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Aurora von Robert Harris

Rezension von Chris Schlicht

 

Der britischer Historiker Fluke Kelso, ein schon etwas heruntergekommener Mann mittleren Alters, der von seinen Kollegen wegen seiner oft grundsätzlich gegensätzlichen Ansichten nicht besonders geschätzt wird und sich mit seinen provokanten Thesen auch schon viele Feinde gemacht hat, besucht eher widerwillig eine Konferenz in Moskau.

 

Er wird von einem alten Mann namens Papu Rapawa angesprochen, der ihm unter Einfluss von einer Menge Alkohol eine verrückte Geschichte von Stalins Tod erzählt und von Berijas Aktionen, ein geheimnisvolles Notizbuch zu verstecken. Diese Aufzeichnungen könnten die bekannte Geschichte ändern, warum sonst sollte sein Dienstherr Berija so viel Aufwand betrieben haben und er so viele Jahre in einem Lager in Sibirien einsitzen müssen? Kelso glaubt ihm nicht, macht aber bei einem Besuch in Berijas ehemaligem Hauptquartier einen Entdeckung. An der Stelle, an der das Buch in einem Werkzeugkasten angeblich vergraben worden war, ist die Erde frisch aufgeworfen.

 

Kelso besucht Mamantow, einen fanatischen Stalin-Anhänger und ehemaligen Geheimdienstler, verrät diesem aber nicht seinen Informanten... das ist aber auch nicht nötig, denn Mamantow hat einst die Akte über Rapawa verfasst. Rapawa wird ermordet aufgefunden und Kelso verhaftet. Man versucht ihn abzuschieben, die Tochter Rapawas, Sinaida, die Kelso vor seiner Verhaftung ausfindig gemacht hatte, eine als Prostituierte jobbende Studentin, sorgt dafür, das er bleibt.

 

Sinaida hat eine letzte Botschaft ihres Vaters, in der er ihr verrät, wo er seinen Schatz versteckt hat. Sie bringt Kelso dorthin und zusammen mit dem Reporter O’Brien finden sie die Aufzeichnungen in einem Versteck.

 

Es ist ein Tagebuch eines Mädchens, das für Stalin als Bedienstete arbeitete. Die letzten Seiten fehlen, aber es ist klar, dass darin ein Drama der besonderen Art verfasst gewesen sein muss – Stalin hat die gesunde, überzeugte Kommunistin benutzt.

 

Kelso und O’Brien fahren nach Archangelsk, woher das Mädchen stammte. Die Akte des Mädchens beim dortigen Komsomolsk ist aber ebenso verschwunden. Nicht jedoch die Akte der Mutter, die noch immer lebt.

 

Sinaida wird verhört, doch sie bleibt stur, bricht aber, als man ihr die übel zugerichtete Leiche ihres Vaters zeigt. Sie erzählt dem Geheimdienstmann alles, was sie weiß, der sofort aufbricht, den beiden Männern nach Archangelsk zu folgen.

 

Die entdecken, dass die junge Frau ein Kind von Stalin hatte und kurz nach der Geburt des Kindes getötet wurde. Kelso und der Journalist brechen zu einer Siedlung auf und finden den Sohn Stalins. Dieser kann zwar alle Reden und Sprüche Stalins rezitieren, ist aber genauso brutal und irre wie sein Vater. Er hat die letzten Jahre wie ein Wolf in der Wildnis gelebt und alle umgebracht, die um ihn herum waren oder zufällig in die Gegend kamen. Mit ihm fliehen sie nach Archangelsk, wo es Kelso und dem Reporter scheinbar gelingt, zu entkommen. Doch im Zug zurück nach Moskau muss Kelso feststellen, dass er von allen gelinkt und als Werkzeug verwendet wurde...

 

 

Verfilmt wurde Aurora als Die rote Verschwörung mit Daniel Craig. Der passt zwar überhaupt nicht zu der beschriebenen Person des Historikers Kelso (beschrieben als zur Dicklichkeit neigender Mann mit grauenvollen Klamottengeschmack und lockigem schwarzen Haar), aber ein entsprechender Schauspieler wäre nicht gerade zugkräftig für einen Film dieser Thematik.

 

Dafür ist der beschriebene Kelso ein absolut glaubwürdiger Charakter. Ein bisschen misanthropisch und giftig, heruntergekommen und ewig besoffen. Ebenso glaubwürdig ist die Atmosphäre Moskaus in den Umbruchjahren unter Boris Jelzin beschrieben, die Menschen und die Stadt an sich. Die Birkenreihen vor dem Flughafen Sheremetjewo 2 gibt es so zwar nicht, aber es könnte sie geben (vor dem Flughafen gibt es nur um das Novotel ein paar Bäume und weit ab von der Straße beginnen Birken- und Kiefernwälder und er liegt so weit außerhalb, dass man lange über Autobahnen fährt, bis man auf die Straße in die Innenstadt kommt, die teilweise übrigens zu Jelzins Zeiten immer noch Leningrad Prospekt hieß, nur außerhalb der Innenstadt tatsächlich Sankt Petersburg Prospekt). Aber das sind nur Details, die sowieso nur denen auffallen, die Moskau in der beschriebenen Zeit kennen gelernt haben, ansonsten ist die Atmosphäre stimmig und allein darauf kommt es an. Die Uferlosigkeit des Daseins von Menschen, die immer nur beherrscht wurden, nicht für sich selbst zu denken gelernt haben und nichts damit anfangen können, für sich selbst Sorge tragen zu müssen und sich dabei verlieren. Anders als in „Vaterland“ ist das Umfeld das Reale, nur der Hintergrund der Handlung, Stalins Notizen, sind Fiktion. Aber wer sagt denn, dass es da nicht noch etwas gibt...

 

Der Titel „Aurora“ bezieht sich auf eine kommunistische Zeitschrift, die immer mal wieder auftaucht und von der man vermutet, dass Mamantow, der Stalin-Memorabilia-Sammler und ewig Gestrige, sie herausbringt. Aber es ist eine ganze Organisation um Mamantow, welche Stalins Rückkehr geschickt eingefädelt hat. Der Originaltitel ist aber „Archangel“ – Erzengel und bezieht sich auf Archangelsk, der Stadt am anderen Ende der Welt, aus der das Mädchen kam, das Stalin sich als Mutter seines Kindes ausgesucht hatte.

 

Wie auch „Vaterland“ hat „Aurora“ kein echtes Happy End. Das muss auch nicht sein. Die Geschichte ist ohne falschen Schmalz deutlich beklemmender. Sie fesselt von Anfang an bis zum doch überraschenden Ende.

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Eure Meinung:

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Buch:

Aurora

Autor: Robert Harris

Übersetzerin: Christel Wiemken

Heyne, Januar 2007

Broschiert, 464 Seiten

ISBN-10: 3453432096

ISBN-13: 978-3453432093

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 14.05.2007, zuletzt aktualisiert: 10.08.2018 17:21