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Leseprobe: Watcher von Sarah Wedler und Nadine d’Arachart

 

Das Problem mit der Gefahr ist, dass sie unberechenbar ist.

Darian Jed Leigh

 

Prolog

 

London, wie es die Großväter unserer Großväter einmal kannten, gibt es nicht mehr. Mit den Jahren hat die Stadt alles um sich herum verschlungen. Sie hat ihre langen Spinnenbeine bis nach Oxford und Dover ausgestreckt und sich jede Großstadt, jeden Vorort, jede Wiese, jeden Wald und jede Weide einverleibt. Dort, wo einst Manchester und Liverpool lagen, herrscht nun Ödnis. Seen haben sich in Sümpfe und Flüsse in verdorrte Flussbetten verwandelt. Wälder gibt es da draußen nicht mehr, nur noch vereinzelte Bäume, karg und abgeerntet, brachliegende Äcker und Bauten, so einsturzgefährdet wie Kartenhäuser. Wer ein Huhn hat, kann sich glücklich schätzen. Wer eine Kuh hat, sollte vorsichtig sein und wer gleich mehrere Tiere hat, muss um sein Leben bangen. Der Ort vor den Toren Londons, den Hunger und Armut in eine Wüste verwandelt haben, nennt sich Niemandsland.

London selbst ist schillernd, voller Prachtbauten, Parks und kleiner Seegebiete. Zwölf Millionen Menschen leben darin und jeder Einzelne hat entweder Glück oder Pech gehabt.

Die Glücklichen sind die Industriellen, sie bewohnen den grünen Kern. Dort residieren sie in ihren Villen mit ihren überdimensionalen Gärten, treffen sich zum Cricket und bevölkern die Malls. Auch ihre Kinder sind glücklich. Sie gehen auf das Internat in dem Stadtteil, der früher Oxford war und jetzt Neu-Oxford heißt und übernehmen irgendwann die Konzerne ihrer Väter. Alles ist nach Erbfolge geregelt. Kein Industrieller wird jemals arm sein – und kein Arbeiter jemals reich.

Die Arbeiter machen den Teil der Londoner aus, der Pech gehabt hat. Die meisten von ihnen leben in Highworth, einer Siedlung, deren Straßen so eng sind, dass man dort kaum atmen kann. Die Wohntürme von Highworth kann man bis ins Zentrum sehen – Kastenbauten aus Beton, so gut wie fensterlos, denn das kostbare Glas aus Londons einziger Glashütte wird für das schicke Geschäftsviertel gebraucht. Die Arbeiter wissen, dass es sie schlimmer hätte treffen können, also verhalten sie sich still. Nehmen alles hin, sogar den beißenden Dampf, der Tag für Tag von der Industrie zu ihnen herüberwallt.

Die Industrie liegt an der Grenze zum Niemandsland und es wird penibel darauf geachtet, dass ihre giftigen Gase nicht nach Oxford wehen. Ihre Kinder sind den Industriellen fast so heilig wie sie selbst und deshalb schützen sie sie. Vor allem die besonderen Kinder. Aus diesem Grund gibt es uns – die Watcher.

Ich bin Jolette Somerville. Ich gehöre nicht zu den Glücklichen, nicht zu den Unglücklichen und auch nicht zu den Todgeweihten aus dem Niemandsland. Ich gehöre zu den Aufpassern in einer abgeschotteten Stadt. An einem Ort, an dem alles perfekt ist. Augenscheinlich.

 

Kapitel 1

 

Ich streiche mir das schweißfeuchte Haar aus der Stirn, ziehe meinen Pullover aus und wickle ihn um meine Hüften, damit niemand mein Messer sieht. Die Sonne scheint schräg durchs Fenster und meine Kleider kleben an meinem Körper wie eine feuchte zweite Haut. Im Gegensatz zu den Klassenräumen sind die Flure nicht klimatisiert und bald, wenn es Mittag ist, wird es unerträglich heiß sein. Zum Glück bekomme ich vorher eine kleine Atempause.

Vorsichtig nähere ich mich der Tür zu Raum 106. Unter den glänzenden Messingziffern ist ein Fensterchen eingelassen, verziert mit weißen Spitzengardinen. Offiziell ist das Fenster zur Zierde da, inoffiziell hilft es mir, meine Arbeit zu machen. Behutsam spähe ich hindurch. Die Lehrerin steht keine drei Meter von mir entfernt vor der Klasse. Sie trägt die gleiche Uniform wie die Schüler, nur in schwarz, während die Kleidung der Schüler das Rot von reifen Äpfeln hat. Mit ihren gestärkten Kragen und den Schleifen über der Brust sehen die Mädchen alle irgendwie gleich aus. Die Jungen haben anstatt der Schleifchen Fliegen um – als wollten sie gleich nach dem Unterricht auf einen Ball gehen.

Die Lehrerin bemerkt mich nicht, ist in irgendeine Erklärung vertieft, die ich hier draußen nicht verstehen kann. Die meisten Schüler starren durch die Gläser ihrer Datenbrillen ins Leere, vermutlich verfolgen die wenigsten den Unterricht.

Bei Patience bin ich mir nicht sicher. Zwar schaut sie die Lehrerin an, aber gleichzeitig zwirbelt sie an ihrem Haar herum, als wäre sie vollkommen in Träumereien versunken. Ich denke an meine eigene Schulzeit zurück. Nicht zuhören gab es bei uns nicht, und es gab auch keine Computer, die uns hätten ablenken können. Die Hände gehörten auf die Tischplatte, die Köpfe mussten nach vorn gerichtet sein. Wenn man gegen eine dieser Regeln verstieß, konnte das eine Nacht auf dem Sportplatz bedeuten. Für die ganze Klasse.

Die Pausenklingel schrillt los und hinter den Ziergardinen kommt Bewegung in die Schüler. Sie klappen ihre Bildschirme herunter, einige springen bereits auf. Wie jeden Tag ziehe ich mich zurück und verschwinde in den Nebenraum, der um diese Zeit leer ist. Lautlos schließe ich die Tür und schaue zu, wie Patience' Klassenkameraden einer nach dem anderen auf den Flur stürmen. Sie sind jetzt ein oder zwei Jahre jünger als ich und die Arme und Beine der meisten sehen viel zu lang und schlaksig aus. Ich hatte nie so eine Figur, was vielleicht am Training lag. Während sie altern, irgendwann erwachsen und nicht mehr so jung und kraftvoll sein werden, behalte ich den Körper einer Siebzehnjährigen.

