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Leseprobe: Cassinis Gesänge

Cassinis Gesänge

Titel: Cassinis Gesänge

Drei Strophen einer Sinfonie

Autor: Uwe Voehl * Michael Knoke * Jörg Bartscher-Kleudken

Verlag: GOBLIN PRESS

Erscheinungsdatum: März 2003

Taschenbuch - 140 Seiten

mit CD-Beilage

 

Auszug aus CASSINIS GESÄNGE

Die limitierte Buchausgabe erscheint im März 2003 zusammen mit einer CD-Beilage bei GOBLIN PRESS und ist für ca. 10 Euro vorzubestellen.

 

GOBLIN PRESS

Jörg Bartscher-Kleudgen

Droste-Hülshoff-Str. 1

59757 Arnsberg-Neheim

 

Disclaimer: Freigabe zur Weiterveröffentlichung der Leseprobe besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

 

 

II. Ankunft

 

Zwei Monate später erreichte ich den Ort Perinaldo, der im Baedeker mit immerhin zwei Sternen und somit als »einzigartige Sehenswürdigkeit« hervorgehoben wird. In anderen Reiseführern ist er dagegen nicht auffindbar.

Perinaldo ist ein mittelalterliches Dorf, noch heute hat man den Eindruck, direkt in den finsteren Schlund des Mittelalters zu blicken, und es liegt auf einem schmalen Bergkamm. Obwohl die Riviera, namentlich das mondäne Bordighera und das hektische Ventimiglia nur 15 Kilometer weiter unterhalb entfernt liegen, ist es doch eine andere, abgeschiedene Welt.

Gegründet wurde Perinaldo im 11. Jahrhundert von den Einwohnern zweier heute verschwundener Dörfer und erlebte seitdem eine wechselvolle Geschichte inclusive seiner Zerstörung durch genuesische Truppen im Jahre 1672.

Wären meine Detektivkenntnisse nur ein wenig ausgeprägt gewesen, so hätte ich allein durch pure Deduktion darauf kommen können, dass sich Udo Lloyd hier aufhielt. Zumindest, dass es in Perinaldo Hinweise auf das Schaffen von SOLANACEA und seiner Musiker geben würde:

Perinaldo gilt als Geburtsort einer bedeutenden Astronomenfamilie, dessen berühmtester Sohn eben jener Gian Domenico Cassini war, dem CASSINI I seinen Titel verdankte.

Hierher also hatte es Udo Lloyd verschlagen.

 

Entgegen meiner Planungen kam ich erst gegen acht Uhr abends in Bordighera an. Ich lenkte meinen Wagen durch die belebte, kilometerlange Geschäftsstraße und hielt nach einem Hinweisschild Ausschau. Sehr zum Ärger der italienischen Verkehrsteilnehmer, für die ich viel zu langsam fuhr und die mich links und rechts laut hupend überholten.

Ich hatte das Ortsschild von Bordighera schon hinter mich gelassen, als ich endlich ein Hinweisschild nach Perinaldo erblickte. In Serpentinen ging es immer steiler hinauf. In dem stetig düsterer werdenden Zwielicht erkannte ich die hässlich in den Hang gebauten Gewächshäuser, die weiß wie Geschwüre aus dem Grün der Olivenkulturen heraus stachen. Doch je höher ich kam, umso mehr schwand der Hinweis auf menschliche Bebauung.

Die Scheinwerfer meines Wagens bahnten sich als einzige Lichtkegel einen Weg hinauf durch die Dunkelheit. Nebel kam auf, vielleicht hatte er auch schon den ganzen Abend auf mich gewartet. Ich verlangsamte die Fahrt noch mehr. Schritttempo.

»Wir hätten uns unten in der Stadt ein Hotel nehmen sollen!« sagte Astrid, mit der zusammen ich diese Reise unternommen hatte.

