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An den Feuern der Leyermark von Carl Amery

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Nichtsahnend bestellt ein Beamter der Münchner Ministerialbürokratie 560 »Godfrey Rifles« aus den Restposten des US-amerikanischen Bürgerkrieges. Er ahnt nicht, dass mit »rifles« nicht nur Waffen, sondern auch Schützen gemeint sind. Ein paar Wochen später reiten 560 Abenteuer und Halunken, aber allesamt gefürchtete Scharfschützen, über den Königsplatz in München ein. Gegen ihre Feuerkraft haben die Preußen nicht die geringste Chance. Binnen 45 Minuten haben sie mit ihren Schnellfeuergewehren die Gardes du Corps aufgerieben. Bayern wird ein selbständiger Staat wie die Schweiz, genannt die Leyermark.

 

Rezension:

Alternative Historie ist eine sehr eigene Unterart der Science-Fiction. Sich auszumalen, was passiert wäre, wenn bestimmte historische Ereignisse komplett anders verlaufen wären, beflügelt die Fantasie von Autorinnen und Autoren. Auch für Carl Amery mag es sehr verlockend gewesen sein, seiner bayrischen Heimat an einem ganz besonderen Wendepunkt seiner Geschichte mit einem alternativen Geschichtsverlauf beizustehen. Entstanden ist dabei ein sowohl ungewöhnlich erzählter als auch ein sehr temperamentvoller SF-Roman.

 

1866 stehen die politischen Zeichen in Deutschland auf Krieg. In den höheren Rängen der bayrischen Ministerialbürokratie ist man sich einig, dass der »Bundeskrieg« unausweichlich ist und nur mit dem Sieg der Preußen enden kann. Entsprechend fatalistisch ist die Stimmung. So wundert es nicht, dass der fränkische Jurist Damian zu Kyburg seinem Vorgesetzten und damit auch dem König einen folgenschweren Streich spielt. Obwohl er ahnt, dass mit der Anzeige über 560 »Godfrey Rifles« nicht nur Gewehre, sondern auch Männer gemeint seien, schiebt er ihnen eine entsprechende Kauforder unter.

Er ahnt hingegen nicht, dass es sich um damals beispiellose Schnellfeuergewehre handelt, die ein in die USA emigrierter deutscher Revolutionär von 1848 erfunden und gebaut hat.

Diese 560 Bürgerkriegsveteranen bringen nicht nur ihre leistungsstarken Gewehre mit, sondern auch jede Menge Unruhe und Anarchie. Ihr Eingreifen in den Bundeskrieg leitet eine ganze Reihe von Veränderungen ein, denn nachdem die Bayern und Amerikaner die preußischen Truppen in Mitteldeutschland schlagen, muss plötzlich Bayern die Führungsrolle übernehmen …

 

Carl Amery lieferte mit An den Feuern der Leyermark einen ungewöhnlichen Beweis seiner Erzählkunst. Der Roman besteht aus verschiedenen Textformen. Aktennotizen, Gesprächsprotokolle, Reden und stilistisch gänzlich unterschiedlich gehaltene Erzählebenen wechseln einander ab.

Selbst die Zeitebene wird gewechselt, samt der zugrundeliegenden Sprache. Amerys Bemühen, auch im Sprachduktus einen Roman zu schreiben, der sich an das 19. Jahrhundert anlehnt, verleiht dem Text über weite Teile einen fast rebellisch wirkenden Anachronismus.

 

Allerdings erhält der Roman dadurch auch eine sehr hohe Einstiegshürde. Die Lektüre gestaltet sich zusätzlich schwer durch die Verwendung von bayrischen Dialekten und durch eine Wortwahl, die sich sowohl an der Handlungszeit als auch den regionalen Gepflogenheiten orientiert.

 

Hat man sich eingelesen, entfaltet sich ein immer breiter werdendes Gesellschaftsgemälde, dessen alternative Realität zunehmend in Vergessenheit gerät, so plastisch und detailliert gestaltet Amery sie.

Das liegt vor allem an seinem Personal. Neben den adligen Beamten vom »Stammtisch der Reichsfreyen« begegnen wir noch einigen Menschen aus dem Plattbayrischen Dorf Reithbichl. Die eingezogenen jungen Männer geraten unter den Einfluss der Amerikaner. Darunter Vinz Brettscheid, der nicht nur bei der entscheidenden Schlacht dabei ist, sondern später in München als experimentierfreudiger junger Maler die Ikonographie der neuen Republik mitprägen wird.

Die Lebenslinien ganz unterschiedlicher Figuren kreuzen und verschränken sich. Die Mutter von Vinz verliebt sich in einer der Amerikaner. Ein schwarzer Soldat wird in einer Kirche erschlagen, weil er mit einem euphorischen, protestantisch erscheinenden Gebet den katholischen Gottesdienst stört. Der bayrische König verliert den Verstand bei der Umsetzung seiner verträumten Lebensphilosophie und liefert somit unbeabsichtigt die Gründungsidee der neuen Eidgenossenschaft, ein erfolgreicher General wird zum unfähigen Premierminister und ein Indianer wird zum Gründungsvater einer modernen Pädagogik.

Politische Intrigen entspinnt Carl Amery zwischen Wirtshaus und Sonderzug. Wir erleben das von einigen Zeitsprüngen durchzogene Geschehen stets aus der Sicht einer besonderen Person. Auch die Frauenfiguren erlangen eine historische Bedeutung, liefern Ideen, führen voran.

Am Ende wird der Roman fast pathetisch und bietet mit seiner hoffnungsvollen Utopie von einem Europa ohne Weltkriege eine starke Vision. Die Idee, dass die Verhinderung der preußischen Vorherrschaft zu einem friedlicheren und demokratischen Europa geführt hätte, liest sich bei Amery mehr als einleuchtend, und selbst wenn man sich Bayern nicht unbedingt als das Land der sanften Revolution vorstellen kann, eine so menschliche positive Utopie bleibt eine Freude.

Amerys Roman liefert mehr als bayrisches Temperament, er liefert Hoffnung und den Glauben an den gesunden Menschenverstand.

 

Fazit:

»An den Feuern der Leyermark« von Carl Amery ist mehr als ein Spiel mit einer alternativen Historie. In einem hochkomplexen Geflecht aus Figuren und Materialien bezaubert Amery durch die Vision eines friedlichen, demokratischen Europas, in dem die Völker ihr Glück selbst bestimmen und nicht Waffen, Gewalt und Macht. Ein großartiges Werk!

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Eure Meinung:

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Buch:

An den Feuern der Leyermark

Autor: Carl Amery

Heyne, 1994

Taschenbuch, 351 Seiten

 

ISBN-10: 3453072499

ISBN-13: 978-3453072497

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 26.10.2017, zuletzt aktualisiert: 10.01.2019 15:22