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Wo deine Schuld vergeben ist

Autorin: Julia A. Jorges

 

»Vielleicht hätten wir Diana doch behalten sollen.« Konrads verständnisvoller Tonfall täuschte nicht über den mitschwingenden Vorwurf hinweg. »Sie konnte gut mit Isabell umgehen und teuer war sie auch nicht.«

»Nein, war sie nicht«, sagte Becky. Eher das Gegenteil. Herrgott, dass Konrad immer noch so große Stücke auf die kleine Schlampe hielt! Zugegeben, Diana hatte ihre Sache nicht schlecht gemacht. War ja auch das Mindeste, als angehende Erzieherin. Alles, was die Neunzehnjährige tat, hatte professionell gewirkt, egal ob sie Isabell die Windeln wechselte oder unverblümt mit Rebekkas Ehemann flirtete. Immer hatte sie bauchfreie Tops zu knallengen Jeans oder Miniröcken getragen, die ihre umwerfende Figur perfekt in Szene setzten. Konrads Gesichtsausdruck, wenn er Diana beobachtete, verletzte Becky mehr als das Gehabe des Kindermädchens, neben dem sie sich wie ein ungestalter Trampel vorkam, mit ihren stämmigen knapp einen Meter achtzig.

Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte jedoch Dianas Bemerkung, Becky gehöre wohl zu den Frauen, denen es schwerfiele, nach dem Kinderkriegen ihre alte Form zurückzugewinnen. »Aber das ist ja nicht schlimm«, hatte sie weitergeplappert. »Sie sind verheiratet, da macht es nichts, wenn Sie sich ein bisschen gehenlassen. Obwohl …« An diesem Punkt hatte sie eine besorgte Miene aufgesetzt, die Becky als pure Häme entlarvte. »Nicht dass er eines Tages auf die Idee kommt, sich mehr als nur seinen Appetit woanders zu holen.« Daraufhin hatte Becky sehr freundlich zu Diana gesagt, sie möge sich zukünftig einen unverheirateten Mann suchen, dem könne sie dann ihr komplettes Spektrum an Dienstleistungen anbieten.

 

»Hauptsache, du merkst, wenn du überfordert bist«, unterbrach Konrad ihre missliebigen Erinnerungen. »So etwas wie gestern darf nicht noch einmal vorkommen.«

»Wird es nicht«, versicherte Becky. »Aber der Unfall hatte nichts mit Überforderung zu tun; er hätte genauso passieren können, als Diana noch bei uns war.« Hätte … wäre aber wahrscheinlich nicht, gestand sie sich im Stillen ein. Sie verfluchte ihren Leichtsinn. Es war dumm gewesen, den feuchten Lappen aus dem Badezimmer zu holen. Sie hatte die Bescherung abwaschen wollen, die sich aus der Windel über den gesamten Rücken des Kindes verteilt hatte. Während im Bad das warme Wasser über ihre Hände lief, hatte sie von nebenan einen dumpfen Aufprall gehört und sofort gewusst, was passiert war. Eine Sekunde später hatte Isa zu kreischen begonnen, das schrille Echo hallte immer noch in Beckys Ohren.

»Du musst es ja wissen«, sagte Konrad und schaute auf die Uhr. »Wo bleibt eigentlich der Arzt?«

Isa quengelte. Rebekka setzte sie von ihrem Schoß auf den Boden und tappte mit ihr durchs Sprechzimmer, die kleine Hand fest in der ihren. Ob sie sich nach einem neuen Babysitter umschauen sollte? Ihr behagte der Gedanke nicht, Isa fremden Händen zu überlassen. Aus diesem Grund wäre ihr auch nie in den Sinn gekommen, sie in eine Krippe zu geben. Dass ihr Muttersein untrennbar verbunden war mit der Bereitschaft, sich aufzuopfern, wusste sie, seit sich ihr kleiner blonder Engel nach den ersten Wochen als Schreibaby entpuppt hatte. Auch jetzt, da Isas zweiter Geburtstag heranrückte, hatte sich das Problem beileibe nicht ausgewachsen. Im Gegenteil, Isas Infektanfälligkeit und die häufigen Stürze, die gottlob immer harmlos verlaufen waren, bescherten Rebekka mehr Zeit in Wartezimmern als in ihrem gesamten bisherigen Leben. Hinzu kam Isas verzögerte Sprachentwicklung: Aus dem Lallen und Prusten ein richtiges Wort herauszuhören, wollte Becky bei aller Mutterliebe nicht gelingen.

 

Endlich, eine geschlagene Stunde nach Ende der Abschlussuntersuchung, ging die Tür auf und der Stationsarzt trat ein. »Familie Koch, hallo. Sie können Isabell mitnehmen, ihr fehlt nichts. Achten Sie in den nächsten ein, zwei Tagen noch darauf, ob sie sich irgendwie anders verhält. Und …« Er warf Rebekka einen strengen Blick zu. »… lassen Sie sie nie aus den Augen, in dem Alter sind Kinder unberechenbar.«

»Natürlich.« Becky schlug die Augen nieder.

»Ich unterstütze meine Frau, wo ich kann«, rechtfertigte sich Konrad. »Aber ich bin ja nur abends und am Wochenende zu Hause, Sie wissen ja, wie das ist.« Der Arzt nickte abwesend und war schon wieder verschwunden.

»Auf, Isa, es geht nach Hause.« Rebekka hob ihre Tochter auf den Arm und schluckte den Zorn über Konrads Bemerkung hinunter.

 

»Summ, summ, summ, Bienchen summ herum …«, sang Becky und wiegte Isabell in ihren Armen. Nie wieder würde sie sie zu dieser Krabbelgruppe schleppen! Statt auf ihre innere Stimme zu hören, war sie dem Rat des Kinderarztes gefolgt, der die Ansicht vertrat, Kontakt mit Gleichaltrigen wirke manchmal Wunder. Tatsächlich hatte Isa die ersten zwanzig Minuten begeistert mitgemacht, aber schon in der Wickelpause war ein Geschrei losgegangen, auf das sich weder Mutter noch Gruppenleiterin einen Reim machen konnten.