Einer der Schüler, ein pickliger Junge, schaut in meine Richtung und ich ducke mich. Meine Reflexe sind perfekt trainiert. Sollte ich nicht abgelenkt werden oder aus irgendeinem Grund benommen sein, werde ich immer schneller sein als jeder Lehrer und jeder Schüler auf dem ganzen Internat.

Als ich mich wieder aufrichte, sehe ich Patience und ihre Freundinnen an mir vorbeigehen, die rothaarige Adella und Rhoda, die blond ist wie Patience, ihr Haar aber deutlich kürzer trägt. Die Mädchen stecken die Köpfe zusammen und tuscheln über irgendetwas. Ich kann nur hoffen, dass es Patience keiner der Jungs aus der Klasse angetan hat, denn wenn es soweit ist, werden die Dinge kompliziert. Nein, unangenehm trifft es wohl eher.

Auch aus den anderen Klassenräumen links und rechts kommen jetzt Schüler; auf dem Gang werden sie zu einem dichten Strom und ich kann Patience nicht mehr sehen. Ich warte, bis die letzten Nachzügler aus dem Korridor verschwunden sind, dann verlasse ich den leeren Klassenraum und laufe los. Routiniert wende ich mich nach rechts und nehme denselben Schleichweg, der mit seit Jahren dazu dient, Patience nicht länger als nötig aus den Augen zu lassen. Zwar ist sie auf dem Internatsgelände zumindest tagsüber in Sicherheit, doch wie sagt ihr Vater immer so schön?

Das Problem mit der Gefahr ist, dass sie unberechenbar ist.

Ich sprinte weiter bis zum Abstellraum, in dem die Putzfrauen ihre Sachen aufbewahren. Licht machen muss ich nicht, denn ich bin diesen Weg schon hundert Mal gegangen. Jede Bewegung, jeder Handgriff sitzt. Ich steige über die Eimer und Reinigungsgerätschaften hinweg, stoße die Klappe zum Lüftungsschacht auf. Dann schiebe ich mich mit den Füßen zuerst hinein, drehe mich auf den Bauch und hänge die Klappe wieder in ihre Verankerungen. Rückwärts robbe ich los, bis ich die erste Biegung erreiche. Dort kann ich mich umdrehen und komme nun schneller voran, trotz der stickigen Luft, der Enge und der Dunkelheit um mich herum. Ein paar Spinnweben hängen vor mir von der niedrigen Decke und ich wische sie beiseite. Penibel achte ich darauf, dass meine Schuhe nicht gegen das Metall des schmalen Schachts stoßen. Obwohl ich es eilig habe, muss ich leise sein, denn wenn mich ein Hausmeister oder einer der Lehrer entdecken würde, hätte ich ein ernstes Problem. Ich müsste ihm erklären, was die Tierpflegerin im Lüftungsschacht zu suchen hat und ich fürchte, darauf gibt es beim besten Willen keine logische Antwort.

Endlich erreiche ich das Ende und klettere aus dem Schacht, achte wieder darauf, dass ich ihn sorgfältig hinter mir verschließe. Nun bin ich in einem der Speisesäle, die wie immer um diese Zeit noch leer sind. Aus der Küche dringt schon ein schwerer, würziger Geruch, aber meine letzte Mahlzeit ist zu lange her, als dass ich den Duft benennen könnte. Ich hätte es nie gedacht, doch wenn man nicht essen muss, verlässt einen auch der Appetit. Essen ohne Sinn macht keinen Spaß.

Ich schleiche an der Küchentür vorbei. Sie steht einen Spalt offen, dahinter huschen unzählige Gestalten in weißen Jacken hin und her. Wie immer sind sie zu beschäftigt, um mich zu bemerken. Keine zwei Stunden mehr, dann wollen allein in diesem Raum mehr als tausend Schüler versorgt werden. Das Woodpery-Internat ist die größte Schule in Neu-Oxford, und die teuerste dazu. In den Arbeitersiedlungen gibt es überhaupt keine Schulen, im Niemandsland natürlich auch nicht.

Ich lasse die Küche hinter mir und laufe zu einem der Fenster. Es steht offen. Kurz vor dem Fensterbrett ziehe ich die Beine an und mache einen beherzten Sprung nach draußen, falle gut fünf Meter in die Tiefe und lande auf den Füßen. Um mein eigenes Gewicht abzufangen, gehe ich in die Hocke und richte mich sogleich wieder auf. Ich bin auf der Rückseite von Patience' Schulgebäude, in dem die zehnten Klassen unterrichtet werden, an einer abgelegenen Stelle des riesigen Campus.

Vor mir erstreckt sich der Park, der die prächtigen, schiefergrauen Unterrichtsbauten von den Wohngebäuden trennt. Der Schulhof liegt ein wenig abseits, damit die lernenden Schüler von denen, die gerade Pause haben, nicht gestört werden. Ich sprinte los, nehme die Abkürzung über die Grünflächen, bleibe im Schatten der Bäume. Schon in meiner Ausbildung war ich eine gute Läuferin. Wenn ich renne, habe ich das Gefühl, dass meine Beine wie zwei Roboter sind, die sich ganz von selbst unter mir bewegen. Manchmal fühlt es sich an, als würde ich zwischen zwei Schritten gar nicht den Boden berühren. Der Wind zerzaust mein Haar und ich spüre keine Anstrengung, obwohl es bis zum Schulhof und damit auch zum Stall ein ganzes Stück ist. Schließlich bin ich da, eile durch die Hintertür ins Innere und die Pferde in ihren Boxen schrecken auf, als ich in ihrer Mitte langsam zum Stehen komme. Alle Welt wird denken, ich wäre die ganze Zeit hier gewesen. Seelenruhig gehe ich zum vorderen Tor und öffne es. Meine Hündin Mali erhebt sich von ihrer Decke im Heu, streckt ihren kräftigen Körper und folgt mir. Warmes Tageslicht fällt in den Stall und Staubflocken tanzen in der Sonne. Es ist ein schöner Tag heute. Ein paar der Pferde wiehern leise und scharren mit den Hufen.