»Signor Mezzatesta wartet schon auf uns. Er wartet bestimmt!«

»Deine Worte in Gottes Ohr.« Sie schaute hinaus in die Dunkelheit und sah nur die Spiegelung ihres eigenen Gesichts in den Scheiben. »Im Moment kann ich mir nicht vorstellen, dass hier irgendjemand auf uns wartet. Wer kommt schon auf die Idee, im November Urlaub zu machen. Und das in dieser Einöde!«

»Perinaldo hat 850 Einwohner. Immerhin!«, widersprach ich. »Außerdem fängt der November erst morgen an. Heute ist erst der 31. Oktober.

»Halloween, ich weiß. Und eigentlich wären wir heute Abend auf einer Party bei Nicole eingeladen gewesen. Wo liegt eigentlich diese Villa Felice?«

»Müsste eigentlich gleich irgendwann mal kommen...« Die Villa Felice, unser Domizil, befand sich laut Auskunft unseres Vermieters zwei Kilometer unterhalb Perinaldos. Ein einzelnes Anwesen in den Bergen, erst vor wenigen Jahren erbaut von dem Dorfpolizisten und dessen Frau. Ihr kurzes Glück währte wenige Monate. Beide waren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Von den Verwandten wurde das Haus seitdem an Feriengäste vermietet.

»Und wenn wir uns verfahren haben?«, sagte Astrid.

»Praktisch unmöglich. Oder hast du eine Abzweigung gesehen? Selbst wenn wir an der Villa Felice vorbeirauschen, landen wir höchstens in Perinaldo.«

So einfach war es nicht, aber das konnte ich nicht ahnen. So fuhr ich weiter, wenngleich auch mich ein mulmiges Gefühl beschlich, mit jedem Meter mehr, den wir zurücklegten.

Doch hatte ich andere Gründe als Astrid. Für sie war es ein ganz normaler Urlaub – mit geplanten Bergtouren und Städtebesichtigungen. Ich dagegen hatte mir einiges vorgenommen. Und sollte es klappen, dann würde ich Udo Lloyd von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Die Klänge von CASSINI I, so wenig sie auch mit gewöhnlicher Musik gemein hatten, durchströmten - unhörbar für Astrid - meine Gehörgänge. Ich wusste, dass sie meine Leidenschaft weder teilte noch verstand. Das einzige Mal, als ich versucht hatte, ihr CASSINI I vorzuspielen und ihr meine Faszination zu erklären, hatte in völligem Streit und Desaster geendet.

»Dort ist es!«, rief ich. Ein beleuchtetes Gebäude erhob sich einige Serpentinen über uns.

»Das kann es nicht sein«, sagte Astrid. Sie hatte den Vorteil, sich nicht aufs Fahren konzentrieren zu müssen, während ich nur einen sekundenkurzen Blick auf das Gebäude erhascht hatte. Zu sehr war ich damit beschäftigt, den Wagen in der Dunkelheit auf der Fahrbahn zu halten.

»Das ist eine alte Kirche!«, sagte sie.

Nach wenigen Minuten hatten wir sie erreicht. Von der Straße führte ein kurzer Zufahrtsweg zu ihr hin. Ich stieg aus und reckte mich. Es war zwar ein wenig einladender Ort, aber nach der stundenlangen Autofahrt tat es gut, ein wenig frische Luft zu schnappen. Auch wenn der Nebel mich frösteln ließ.

»Das muss die Wallfahrtskirche Della Visitazione sein«, dozierte ich. »Wir sind auf dem richtigen Weg. Cassini ließ diese Kirche nach seinen Berechnungen bauen. Sie ist exakt nordsüdlich ausgerichtet.«

Die kleine Kirche wurde von außen angestrahlt.

»Ob sie geöffnet ist?« Neugierig bewegte ich mich vom Auto fort.

»Bleib doch hier!«, rief Astrid. »Die Kirche könne wir uns doch morgen noch angucken.«

»Ich will sie mir nur mal kurz anschauen!« beruhigte ich sie. Ich sah, dass sie zitterte.

