Anarchie Déco (Autor: J.C. Vogt)
 
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Anarchie Déco von J.C. Vogt

Rezension von Matthias Hofmann

 

Sie nennen sich gerne mal »Die Vögte« (z. B. auf ihrer Homepage und YouTube) und spielen mit ihren Autorennamen. Die Rede ist von dem schreibenden Paar Judith und Christian Vogt. Wobei … grundsätzlich ist sie die Autorin und er ist der mitfabulierende Berater. Und auch wenn viele ihrer Romane gemeinsam erarbeitet wurden, stand auf dem Umschlag meist der Name der Frau: Judith C. Vogt. Nun haben sie mit Anarchie Déco erstmals einen Roman unter dem Namen »J.C. Vogt« veröffentlicht und betonen auf YouTube, dass dies zum ersten Mal für beide gemeinsam steht (das »C« steht für »Christian« und nicht für Judiths Zweitnamen).

 

Ursprünglich kamen sie aus der Rollenspielecke. Judith Vogt kann man zu den etablierten Autorinnen im Bereich der Fantastik zählen. Während ihre ersten schriftstellerischen Gehversuche (besonders im Rollenspielbereich) als eher belanglose Unterhaltungsware ohne Mehrwert kategorisiert werden können, was per se nicht schlecht ist, hat sie sich einen respektablen Ruf erschrieben. Der Roman Roma Nova (2018) war erstmals so richtig interessant, denn er bietet eine gelungene Melange zwischen Science-Fiction-Space-Opera und einem Hintergrund, entnommen aus dem Römischen Reich der Antike.

 

Judith ist aktiv in der Queer-Szene oder LGBT+. Sie ist auch Mitherausgeberin des Spartenmagazins Queer*Welten. Das ist ein vierteljährlich erscheinendes »queerfeministisches Science-Fiction- und Fantasy-Zine, das sich zum Ziel gesetzt hat, Kurzgeschichten, Gedichte, Illustrationen und Essaybeiträge zu veröffentlichen, die marginalisierte Erfahrungen und die Geschichten Marginalisierter in einem phantastischen Rahmen sichtbar machen.«

 

Das zu wissen ist vielleicht hilfreich für die Einordnung des neusten Werks »Anarchie Déco«. Doch bevor wir zum Inhalt kommen noch eine Bemerkung zum »Warnhinweis« am Anfang des Buchs.

 

Noch vor dem Prolog gibt es eine sogenannte »Triggerwarnung«. Das kommt aus der Psychologie, wird aber seit einigen Jahren auch im Diversity-Kontext bemüht. Ich werde also gewarnt, was alles so in dem folgenden Roman vorkommt und eventuell schlimmere Erinnerungen, und im worst case gar Alpträume, hervorrufen könnte: »Mord, Verstümmelung, Sexismus (Alltags- & Universitätskontext), Referenz auf vergangene Abtreibung, antisemitischer Rassismus, Klassismus & Elendsviertel, Missbrauch und Gefangenschaft, PTSD, Militarismus, Nazis und Faschismus, Erdbeben, einstürzende Gebäude«.

 

Ich zitiere das an dieser Stelle komplett, um potentielle Leserinnen und Leser im Sinne des Autorenpaars zu warnen. Im Buch selbst, auch wenn der Text schon auf Seite 5 abgedruckt wurde, ist er eigentlich deplatziert bzw. zu spät. Um ihrem Zweck gerecht zu werden, sollte diese Triggerwarnung eher auf den Umschlag, auf die Homepage des Verlags und überall dort zu lesen sein, wo das Buch beworben und vorgestellt wird.

 

Denn hätte ich tiefgreifende Angst vor Erdbeben, Sexismus, Militarismus, usw. hätte ich möglicherweise das Buch schon »falsch« gekauft. Mal davon abgesehen, dass nicht jeder weiß, für was »PTSD« steht oder was »Klassismus« ist.

 

Über den Sinn solcher Warnhinweise auf Lese-Nebenwirkungen, ähnlich einem Beipackzettel bei Medikamenten, kann man natürlich vortrefflich streiten. Ich brauche sie nicht und in diesem Fall hatten sie für mich Spoilercharakter, gerade der Hinweis auf die Abtreibung oder das Erdbeben.

 

Aber kommen wir zum eigentlichen Inhalt. Wie schon bei »Roma Nova« und an anderen Stellen

mischen die Autoren gerne verschiedene Genres. Man könnte sagen, sie schreiben »genrefluid«, passend zum genderfluiden und non-binary-Umfeld, in dem sich Judith Vogt bewegt. Während der Verlag mit dem Klappentextspruch auf den Volker-Kutscher-Hype aufspringt und den Slogan »Babylon Berlin mit Magie« zum besten gibt, kann man festhalten, dass hier real vergangene Historie sowohl mit Aspekten des Kriminal- als auch des fantastischen Romans vermischt werden. Ein Unterfangen, das ganz schön in die Hose gehen kann, gerade wenn man seine Hausausgaben in Bezug auf Geschichte nicht ordentlich gemacht hat.

 

Wir befinden uns im Berlin des Jahres 1927. Unerklärbare Phänomene passieren. Morde geschehen. Eine Frau wird versteinert. Gerüchte über einen Golem kursieren. Die Nationalsozialisten werden immer stärker. Es gibt Fälle, in denen Magie ausgeübt wird. Interessanterweise nur möglich, wenn ein Mann und eine Frau zusammenwirken. Und wenn ein Teil der Kunst, der andere Teil der Physik, zugewandt ist.