»Gleich dürft ihr auf die Koppel«, beruhige ich sie, dann trete ich nach draußen. In der Ferne erreichen die ersten Schüler den Pausenhof, tobende Fünft- oder Sechstklässler. Mit Mali dicht an meiner Seite überquere ich die Koppel und bleibe am Zaun stehen, bis ich Patience entdecke. Zwischen Adella und Rhoda tritt sie aus den Schatten der Gebäude. Zufrieden tätschle ich Mali den Kopf und lasse sie am Zaun zurück. Dann gehe ich langsam zurück zum Stall, um die Pferde nach draußen zu holen, die einige der Schülerinnen von ihren Eltern geschenkt bekommen haben. Das ist mein Glück, denn wenn es die Stelle als Tierpflegerin nicht gäbe, hätte ich mich als Lehrerin bewerben müssen, und dafür bin ich nicht nur zu jung, sondern leider auch völlig ungeeignet. Zu dickköpfig, haben meine eigenen Lehrer immer gesagt. Niemand, der anderen ein Vorbild sein kann.

Ich öffne die Box von Hazel, einer Stute, die mich nicht wirklich leiden kann. Sie scheint allerdings niemanden so richtig zu mögen, auch nicht das Mädchen aus der Achten, dem sie gehört. Die Stute schnaubt und dreht mir den mächtigen Hintern zu.

»Ruhig«, sage ich und lege ihr die Hand auf den Rücken. Die Stute dreht sich um, ohne mich auch nur eines Blickes zu würdigen, und stolziert nach draußen.

»Also gut, du stures Vieh«, sage ich und will mich gerade der nächsten Box widmen, als auf einmal Patience' Stimme über die Koppel schallt.

Ich laufe nach draußen. Es ist alles in Ordnung, sie steht am Zaun und schaut mir entgegen. Rhoda und Adella warten abseits und tuscheln wieder. Sie sind typische sechzehnjährige Gören, zumindest glaube ich das. Obwohl ich kaum älter bin als sie, kann ich mich nicht in sie hineinversetzen.

»Pferdemädchen«, ruft Patience erneut und winkt mich zu sich heran. So nennen mich alle Schüler, ich störe mich nicht weiter daran.

»Ich wollte nur fragen, wie es Yvore geht«, fragt Patience, als ich bei ihr angekommen bin. Laut genug, dass ihre Freundinnen es hören können.

Adella verdreht übertrieben die Augen. »Lass das blöde Pferd doch«, ruft sie, aber Patience ignoriert sie.

»Komm rein und sieh nach ihm. Er freut sich sicher.« Ich öffne ihr das Gatter.

Yvore ist ein Hengst, der kränkelt, seit ich ihn kenne. Er versteht sich nicht mit den anderen Pferden und versteckt sich meist in seiner Box. Außerdem ist er unser Codewort – wann immer Patience während der Schulzeit irgendetwas von mir will, geht es offiziell um Yvore. Unter dem Protest ihrer Freundinnen und Adellas Hinweis, dass sie ihre Pause nicht so vergeuden sollte, folgt Patience mir und Mali in den Stall. Ich lasse das Tor offen, alles andere wäre auffällig. Kaum eingetreten, dreht sich Patience zu mir um.

»Worum geht es?« Ich lehne mich gegen Hazels leere Box und sehe sie an.

»Adella und Rhoda wollen heute Abend in die Stadt«, beginnt Patience vorsichtig.

»Aha«, sage ich. Ich weiß, worauf sie hinaus will.

»Am Piccadilly Circus wird es eine Damnatio geben. Die beiden dürfen zusehen und ich würde gerne mitfahren.«

Gut, damit habe ich nicht gerechnet. Ein einziges Mal war ich während einer Damnatio am Piccadilly Circus, dem riesigen, gemauerten Platz in der Mitte der Stadt. Auf den Leinwänden habe ich die Gesichter der Delinquenten gesehen. Einmal und nie wieder, das habe ich mir geschworen. Überrascht schaue ich Patience an. Sie hat ein Pokerface aufgesetzt.

»Das willst du dir angucken?«, frage ich.

Patience sagt weder ja noch nein. »Alle tun es«, rechtfertigt sie sich.

»Du nicht«, antworte ich und wende mich der nächsten Box zu. Bis Mittag müssen die Pferde alle draußen sein und einige von ihnen bocken nur zu gern, auch wenn sie genau wissen, dass es auf der Koppel Futter gibt.

»Bitte, Jo.« Patience folgt mir. »Es ist doch nur ein Abend. Und Rhodas Dad wird sogar auf uns aufpassen.«

»Er kann auf deine Freundinnen aufpassen, damit hat er genug zu tun.« Ich führe einen braunen Wallach auf den Mittelgang, aber weiter komme ich nicht, denn Patience steht uns im Weg. »Ich habe nein gesagt. Und jetzt geh bitte raus, bevor jemand nach dir suchen kommt.«

Patience sieht mich flehentlich an. »Überleg es dir. Es geht mir doch gar nicht um die Hinrichtung. Ich will nur einen einzigen Abend erleben, der nicht so -«

»Sicher ist?«, frage ich sie.

Patience senkt den Blick und fährt dem Wallach mit den Fingern durch die Mähne. »Das ist dann wohl ein endgültiges Nein«, stellt sie ein bisschen bedauernd, ein bisschen beleidigt fest.

»Genau«, sage ich, denn ich kann es mir nicht leisten, meine Meinung zu ändern.

 

Kapitel 2

 

Ich starre aus dem Fenster in die Dunkelheit. In der Fensterscheibe begegne ich der Spiegelung meiner ernsten blauen Augen. Unter mir winden sich die Pfade des Internatparks. Sie sind mit kleinen Laternen beleuchtet und doch so tückisch, so gefährlich. Ich kenne jeden Meter der Grünanlage, jede Trauerweide, jede Esche und Erle. Ich weiß um die Verstecke, die es dort unten gibt, die dunklen Nischen, die gerade einmal groß genug für einen Menschen sind.

Neben mir hebt Mali den Kopf und beginnt, leise zu knurren. Schon den ganzen Nachmittag über hat sie sich so seltsam verhalten und mich nervös gemacht. Ich streichle ihr den Kopf und werfe einen Blick zu der Verbindungstür zwischen meinem und Patience’ Zimmer. Dass die Tierpflegerin gleich neben einem der reichsten Kinder der Schule wohnen darf, hat ihr Vater eingefädelt. Seine Tochter sei nachts nicht gern allein, ihre Freundinnen sollten davon aber nichts wissen, da sie sich sonst nur lustig machen würden. Ich werde dafür, dass ich nachts für sie bereitstehe, von der Schule zusätzlich bezahlt. Was für eine Ironie.