»Geh nicht!« bat sie. »Lach mich aus, aber dieser Ort ist mir nicht geheuer. Außerdem will ich endlich etwas essen und dann ins Bett.«

Mit einem letzten wehmütigen Blick auf die alten Mauern gab ich mich geschlagen. Astrid hatte recht. Dies hier konnte warten. Außerdem war ich nicht Cassinis wegen hier, sondern ich suchte Udo Lloyd. Wenn sie das erst erfuhr!

Wir setzten unseren Weg fort, bis endlich weitere Lichter zu erkennen waren. Es handelte sich um die uralte Stadt Perinaldo. Wir gelangten auf einen Platz, auf dem einige Laternen ein diffuses Licht inmitten des Nebels verbreiteten.

Ich parkte den Wagen neben einem Denkmal, das sich am Rande des Platzes erhob. Es handelte sich um ein Standbild des Astrologen Cassini, der, durch sein Teleskop blickend, in die nun nächtlich-nebelverschlungene Weite der Schlucht schaute.

Keine Menschenseele war zu erblicken. Nach der geschäftigen, typisch italienischen Quirligkeit, die wir in Bordighera erfahren hatte, war die Einsamkeit hier oben geradezu beängstigend.

»Aber die Leute müssen doch irgendwo sein«, sagte Astrid, deren gesunder Menschenverstand obsiegte. »In den Häusern brennt nirgendwo Licht. Es ist noch keine neun Uhr. Unmöglich, dass sie alle schon schlafen.«

»Kennst du die Einheimischen?«

»Der Ort ist nicht groß. Irgendwo werden wir schon jemanden finden, der uns weiterhilft.«

Wir ließen den Wagen stehen und gingen die Straße zu Fuß weiter. Vor einer verschlossenen Bar verhielten wir. Ich versuchte die Tür zu öffnen. Sie war verriegelt.

»Selbst hier ist alles verlassen«, stellte ich fest.

Gegenüber der Bar erstreckten sich die steilen Stufen einer breiten Treppe, die hinauf in die Dunkelheit führte. Ein verrostetes Metallschild wies auf einen öffentlichen Platz hin.

»Dort oben? Sollen wir nicht doch lieber zum Auto zurück...?« Jetzt war ich es, der zweifelte, während Astrid bereits die ersten Stufen erklomm. Mir blieb nichts weiter übrig, als ihr zu folgen. Die Echos unserer Schritte wurden von den uralten Häusermauern, die sich um uns erhoben, zurückgeworfen.

Plötzlich hörten wir die Musik. Es waren Klänge, wie wir sie noch nie vernommen hatten. So diffus wie der Nebel, um uns herum, und ebenso sinnverwirrend.

»Hört sich an wie ein Konzert«, mutmaßte ich. »Deswegen sind sie alle ausgeflogen. Vielleicht feiern sie ja hier auch alle Halloween. Auf ihre Art.«

Wie hypnotisiert folgten wir den Klängen.

Der Weg war für uns Unkundige abenteuerlich. Immer holpriger wurde das Pflaster. Durch dunkle Durchgänge ertasteten wir uns die Richtung. In schwarzer Finsternis liegende Eingänge und Keller führten hinab in unbekannte Tiefen, während wir weiter bergauf irrten, geleitet nur von der nun immer deutlicher werdenden Klanggebilden.

Noch immer trafen wir auf keinen Menschen. Eine Katze fauchte, als wir ihren Weg kreuzten. Plötzlich ein Licht in der Finsternis. Flackernd und einen rötlichen Schein ausstrahlend. Doch dort, wo ich in einer Mauernische einen vergitterten Marienschrein, wie er in diesen Gegenden üblich, vermutet hatte, befanden sich Dutzende von Motten, die in ihrem Gefängnis aufgeregt umherflatterten Der rötliche Kerzenschein, der sie umflackerte, ließ sie wie Kreaturen der Hölle erscheinen. Einige der Motten waren bereits verendet. Andere wiesen verkohlte Flügel auf.

