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Verkommen von Bryan Smith

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Craigslist ist an allem Schuld. Ja, genau – diese Anzeigenseite. Zumindest was eine der Hauptpersonen aus Verkommen betrifft. Denn eigentlich wollte Jessica auf diesem Wege an einen günstigen Gebrauchtwagen kommen. Eigentlich. Jedoch entpuppt sich der obskure Verkäufer sehr rasch als widerwärtiges Dreckschwein und Vergewaltiger. Bis Jessica den Spieß umdreht. Ihren Peiniger im Kofferraum, macht sich das resolute junge Mädchen auf die Suche nach einer einsam gelegenen Stelle. Denn sie möchte Gleiches mit Gleichem vergelten. Vielleicht sogar noch mehr. Streichen wir das Vielleicht. Aber es kommt anders – und ziemlich heftig. Denn unerwarteter Weise tauchen mehrere, nun ja, Vorzeigeeinwohner des Provinznests Hopkins Bend auf. Typische Hinterwäldler? Weit gefehlt. Gegen jene inzestuösen Gestalten, die keineswegs ihre menschenverachtenden Absichten hinterm Berg halten, wirken die Gesellen aus Deliverance – Beim Sterben ist jeder der Erste wie nette Chorknaben. Jedenfalls wird aus Jessica eine Gejagte. Und Hoke, ihr Peiniger? Der wird verschleppt und darf am eigenen Leibe ein paar ziemlich widerwärtige lokale Traditionen erfahren.

Pete Miller und seiner Freundin Megan Phillips ergeht es unterdessen auch nicht viel besser, als sie zwecks Nachschub und Tankauffüllung Hopkins Bends Tankstelle ansteuern. Auch hier wendet sich von Knall zu Fall das Blatt gegen die beiden Frischverliebten; findet sich Pete eingesperrt in einem Käfig wieder, wohingegen Megan unter die perverse Fuchtel des lokalen Sheriffs und seines Gehilfen gerät – vorerst.

Gleichzeitig empfindet das Mädchen Abby Maynard Mitleid mit der, im heimischen Keller eingesperrten Frau. Ein Resultat, das der konstanten Verachtung entwachsen ist, welche die anderen Familienmitglieder gegenüber Abby hegen? Möglich. Aber da ist mehr. Zuneigung. Und bevor das potenzielle Opfer Teil der hiesigen Festivitäten werden kann, befindet es sich bereits mit Abby auf der Flucht. Ebenso wie Megan und Jessica. Doch können sie den zahllosen Abartigkeiten entkommen, ehe sie – buchstäblich – auf dem silbernen Tablett serviert werden?

 

Stille Wasser sind wirklich tief. Oder verheißt ein relativer Allerweltsname wie Bryan Smith umgehend knüppelharten Backwoods-Horror, gepaart mit den garstigsten Aspekten der 70er Jahre-Grindhouse-Filme und den heftigsten Erinnerungsmomenten der 80er Jahre-Horrorstreifen? Eben. Doch allerspätestens nach Beendigung von Smiths deutschem Einstand ist man definitiv schlauer. Höchstwahrscheinlich schon viel früher. Mit »Verkommen« klatscht uns der Amerikaner einen gleichermaßen rasanten wie blutigen und kurzweiligen Höllenritt um die Ohren, dass einem mitunter die auditive und die visuelle Wahrnehmungen vergehen. Was keineswegs negativ gemeint ist; au contraire! Praktisch ab Seite 1 gibt Smith Vollgas. Sind extreme Gewalt, heftiger Sex und natürlich jede Menge garstige Arten, den Löffel abzugeben Eckpfeiler seiner Story, die sicherlich nicht rein zufällig hier und da schwer an Altmeister Richard Laymon erinnert. Keine Frage, auch ein Bryan Smith hat von dem Mann gelernt. Und von den Gorehounds vergangener Tage; den Kult-Regisseuren der Exploitation-Bewegung. Wobei sich natürlich stets die Frage stellt, ob derlei Topoi auch noch im 21. Jahrhundert angemessen sind. Weniger ob der Heftigkeit, die im Übrigen Laymons krank-geniale Fantasien mitunter wie ein lockeres Kaffeekränzchen aussehen lässt. Nein, vielmehr ist es die Thematik selbst: der Backwoods-Horror. Sind inzestuöse Hinterwäldler mit extremen sexuellen Präferenzen und kannibalistischen Neigungen nicht doch zu sehr 70er Jahre Bahnhofskino? Doch genau dies ist das eigentliche Kunststück von »Verkommen«. Gekonnt und elegant spinnt Smith ein Garn, welches die Neuzeit mit den blutigen Legenden von damals verbindet. Dadurch wirkt der Roman alles andere als gezwungen oder kriegt einen unfreiwillig komischen Anstrich verpasst. Nicht, dass Smith keinen (raben-)schwarzen Humor hätte! Besonders das gekonnte Spiel und die exzessive Ausreizung diverser Klischees zeugen davon.