Rebekka schnupperte und rümpfte die Nase. Schon wieder. Als sie die Windel entfernte, durchfuhr es sie heiß und kalt. Auf der rechten Gesäßhälfte prangte ein blauer Fleck, der aussah wie eine Quetschung. Von wegen »alles neu und noch ein bisschen viel für sie«, wie die Pädagogin vermutet hatte! Offenbar war ihre Tochter gekniffen worden. »Da gehen wir nie mehr hin«, flüsterte Becky. »Ich lasse nicht zu, dass ein böses Kind meinem kleinen Liebling wehtut. Heile, heile Gänschen …«

 

»Still, mein Schatz. Schau, was Mama Leckeres für dich hat!« Becky ahmte das Geräusch eines Fliegers nach und ließ den Löffel vor den tränenfeuchten Augen ihrer Tochter kreisen. Huhn-Karotte mit Stückchen, Isas Lieblingsessen, obwohl sie dem Brei-Alter allmählich entwachsen war. »Na komm schon, Baby, lass das Flugzeug landen.« Das Gesicht des Kindes war gerötet, die blonden Locken klebten an den Wangen. Auch Rebekka schwitzte. »Isabell, du musst essen.« Trotzig presste Isa die Lippen aufeinander und versteifte sich in ihrem Hochstuhl. »Oooh«, machte Becky und Isa ahmte die Grimasse nach. Rasch bugsierte Becky den Löffel in die Öffnung. Isabell verzog das Gesicht, dann sprühte der mit Speichel vermischte Brei heraus, sprenkelte Beckys Gesicht und Bluse. Streckte das Kind ihr die Zunge heraus?

Sie spürte, wie irgendwo in ihr eine Sicherung durchbrannte. Herrgott, es war zu ihrem Besten, warum begriff sie das nicht? »Iss endlich!« Rebekka zielte mit dem Plastiklöffel auf Isabells Mund. Das Kind machte eine abwehrende Bewegung und der Inhalt des Löffels landete an der Tapete. Dicke orangene Tropfen klecksten die weiße Wand hinab. Isabell kicherte glucksend. »Isabell!«, hörte Rebekka sich schreien und erschrak über die Wut in ihrer Stimme. Gerade noch rechtzeitig riss sie sich zusammen und senkte die zum Schlag erhobene Hand. Nie hätte sie sich das verziehen.

Ohne ein weiteres Wort wischte sie Isabell den Mund ab und setzte sie in den Laufstall. Dann holte sie Putzzeug und säuberte notdürftig Tapete und Teppich von Breispritzern, während die Klümpchen in ihren Haaren bereits zu trocknen begannen und Tränen ihre Wangen hinunterliefen. Isas Gelächter schlug in neuerliches Gebrüll um. Becky warf den Lappen in den Eimer, ließ sich auf einen Stuhl sinken und schluchzte hemmungslos.

 

Das Schrillen der Türglocke ließ sie aufschrecken. Hastig wischte sie sich übers Gesicht und stand auf, als es eben wieder läutete. Rebekka öffnete und prallte zurück. Vor ihr stand nicht wie erwartet der Postbote, sondern eine fremde Frau, fast so groß wie sie selbst, aber mädchenhaft schlank. Hatte sie die Frau schon einmal in der Siedlung gesehen? Nein, an das blasse, ebenmäßige Gesicht unter dem seidig-schwarzen Haarschopf hätte sie sich bestimmt erinnert.

»Hallo, Sie wünschen?«, fragte Becky. Die Frau sagte nichts. Den Kopf schief gelegt schien sie dem Kindergeschrei im Hintergrund zu lauschen. Dann lächelte sie, ein warmherziges Lächeln, das Rebekkas Misstrauen zerstreute. Als die Fremde die Hand hob, zuckte Becky zurück, doch die dunklen Augen hielten sie gefangen und sie ließ zu, dass die andere mit Zeige- und Mittelfinger über ihre Wange strich und die Spuren der Tränen nachzeichnete. Wie zart ihre Hände, wie feingliedrig die Finger waren, so ganz anders als Beckys, die als Jugendliche wegen ihrer »Schlachterhände« gehänselt worden war. Sie erschauerte, doch es war ein angenehmer Schauer.

Die Frau zog die Hand zurück und machte eine Geste, als würde sie ein Kind wiegen. Dabei riss sie den Mund auf, wie um Schreien anzudeuten.

»Ja«, hörte Becky sich sagen. »Ja, das ist meine Tochter, Isabell. Sie ist ein wunderbares Kind, aber sie weint so schrecklich viel …« Die Fremde zeigte auf sich, dann in den Flur. Nach kurzem Zögern bat Rebekka sie herein. Sie beeilte sich, die Haustür zu schließen, und folgte der Besucherin, die bereits ins Wohnzimmer vorausgeschritten war.

Isabells Jammern verstummte. Aus runden, blauen Augen schaute sie zu der Fremden auf, die nun die Arme ausstreckte und sie zu sich emporhob. Ganz kurz hatte es den Anschein, als wolle Isa erneut weinen, da begann die Frau ein Lied zu summen und die Züge des Mädchens entspannten sich. Becky hatte die Melodie noch nie gehört. Traumverloren und melancholisch klang sie und ein Zauber lag darin, den auch Isabell spürte, die andächtig lauschte. Binnen Kurzem flatterten die Lider des Kindes und fielen zu.

»Wir sollten sie nach oben bringen«, flüsterte Becky und wies der Besucherin den Weg ins Kinderzimmer. Dort angekommen schlug sie die leichte Decke beiseite und sah zu, wie die Frau Isa behutsam ins Bettchen legte. Selten hatte das Gesicht des Kindes einen solchen Ausdruck höchster Zufriedenheit gezeigt. Beckys Herz weitete sich vor Glück und Dankbarkeit. »Ich glaube, Sie können zaubern«, sagte sie.

Die Frau legte den Finger auf die Lippen und verließ das Zimmer. Unten wandte sie sich zum Gehen. »Warten Sie bitte, wie heißen Sie?«, rief Becky ihr nach, doch sie war schon aus der Gartentür hinaus und hinter der hohen Hecke verschwunden.

Bis hinein in den Nachmittag schlummerte Isabell. Alle paar Minuten sah Rebekka nach ihr, unfähig zu begreifen, was geschehen war. Sie zerbrach sich den Kopf über ihre stumme Besucherin. Wer war sie, was hatte sie hergeführt? Und vor allem: Wie ließ sich ihre Wirkung auf Isabell erklären? Allen unbeantworteten Fragen zum Trotz keimte in Becky die Hoffnung auf, durch einen wunderbaren Zufall ihr neues Kindermädchen gefunden zu haben.

 

Als es am nächsten Vormittag zur selben Zeit klingelte und wieder die junge Frau vor der Tür stand, zügelte Rebekka ihre Neugier und wartete zunächst ab, ob sich das Wunder vom Vortag wiederholen würde. Über Nacht hatte Isa einen schlimmen Windelausschlag entwickelt und kaum geschlafen. Becky war völlig übermüdet. Auch jetzt hing die Kleine jammernd in ihren Armen, aus denen die Fremde sie sanft fortnahm und in den Schlaf zu wiegen begann. Wie gestern trug sie das Mädchen ins Bett, um gleich darauf über die Treppe zu entschwinden.

