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7 Tage der Rache von Patrick Senécal

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Es ist wohl mit das Schlimmste, was man sich als Ehemann, Vater, ja als Mensch vorzustellen vermag: die brutale Misshandlung eines kleinen Kindes mitsamt dessen nicht minder grausamen Ableben. Das ultimative Ende der Unschuld, der absolute Sieg der vollkommenen Dunkelheit – und Beweis, dass unter dem Mantel namens »Menschlichkeit« noch immer schreckliche Bestien lauern, gegen die jedes Hirngespinst aus Film und Literatur deutlich verblasst.

 

Doch neben der unsagbaren Tat sind es auch die auftretenden Fragen, die uns, als Außenstehende, sosehr Angst machen. Welches Leid musste das Opfer ertragen, ehe es erlöst wurde? Welche kranken Gedanken gingen dem Täter durch den Kopf? Wie qualvoll muss der Tod des eigenen Kindes für die Eltern sein? Welche Form der Gerechtigkeit ist die Richtige?

 

Es ist ein Abstieg in die dunkelsten, hoffnungslosesten Gefilde der Finsternis – und dementsprechend größtenteils noch immer ein relatives Tabu für Filmemacher und Autoren, wenngleich einige wenige diesen hässlichen Gang gewagt haben. Beispielsweise Jack Ketchum in seinem kompromisslosen Roman Evil. Oder eben auch den Franko-Kanadier Patrick Senécal, der in 7 Tage der Rache ebenjenes Thema zentralisiert.

»Mich fasziniert die dunkle Seite der Menschen, das Finstere, das in uns allen lauert«, lautet eine seiner Aussagen, die durchaus treffend ist und gewiss auf einen Großteil seiner Kollegen aus der schreibenden Zunft zutrifft. Doch ist Senécal nicht nur ein in seiner Heimat erfolgreicher Romancier, sondern eben auch Familienvater. Man merkt seinem deutschen Einstand bereits nach wenigen Seiten an, wie sehr die Möglichkeit des Unsagbaren an ihm genagt haben muss, bis ihm keine Wahl mehr blieb, als sich ihm zu stellen – mitsamt den Konsequenzen.

»Horror ist all dass, womit wir uns nicht abgefunden haben«, sagte Altmeister Clive Barker einmal. Selten dürften diese Worte in Bezug auf »7 Tage der Rache« passender gewesen sein. Wobei »Horror« im Grunde keine treffende Umschreibung ist. Es mag Fiktion sein, doch hat die Welt, haben die Taten und Reaktionen, die binnen 384 Seiten entladen werden, nichts mit irgendwelchen Kreaturen und Phantasmagorien aus höllischen Untiefen gemein. Nein, dies ist unsere Welt, dies sind wir – und gegen unsere schlimmsten, animalischsten Ausgeburten und Triebe wirkt selbst der Gehörnte bisweilen wie ein Waisenknabe.

 

Dabei steht der eigentliche Täter – ein den Behörden bekannter Kinderschänder – im Grunde gar nicht im Mittelpunkt. Vielmehr ein völlig normales Mitglied der Gesellschaft, der Arzt Bruno Hamel. Ein guter, ehrlicher Mensch, dem das Schicksal ein ungetrübtes Familienleben mit Lebensgefährtin und kleiner Tochter beschert hat. Bis zu jenem Tag, an dem sich alles ändert; als Bruno und Sylvie das Wertvollste entrissen wird: ihre 7jährige Tochter Jasmine. Brutal vergewaltigt und ermordet. Von einem Pädophilen, der keinerlei Reue zu besitzen scheint. Der frech-überheblich in die Kameralinsen grinst und sich sicher fühlt. Was er auch gewissermaßen kann. Den für ewig wird man ihn gewiss nicht einsperren, den Gesetzen sei Dank.