Normalerweise liegt Mali immer auf der Schwelle zu Patience’ Schlafraum und lauscht auf jedes verräterische Geräusch. Doch heute hat es ihr das Fenster angetan. Nein, wohl vielmehr der dahinter liegende Park.

Ich reiße mich von der nächtlichen Schwärze los und lege Mali ihr Halsband um. Auch wenn es mir nicht behagt, Patience allein zurück zu lassen, muss ich mich vergewissern, dass auf dem Grundstück keine Gefahr lauert. So leise ich kann, öffne ich die Tür zu ihrem Schlafzimmer und spähe hindurch. Patience liegt auf dem Rücken, das Haar fällt ihr in goldenen Wellen über die Schultern und ihre Wangen haben einen rosigen Ton angenommen. Optisch bin ich das genaue Gegenteil von ihr – mein Gesicht ist stets blass, meine Lippen sind voller als ihre, dafür nicht so fein geschwungen. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass ich ein so friedliches Bild abgebe, wenn ich mal schlafe. Ich muss lächeln. Patience ist so unbedarft. Und so soll es auch bleiben. Ich schließe die Tür wieder, verriegle sie. Mali knurrt noch immer. Es ist ein tiefes, drohendes Grollen, das mir einen Schauer über den Rücken jagt.

»Komm«, flüsterte ich und Mali ist mit einem Satz an meiner Seite.

 

Die kühle Luft beruhigt meine Nerven ein wenig. Eine Gänsehaut überzieht meinen Körper, die nackte Haut an meinen Armen fühlt sich klamm an. Der Himmel ist sternenklar und ich kann in der Ferne die gläsernen Türme des Industriebezirks sehen. Wie ein Wahrzeichen ragen sie empor, an der Stadtgrenze, kurz bevor das Niemandsland beginnt. Ich muss den Blick abwenden, denn ich will nicht an früher erinnert werden. An meine Zeit in der Wächterschule, in den fensterlosen Trainingshallen.

Mali läuft mir ein paar Schritte voraus, sie hat die Ohren aufgestellt, aber sie knurrt nicht mehr. Immerhin. Vielleicht habe ich Glück und sie hat grundlos angeschlagen.

Immer wieder drehe ich mich um und sehe zurück zum Hauptportal. Das ganze Gebäude liegt still und friedlich da. Die Mädchen und Jungen schlummern hinter den dicken, mit Zinnen und Türmchen verzierten Mauern und träumen. Ein Luxus, der mir meistens verwehrt bleibt. Ich muss nicht schlafen, also tue ich es auch nicht. Mein Körper braucht nur dann Zeit, sich zu regenerieren, wenn ich verletzt werde. Ansonsten bin ich stets wach – stets wachsam.

Ich spaziere mit Mali die Pfade entlang und sehe den Motten dabei zu, wie sie sich um die bunten Lampions scharen. Irgendwo im Unterholz höre ich Frösche quaken, laut und fordernd. Ansonsten ist alles ruhig, keine Füchse oder Marder huschen durchs Gehölz, kein Käuzchen ruft oder flattert aufgeregt davon. Innerhalb der Stadtgrenzen gibt es außer den Haus- und Nutztieren nur die Spezies, die sich durch die Lücken im Zaun quetschen können, alle anderen wurden vor langer Zeit ausgesperrt. Der Elektrozaun, der die Stadt bisher vom Niemandsland abschirmte, wird nun durch eine hohe Mauer ersetzt – bald werden es also nur noch Vögel nach London schaffen. Die meisten Tiere kenne ich durch meine Ausbildung. Man weiß schließlich nie, ob man die Sicherheit der Stadt nicht einmal verlassen muss und von wem oder was man dann angegriffen wird.

Ich beschließe, meine Runde bis zum Haupttor zu machen, das in eine Mauer eingelassen ist und das Internatsgebäude vom Rest der Stadt trennt, dann werde ich wieder reingehen. Morgen will ich noch einmal mit Patience reden. Seit einiger Zeit ist es gar nicht mehr so einfach, mit ihr zurecht zu kommen. Damals, als ich bereits siebzehn und sie noch ein Kleinkind war, hatten wir keine Probleme. Und auch später, als sie zehn oder elf und ich immer noch sieben Jahre älter war, hat sie auf mich gehört. Doch jetzt, wo uns nur noch ein Jahr trennt, fängt sie an, die Dinge zu hinterfragen und ich spüre, dass ihr dieser goldene Käfig zu eng wird.

In Gedanken versunken trotte ich weiter. Geradewegs auf einen schmalen Weg zu, der in völliger Schwärze liegt. Ich runzle die Stirn und Mali beginnt wieder mit ihrem kehligen Grollen. In diesem Teil des Parks sind alle Lampions ausgepustet worden. Kleine Rauchschwaden kringeln sich in die Luft.

Es dauert einen Moment, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben und ich etwas schneller gehen kann. Ich lege meine Hand auf das Messer, das ich immer bei mir trage und schleiche weiter. Gerne hätte ich eine effektivere Waffe, doch Pistolen gibt es bei uns nicht mehr seit dem weltweiten Aufstand der Arbeiter vor dreißig Jahren. Seitdem sind die meisten Waffen verboten, doch es gibt immer wieder Menschen und Häscher, die trotzdem an welche herankommen. Ich muss mit einem einfachen Messer vorliebnehmen und selbst das habe ich mir hart erkämpfen müssen.

Schritt für Schritt gehe ich weiter. Die Büsche werden dichter, der Pfad wird schmaler. Hinter einer Ansammlung hoher Schilfhalme befindet sich ein Teich mit riesigen Seerosenblättern darauf. Dahinter stehen einige Bänke, an den Bäumen hängen Schaukeln, die sich sanft im Wind bewegen. Auf einer dieser Gartenschaukeln sitzt eine Gestalt mit langem Haar. Sie hat den Kopf von mir abgewandt, zu ihren Füßen liegt ein kräftiger, grauer Hund.