Diesmal ließ Becky sie nicht einfach gehen. In voller Größe baute sie sich vor der Haustür auf. »Sie sind ein Engel, wissen Sie das?« Die Frau legte die Hand auf die Klinke, aber Becky schüttelte den Kopf. »Bitte warten Sie. Ich heiße Rebekka und ich hätte gern Ihren Namen gewusst. Wollen Sie vielleicht für mich arbeiten?« Sie wies auf die angrenzende Küche. »Setzen wir uns doch. Ich würde mich wirklich freuen, wenn Sie mein Angebot annehmen.« Sie fasste sich an die Stirn. »Was bin ich für ein Dummkopf. Ich habe ja noch gar nichts zu den Konditionen gesagt!« Zu ihrer Erleichterung nahm die Frau am Küchentisch Platz, auf den Becky vorsorglich ein Blatt Papier nebst Stift gelegt hatte. »Ich dachte an vier Tage die Woche, von montags bis donnerstags, jeweils neun bis vierzehn Uhr, und am Freitag von neun bis zwölf? Wenn Ihnen das zu viel ist, wäre ich auch mit weniger einverstanden. Zehn Euro die Stunde, in Ordnung?«

Ihr Gegenüber hörte aufmerksam zu, machte jedoch keine Anstalten, eine Antwort aufzuschreiben. Rebekka kam ein Gedanke. »Ob mit oder ohne Steuerkarte, ist mir egal. Ich richte mich ganz nach Ihnen. Nun, was meinen Sie?« Die Art, wie die Frau sie musterte, mit einem schwer zu deutenden Lächeln, machte sie nervös. »Mir scheint, Sie haben viel Erfahrung mit Kindern«, sagte sie, um das Schweigen zu durchbrechen.

Endlich griff die andere nach dem Stift. Ihr langes Haar fiel wie ein Vorhang über die Schultern bis auf den Tisch und bildete einen reizvollen Kontrast zu der weißpolierten Fläche. Es verdeckte das Papier, sodass Becky weitere bange Herzschläge lang warten musste, bis ihr das Blatt zugeschoben wurde. In filigraner Handschrift, edel und feenhaft wie alles an der Fremden, stand dort ein einziges Wort, ein Name: Lilith, das L verschnörkelt wie die Initialen in alten Märchenbüchern.

»Lilith«, sagte Rebekka. »Ein schöner Name. Wir – das heißt eher ich als mein Mann – hatten überlegt, unsere Tochter Liliane zu nennen, weil ich die Abkürzung Lilly so sehr mag.« Sie zuckte die Schultern. »Aber dann haben wir uns auf Isabell geeinigt, weil Konrad dem anderen Namen nichts abgewinnen konnte. Und Isabell ist ja auch sehr süß und passt hervorragend zu dem kleinen Goldschatz, finden Sie nicht auch?« Liliths Lächeln ließ nicht erkennen, ob sie die Meinung teilte. Sie erhob sich, ging zur Tür und nahm Beckys Hand. Ihre Finger fühlten sich glatt und kühl an.

Ich werde da sein, wenn du mich brauchst.

Becky hörte die leise, wohltönende Stimme, obwohl sich Liliths Lippen nicht bewegten. Erschrocken schaute sie ihr ins Gesicht. In den Augen lag ein hypnotischer Ausdruck, der Rebekka an Ort und Stelle festbannte. Eine merkwürdige innere Ruhe überkam sie, die an Taubheit grenzte. Die nahezu schwarzen Iriden dicht vor ihr waren durchzogen von winzigen, silbrigen Einsprengseln, die sich zur Mitte hin verdichteten und auf diese Weise die Pupillen erst sichtbar machten, indem sie einen hellen Ring darum bildeten. Schön und ehrfurchteinflößend wie der Sternenhimmel in einer klaren Nacht – und genauso weit entfernt von allem, was menschlich war. Für eine Sekunde spürte Becky, wie Furcht nach ihrem Herzen griff. Dann jedoch lächelte Lilith, ihre Augen blickten sanft und braun wie zuvor und Becky war überzeugt, sich getäuscht zu haben.

 

»Es läuft gut mit Isabell, nicht?« Die Frage kam unvermittelt, als sie abends beim Essen saßen. Becky hatte Rouladen mit selbstgeriebenen Kartoffelklößen zubereitet, und als Konrad nun ihre Kochkünste in höchsten Tönen lobte, war sie nah dran, sich glücklich zu fühlen. Falsch, heute war sie glücklich. Nachdem Lilith gegen eins gegangen war, hatte Isa lange geschlafen. So lange, dass Becky vor dem Kochen sogar noch an ihrem Ölgemälde hatte arbeiten können.

»Stimmt. Sie schreit weniger … vielleicht weil der Ausschlag langsam abheilt«, sagte sie. Sollte sie ihm von Lilith berichten? Nein, beschloss sie. Konrad würde alles ganz genau wissen wollen: Woher sie Lilith kannte, was für Referenzen sie mitbrachte, ob sie schon Vereinbarungen über Arbeitszeit und Lohn getroffen hätten … und wer weiß, ob er sich nicht gegen die Einstellung einer Stummen aussprechen würde, wo doch Isabell gerade in diesem Bereich Förderung benötigte. Sie blickte zu ihrer Tochter hinüber, die zufrieden einen Kloß mit der Soße zu einem Brei zermatschte. Hin und wieder landeten sogar einige Stückchen in ihrem Mund.

Konrad stand auf und trat hinter Beckys Stuhl. »Was meinst du, schläft sie nachher?« Er legte seine Hände auf ihre Schultern, von wo aus sie abwärts glitten und auf ihren Brüsten liegenblieben, um fordernd zuzudrücken.

»Nicht vor dem Kind«, sagte Becky, »beherrsch dich.« Unbewusst verfiel sie in den Tonfall, den er von Zeit zu Zeit im Schlafzimmer von ihr erwartete. Es brachte ihn auf Touren, wenn sie ihm ein Halsband umlegte und es fest zuzog oder wenn er auf allen Vieren vor ihr hockte und sie ihm den Hintern versohlte. Derartige Rollenspiele waren im Grunde nicht ihr Ding, dennoch machte sie mit, Konrad und ihrer Ehe zuliebe, obwohl sie in diesen Momenten nichts als Verachtung spürte. Dieselbe Verachtung wie ihrem Stiefvater gegenüber, heute wenigstens. Sie wünschte, sie hätte auch damals so empfunden, aber da war sie klein gewesen und hilflos. Stumm. Sie setzte ihren strengen Blick auf und entzog sich ihm, um den Tisch abzuräumen. Dann jedoch hielt sie kurz inne und stieß einen Seufzer aus. »Aber ich wünsche mir auch, dass sie mal durchschläft.«

 

Als Rebekka aus der Küche kam, stand die Tür zur Abstellkammer offen, wo sie, neben Vorratsregalen und Haushaltsgeräten, in einer freien Ecke ihre Staffelei untergebracht hatte. »Konrad?« Sie spähte hinein.

