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Zeit aus den Fugen von Philip K. Dick

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Eine idyllische Kleinstadt im Amerika der fünfziger Jahre. Ragle Gumm, Mitte vierzig, ledig, verdient seinen Lebensunterhalt durch Gewinne bei einem obskuren Zeitungswettbewerb. Bis merkwürdige Ereignisse und Entwicklungen ihn davon überzeugen, dass hier etwas nicht stimmt. Nicht mit den Menschen, nicht mit den Häusern, nicht mit der Stadt. Und nicht mit der Zeit.

 

Rezension:

Der Heyne-Verlag schuf mit der Werkausgabe Philip K. Dicks nicht nur einen bunten Regenbogen im Buchregal. Vielmehr kann der Science Fiction-Fan anhand dieser Texte einen Ideen-Kosmos entdecken, der das Fundament vieler Romane und Filme wurde, die heute Kulturgeschichte sind. Wenn man einen Roman wie Zeit aus den Fugen heute zum ersten Mal liest, springen einem die vielen Erbschaften Dicks deutlich ins Auge.

 

Die zunächst beschauliche Kulisse einer US-Kleinstadt in den 50er Jahren bekommt logische Löcher. Jeder Kenner von Matrix oder Truman-Show beginnt bereits an dieser Stelle, etwas ganz bestimmtes hinter der Story zu vermuten. Aber selbst die Kenntnis der beiden Filme trübt den Lesespaß nicht, denn Dick schafft es, die Figuren in ihrem Umfeld aktiv werden zu lassen und ein schnelles, buntes Bild der Szenerie zu entwerfen. Der Roman wurde 1959 veröffentlicht und die Skizze des amerikanischen Mittelstandes in irgendeiner Kleinstadt könnte für die ganze Epoche stehen. Egal, wie real diese Welt innerhalb des Romans auch tatsächlich ist, einige Dinge sind typisch für die Zeit.

Etwa der Zivilschutz und die Angst vor durchkommenden Interkontinentalraketen, die Reaktion der Verwaltung auf eine Frauen-Petition, überhaupt die Rolle der Frau, wenn man hier auch nicht von einer Kritik Dicks sprechen kann. Aber ganz nebenbei zeichnet er typische Details des Alltags auf.

Durch diese Mühelosigkeit entwickelt sich beim Leser ein Gefühl für Zeit und Leute. Das Figurenensemble wird in wenigen, dafür sehr lebendigen Szenen vorgestellt. Ganz plötzlich aber beginnt diese Welt voller bekannter Normalitäten, seltsam zu werden. Man merkt das zunächst vielleicht nicht einmal bewusst, da Dick es schafft, den lockeren Tonfall fortzuführen. Wenn aber der erste deutliche Bruch stattfindet, regt sich das Misstrauen des Lesers und die vielen komischen Einzelheiten erlangen Gewicht und Bedeutung.

Ein wesentliches Merkmal dickscher Figuren ist, dass sie sich eigentlich immer Gedanken um größere Zusammenhänge machen oder am bisher Erlebtem zweifeln.

Für Dick ist das Problem der wegbrechenden Realität ein Schwerpunktthema. Auch hier bietet er immer auch die Möglichkeit an, dass sich nicht die Wirklichkeit seltsam verhält, sondern ihr Betrachter.

Doch Ragle Gumm wirkt viel zu rational um einer Schizophrenie anheim gefallen zu sein. Sein Tagewerk bestreitet er mit einer hochkomplexen Berechnung für ein tägliches Gewinnspiel. Von den Gewinnen lebt er seit zwei Jahren. Oder ist diese Arbeit in Wirklichkeit Besessenheit? Etwa doch ein Hinweis auf eine Geisteskrankheit?

 

Je mehr sich der Schleier lüftet und die Rätsel in eine fast schon offensichtliche Richtung weisen, verliert der Roman den Kleinstadtbezug, wird er utopischer.

Dick entwickelt eine Zukunft, die aus heutiger Sicht vielleicht naiv erscheint, jedoch in einigen Punkten über den Zeitgeist hinaus geht. Umfassende Manipulation am menschlichen Geist, stellare Kolonisation, Weiterentwicklung bei LKW-Antrieben oder Umerziehungslager für den politischen Gegner - hier vermutete Dick wesentlich mehr Fortschritt, als es ihn tatsächlich gab.

Andererseits konnte er sich recht gut vorstellen, wie Jugendliche einst in ihrer Subkultur globale Moden und Zeichen für sich entdecken.

 

Am Ende wird der Leser mit einer Auflösung konfrontiert, die durch Zeitablauf weitaus weniger erstaunlich oder gar möglich erscheint. Mit dieser heute unbefriedigenden Erklärung fallen auch ein, zwei andere inhaltliche Mängel des Romans auf, etwa der unverhältnismäßige Aufwand der betrieben wird, um Ragle bei der Stange zu halten. Dennoch kann man nicht anders als das literarische Geschick Dicks zu bewundern, eine symptomatische Geschichte zu schreiben, in der sich der Held durch eine künstliche Wirklichkeit hindurch selbst wiederfinden muss.

 

Fazit:

»Zeit aus den Fugen« ist eine Reise ins Ich oder daraus hinaus, die von den Rätseln lebt, denen sich die Hauptfigur ausgesetzt sieht. Nebenbei öffnet uns Dick den Blick auf das paranoide Denken, das einen Teil der Fünzfiger in den USA prägte. Die Ideen des Romans sind längst Bestandteil der SF-Historie geworden.

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Eure Meinung:

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Buch:

Zeit aus den Fugen

Original: Time out of Joint,1959

Autor: Philip K. Dick

Übersetzer: Barbara Krohn und Gerd Burger

Taschenbuch, 288 Seiten

Heyne, 1. September 2002

 

ISBN-10: 3453217306

ISBN-13: 978-3453217300

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 31.05.2012, zuletzt aktualisiert: 17.07.2018 21:03