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Bleeding Edge von Thomas Pynchon

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

«Bleeding Edge» nennt man eine so neuartige elektronische Anwendung, dass sie noch keinen erwiesenen Nutzen hat. Wie etwa DeepArcher, eine verbesserte Version von Second Life, in der alles möglich scheint. Sogar Geldwäsche oder Terrorplanung für 9 /11, ohne dass man eine Spur hinterlässt. Deshalb interessiert sich dafür neben Geheimdiensten und internationalen Verbrechern auch eine kleine New Yorker Wirtschaftsdetektivin namens Maxine Tarnow, jüdisch, geschieden, zwei schulpflichtige Kinder, mit einer wirklich wenig beeindruckenden Beule in der Handtasche, da, wo sie ihre Damen-Beretta versteckt …

Mit gelegentlichen Ausflügen nach Long Island und ins Deep Web versetzt uns Thomas Pynchon in eine historische Romanze über New York in den frühen Tagen des Internets …

 

Rezension:

Wie viele Tagebücher mag Thomas Pynchon im Jahre 2001 vollgeschrieben haben, um uns diese Fülle an Namen, Details und Befindlichkeiten ins Gedächtnis zurückrufen zu können? Selbst wenn es jede Menge fiktiver Fakten in Bleeding Edge gibt, begibt man sich dennoch auf eine Zeitreise, die zu diversen epochalen Enden und Anfängen führt.

Zwischen den Nachwehen den Dotcomblase und dem Anschlag auf das World Trade Center begleiten wir das chaotische Leben von Maxine, die sich ihren eigenen Weg durch New York bahnt. Als nicht mehr lizensierte Wirtschaftsprüferin stolpert sie halb zufällig in die Machenschaften einer Computerfirma, die als eine der wenigen großen Gewinner aus dem Platzen des Internethypes hervorging: hashslingrz.

Firmenchef ist der Schwiegersohn ihrer besten Freundin und natürlich ein ekliger Mistkerl, dem das viele Geld gar nicht gut tut. Im Strudel seltsamer Machenschaften stößt Maxine auf Verwicklungen, die bis in die Finanzierung von Terroristen hineinreicht.

Sie blickt in die frischen Weiten eines Internets unter dem Internet. Deep Archer ist eine Art Second Live, nur hübscher und verführerischer. Doch wie alles, dass begehrenswert erscheint, wird auch dieser Nerd-Ort schnell infiltriert von Massengeschmack und Firmeninteressen.

Doch es reicht, der Magie dieser Cyberwelt zu verfallen und ihren eigenen Mystizismus zu finden.

Maxine bewältigt ihre Recherchen zwischen Haushaltsführung, Muttersein und Beziehungsflaute. Sie ist scharf auf die bösen Jungs und sehnt sich doch nach ihrem Ex und dem normalen Schlafmodus einer bürgerlichen Ehe. Dabei sind die Mütter in »Bleeding Edge« stets die cleveren Figuren, haben den Durchblick und die aufgeregte Lässigkeit, neben der Pistole auch die Auslagen im Schaufenster im Blick zu behalten.

Der weibliche Blickwinkel wird selten verlassen, oft genug nur durch die Linse einer Kamera oder dem spiegelnden Blick eines Bildschirms.

 

Und Maxine ist New Yorkerin. Sie lebt in Manhattans Silicon Alley, eingebunden in jüdisches Klanbewusstsein und urbanem Chick. Pynchon wälzt uns in Kulturerinnerungen und betreibt dabei so extensives Namedropping, dass man teilweise glaubt, eine Stadtchronik zu lesen. So als würde Pynchon unbedingt Geschäfte, Speisen, Gerüche und Bezeichnungen einer Zeit für immer festhalten wollen, von denen die Beteiligten noch gar nicht wussten, dass sie vergessen und vergangen ist.

Selbst für Nicht New Yorker ist das Eintauchen in die allernächste Vergangenheit voller Erstaunen. Sind es doch viele kleine uns heute selbstverständliche Dinge, die 2001 erst Visionen waren. Soziale Netzwerke, Smartphones mit GPS und immerwährender Überwachung, Clouddaten oder Wikipedia. Nur der Kampf der CSS-Fetischisten hat sich kaum gewandelt.

Es entsteht dabei ein typisches Gewebe aus Figuren und Schauplätzen, ständig in Bewegung, irgendwie verknüpft miteinander und doch immer am Zerfließen und verwehen.

Wenigstens gönnt Pynchon uns mit Maxine einen Fokus und so fällt es erstaunlich leicht, den Ploteskapaden zu folgen, in wieviele Stränge er auch hin und wieder zu verzweigen neigt.

Und am Ende erkennt man den Kreis, den Maxine abgehen musste. Zwischen Birnenblüten und den Jungs, die eigentlich zu groß dafür sind, zur Schule gebracht zu werden.

 

Alle Achtung vor Übersetzer Dirk van Gunsteren, der eine ganze Menge Namen und Begriffe auf ihre deutsche Verwendung hin abklopfen und dennoch Pynchons Stil erhalten musste.

 

Fazit:

In »Bleeding Edge« beeindruckt Thomas Pynchon durch eine riesige Fülle an Memorabilien des Jahres 2001, viel Witz und noch viel mehr New York. Eine Ode an die berufstätige Frau, deren Emanzipation kein Gegengewicht zu irgendwas ist, sondern einfach freies Leben.

Hier wird das Jahr 2001 und 9/11 auf eine ganz eigene Weise erzählt. Kunterbunt und schräg. Wer so etwas mit 75 zu schreiben vermag muss wohl zehn Leben gleichzeitig führen oder eben eine Menge Notizbücher.

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Eure Meinung:

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Buch:

Bleeding Edge

Original: Bleeding Edge, 2013

Autor: Thomas Pynchon

Übersetzer: Dirk van Gunsteren

Gebundene Ausgabe, 605 Seiten

Rowohlt, 26. September 2014

 

ISBN-10: 3498053159

ISBN-13: 978-3498053154

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B00M7KZGNW

 

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Erstellt: 24.03.2015, zuletzt aktualisiert: 05.10.2018 18:46