»Isabell hat gespuckt«, brummte er. »Kann ich das hier zum Bodenwischen benutzen?« Er wedelte mit einem Staubtuch aus Mikrofaser. Aus dem Wohnzimmer kam Isabell hinter ihm hergetappst und zupfte an seiner Hose. Ein bräunlicher Fleck prangte auf ihrem rosa Pullover.

»Nein, nein«, rief Becky und griff nach einem geeigneteren Lappen. »Ich mach das schon.« Warum bloß hatte Isa sich schon wieder übergeben? Vor dem Essen hatte sie ihr eine kleine Portion Milch gegeben, hatte sie die vielleicht nicht vertragen?

»Malst du wieder?«, fragte Konrad und zeigte auf die verhüllte Staffelei.

»Ein bisschen«, sagte Becky schnell. »Es ist noch nicht fertig.« Bevor sie protestieren konnte, hatte er das Tuch fortgezogen und musterte das Gemälde.

»Nicht schlecht«, sagte er anerkennend. »Hübsch. Jemand, den wir kennen?«

Isabell quietschte erfreut. Sie drängte sich an ihrem Vater vorbei und streckte die Ärmchen nach dem Bild aus. »Li-lith«, sagte sie, über das ganze Gesicht strahlend. Rebekka fühlte, wie ihr Herzschlag einen Moment aussetzte.

Verblüfft schaute Konrad sie an. »Du sprichst ja, Sonnenschein! Sag doch noch einmal etwas für Papi.« Er kniete sich vor das Mädchen. »Sag Pa-pa.«

Isabell kicherte und zeigte nach oben. »Li-lith.« Sie klatschte in die Hände, begeistert von dem ersten Wort, das klar und deutlich über ihre Lippen kam. »Lilith, Lilith, Lilith«, sang sie.

»Hat sie schon früher gesprochen?« Konrad war aufgestanden und sah stirnrunzelnd zu Becky hinüber.

»Nein, das ist ihr erstes Wort.« Sie lächelte; es fühlte sich aufgesetzt an.

»Aha.« Konrad wandte sich der Staffelei zu. Er fuhr mit dem Finger über die langen Haare der Frau auf dem Portrait. Die Farbe war noch nicht ganz getrocknet, schwarze Spuren blieben an den Fingerkuppen haften. »Lilith. Nicht Mama oder Papa, sondern Lilith. Wer ist das?«

»Unser neues Kindermädchen«, gab Becky widerstrebend zu.

»Wieso erfahre ich das erst jetzt? Seit wann kommt diese Lilith denn?« Konrad betrachtete das unvollendete Portrait mit wachsendem Interesse. Von den Augen hatte Becky bisher nur die Konturen gemalt, weil sie sich nicht sicher war, welche Farbe – und welchen Ausdruck – sie schließlich bekommen sollten.

»Seit Montag«, sagte sie zögernd. »Ich habe sie erstmal zur Probe eingestellt.«

»Woher kennst du sie? Hat sie Erfahrung?« Konrads Blick hing noch immer an dem Bild, über das Becky nun wieder das Tuch breitete.

»Eine Mutter aus der Krabbelgruppe hat sie mir empfohlen«, sagte sie. »Isa himmelt sie an. Sie ist sofort ruhig, sobald sie Lilith sieht, selbst während des schlimmsten Trotzanfalls.« Rebekka fühlte sich unbehaglich und das nicht nur, weil sie gezwungen war zu schwindeln. Wie eigenartig, dass Isabell zuerst den Namen des Kindermädchens gelernt hatte … Aber vermutlich lag das an Sätzen wie »bald kommt Lilith« oder »nicht weinen, denk an Lilith«, die sie selbst häufig benutzte. Möglicherweise war sie auch einfach ein bisschen eifersüchtig. Sie hob Isabell hoch und schob sich an ihrem Mann vorbei aus dem Raum.

Konrad gab er ihr einen Klaps auf den Po. »Wenn Lilith meinen Frauen guttut, freut mich das natürlich. Vielleicht lerne ich sie demnächst auch mal kennen.«

 

Der Sekundenzeiger der Küchenuhr kroch in Zeitlupe über das Zifferblatt, als scheue er sich, seinen trägen Geschwistern vorauszueilen. Noch eine volle Stunde bis zu der Zeit, wo Lilith für gewöhnlich eintraf. Angst machte sich in Rebekka breit, Angst, ihre außergewöhnliche Kinderfrau würde vielleicht nicht mehr auftauchen. Seit dem Erwachen quengelte und brüllte Isabell abwechselnd. Das Fieberthermometer hatte nur leicht erhöhte Temperatur gezeigt und auch sonst schien körperlich alles in Ordnung zu sein, abgesehen von dem Ausschlag, der sich erneut verschlimmert hatte. Was konnte Becky anderes tun, als regelmäßig zu wickeln, die gerötete, schuppende Haut sorgfältig zu säubern und behutsam die vom Arzt verschriebene Salbe auf das rohe Fleisch zu streichen? Jedes Mal kamen ihr die Tränen, wenn sie sah, wie sehr ihr Töchterchen litt. Und seit Konrad vorgestern darauf bestanden hatte, Lilith persönlich in Augenschein zu nehmen, fühlte Rebekka sich zusätzlich unter Druck gesetzt. Jeder ihrer Versuche, mit Lilith zu verhandeln, war ins Leere gelaufen: Die stumme Frau hatte das angebotene Schreibzeug kein zweites Mal genommen. Natürlich könnte sie ihre weitere Hilfe ablehnen, so ganz ohne Vereinbarung, ohne Personalien, aber was dann? Was, wenn Lilith einfach wegbliebe? Was sollte sie ohne ihren Zaubergesang machen, wenn Isa schrie und schrie und sich durch nichts beruhigen ließ? Immer wieder plapperte sie den Namen ihrer großen Freundin – nach wie vor das einzige Wort, das über ihre Lippen kam.

Endlich, das erlösende Klingeln. »Lilith«, begrüßte Rebekka sie erleichtert, »wie schön, dass Sie da sind.« Sie ließ Lilith an sich vorbei zu Isabell, deren Schreien mit dem Geräusch der Türglocke abgebrochen war.