Ja, dieser Bryan Smith kennt seine Pappenheimer und ist wohl gerade deswegen auch so gut, wenngleich der plötzliche Einsatz von übernatürlichen Mächten dann doch den Bogen ein bisschen zu sehr überspannt, was jedoch letzten Endes nur der Leser entscheiden kann. Ins negative Gewicht fallen tut es jedenfalls kaum, wie auch sonst nur herzlich wenig. Das bei dem gnadenlosen Tempo und der extremen Härte dazu stets auf das Seelenleben der Pro- und Antagonisten geachtet wird, muss ferner hoch angerechnet werden. Gerade an diesem Punkt arbeitete ein Laymon beispielsweise sehr gerne sehr flapsig, was bedingt auch einen Teil der Antipathien ihm gegenüber erklären könnte. Für Smith dagegen sind die erschaffenen Charaktere nicht einfach nur irgendwelche leblosen Pappkameraden, die nach Belieben umgetreten werden dürfen. Nein, er sorgt dafür, dass man mit ihnen fühlt; dass sie einem eben nicht egal sind. Und eben hier setzt der nächste gekonnte Kniff ein – Smiths nüchterne Prosa. So ungehemmt er in Sachen Gewalt ist, so differenziert stellt er sich den Beteiligten.

Was unweigerlich zur Folge hat, dass ein weiteres lautes Echo erschallt – und zwar jenes von Jack Ketchum, dessen Modus Operandi ähnlich war und ist. Dazwischen lässt Smith aber auch gerne die Hell- und Dunkelzonen verwischen, so dass plötzlich die scheinbar klar abgesteckten Seiten gar nicht mehr so durchschaubar erscheinen. Alles aber im stets überschaubaren Bereich. Und wer danach von dem Mann immer noch nicht genug hat, für den gibt es a) die Aussicht auf eine mögliche Fortsetzung und b) mit Seelenfresser schon Nachschlag.

 

Fazit:

Teufel, was für ein böses Buch! Gegen Bryan Smiths Alptraumfantasien wirkt selbst ein Richard Laymon stellenweise wie ein blasser Anfänger. Gut möglich, dass der vakante Thron des Altmeisters nicht mehr lange unbesetzt bleiben wird; mit »Verkommen« hat Bryan Smith jedenfalls beste Chancen, die neue Nummer 1 der (nicht jugendfreien) Splatter-Könige zu werden!

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Verkommen

Originaltitel: Depraved

Autor: Bryan Smith

Übersetzerin: Doris Hummel

Taschenbuch, 384 Seiten

Festa-Verlag, 21. März 2012

 

ISBN-10: 3865521401

ISBN-13: 978-3865521408

 

Erhältlich bei: Amazon

 

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Erstellt: 20.05.2012, zuletzt aktualisiert: 05.08.2019 19:15