 

Hauptperson ist die junge Physikerin Nike Wehner, die schon alleine als Frau mit naturwissenschaftlichem Hintergrund wie ein Anachronismus wirkt. Um das noch etwas bunter zu gestalten und weitere Reibungspunkte zu schaffen, ist sie die Tochter einer Ägypterin und eines Deutschen, darf sich somit als Mensch der Gruppe »People of Color« als potentielles Opfer selbstbewusst mit den Auswüchsen und Vorurteilen der weißen, deutschen Gesellschaft auseinandersetzen.

 

Die eigentliche Geschichte beginnt auf der fünften Solvay-Konferenz, die 1927 in Berlin stattfand. Unter dem Themenschwerpunkt »Elektronen und Photonen« wurde besonders die damals neue Quantenphysik intensiv diskutiert. Übrigens: Von den 29 Anwesenden wurden später stolze 17 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Auf dem Gruppenfoto, das man bei Wikipedia nachschlagen kann, sieht man lauter Männer, von denen Albert Einstein, Niels Bohr, Max Planck, Erwin Schrödinger und Werner Heisenberg zu den bekanntesten Namen gehören. Gleich in der ersten Reihe findet sich auch die einzige Frau: Marie Curie, die zusammen mit ihrem Ehemann Pierre die chemischen Elemente Polonium und Radium entdeckte und bis dato zwei Nobelpreise bekommen hatte.

 

Im Roman findet diese Konferenz in einer alternativen Realität statt, wo Einstein nicht teilnimmt (aber später im Roman vorkommt), dafür ist Nike Wehner von der Friedrich-Wilhelms-Universität vor Ort, und sie zeigt in einem Feldversuch auf der Bühne mit ihrem Partner live wie Magie funktioniert.

 

Neben Nike spielt der tschechische Bildhauer Sandor Černý eine Hauptrolle, der ebenfalls so seine inneren Genderkonflikte und homoerotischen Neigungen mehr oder weniger unterbewusst austrägt, und dem der Künstlerpart beim Magie-Ausüben zufällt.

 

Und dann ist da noch der kurz vor der Pensionierung stehende mit einem skurrilen Häkelfetisch ausgestattete Kommissar Seidel. Dessen Rolle ist am wenigstens ausgearbeitet, pendelt zwischen Comic Relief (Shakespeare lässt grüßen) und Krimiversatzstück. Er ist irgendwie da, was aber nicht ausreicht, um als Leser mit zu fiebern, wenn es ihm an den Kragen geht.

 

Die Zutaten von »Anarchie Deco«, dieser mutige Mix aus Krimi, Urban Fantasy und naturwissenschaftlicher Historie im Berlin der Goldenen Zwanziger, wirken auf den ersten Blick etwas »too much«. Umso erfreulicher ist das Gefühl, das sich allmählich beim Lesen einstellt, nämlich, dass sich das Risiko der beiden Schreibenden gelohnt hat.

 

Das Ergebnis ist ein gut recherchierter Roman mit einem in sich schlüssigen Bezugssystem. Im Nachwort erklären die Vögte, dass für sie beim Schreiben dieses Buchs der Begriff »Recherche« eine ganz andere Dimension angenommen habe: »Es waren Monate und Tausende Seiten, begleitet von Podcasts, Dokus und Museen, aber wir wissen, frei nach Sokrates, dass wir weniger wissen, als wir zu wissen glauben.« Da behaupte noch einer, für Fantasyromane brauche man nichts zu recherchieren und könne einfach drauflos schreiben.

 

Während der waghalsige Genreseiltanz mit Bravour vollbracht wird und es nur in der Mitte des Werks etwas ruckelt, als man sich in Details vergaloppiert hat, um dann mit schnellen Handlungssprüngen wieder Strecke aufzuholen, macht eine zusätzliche inhaltliche Schicht beim erweiterten Lesen auf Metaebene etwas Probleme.

 

Eine feministische Hauptfigur, die sich zum non-binary-Menschen wandelt, ist sehr schwer glaubhaft in die Zeit der 1920er Jahre zu übertragen. Mitunter schießen die Vögte mit dem Verhalten der Nike Wehner übers Ziel hinaus. Zum Beispiel wenn Nike versucht, Gendersprech durchzusetzen. Oder an Stellen wie auf Seite 365, wo Sätze stehen wie: »Sandor sah zu den Fahrzeugen hinüber, in die Gästinnen und Gäste allein oder paarweise einstiegen.«

Und davon abgesehen: Hätte das nicht in die Triggerwarnung am Anfang gehört? Es gibt Leute, die Herzrhythmusstörungen bekommen, wenn andere Menschen anfangen zu gendern.

 

Davon abgesehen halte ich »Anarchie Deco« für ein sehr reichhaltiges, viel- und tiefschichtiges und damit reifes Werk. Weil es nicht nur umfangreich recherchiert daherkommt, sondern prächtig unterhält und gut geschrieben ist, kann es als ein besonderer Meilenstein betrachtet werden. Nicht nur im bisherigen Gesamtwerk der Vögte, sondern auch der deutschsprachigen Fantastik insgesamt. Ein engagierter, lesbarer Fantastik-Roman, der zu Diskussionen und zum Nachdenken anregt. Das gibt es hierzulande heutzutage nicht so oft.

 

Nachtrag

Eine in der ursprünglichen Fassung der Rezension enthaltene Passage wurde vom Autor nach Hinweisen entfernt, deren Argumenten er sich anschließt.

 

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Buch:

Anarchie Déco

Autor·innen: Judith und Christian Vogt

Taschenbuch, 480 Seiten

FISCHER Tor, 25. August 2021

Cover: Tom Cage

Portraits: Mia Steingräber

 

ISBN-10: 3596002214

ISBN-13: 978-3596002214

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B0932CYTZC

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition


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Erstellt: 05.11.2021, zuletzt aktualisiert: 17.03.2023 18:49