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Blutiges Frühjahr von Greg F. Gifune

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Sarah Pinborough, Carlton Mellick III., Gord Rollo, Ronald Malfi ... die Liste jener Horror- und Dark Fantastic-Autoren, die in den letzten Monaten mit ihren übersetzten Werken für Furore gesorgt haben, ist lang – und könnte durch einen weiteren Namen ergänzt werden: Greg F. Gifune. Wirbelte der aus Middlesex County in Massachusetts stammende Autor bereits in seinem Heimatland mächtig viel Wind auf, stehen nun unsere Breitegrade an. Begleitet von zahlreichen Lobpreisungen für sein bisheriges Schaffen (u. a. von Brian Keene und Tom Piccirilli) setzt der engagierte Festa-Verlag erneut auf die Qualitäten eines bislang unbekannten Newcomers – zu Recht?

Ähnlich wie schon zuvor Gord Rollo mit seiner modernen Fassung der Frankenstein-Legende, Amputiert, platziert Gifune das Geschehen seines Romans in die Gegenwart; fernab von gotischen Herrenhäusern und verfallenen Burgruinen.

Nein, Gifunes Welt ist die unsrige, ein manchmal freundlicher, meistens aber ernüchternder Ort voller urbaner Verlotterung, Arbeitslosigkeit und konstanten Geldproblemen: Potter’s Cove. Eine weitere, mittelgroße US-Kleinstadt, deren beste Jahre längst in weiter Ferne liegen. Umso erstaunlicher vermag deshalb auch die Tatsache erscheinen, dass Alan, Rick, Donald und Bernhard noch immer in ihrem Heimatstädtchen leben anstatt sie der nächstgelegenen Ostküsten-Metropole Boston vorzuziehen. Wobei ein Hauptgrund sicherlich auch jenes außergewöhnliche Band der Freundschaft sein mag, welches das Quartett seit Schultagen miteinander verbindet. Jeder weiß um die Sorgen und Nöte des anderen, es gibt keinen Platz für Gleichgültigkeit. Wenngleich das Erwachsenendasein den vier Enddreissigern mehr als einmal schlechte Karten zugespielt hat; ganz anders als in den Träumen und Sehnsüchten zu Teenagerzeiten. Doch was auch kommt: man nimmt es mit der lokalen Gleichgültigkeit; honoriert den nächsten Stolperstein Schulter zuckend und mit einem Lächeln.

Bis Bernhard Selbstmord verübt – und die Bande zwischen den Männern auf eine genauso harte Probe gestellt wird wie das Gewissen eines jeden einzelnen. Verdrängte Erinnerungen graben sich wieder an die Oberfläche zurück, Erinnerungen an das fünfte Mitglied ihres kleinen Zirkels. Erinnerungen an Tommy, der ihnen in Jugendjahren Vorbild und Anführer zugleich war. Tommy, den ein tragischer Autounfall viel zu früh aus dem Leben riss.

Doch auch der unlängst verstorbene Bernhard drängt sich seinen Freunden vehement auf, indem er Alan, Rick und Donald mit den gleichen Träumen heimsucht.

Eine fürwahr unheimliche Episode, die sicherlich nur ein Zufall gewesen sein mag – oder womöglich doch nicht? Sicher, Bernhard mag ein wenig introvertiert gewesen sein und seine Mutter etwas sonderbar … aber sonst?

Fragen, die besonders an Alan nicht spurlos vorübergehen. Begibt er sich vorerst gemeinsam mit den beiden anderen auf Spurensuche, beschließt der Wachmann schließlich, auf eigene Faust in Bernhards Vergangenheit einzutauchen – und wird fündig. Doch komplette Klarheit vermag die Tonbandaufnahme, die Bernhard kurz vor seinem Ableben aufgenommen hatte, auch nicht zu geben. Was bleibt, sind Andeutungen. Über das vermeintlich wahre Gesicht des als liebenswerten Verlierers deklarierten Bernhard. Bemerkungen und Kleinigkeiten, die womöglich ein gänzlich neues Licht auf ihn werfen könnten – und auf seine wahren Neigungen, die womöglich schon im bereits anbrechendem Frühjahr expliziter ausgeleuchtet werden.

Kurz darauf werden am Strand von Potter’s Cove mehrere Frauenleichen gefunden …

 

Blutiges Frühjahr mag als fantastischer Thriller deklariert sein (so suggeriert es zumindest der Untertitel), doch wenn überhaupt, so sind die dämonisch-übernatürlichen Kräfte weitestgehend nur im Hintergrund aktiv. Stattdessen präsentiert uns Gifune eine vertraute Welt samt der darin hausenden und nicht minder bekannten Gräuel – einschließlich der dunklen Seiten, die in jedem von uns lauern und nicht immer unter Kontrolle gebracht werden können. Lichtblicke haben hier keine besonders großen Chancen und werden schon vorab gnadenlos und konsequent zur Seite gewischt. Dabei entsteht eine Intensität, der sich die exzellent herausgearbeiteten Charaktere ebenso wenig entziehen können wie der vermeintliche Leser selbst. Meisterhaft baut Gifune dadurch eine immer eindringlichere Spannung auf, bis man schließlich das Gefühl hat, es würde einem den Brustkorb zuschnüren. Gleichzeitig bleibt dem Leser keine andere Wahl: er muss einfach weiter lesen, haben sich doch die Schicksale von Alan, Rick und Donald zu sehr in den eigenen Verstand gegraben um es einfach dabei zu belassen. Gekrönt wird diese hervorragende, kaum zu überbietende Tour de Force schließlich von einem aufwühlenden Finale, dass den Leser nachdenklich und atemlos zurücklässt – wie die Erinnerung an einen besonders garstigen Alptraum.

 

Fazit:

Verstörend, spannend, traurig – »Blutiges Frühjahr« ist ein ebenso düsterer wie faszinierender Alptraum; ein Parforceritt hin zu den schwärzesten Gefilden der menschlichen Seele und darüber hinaus, dessen Sog den Leser bereits nach den ersten Seiten unentrinnbar gefangen nimmt und selbst nach Beendigung nur langsam weichen will. Ein modernes Meisterwerk der dunklen Literatur!

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Buch:

Blutiges Frühjahr

Originaltitel: The Bleeding Season

Autor: Greg F. Gifune

Übersetzung: Michael Weh

Taschenbuch, 440 Seiten

Festa-Verlag, 20. März 2011

 

ISBN-10: 3865520979

ISBN-13: 978-3865520975

 

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 30.07.2011, zuletzt aktualisiert: 05.10.2018 18:46