»Mali«, zische ich, aber zu spät. Meine Hündin ist bereits über die Teichbrücke gewetzt und kläfft den anderen Hund an. Dieser ist aufgestanden, hat die Lefzen gehoben und lenkt mich für einen Augenblick ab.

Trotzdem sehe ich den Pfeil noch auf mich zuschießen und werfe mich auf den Boden, bevor er hinter mir in den Stamm eines Baumes saust. Holz splittert und rieselt auf mich herunter. Ich krieche schnell ein Stück vorwärts und verstecke mich zwischen den Sträuchern. Auf der anderen Seite des Teiches höre ich Mali bellen, dann ein Winseln. Ich kann meine Hündin nicht sehen. Dafür sehe ich sie.

Die Gestalt auf der Schaukel ist eine Frau. Ihre Haut ist unnatürlich weiß, sie trägt eine tiefschwarze Sonnenbrille. Eine Cupid, das erkenne ich sofort. Lässig hat sie einen Fuß auf die Sitzfläche gestellt, auf ihrem Knie ruht eine Armbrust, mit der sie in meine Richtung zielt. Doch sie scheint mich in meinem Versteck nicht sehen zu können. Wenn sie ihre Waffe abfeuert, wird sie mich um einen guten Meter verfehlen. Wieder ein Winseln von der anderen Seite. Keine Zeit, nachzudenken.

Ich betrachte das Messer in meiner Hand, dann klemme ich es in meinen Gürtel. Auf diese Entfernung ist es nutzlos. Ich wurde für den Nahkampf ausgebildet, doch meine Gegnerin ist feige. Die Cupids lassen es nur ungern auf direkte Konfrontationen ankommen. Sie nutzen Waffen, die auf größere Distanz wirksam sind: Armbrüste, Pfeil und Bogen, manchmal auch Speere. Soweit ich weiß, bauen sie sich all das selber, nach uralten Plänen, in einer illegalen Schmiede, deren genauen Standort niemand kennt. Ohnehin gibt es niemanden in der Stadt, der es wagen würde, die seltsamen, weißen Kinderhäscher zu entwaffnen. Also haben sie eine Art Narrenfreiheit, die den Londonern allzu oft zum Verhängnis wird.

Meine Finger tasten über den feuchten Boden und finden einen Stein. Leise richte ich mich auf. Die Cupid ist ebenfalls aufgestanden und schnüffelt in meine Richtung. Sicher hat sie meine Witterung schon aufgenommen. Ich hole aus und werfe den Stein in eine Hecke ein paar Meter neben mir.

Die Cupid fährt herum und feuert einen Pfeil in das Eibengebüsch. Ich sprinte los und haste auf die Brücke. Irgendwie muss ich auf die andere Seite gelangen, wenn ich sie aufhalten will. Wieder saust ein Pfeil durch die Luft, diesmal direkt auf mich zu. Im letzten Moment werfe ich mich nach links und springe in den Teich. Kaltes Wasser schwappt in meinen Mund, es schmeckt nach Eisen. Ich halte die Luft an und lasse mich ein Stück nach unten sinken. Es dauert nicht lange, dann sehe ich den Umriss der Cupid am Ufer. Noch habe ich Luft, also warte ich. Die Frau kommt näher und meine Lungen fangen an zu brennen. Noch ein paar Sekunden, dann … Ich schnelle an die Oberfläche und greife nach ihrem Fuß, zerre sie zu mir in den Teich.

Die Cupid schreit und rudert haltlos mit den Armen, dann plumpst sie neben mir ins Wasser. Ich entreiße ihr die Armbrust und werfe sie auf die Wiese. Dann gestatte ich mir einen kurzen Blick zu Mali herüber. Sie hat den grauen Rüden zu Boden gerungen, er jammert leise. Ich wende mich ab und verpasse der Cupid einen Fausthieb. Ich fühle einen Widerstand, doch ich kann nicht erkennen, wo ich sie treffe. Wassertropfen spritzen mir ins Gesicht, dann spüre ich einen scharfen Schmerz an meiner Leiste. Ich blende das Gefühl aus und drücke meine Angreiferin nach unten. Sie japst und geht gluckernd unter. Ihre Hände krallen sich in meine Arme, drücken zu, aber ich lasse nicht los.

Die Gegenwehr lässt nach und ich lockere meinen Griff, als ich mir sicher bin, dass ich die Cupid erledigt habe. Gerade als ich aus dem Wasser steigen will, höre ich schnelle Schritte im Unterholz, dann sehe ich zwei Gestalten vorbei eilen. Auch ihre Haut glänzt aschfahl im Mondlicht, ihre Augen sind hinter dunklem Glas verborgen.

»Nein!«, schreie ich und stemme mich aus dem Wasser. Ich schnappe mir die Armbrust und nehme einen festen Stand ein. Aus meiner Ausbildung weiß ich, wie man mit diesem Monstrum umgeht. Ich ziele, dann schieße ich kurz entschlossen. Mein Pfeil trifft einen der Cupids und lässt ihn zu Boden gehen. Der andere verlangsamt seine Schritte, dreht sich um und stürmt mit einem wütenden Knurren auf mich zu. Im gleichen Augenblick greift eine Hand aus dem Teich und zerrt an mir. Ich trete nach der Häscherin, aber ihr Griff ist erbarmungslos und bringt mich zu Fall.

Der andere Cupid ist nun über mir und richtet die glänzende Spitze eines Pfeils direkt auf meine Stirn, während ich auf dem Boden kauere. Ich wage es nicht, mich zu bewegen. Die Cupidfrau klettert indes aus dem Teich und entwaffnet mich. Sie nimmt mir nicht nur die Armbrust, sondern auch mein Messer ab und wirft es achtlos ins Gebüsch.

»Damit kommt ihr nicht durch«, sage ich. Meine Stimme zittert vor Wut und Anstrengung.

»Und wer will uns daran hindern?« Der Cupid lacht schnarrend. »Du etwa?«

Er versetzt mir einen Tritt gegen die Schulter, doch ich gönne ihm nicht die Genugtuung, aufzustöhnen. Ich beiße die Zähne zusammen und starre zu ihm hoch, denke fieberhaft nach, wie ich aus dieser Situation wieder herauskomme. Ich kann nur hoffen, dass sie es noch nicht zu Patience geschafft haben.