Das die laxen Gesetze diesem Monster namens Lemaire entgegenkommen werden, daran hegt auch Bruno nicht den geringsten Zweifel. Längst ist seine Trauer etwas anderem gewichen, einem Gift, welches ihn gleichermaßen von Innen heraus verseucht und so etwas wie Hoffnung, ja Gerechtigkeit verspricht; in eine einzige, allumfassende Frage mündend, die fortan zu Brunos Daseinszweck wird: »Was würde ich tun, wenn ich den Mörder meiner minderjährigen Tochter in die Finger bekomme?«

Natürlich weiß Bruno, dass ihm niemand – kein Anwalt und kein Polizist – diese Möglichkeit je gewähren würde. Oder das seine weiterhin traumatisierte Lebensgefährtin Sylvie dafür Verständnis zeigen würde. Dennoch …

Und so heckt Bruno einen gleichermaßen perfiden wie clever konstruierten Plan aus; ein Projekt, welches tatsächlich in der erfolgreichen Entführung Lemaires zusammenläuft, damit aber noch nicht am Ende ist. Weit gefehlt. Denn dieses Schwein soll bezahlen. Für dass, was er seiner Tochter, seiner Lebensgefährtin, ihm selbst angetan hat. 7 Tage lang wird Bruno Lemaire die Hölle auf Erden bereiten. Und danach …

Er verschleppt den hilflosen Kinderschänder in den speziell präparierten Keller einer einsam gelegenen Hütte; fernab von größeren Menschenansammlungen. Gleichzeitig wird jeder Kontakt zu Freunden, Kollegen und Familie gekappt. Was zählt, ist die vor ihm liegende Aufgabe, die er mit chirurgischer Bestimmtheit auszuführen gedenkt.

 

Wie bereits erwähnt, passt »7 Tage der Rache« im Grunde nicht unbedingt in die Horror-Schublade. Dafür ist Senécals Roman schlichtweg zu … nüchtern, zu analytisch. Selten konnte ein Autor jedenfalls mit solch einer präzisen psychologischen Analyse respektive Auseinandersetzung so überzeugen – und gleichzeitig so starke Gefühle beim Leser wecken. Gerade weil Senécals Stil rational und ausnahmslos sachlich ist, dem Plakativen der Riegel vorgeschoben wurde, ist »7 Tage der Rache« so ein intensives und verstörendes Werk geworden; bohrt sich der Nachhall der Taten von Lemaire wie auch der von Bruno so kraftvoll und schmerzhaft ins Fleisch der Beteiligten. Doch bei einem Kammerspiel Täter-Opfer lässt es Senécal nicht bewenden, er zeigt auch, wie schnell Hass und Rachegefühle, aber auch Hilflosigkeit und Zweifel wie eine Gewitterwolke über die Gesellschaft herfallen können. So mutiert Brunos eigens auf sich geschmiedeter Wahn zu einer Art Virus, der ungemindert die Allgemeinheit befällt und selbst vor den Vertretern des Gesetzes nicht Halt macht. Oder vor dem Leser, der sich gewiss mehr als einmal auf Brunos Seite schlagen wird – gewollt oder ungewollt. Bis man sich der eigenen Schwäche, der persönlichen Bestie gewahr wird, die eben in uns allen schlummert. Beklemmend, aber wahr. Und das wohl größte Kompliment, das man Senécal machen muss, zusammen mit der unumstößlichen Gewissheit, einen der wohl intensivsten Thriller der letzten Jahre gelesen zu haben.

 

Fazit:

Pageturner? Gewiss – und noch sehr viel mehr als das. »7 Tage der Rache« in die Liga der »normalen« Thriller zu reihen, wäre ein fataler Trugschluss, da dieses brutal-verstörende Meisterwerk weiter, viel weiter geht. Dieser Roman wühlt auf, macht nachdenklich, reflektiert – und ist ob seiner leider sehr realistischen Ausgangslage dementsprechend intensiv.

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Eure Meinung:

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Buch:

7 Tage der Rache

Original: Les Sept Jours du talion, 2002

Autor: Patrick Senécal

Taschenbuch, 384 Seiten

Festa-Verlag, 28. April 2014

Übersetzer: Alexander Rösch

Titelbild: Cristina Otero

 

ISBN-10: 3865523005

ISBN-13: 978-3865523006

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00JEHG2CA

 

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Erstellt: 07.08.2014, zuletzt aktualisiert: 14.09.2018 13:51