»Mein Mann würde Sie gern einmal kennenlernen«, sagte Rebekka, als Lilith und sie eine Viertelstunde später die Treppe hinuntergingen. »Er kommt heute extra früher nach Hause, gegen drei. Können Sie nicht ausnahmsweise solange bleiben? Ich mache uns einen Kaffee und zeige Ihnen Isabells Fotoalbum.«

Liliths weiße Finger legten sich auf die Türklinke. »Bitte«, flehte Rebekka. »Oder nächste Woche, schreiben Sie mir auf, wann es Ihnen passt.« Lilith schüttelte Rebekkas Hand von ihrem Arm ab und öffnete die Tür. Becky biss sich auf die Lippen. Was sollte sie Konrad sagen? Dass ihr Babysitter kein Interesse an einer persönlichen Vorstellung hatte? Sie lauschte nach oben, dann schnappte sie sich das Babyfon und eilte Lilith nach, die am Ende der Straße eben in den Fußweg abbog, der aus der Siedlung hinausführte.

 

Hinter den letzten Gärten tat sich die weite, offene Landschaft mit ihren sandigen Hügeln und den unzähligen Wacholderbüschen auf. Wenn im August die Heide blühte, zog es zahlreiche Touristen hierher; jetzt, im Frühsommer, wurden die Wege fast ausschließlich von Einheimischen benutzt. In der Ferne verschwand die dunkle Gestalt Liliths hinter einer kleinen Erhebung, um gleich darauf ein Stück weiter östlich wiederaufzutauchen. Während Rebekka ihr folgte, schaute sie immer wieder auf die Anzeige des leistungsstarken Babyfons, und wie erhofft blieb alles ruhig. An der nächsten Weggabelung wurde ihr klar, dass Lilith nicht in Richtung eines der Nachbardörfer ging, sondern tiefer hinein in die Heide. Wie weit würde der Empfang reichen? Noch leuchtete das Display grün. Außerdem schlummerte Isa nach jedem von Liliths Besuchen mindestens zwei Stunden; meist musste sie sie sogar wecken, damit sie abends in den Schlaf fand. Warum also nicht ein Stück weitergehen, den sonnenbeschienenen Hügel hinauf?

Die milde Luft duftete herrlich, leiser Wind umschmeichelte Rebekkas Wangen. Aus dem Moor drang das klare Trillern der Brachvögel, hin und wieder charakteristisches Kollern streitender Birkhähne, darunter mischte sich der Schrei eines Reihers. Auf ihren Spaziergängen mit Isa hatte sie die Geräusche der Natur nie so deutlich wahrgenommen. Immer war sie voll und ganz auf das Kind konzentriert gewesen, wenn es lachend an ihrer Hand mitstapfte, Worte in einer geheimen Sprache plappernd, oder – was häufiger der Fall war – sich weinend und nörgelnd im Sitz des Buggys wand.

Auf der Hügelkuppe schwenkte der Sandweg nach links, doch von Lilith war weit und breit nichts zu sehen. Geradeaus führte ein halb von Heidekraut überwucherter Pfad abwärts, hin zu einer Senke mit einer Ansammlung von Kiefern und niedrigen Laubbäumen. Nur dorthin konnte sie gegangen sein. Ein Frösteln überlief Becky, als sie die sonnenabgewandte Seite des Hügels betrat. Der Hang war übersät mit Felsbrocken, die an umgestürzte Grabsteine denken ließen, klein wie die von Kindergräbern. Konrad hatte einmal von einem Hünengrab in der Nähe erzählt. Was tat Lilith dort? Die Neugier trieb Rebekka weiter.

 

Gedämpftes Licht fiel durchs Blätterdach, zeichnete Muster auf weichen, federnden Boden. Rund um die Kiefern, die Geruch nach Harz verströmten, war er mit Nadeln bedeckt. Auf den freien Flächen wuchs saftig grünes Gras, das gemeinsam mit dem Moos Polster bildete, wie Kissen, die zum Hineinsinken und Träumen einluden. Stille herrschte. Wo Sonnenstrahlen den Untergrund trafen, funkelten winzige Wassertröpfchen wie kostbare Edelsteine. Vereinzelt wuchsen die miteinander verbundenen Stämme von Stühbusch-Eichen. Rebekka wusste, die bizarren Formen waren entstanden, weil die Bäume in früheren Zeiten gefällt wurden, um Brennholz zu gewinnen, woraufhin sie aus dem Wurzelstock stets neu austrieben, nur um wieder gekappt zu werden.

Leichter Dunst hing zwischen den Zweigen, wie Frühnebel, obwohl draußen heller Tag war. Zwischen schlanken Kiefernstämmen und geduckten Eichbüschen schimmerte grauer Fels. Sang da jemand? Sie kannte die Melodie: Liliths Lied. Eine seltsame Scheu, weiterzugehen und sie zu überraschen, hinderte Beckys Schritte.

Da plötzlich, eine Bewegung vor ihr, etwas Weißes huschte an den dunklen, flechtenbedeckten Steinen vorbei, wieder eins, dann ein weiteres. Weiße Stofffetzen, die zu tanzen schienen. Becky hielt den Atem an, behutsam setzte sie einen Fuß vor den anderen. Je mehr sie sich dem inneren Kreis der Bäume um die kleine Lichtung näherte, umso klarer geriet das Schauspiel. Was sie anfangs für Tücher oder Nebelfetzen gehalten hatte, entpuppte sich als weiß gekleidete Gestalten, die im wogenden, gleitenden Reigen die urzeitliche Begräbnisstätte umschwebten. Ihre Füße berührten den Boden, streiften die Spitzen der langen Halme, ohne ein Geräusch zu verursachen oder Abdrücke zu hinterlassen. Die gespenstische Gesellschaft bestand ausnahmslos aus Frauen und Kindern, vom Säugling bis zum Teenager. Sie alle tanzten zu der Melodie, die Isabell so zuverlässig beruhigt hatte.

Auf dem oberen, flachen Stein des Hünengrabes saß Lilith und sang die schwermütige Weise, die in der stillen Luft schwebte und den Hain erfüllte. Doch statt zu summen formte sie Worte, eigenartige, mal kehlige, mal zischende Laute in einer fremdartigen Sprache.

Becky hatte den Eindruck, sich in einem Traum zu befinden, ihre Angst verflüchtigte sich und wich einem Gefühl von Ehrfurcht. Es ging keine Bedrohung von den Tanzenden aus. Auf ihren Gesichtern lag ein friedvoller Zug, gemischt mit sanfter Trauer, der Rebekka seltsam anrührte.