Als hätte sie meine Gedanken gelesen, fragt mich die Frau plötzlich: »Wo ist die Kleine? In welchem Zimmer hält sich dein Schäfchen versteckt?« Dicke Tropfen fallen aus ihrem Haar und haben bereits eine Lache im Gras hinterlassen.

»Wer seid ihr?« Eine bessere Frage fällt mir nicht ein, um Zeit zu schinden.

Der Cupid lacht wieder. »Du weißt, wer wir sind, wir wissen, wer du bist und wir alle sind uns im Klaren darüber, was wir hier wollen. Oder besser gesagt, wen.«

»Ihr miesen -«, beginne ich, aber die Cupid lässt mich nicht aussprechen.

Sie stürzt sich auf mich und ich spüre, wie Faustschläge auf mich einprasseln. »Deine Töle hat meinen Hund totgebissen!«

Ich atme erleichtert auf, weil Mali es geschafft hat. Dann wehre ich die Schläge meiner Angreiferin ab und versuche, mich unter ihr fortzuwinden, doch sie hockt auf meiner Brust wie eine fette Kröte.

»Ich suche die Kleine«, sagt der Cupid. Seine Stimme klingt gelangweilt, scheinbar hat er schon das Interesse an mir verloren. »Du kommst hier klar?«

»Ja, Slade.«

Für einen Moment ist die Frau abgelenkt. Ich schubse sie von mir herunter und springe auf, nur um gleich wieder auf Slades Pfeilspitze zu blicken. »Hier geblieben.«

Das darf doch nicht wahr sein! Ich frage mich, seit wann die Cupids so organisiert sind, so zäh und fokussiert. Ich hebe beide Hände, als wolle ich mich ergeben, dann lasse ich meine Faust nach vorne und gegen seinen Hals schnellen.

Slade taumelt und ich ziehe meine Ersatzwaffe, eine geschliffene Scherbe, aus dem Stiefel. Ich verletze den Häscher am Oberarm, dann geht auf einmal alles ganz schnell.

Zwei Pfeile zischen durch die Nacht und ich fahre herum. Die Cupidfrau ist leblos zu Boden gegangen. Hinter ihr steht ein Junge, der mir bekannt vorkommt, den ich aber momentan nicht einordnen kann. Er hat sich Pfeil und Bogen des Cupids geschnappt, den ich als Erstes erledigt habe. Neben ihm hockt Mali.

»Pass auf!«, ruft er mir zu und ich ducke mich instinktiv weg.

Slade, dessen Versuch, mich mit der Armbrust niederzuschlagen, schief gegangen ist, brüllt wütend auf, macht kehrt und verschwindet in den Sträuchern.

Der Junge setzt ihm noch ein paar Meter nach, dann bleibt er kopfschüttelnd stehen.

»Weg. Diese Viecher überwinden die Mauer, als wäre sie überhaupt nicht da.« Er wendet sich mir zu und mustert mich von oben bis unten. Ich tue es ihm gleich. Er trägt die unauffällige Kleidung, die für die Bediensteten des Internats üblich ist: eine schwarze Hose und ein einfaches, nachtblaues Hemd, das ihn in der Dunkelheit perfekt tarnt. Die Ärmel sind hochgeschoben und entblößen seine drahtigen, sonnengebräunten Unterarme. Sein Haar ist dunkelblond und sieht aus, als hätte er seinen Kamm genau so zum Teufel gejagt wie den Cupid mit der Armbrust. Unter zerzausten Strähnen funkeln mir blaue Augen entgegen, in denen es nach dem gewonnenen Kampf fast vergnügt blitzt.

Ich halte die Glasscherbe noch immer fest, diesmal richte ich sie auf meinen mysteriösen Retter. »Wer bist du?«, frage ich scharf.

»Hey, nicht doch.« Er lässt Pfeil und Bogen sinken, dann lächelt er. »Ich bin Cy. Du … hast mich vielleicht schon mal gesehen?«

Das habe ich in der Tat, aber ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, wann und wo. »Was suchst du hier?«

»Es sah für mich aus, als könntest du Hilfe gebrauchen.« Er schiebt sich eine Strähne aus der Stirn. »Aber wahrscheinlich habe ich mich geirrt und du kamst bestens zurecht, richtig?«

Ich ignoriere seinen Spott und stecke die Scherbe zurück in meinen Stiefel. Das Leder ist nass und steif. Um meine Nerven zu beruhigen, kraule ich Mali das Fell. »Du bist ein Wächter«, murmle ich, kann meinen eigenen Worten aber keinen Glauben schenken.

»Verwundert?«

»Nein«, lüge ich und mustere den Jungen genauer. Ich schätze ihn auf achtzehn oder neunzehn. Anders als die Schüler und Lehrer des Internats ist er absolut durchtrainiert. »Du bist aber nicht auch wegen Patience hier, oder?« Ich versuche, meine Frage gleichgültig klingen zu lassen.

»Doch, da muss ich dich leider enttäuschen.« Cy macht sich daran, die Hosentaschen der Cupids abzusuchen. »Das gehört dir.«

Ich stecke mein Messer mechanisch zurück an seinen Platz. Ich kann nicht glauben, was ich da gehört habe. Patience soll zwei Wächter haben? Das ist unmöglich. Warum wusste ich davon nichts?

»Beweis es«, fordere ich. Wenn Cy wirklich der ist, für den er sich ausgibt, dann weiß er, was ich meine.

Er richtet sich auf und grinst. »Du zuerst.«

»Ich denke gar nicht daran!«

Cy seufzt übertrieben, dann knöpft er sein Hemd auf und entblößt seinen muskulösen Oberkörper. Über seiner linken Brust prangt das Brandzeichen. Ein stilisiertes W für Watcher – Wächter. »Jetzt du.«

Ich zerre am Ausschnitt meines Oberteils und präsentiere ihm auch meine Brandmarke. Seine ist blasser, also ist er vermutlich älter als ich. Länger im Dienst.

»Also, Partner, wie geht’s weiter?«, fragt Cy und widmet sich wieder den Cupids.

»Wir sind keine Partner.« Ich wringe mein Haar aus und schaue mich nach meiner Hündin um. »Schaff die Leichen und die Waffen weg. Ich gehe wieder zu Patience. Du bleibst hier draußen!«

Hinter mir höre ich, wie Cy ungläubig lacht. »Bleibe ich doch immer!«

Im Gegensatz zu mir scheint er kein bisschen verwundert über die Existenz einer weiteren Wächterin für Patience zu sein. Ich ignoriere ihn und pfeife Mali zu mir. Seite an Seite eilen wir zurück zum Hauptgebäude.