»Eine scheußliche Tierquälerei!«, sagte Astrid. »Wir müssen sie da irgendwie rausholen.«

Ich betrachtete das Gitter. »Keine Ahnung, wie wir das bewerkstelligen sollen - ohne Werkzeug.

Astrid ließ sich durch meine Worte nicht davon abhalten, näher zu treten. Das Flattern der Motten wurde noch aufgeregter, so als spürten sie unsere Anwesenheit.

»Du hast Recht«, sagte Astrid. »Die Gitter sind fest in den Mauern verankert. Wir müssen jemanden finden, der die Motten befreit!«.

»Wir können nichts tun. »Vielleicht sind sie ja auch nur durch Zufall da hinein gelang - angelockt von dem Kerzenschein.« Doch in Wahrheit glaubte ich das selbst nicht. Wer wusste, welchen dunklen Obsessionen die Bewohner dieses scheinbar verlassenen Ortes huldigten...

Trotz unserer Bedenken zog es uns weiter. Mir kam es vor, als würde der Nebel dünner, je höher wir in dem Labyrinth der Gassen gelangten. Schließlich konnten wir sogar den Himmel über uns sehen. Das Funkeln der Sterne kam mir fast gleißend hell vor angesichts der Finsternis, die wir hinter uns zurückgelassen hatten.

Vor uns erstreckte sich die Piazza. Sie war voller schweigender Menschen. Es mochten ebenso viele sein, wie dieser Ort Bewohner hatte. An die achthundert Leute. Männer wie Frauen, Greise und Kinder. Sie alle starrten andächtig hinauf in den Himmel.

Zugleich hatten wir den Ursprung jener seltsamen Musik erreicht. Sie war keineswegs unirdischen Ursprungs.

Ein Mann stand in der Mitte der Piazza, um ihn herum ein Kreis von etwa zehn Metern, der angefüllt war mit meterhohen elektronischen Geräten. Offensichtlich handelte es sich um synthesizerähnliche Instrumente, denen er jene Klänge entlockte, die uns hierher geführt hatten. Mit geschlossenen Augen stöpselte er daran herum, betätigte Regler und Tasten. Dann wieder schien die Musik ganz von selbst weiterzuspielen, während er zu akustischen Dingen griff, von denen ein Japan-Banjo und mehrere Flöten noch die Instrumente waren, die am gewöhnlichsten schienen. Ich erkannte so seltsame Gegenstände wie Rattenfallen, bewegliche Prothesen, chirurgische Instrumente, einen altertümlichen Filmprojektor und einen Schmiedehammer.

Es konnte sich um keinen anderen als Udo Lloyd handeln!

Es war ein wunderbarer Zufall und ein unvergessliches Ereignis zugleich. Ich war über tausend Kilometer weit gefahren mit der Aussicht, einem Phantom zu begegnen, und nun wurde ich gleich bei meiner Ankunft Zeuge eines wahnwitzigen Konzertes, das Udo Lloyd hier gab.

Die Musik war im wahrsten Sinne sphärisch. Ich spürte, wie sich mein Bewusstsein erweiterte. Ich glaubte, die Musik nicht nur mit den Ohren, sondern mit meinem ganzen Körper aufzunehmen. Zugleich offenbarte sie sich in Farben und Formen, wie ich sie noch nie erblickt hatte.

Astrid schien ebenso zu empfinden. Ihr Geist war irgendwo anders.

Als die letzten Töne verstummten, gelang es mir nur mühsam, zurück in die Realität zu finden. Es war wie das Erwachen aus einem angenehmen verrückten Traum.

Ich stand mit Astrid nun fast allein auf der nächtlichen Piazza.

Fast alle anderen Zuhörer waren bereits nach Hause geströmt.