Ihre Anwesenheit blieb nicht unbemerkt. Bleiche Gesichter wandten sich ihr zu, durchscheinende Hände und Arme streckten sich nach ihr aus. »Komm zu uns«, raunten sie, als Becky auf die Lichtung trat, »wir haben auf dich gewartet.«

»Wo ist dein Kind?« Eine Frau mit zwei Babys auf dem Arm und einem weiteren im Tragetuch auf dem Rücken verharrte vor ihr, betrachtete sie mit blassem, wehmütigem Blick. »Ich wollte es nicht tun, aber er hat sie nicht haben wollen«, flüsterte sie.

»… aber es hat so furchtbar geschrien, immer nur geschrien …« Ein junges Mädchen, selbst noch ein halbes Kind, glitt an Becky vorbei, drückte ein Bündel an sich, aus dem ein winziger Fuß ragte.

»Alles war immer nur zu seinem Besten«, hauchte eine andere, die einen Jungen im Grundschulalter an der Hand hielt. »Ich wollte ihm nicht wehtun.«

»Es war nicht meine Schuld …«, sagte eine große Frau mit verbittertem Gesicht und strengem Dutt.

»… nicht meine Schuld«, echote eine andere, deren kleines Mädchen auf der Wiese umhertollte und aussah, als würde es Gänseblümchen pflücken – doch seine Hände griffen ins Leere.

»Nicht unsere Schuld«, wisperte der Chor der Geisterfrauen und alle Blicke richteten sich auf Rebekka. Die Kinder blickten zu ihren Müttern auf, fassten sie an den Händen und lachten. Ein helles, fröhliches Lachen, das für einen Augenblick sogar den Gesang übertönte. Becky schaute Lilith an, die sie aus silbern-schwarzen Augen musterte.

Bleib bei uns. Deine Schuld wird dir vergeben sein.

Becky schauderte. Dies alles waren Kindsmörderinnen. Jede einzelne hatte ihr eigen Fleisch und Blut umgebracht, manche kaum dass sie es zur Welt gebracht hatten, andere nach Jahren, aufgrund irgendeiner persönlichen Katastrophe, die ihnen den Verstand geraubt, ihre mütterlichen Gefühle grotesk verdreht und ins Gegenteil verkehrt hatte. »Ich gehöre nicht zu euch«, keuchte sie. »Ich liebe meine Tochter. Nie könnte ich ihr etwas antun!«

Sie drehte sich um und lief, fort von den toten Müttern und Kindern, fort von Lilith, fort von deren einlullendem Singsang. Als Becky aus dem Wäldchen hervor ins Sonnenlicht stürzte, erinnerte sie sich an das Babyfon, das sie die ganze Zeit fest umklammert hatte. Ihr Herz krampfte sich zusammen, als sie die rote Anzeige sah: kein Empfang. Viel zu weit war sie von zu Hause entfernt. Aber vorhin hatte das Signal anders ausgesehen, sie hätte es beschwören können. Eilends verfolgte sie den Weg zurück, schluchzte, zitterte. Isabell. Bestimmt schläft sie noch, versuchte sie sich zu beruhigen, aber tief im Innern ahnte sie die grausame Wahrheit. Sie war weggelockt worden. Etwas Furchtbares war ihrer Tochter zugestoßen und sie trug die Schuld daran.

 

Das Blut rauschte in ihren Ohren, als sie endlich in die heimische Straße einbog. Eine Nachbarin rief etwas, aber Rebekka blieb nicht stehen. Vor dem Grundstück parkte Konrads Auto. »Oh Gott«, stöhnte Becky. Mit fliegenden Händen steckte sie den Schlüssel ins Schloss, schob die Tür auf und huschte hinein. Von oben hörte sie Konrad, wie er Isabell beim Namen rief. Die Treppe dehnte sich endlos. Als Becky ins Kinderzimmer trat, stand ihr Mann vor dem Wickeltisch, damit beschäftigt, Isa anzuziehen. Rebekka schluchzte vor Erleichterung auf. Als Konrad es hörte, fuhr er herum, weiß im Gesicht.

»Wo bist du gewesen?« Seine Stimme bebte.

Unfähig zu sprechen trat Becky an den Tisch heran, riss Isabell hoch und bedeckte sie mit Küssen. Schlaff hing der Körper in ihren Armen. Als das Mädchen ihre Stimme hörte, öffneten sich seine Augen einen Spalt, um gleich wieder zuzufallen.

Mit grimmigem Gesichtsausdruck nahm Konrad ihr das Kind ab und legte es ins Bettchen. Anschließend drängte er Becky aus dem Zimmer und schloss die Tür. Ein Schlag traf sie, gepaart mit einem klatschenden Geräusch. Sie registrierte es kaum. »Wo bist du gewesen?«, wiederholte er seine Frage, jähe Wut färbte seine Wangen rot. »Ich komme nach Hause und wer ist nicht da? Meine Frau. Während meine Tochter in ihrem Bett liegt und schläft wie eine Tote. Sie hat kaum reagiert, nicht einmal, als ich ihre durchnässte Windel gewechselt habe. Dabei muss sie höllische Schmerzen haben, so rot und entzündet, wie alles ist!«

»Ich … ich habe einen Spaziergang gemacht«, stotterte sie. Ihre linke Wange brannte. »Sie war nur ganz kurz allein.«

Konrad packte ihren Arm so fest, dass es wehtat. Becky, die ihren Mann um volle zwei Zentimeter überragte, schrumpfte neben ihm zusammen; am liebsten hätte sie sich in eine Ecke verkrochen.

»Lüg mich nicht an!« Er sah ihr in die Augen und Becky hatte das Gefühl, vor einem Fremden zu stehen. Noch nie hatte sie ihn so wütend erlebt. Und sie verstand ihn, es war sein Recht, wütend auf sie zu sein. Niemals hätte sie tun dürfen, was sie getan hatte, niemals wieder würde sie sich im Umgang mit Isa einen solchen Fehler zuschulden kommen lassen! Sie würde Lilith kein weiteres Mal die Tür öffnen.

»Verzeih mir«, flüsterte sie.

»Ich fahre mit Isabell zum Arzt, etwas stimmt nicht mit ihr«, sagte Konrad. »Damit meine ich nicht nur die Schläfrigkeit.«

»Der Ausschlag, ja«, begann Becky, »aber mehr als eincremen …«

»Eincremen nennst du das!« Er ließ sie stehen und ging zurück ins Kinderzimmer, wo er die oberste Schublade des Wickeltisches aufzog und etwas hervorkramte, um es ihr unter die Nase zu halten. Zitronenduft stieg daraus auf. Verständnislos betrachtete Becky die Flasche Scheuermilch. »Das hier benutzt du zum Eincremen! Ich habe Reste davon in der vollen Windel gefunden … und nicht nur dort.« Er schien kurz davor, noch einmal zuzuschlagen, doch er beherrschte sich. Tränen glitzerten in seinen Augen. Sie blickten einander an und Becky spürte, wie etwas zerbrach.