Meine Hündin ist der einzige Partner, den ich brauche. Ich hoffe, dass dieser Cy das einsehen wird.

 

Kapitel 3

 

Über mir tanzen grelle Lichter, geheimnisvolle Musik erfüllt die Luft. Ich befinde mich auf einer Art Balkon und schaue mir das Treiben rings um mich herum an. Das Polster, auf dem ich sitze, fühlt sich samtig und warm an. Ich war noch nie in einem Zirkus. Zumindest nicht, soweit ich mich erinnern kann. Der ganze Trubel beeindruckt mich und ich bekomme vor Staunen den Mund nicht mehr zu. Ein schillernder Akrobat fliegt an mir vorbei, dann fängt er seine Partnerin auf und beide gleiten zusammen über das Publikum. Patience lacht neben mir. Sie war schon dutzende Male zuvor hier und ist weit weniger erstaunt als ich es bin.

»Hey, wach auf.« Jemand rüttelt an meiner Schulter und holt mich aus meinen bunten Träumen. »Jolette!«

Unwillig drehe ich mich auf die Seite und kneife die Augen zusammen. Ich will weiter schlafen, nur noch ein paar Minuten, bevor ich in die Realität zurückkehren muss.

»Jolette, wach schon auf!«

Jetzt dringt auch noch Malis Gekläffe an mein Ohr. Ich bin versucht, mir die Decke über den Kopf zu ziehen, aber jemand hält sie fest.

»Jo!«

Widerwillig öffne ich die Augen und blickte direkt in Cys Gesicht. Seine Züge sind von Sorge verzerrt.

Sekundenlang starre ich ihn an, dann setze ich mich schnell auf und rutsche ein Stück von ihm weg. »Was machst du in meinem Zimmer?« Obwohl ich nichts Verkehrtes getan habe, fühle ich mich ertappt. Obwohl ich angezogen bin, komme ich mir entblößt vor. Er hat hier nichts zu suchen.

»Wie kannst du in aller Seelenruhe schlafen?«, fragt er mich ungläubig, ohne auf meine eigene Frage einzugehen.

»Das geht dich überhaupt nichts an, und jetzt raus!« Vermutlich hätte ich mir an seiner Stelle dieselbe Frage gestellt. Ich habe jedoch keine Lust, ihm zu erklären, wieso ich mir den seltenen Luxus gönnen konnte. Meine Wut auf ihn ist seit gestern Abend kein bisschen verflogen und es wäre mir recht, wenn er einfach verschwinden würde. Doch er macht keine Anstalten dazu und so versuche ich, ihn zu ignorieren. Lehne mich an das Kopfteil meines Bettes, schließe die Augen und rufe mir die Artisten ins Gedächtnis, den Geruch nach gebrannten Mandeln und die leiernde, surreale Musik.

»Du hast eine Aufgabe, schon vergessen? Du kannst nicht einfach schlafen und –«

»Cy, Ruhe jetzt.« So langsam geht er mir wirklich auf die Nerven.

»Ich kann mich nicht beruhigen! Patience ist weg! Wir haben versagt. Sie ist …« Hilflos deutet er hinter sich auf die offene Verbindungstür zwischen ihrem und meinem Zimmer. »Sie ist vorhin nicht zum Unterricht gegangen und –«

»Ssht.«

Cys Gebrabbel bricht ab. Ich öffne die Augen und er sieht mich verwirrt an.

Seufzend richte ich mich auf und versuche, meine wirren Haarsträhnen zu ordnen. Als dies nicht gelingt, binde ich sie zu einem Zopf, während ich noch ein bisschen Cys Unwissenheit genieße. »Ich weiß. Ich habe sie weggeschickt.«

»Du hast was?« Er blickt mich so entgeistert an, als hätte ich ihm erzählt, dass ich Patience den Cupids als hübsch verpacktes Geschenk überreicht habe.

Ich schwinge die Beine aus dem Bett, hocke mich zu Mali und schaue, ob sie in Ordnung ist. »Na, mein Mädchen.« Routiniert untersuche ich die Bisswunde, die ihr der graue Rüde zugefügt hat. Noch gestern Nacht habe ich sie versorgt und sie sieht nun schon viel besser aus. Mali ist ein willensstarkes und widerstandsfähiges Tier. Ich bin stolz auf meine stille Begleiterin. Auch die Wunde, die mir die Cupid im Teich verpasst hat, ist nach den paar Stunden Ruhe nichts mehr weiter als ein Kratzer. Der Stoff meiner Hose scheuert ein wenig auf meiner lädierten Leiste, doch ansonsten geht es mir gut. Ich bin noch einmal heil aus der Sache herausgekommen. Dank Cy, auch wenn ich das sicher nicht zugeben werde.

»Jo!« Er packt mich an den Schultern und dreht mich zu sich herum. Ich stehe auf, blicke ihn herausfordernd an. In seinen Augen blitzt kein gutmütiger Spott mehr, sondern sie sind vor Sorge um ein paar Nuancen dunkler geworden. Sein Griff ist fest und ich muss mich zurückhalten, um ihn nicht fortzustoßen.

»Was?«, fauche ich.

»Hast du den Verstand verloren? Wo. Ist. Patience?« Die letzten drei Worte betont er einzeln, als würde er mit einer begriffsstutzigen Irren reden.

