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Baltimore, oder, der standhafte Zinnsoldat und der Vampir von Mike Mignola & Christopher Golden

Rezension von Christel Scheja

 

Ein klassisches Märchen, ein für seine düsteren Epen um Batman bekannt gewordener Comiczeichner und ein Autor, der sich bereits in vielen in den Spielarten der Phantastik und der Medien bewegt hat, standen am Anfang des Projektes „Baltimore, oder der standhafte Zinnsoldat und der Vampir“

Hans Christian Andersen, der große dänische Märchenerzähler ist vor allem dadurch bekannt geworden, dass seine Geschichten viel düsterer und unheimlicher waren als die anderer Dichter. Vor allem gingen sie nicht immer gut für die Protagonisten aus. „Das Mädchen mit dem Schwefelhölzern“ starb im Schnee und „Die kleine Meerjungfrau“ lernte zwar die Liebe kennen, ging aber dadurch zu Grunde und eine andere bekam ihrem Prinzen.

Auch „Der standhafte Zinnsoldat“ konnte zwar einen Sieg über den Springteufel erringen, vor dem Untergang retten konnte ihn das nicht.

 

Lord Henry Baltimore wird in den Schützengräben auf einem der Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs erstmals mit dem wahren Grauen konfrontiert. Seine Kameraden fallen nicht nur durch die Kugeln und Granaten des Feindes, durch das feuchte Wetter und die Kälte, sondern auch durch eine grauenhafte Kreatur, die halb Fledermaus, halb Mensch über sie herfällt und ihnen das Blut raubt. Er setzt sich gegen die Kreatur zur Wehr und kann sie vertreiben, jedoch zu einem sehr hohen Preis.

Durch eine Verletzung verliert er nicht nur eines seiner Beine, er hat auch den unerbittlichen Hass der Kreatur auf sich gezogen. Und diese nimmt grausame Rache an seiner Familie, indem er die geliebte Frau des Lords umbringt. Selbst nur knapp dem Tod entkommen schwört Lord Baltimore, kaum dass er aus dem Lazarett entlassen und nach Hause zurückgekehrt ist, seinen Gegner zu finden und zu vernichten.

Und so widmet er die kommenden Jahre der Suche nach dem „Roten König“, dem Herrn der Vampire. Auf seinen Reisen durch Europa macht er die Bekanntschaft von Dr. Rose, einem Arzt, Aischros Demetrius, einem Seemann aus dem Mittelmeer und dem ehemaligen Soldaten Childress, der vor den Schrecken des Krieges geflohen ist.

Diese drei Männer treffen sich nun – einer Einladung ihres alten Freundes folgend - in einem abgelegenen Gasthaus und vertreiben sich die Zeit, indem sie einander erzählen, warum sie Baltimores Feldzug gutheißen und ihm alles was er ihnen erzählt hat glauben können. Denn ein jeder von ihnen hat selbst seine Erfahrungen mit dem unheimlichen Grauen und den Boten des Bösen gemacht. Sie sind bereit dem Lord, bei dem, was nun folgen mag beizustehen.

Noch ahnen sie jedoch nicht, dass sie längst am Schauplatz des Geschehens sind und damit die Köder für eine lange im Voraus angelegte Falle. Ein überraschend eintreffender Brief bereitet sie darauf vor...

 

Man kennt Mike Mignola eigentlich nur als Comic-Zeichner, hier beweist er auch seine Qualitäten als Autor, auch wenn Christopher Golden sicherlich den Großteil des Textes verfasst hat. Dafür stammen die Illustrationen des Buches allein von ihm. Die meisten von ihnen sind gleichzeitig mit dem Text entstanden und nicht erst nach Fertigstellung des Buches, das eigentlich weniger eine in sich geschlossene Handlung als in einen Rahmen gebettete eigenständige Geschichte bietet. Trotzdem arbeiten die Texte alle auf ein gemeinsames Ziel zu.

Anleihen nehmen die Autoren bei den phantastischen Autoren des 19. Jahrhunderts. Sie setzen auf das sich leise anschleichende Grauen, erlauben sich den ein oder anderen ekelerregenden Schockeffekt und gehen mit Kämpfen äußerst sparsam um. In den meisten Geschichten ist das Böse eine überlegene, schattenhafte Macht, die sich nur ganz kurz eine Blöße gibt. Wenn die Protagonisten diese nicht ausnutzen sind sie verloren. Viel Zeit wird deshalb ihrem Gedanken und Gefühlen gewidmet.

Dadurch entsteht eine düstere, melancholische Atmosphäre, die durch die schwarz/weißen, holzschnittartigen Bilder noch vertieft wird. Da das Schwarz überwiegt und die Darstellungen zumeist sehr trist sind, kann man der trüben Stimmung gar nicht ausweichen, die schließlich zu einem führt – einer ungewohnt deutlichen Abstumpfung. Wie tief diese gehen kann zeigt die letzte Szene. Auch wen es dem Lord und seinen Getreuen gelingt, den Sieg davon zu tragen, so hat einer von ihnen doch einen grauenvollen Preis dafür bezahlt.

Das ganze ist sehr zeitlos angelegt, so als könne es auch hier und heute spielen. Nur wenige Stellen deuten darauf hin, wann die Geschichte eigentlich spielt. Die Bilder des Krieges erwecken Erinnerungen an das Grauen von Verdun, die immer wieder erwähnte Pest erinnert an die Epidemie der Spanischen Grippe, die in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ganze Teile der Bevölkerung Europas ausradierte.

Zurück bleibt man jedenfalls sehr nachdenklich, denn wie im Märchen ist der standhafte Zinnsoldat vielleicht der Retter – aber selbst hat er mehr als nur sein Ziel verloren.

 

Das macht „Baltimore, oder, der standhafte Zinnsoldat und der Vampir“ zu einem Epos, das die Themen klassischer Horror-Geschichten atmosphärisch mit der düsteren Kunst des 21. Jahrhunderts verbindet. Jeder, der sich für die düstere Phantastik interessiert und nicht nur auf oberflächlichen Splatter setzt, wird daran wohl seinen Spaß haben.

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Buch:

Baltimore, oder, der standhafte Zinnsoldat und der Vampir

Autoren : Mike Mignola & Christopher Golden

Original: Baltimore, or the Steadfast Tin Soldier and the Vampire, 2007/08

Gebunden, Großformat, 318 Seiten

Cross Cult, erschienen Mai 2008

Übersetzung aus dem Englischen von Christian Langenhagen

Titelbild und Innenillustrationen von Mike Mignola

ISBN-10: 3936480605

ISBN-13: 978-3936480603

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 01.07.2008, zuletzt aktualisiert: 05.10.2018 18:46