»Das kann nicht sein«, flüsterte sie. »Das muss Lilith gewesen sein.«

Beim Klang des Namens regte sich Isabell. »Li-lith«, murmelte sie.

»Hör mir auf mit diesem angeblichen Kindermädchen«, fauchte Konrad und riss Isabell an sich. »Ich habe mich in den letzten Tagen ein bisschen umgehört. Niemand von unseren Nachbarn hat etwas von Liliths Besuchen mitbekommen. Und zumindest die alte Gäbsch ist immer im Garten.«

Becky schüttelte den Kopf, ihre Gedanken überschlugen sich. Wo zum Teufel hatte sie das Papier hingelegt, auf das Lilith ihren Namen geschrieben hatte? »Du hast sie dir eingebildet, Rebekka«, sagte ihr Mann etwas ruhiger. »Irgendwie hast du es geschafft, Isabell mit deiner fixen Idee anzustecken. Wahrscheinlich hat sie dir bei deiner Pinselei zugeschaut und du hast ihr diesen Namen eingetrichtert. Ich fahre jetzt in die Kinderklinik, wir reden nachher weiter. Ich denke, du hast ein ernsthaftes Problem.«

 

Argwöhnisch beobachtete Rebekka, wie die Kinderkrankenschwester den Sitz der Infusionsnadel kontrollierte, die in Isabells Handrücken steckte. Seit drei Tagen, drei schrecklichen, nicht enden wollenden Tagen, lag das Mädchen im Koma. Fast ununterbrochen wachten Konrad und Becky an ihrem Bett, hofften, sie würde endlich die Augen aufschlagen. Nach dem Vorfall im Kinderzimmer hatte Becky ihren Mann nur mit Mühe überreden können, sie in die Klinik mitzunehmen. In der Notaufnahme hatte er unter vier Augen mit dem zuständigen Arzt gesprochen, und Becky konnte nur vermuten, dass es dabei um ihre Rolle in dem Unglück, das ihrer Tochter widerfahren war, ging. Ja, sie hatte sie allein gelassen, sie war sich ihrer Schuld voll bewusst. Aber dass der kleine Körper vollgepumpt gewesen war mit einem Schlafmittel, dafür konnte man doch nicht sie verantwortlich machen … Selbst wenn die Analyse ergeben hatte, dass es sich um dasselbe Medikament handelte, das Becky in ihrem Medizinschrank aufbewahrte und das ihr wegen nervöser Schlafstörungen verschrieben worden war.

Sie hatte ein Gespräch mit einem Psychiater führen müssen, der sie fragte, ob sie sich daran erinnere, ihrer Tochter das Mittel verabreicht zu haben, was Becky fassungslos verneinte. Die Worte des Arztes rauschten an ihr vorbei, ohne dass sie den Inhalt erfassen konnte. Der Begriff »Missbrauch von Schutzbefohlenen« war gefallen sowie »Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom«, was ihr zunächst nichts sagte und sie, als es ihr erklärt wurde, vollends aus dem Gleichgewicht brachte. Als ob sie ihrem Kind mit Absicht Schaden zugefügt hätte, um Anerkennung für die aufopferungsvolle Pflege zu erheischen. Absurd. Ein einziger Alptraum. Isabell war ganz einfach ein anspruchsvolles, kränkliches Kind, das rund um die Uhr betreut werden musste, war es schon immer gewesen. Becky hatte getan, was sie konnte – und nun? In eine psychiatrische Klinik wollte man sie einweisen, morgen schon. Sie konnte von Glück sagen, dass man ihr gestattet hatte, sich unter Aufsicht von Isabell zu verabschieden.

Die Schwester warf einen letzten Blick auf den Überwachungsmonitor und nickte zufrieden. Sie lächelte Konrad zu, der auf dem Stuhl an der Tür des in freundlichem Gelb gehaltenen Einzelzimmers Platz genommen hatte, vermied es jedoch, Becky anzusehen. »Ich bin hier fertig. Sie beide können gern noch bleiben. Sie wissen ja, Herr Koch, Sie dürfen Ihre Frau nicht mit dem Kind allein lassen.«

Konrads Kopf ruckte kurz auf und ab. »Natürlich.« Die Schwester nickte abermals und ging.

»Ich werde meine Tochter ganz sicher nicht mit ihrer Mutter allein lassen«, fügte Konrad hinzu, als sie längst wieder unter sich waren. Er musterte Becky, das Gesicht eine Maske der Enttäuschung.

Rebekka wagte nicht zu sprechen. Sie betrachtete die schmale, stille Gestalt ihrer Tochter und spürte, wie ihr erneut die Tränen kamen. Konrad rückte den Stuhl näher ans Krankenbett, faltete die mitgebrachte Zeitung auseinander und begann zu lesen.

Die Wände schienen Becky vorwurfsvoll zu mustern; die Farbe weniger fröhlich als vielmehr grell. Sie erinnerte Rebekka an die Flasche Scheuermilch, die sie ins Kinderzimmer getragen hatte, um die Fensterbank zu putzen. Die sie hinterher im Wickeltisch verstaut hatte. Die sie kurze Zeit später wieder herausgenommen hatte … Das Gefühl von Sand unter den Fingerspitzen … Der Geruch nach künstlicher Zitrone … Isabell war stets von einem Hauch dieses Geruchs umgeben gewesen.

Lilith, dachte Becky, es kann nur Lilith gewesen sein.

Nein, hörte sie Liliths Stimme in ihrem Kopf. Ich habe deinem Kind kein Leid zugefügt. Du kennst die Wahrheit.

Die Worte rissen das Tuch von dem Bild, auf dem sich – erst schemenhaft, dann immer klarer – die Wirklichkeit abzeichnete, so niederschmetternd, so widerwärtig, dass Becky die Augen sofort wieder geschlossen hätte, wäre das Bild nicht in ihrem Innern entstanden. Alles ergab einen Sinn. Nicht eine Sekunde war Lilith mit Isabell allein gewesen – sie jedoch schon. Stunden, unzählige Stunden. Rebekka sah sich selbst, wie sie ans Medizinschränkchen ging. Das Knistern dünner Alufolie, wenn man eine der kleinen weißen Tabletten mit der Sollbruchstelle aus der Packung drückt.