»Ich habe sie nach dem Angriff letzte Nacht dem Zirkus mitgegeben. Für viel Geld.«

»Du hast sie verkauft?« Cy lässt von mir ab und tigert durchs Zimmer. »Das kann doch nicht dein Ernst sein!«

Ich muss mir ein Lachen verkneifen und frage mich ernsthaft, was er von mir denkt. Wahrscheinlich hat er es nicht verdient, dass ich ihn so lange zappeln lasse, also erlöse ich ihn endlich. »Ich habe für sie bezahlt. Im Internat ist es zu gefährlich. Zumindest im Moment.«

Cy sieht mich an, dann lässt er sich auf meine Bettkante sinken. Eigentlich passt es mir nicht, dass er sich so ungefragt in meinem privaten Bereich breit macht, doch ich reiße mich für den Moment zusammen. Ich setze mich neben ihn und Mali legt sich zu unseren Füßen auf den Holzboden. Jetzt fühle ich mich doch, als wäre ich ihm eine Erklärung schuldig. »Die Cupids halten sich eigentlich vom Internat fern. Und wenn man sie angreift, versuchen sie meist, zu fliehen.«

»Ich weiß.«

»Aber diese drei waren richtig hartnäckig.« Ich schildere ihm, was passiert ist, dann erkläre ich ihm mein weiteres Vorgehen. »So, wie sie sich verhalten haben, ist es klar, dass sie zurückkommen werden, darum war Patience hier nicht mehr sicher.« Ich schaue zu ihm herüber. »Bis gestern Abend war doch der Zirkus in der Stadt.«

Ein stummes Nicken.

»Sie haben noch letzte Nacht ihre Zelte abgebrochen und London heute in aller Frühe in Richtung Lissabon verlassen. Ich habe ihnen Patience mitgegeben. Es war ihre einzige Chance, die Grenze zu überwinden.«

Es stimmt. Als Sechzehnjährige hat Patience keine Reiseerlaubnis, sie darf London nicht verlassen. Weder zu Fuß noch mit dem Flugzeug oder dem Zug. Es sei denn, einer ihrer Elternteile wäre an ihrer Seite. Doch ihre Mutter ist vor langer Zeit verstorben und ihr Vater hat sich nie wirklich mit seiner Tochter befassen wollen. Er hat eine Firma, eine der größten in der Industrie. Ich weiß nicht, womit er sein Geld verdient, aber das muss mich auch nicht interessieren. Er ist ein vielbeschäftigter Mann, lässt sich nur selten im Internat blicken und noch seltener gelingt es mir oder Patience, ihn zu kontaktieren, wenn er es nicht will. Der Zirkus war also meine einzige Möglichkeit, meinen Schützling kurzfristig aus der Stadt zu kriegen.

»Wir werden die Cupids auf eine falsche Fährte führen und dann reise ich ihr nach Lissabon hinterher.«

»Nicht nur du.«

Ich stöhne auf. Wenn Cy ihr einziger Watcher wäre, dann wäre Patience verloren. Er hat noch nicht einmal bemerkt, dass ich noch gestern Nacht ihre Sachen gepackt und sie in den frühen Morgenstunden zum Bahnhof gebracht habe. Ich versuche, den Gedanken an sie zu verdrängen. An ihren Blick, als sie sich in dem bepinselten Zirkuswagon aufs feuchte Stroh sinken ließ.

»Sehen wir uns wieder?«, hat sie mich gefragt.

Ich hoffe, dass ich sie beruhigen konnte, hoffe, dass sie heil ankommt und dass sie gut behandelt wird.

»Mit dem nächsten Angriff der Cupids ist erst wieder heute bei Dämmerung zu rechnen«, erkläre ich Cy, auch wenn er das vermutlich weiß. »So lange haben wir Zeit, einen Plan vorzubereiten.«

Cy schweigt nachdenklich. Erst jetzt fällt mir auf, dass er sich umgezogen hat. Ein schwarzes Oberteil, Ledermanschetten, um die Arme zu schützen, eine schnallenbesetzte Hose und Stiefel, die meinen gleichen. Alles wirkt ein wenig abgetragen, doch wenn man nicht genau hinsieht, könnte er nun ein Industrieller mit einem Faible für martialische Kleidung sein – oder eben ein Watcher.

Irgendwann steht er auf und tritt ans Fenster. Draußen liegt der Park im Nebel, die Morgensonne schafft es nicht, die Wolkenschicht zu durchbrechen. Es sieht nach Regen aus. Dunkelheit zieht von Osten her auf. Die Richtung, in die Patience unterwegs ist. Ich frage mich, ob sie bereits in Frankreich angekommen ist, ob sie Paris passiert hat und schon auf dem Weg nach Portugal ist.

»Also gut. Was jetzt?«, fragt Cy schließlich.

»Jetzt planen wir.« Ich schlüpfe in meine Stiefel, die noch immer feucht vom Teichwasser sind. Ein unangenehmes Gefühl, doch ein anderes brauchbares Paar habe ich nicht. »Du hilfst mir und danach hältst du dich raus, verstanden?«

»Ich wüsste nicht, wieso.«

»Ich habe sie großgezogen. Ich war ihr Kindermädchen und jetzt ist sie wie eine Schwester für mich.«

Cy hebt die Hände. »Keine Sorge, ich will gar nicht ihre Schwester sein.«

Ich suche nach den richtigen Worten. Irgendwie muss ich ihm doch verständlich machen können, dass er in Patience’ Leben nichts zu suchen hat. Schlimm genug, dass ihr Vater mir so wenig traut, dass er einen zweiten Wächter auf sie angesetzt hat. Dass Cy sich auch noch dauerhaft einmischen will, geht eindeutig zu weit. »Du … du würdest nur alles durcheinander bringen. Das gestern Abend war ein Ausrutscher. Ich war überrumpelt, weil sie so hartnäckig waren. Wir beide kommen eigentlich gut zurecht.«

»Jo«, seufzt Cy und wendet sich mir zu.

Zum ersten Mal frage ich mich, woher er meinen Namen kennt.

Er sieht mir direkt in die Augen und ich nehme ihn erst jetzt richtig wahr. Sein Haar ist zerzaust wie letzte Nacht, ein sorgenvoller Zug lässt ihn ernster und älter wirken. Fast tut er mir leid. Aber nur fast. Abwehrend verschränke ich die Arme vor der Brust. Er tritt näher, streckt die Hand nach mir aus, berührt mich dann aber doch nicht. Immer noch schaut er mich an und es scheint, als bereiteten ihm die nächsten Worte unendliche Mühe. »Ich weiß das alles. Ich war schon immer da, draußen im Park. Du hast mich nur noch nie bemerkt.«

 

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Leseprobe

Watcher – Ewige Jugend

Autorinnen: Sarah Wedler und Nadine d’Arachart

E-Book, ca. 314 Seiten

Impress, 3. April 2014

 

Kindle-ASIN: B00J289IHC

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:

Disclaimer:

Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.


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Erstellt: 15.04.2014, zuletzt aktualisiert: 25.02.2015 01:03