Ohne uns weiter zu beachten, packte Udo Lloyd seine Instrumente zusammen. Er wirkte dabei bedächtig und konzentriert. Es schien mir, als würde er selbst die chirurgischen Hilfsmittel, die er benutzt hatte, mit fast zärtlicher Andächtigkeit zurück in ihre Schachteln und Koffer legen. Was die elektronischen Instrumente, die Verkabelung und die Verstärker anbelangte, so tauchten plötzlich aus dem Schatten mehrere junge Leute auf. Es schien sich um ein eingespieltes Ritual zu handeln. Ohne miteinander zu kommunizieren, hievten sie die schweren Geräte, die Synthesizer und Lautsprecher, in einen Container, der in einer Ecke der Piazza aufgebaut war.

Ich überlegte, ob ich Udo Lloyd ansprechen sollte. Doch diese Vorstellung gefiel mir nicht besonders. Was hatte ich zu bieten, dass er sich für mich als Person interessierte?

Nichts.

In seinen Augen war ich wahrscheinlich nicht mehr als ein verwirrter, nostalgischer Fan. Noch dazu einer, der ihn hier in seiner offensichtlich selbst gewählten Emigration störte.

Nein, heute Abend war nicht der richtige Zeitpunkt, um Udo Lloyd kennen zu lernen. Erst musste ich mehr in Erfahrung bringen. Und zu allererst musste ich mich um unsere Unterkunft kümmern.

»Komm«, flüsterte ich leise und zog Astrid mit mir. Ohne dass uns Udo Lloyd bemerkte, verließen wir die Piazza und wandten uns erneut dem Labyrinth der dunklen Gassen zu.

Kaum waren wir die ersten Schritte gegangen, hatte ich bereits die Orientierung verloren. Ich hätte umkehren und zur Piazza zurück gekonnt, aber irgend ein Impuls hielt mich davon ab.

Mehr denn je hatte ich das Bedürfnis zu unserem Wagen zurückzugelangen, die zwölf Kilometer Serpentinen hinab nach Bordighera zu fahren und mir dort ein Hotelzimmer für die Nacht zu nehmen.

»Weißt du noch, wo es her ging?«, fragte ich Astrid.

»Wo sind wir?«, fragte sie erstaunt, als erwache sie erst jetzt aus ihrem Dämmerzustand.

Zwecklos, es ihr erklären zu wollen. Ich zog sie weiter mit.

In dem Gewirr der dunklen Gassen ging nun eine Veränderung vor sich: Erst wenige, dann immer mehr der verwinkelten Fenster füllten sich mit Licht. So als würden die Bewohner jener Zimmer gerade erst erwachen. Die Lösung war sicherlich weit einfacher:

Wahrscheinlich waren bei unserer Ankunft tatsächlich sämtliche Einwohner Perinaldos auf der Piazza versammelt gewesen. Daher hatten die Gassen in völliger Finsternis gelegen. Nun aber waren die Zuhörer, die sich auf der Piazza versammelt hatten, wieder nach Hause geströmt, und nach und nach schalteten sie die Lichter ein.

Es war nicht viel, aber es reichte aus, um halbwegs erkennen zu können, wohin ich meine Füße setzte.

Als sich die Gasse erneut winkelte, blieben wir schwer atmend stehen. Wohin jetzt? Waren wir von links oder von rechts gekommen? Oder hatte ich längst die Orientierung völlig verloren?

Es gab weder Wegweiser noch jemanden, den ich hätte fragen können.

Ich hatte den Gedanken kaum zu Ende gedacht, als ich das Rasseln von Glöckchen vernahm. Ich hatte die Assoziation eines sich nähernden Schlittengespanns. Auch Astrid hörte es. Sie wandte ihren Kopf und lauschte gespannt.

Weit entfernt, am Ende der Gasse, tauchte plötzlich etwas Schwarzes auf, das sich mit wilden Sprüngen näherte. Es dauerte tatsächlich ein bis zwei Sekunden, bis ich erkannte, um was es sich handelte.

