nun aber, da er sich im Schlafzimmer ankleidete, sah er wieder Veccari vor sich liegen, in seinem Blut und mit grausigen, toten, offenen Augen. Gleichzeitig verspürte er ein Ziehen in seinen Gliedern, als ob sich sein Körper veränderte und in die Länge zog. Es drängte ihn, zum Telefon zu gehen und die Kriminalpolizei anzurufen, um zu gestehen und endlich Ruhe zu finden.

Mit diesen Gedanken stellte er sich vor den Spiegel im Flur, um sich die Haare zu kämmen. Aber was war das? Ihm war so, als sei er tatsächlich plötzlich größer geworden!

Peronti schüttelte den Kopf und kämmte sich. Hatte er jetzt schon Halluzinationen? –

Um sich abzulenken, fuhr er mit dem Bus in die Stadt und frühstückte dort. Aber er wurde seine Gedanken dabei nicht wirklich los. Noch immer dachte er an Veccari und seine Tat und fühlte sich, als sei er berauscht. Er zahlte, stand auf und ging in Richtung auf die Bushaltestelle davon. Wieder hatte er das beklemmende Gefühl, dass sich sein Körper veränderte. Als er an mehreren Schaufenstern vorbeikam, in denen er sich spiegelte, traute er seinen Augen nicht. Es konnte doch nicht wahr sein! Er war plötzlich größer und kräftiger als zuvor, hatte starkes, dunkles Haar und grüne statt seiner braunen Augen.

Er schüttelte erneut den Kopf. Offensichtlich halluzinierte er tatsächlich! –

Er fuhr mit dem Bus zum Bahnhof und von dort mit der Bahn ans Meer. Aber auch dort konnte er nicht abschalten. So fuhr er nach einer Stunde wieder zurück. Er würde sich doch der Polizei stellen! Dann hätte er endlich seine Ruhe! –

Als er zu Hause ankam, waren seine Gedanken wieder etwas klarer geworden. Er legte Hut und Mantel ab und schaute in den Spiegel. Da aber traf es ihn wie ein Schlag!

Er hatte eine Hakennase bekommen, buschige Augenbrauen, und ganz andere Gesichtszüge und war nun das genaue Ebenbild von – Antonio Veccari! –

Just im selben Moment verwirrte sich sein Verstand, der mit dieser Tatsache nicht mehr fertig werden konnte, und er wusste nicht mehr, wer er war, und woher er kam. Einzig die Tatsache, dass er einen Mord begangen hatte, war in seiner Erinnerung haften geblieben. Ihm war nur nicht mehr klar, wen er ermordet hatte, und wann und warum er dies getan hatte. Völlig außer sich verließ er seine Wohnung und irrte durch die Straßen. –

 

Zwei Wochen später griff die Mailänder Polizei einen offensichtlich völlig verwirrten Mann auf, der genauso aussah, wie der ermordete Tenor Antonio Veccari. Der Verwirrte sprach mit sich selbst und sagte immer wieder, dass er nun den Mord, den er begangen habe, sühnen müsse. Die Beamten brachten ihn in die städtische Psychiatrie, aus der er nie wieder entlassen werden konnte.

 

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Erstellt: 16.06.2005, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 14:17