Sie stöhnte leise. Als sei ein Damm gebrochen, stürzten die Erinnerungen auf sie ein. Die Krabbelgruppe. Isa hatte mitgespielt, bis sie von einem anderen Kind geschubst worden war … Das Krankenzimmer begann sich zu drehen, Becky stützte sich mit der Hand an der Fensterbank ab. Ihr Blick streifte den blauen Himmel, den tief unter ihr liegenden Parkplatz. Sie hatte nicht gewollt, dass Isa weiterhin mitmachte, verletzt wurde, war mit ihr in den Wickelraum gegangen und dort … hatte sie die zarte Haut zwischen Daumen und Zeigefinger genommen und hin und her gerollt, so fest zugedrückt, wie sie konnte.

Rebekka schlug die Hände vor den Mund, um einen Schrei zu unterdrücken. Und die Milch … Sie hatte immer zuerst einen Spritzer Spülmittel ins Fläschchen gegeben, bevor sie es mit Bio-Milch auffüllte. Die unzähligen Krämpfe, der nässende Ausschlag, all die Leiden, die ihre Tochter durchgemacht hatte und die sie in hingebungsvoller Pflege mit durchlitten hatte – sie war dafür verantwortlich. Nein, nein, nein! Das konnte nicht sie gewesen sein, die ihrem kleinen blonden Engel, ihrem größten Schatz, so etwas Abscheuliches antat! Es musste Lilith sein, Lilith, die ihr Kind töten wollte, um sie in den Wahnsinn zu treiben.

Nein. Liliths Stimme, diesmal ganz deutlich. Ich helfe dir. Ich vergebe dir. Ich bringe euch beide an einen sicheren Ort.

Mit wenigen Schritten durchquerte Becky das Zimmer, riss die nur angelehnte Tür auf. Der Gang war leer bis auf zwei miteinander schwatzende Schwestern. Sie ging wieder hinein. Konrad schaute kurz auf, dann widmete er sich weiter seiner Lektüre.

Becky drückte die Klinke hinunter, um die Tür zu schließen. Im selben Moment spürte sie, wie sich hinter ihrem Rücken etwas veränderte. Als ob auf einmal mehr als nur sie drei im Raum wären. Klopfenden Herzens wandte sie sich um. Eben noch hatte die Sonne durchs Fenster geschienen, nun versteckte sie sich hinter einer Wolke. Umso verwunderlicher erschienen die Schatten, die über die Wände flackerten wie Bildprojektionen einer Laterna magica. Schaudernd erkannte Rebekka, dass es die scherenschnittartigen Konturen von Menschen waren, die das Bett, Konrad und sie umkreisten. Die Mütter und Kinder vom Hünengrab, alle tot, tanzende Gespenster.

Nur eins davon stand still, gewann an Substanz und wurde zu einer hochgewachsenen, dunkel gekleideten Gestalt. Sie lächelte und sprach, ohne die Lippen zu bewegen. Becky blickte hinab auf Konrad, der nichts von alldem mitbekam und stur in seiner Zeitung blätterte. Fast ohne ihr Zutun schossen ihre Hände nach vorn, und es waren nicht Rebekkas grobe Schlachterhände – es waren Liliths schöne, weiße Finger, die Konrads Hals umschlossen.

Die Zeitung entglitt ihm, fiel raschelnd zu Boden. Eine tiefe innere Ruhe erfüllte Becky. Es musste sein. Konrad strampelte in seinem Stuhl. Er trat und schlug um sich, ohne dass mehr als ein Röcheln aus seiner Kehle drang. Irrwitzigerweise fühlte Becky sich an die Geräusche erinnert, die er bei ihren bizarren Sexspielchen ausstieß. Sie drückte fester zu. Er warf den Kopf hin und her, versuchte ihre Hände wegzuzerren, die wie Eisenklammern um seine Kehle lagen. Sie hätte sie nicht lösen können, selbst wenn sie gewollt hätte. Aber sie wollte nicht, konnte nicht; es gab keinen anderen Ausweg. In seine Augen trat jähes Erkennen, als er zu ihr aufsah. Am Fenster stand Lilith, bewegungslos, und wartete. Ein letztes Zucken, dann sackte Konrad zusammen, sein Kinn fiel auf die Brust.

Beckys Entschlossenheit schwand mit dem Leben, das aus ihm wich. Entsetzen erfüllte sie. Hilfesuchend blickte sie zu Lilith. Die hellen Sprenkel in deren Augen funkelten wie Diamanten, als sie auf das Gitterbett deutete. Becky hatte dem stummen Befehl nichts entgegenzusetzen. Sie trat ans Krankenlager, zog mit ihren großen, ungeschlachten Händen unendlich behutsam den Infusionsschlauch heraus und nahm ihr Kind an sich. Die Wärme des kleinen Körpers, dessen Herz so dicht an dem ihren schlug, dass es den Anschein hatte, sie seien ein einziges Wesen, beruhigte sie und vermittelte ihr die Gewissheit, das Richtige zu tun. Ohne die Fürsorge ihrer Mutter würde Isabell nicht überleben. Sie durfte nicht zulassen, dass sie ihr das Sorgerecht entzogen.

Die Schatten waren verschwunden, Licht erfüllte den Raum. Die Vorhänge bauschten sich im Sommerwind, der durch das Fenster ins Krankenzimmer wehte. Becky erinnerte sich nicht, es geöffnet zu haben. Es musste Lilith gewesen sein, Lilith, die vorausgegangen war, um Rebekkas und Isabells Ankunft anzukündigen.

Sie trat näher, erkannte die sanften, von Heidekraut bewachsenen Hügel, den Hain aus Kiefern und Eichen und in der Mitte den alten Kultplatz; alles dicht herangerückt, ein einziger Schritt genügte, es zu erreichen. Die weißen Frauen und ihre Kinder warteten darauf, sie beide in ihrer Mitte aufzunehmen. Dort, unter dem Schutz Liliths, umwoben von ihrem zaubermächtigen Gesang, gab es keine Verzweiflung, keine Schuld. Alles würde vergeben sein. Dort war sie mit Isabell vereint, für immer.

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Eure Meinung:

Elvira, 19.03.2018, 19:35:
Spannend, man muss einfach weiter lesen
Bri, 15.03.2018, 15:07:
Auf jeden Fall zu Recht für den Vincent Peis nominiert! Schöner sanfter Spannungsbogen der den Leser fesselt, um dann mit voller Wucht mit der Tatsache konfrontiert zu werden, was ein krankes Gehirn bewegen kann. Für eine Kurzgeschichte sehr spannend geschrieben !!!
Tanja, 13.03.2018, 15:14:
Richtig gut
Jessica Hanusch, 13.03.2018, 11:39:
Wo Deine Schuld vergeben wird
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Erstellt: 06.03.2018, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 19:26