Es war eine in schwarz gewandete Gestalt. Sie trug eine Art Narrenkostüm. Die Narrenkappe, die den Kopf krönte, war ebenso wie das übrige Kostüm und die schnabelförmigen Schuhe mit silbern blitzenden Schellen verziert.

Mein erster Gedanke war, seine Verkleidung könnte mit Halloween zusammenhängen. Mein zweiter war:

Ich habe ihn gerufen! Wie ich fand, ein eigentümlicher Gedanke, aber er verursachte ein unangenehmes Gefühl des Unbehagens.

Schneller, als es eigentlich sein sollte, hatte uns die Gestalt erreicht. Ich bemerkte zwei Dinge:

Das Gesicht der Gestalt war von einer Harlekinmaske verhüllt. Der Mund zeigte ein eingefrorenes, bizarres Grinsen.

Die Schlägel der Hunderte von silbern glitzernden Glöckchen an seinem Kostüm waren wie winzige Messer zugeschliffen. Mit ihren rasiermesserscharfen Blättern konnten sie rasch zu einer tödlichen Gefahr werden.

Beides gefiel mir nicht.

»Buona serra! Was hat euch zu dieser Stunde hierher verschlagen?«

Abgesehen von der Tatsache, dass die Stimme der harlekinesken Gestalt durch die Maske hindurch gedämpft klang, schien sie ganz normal zu sein.

»Wir suchen unseren Vermieter, Herrn Mezzatesta«, antworte ich. »Wir haben die Villa Felice gemietet. Leider haben wir uns verspätet.«

Ich ging davon aus, dass in einem Nest wie diesem jeder jeden kannte. Es konnte nicht schaden, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen.

»Könnte sein, dass ich weiß, wo er ist«, sagte der schwarze Harlekin. Folgt mir!«

Er sprang zurück in die Richtung, aus der er gekommen war. Mir war nicht wohl dabei, als die rasiermesserscharfen Schlägel ihr scheinbar fröhliches Rasseln wieder aufnehmen konnten. Ihr Klingeln bohrte sich in meine Gehörgänge. Ich empfand es nun, da ich die Herkunft kannte, als schneidendes, fast schmerzhaftes Geräusch. Verbunden mit der Assoziation von Rasierklingen, die meine Nerven durchschnitten.

Astrid ging es genauso. Ich sah es ihrer zerfurchten Stirn an.

»Nein«, flüsterte sie. »Wir dürfen ihm nicht folgen! Er wird uns noch weiter in die Irre führen!«

»Unsinn!«, zischte ich zurück. »Seit wann bist du so ängstlich? Ich will nur noch diesen Mezzatesta treffen und dann zurück zum Auto. Meinetwegen auch nur das letztere. Hauptsache, wir liegen irgendwann im Bett!«

Die zwanzig Stunden lange Fahrt hierher begann ihren Tribut zu fordern.

»Warum hat er dieses grausige Kostüm an?« Astrid ließ sich nicht beruhigen.

»Was weiß denn ich. Vielleicht ein Maskenball zu Halloween. Oder sonst ein Fest.«

Der Harlekin war stehen geblieben. »Ein Fest. Haha, ein Fest! Festa, si!« Offensichtlich hatte er mein letztes Wort aufgeschnappt, obwohl ich mich bemüht hatte, sehr leise zu sprechen und das Klingeln der Glöckchen kaum ein anderes Geräusch zuließ.

»Er ist verrückt!« flüsterte Astrid.

Der Harlekin drehte sich um und sprang weiter. Nur mit Mühe konnten wir ihm folgen.

Das Labyrinth endete vor einer Bar, deren Lichtreklame inmitten der verwinkelten Architektur fast etwas Anachronistisches aufwies.

Der schwarze Harlekin war bereits im Eingang verschwunden. Musik und Gelächter drangen aus der Bar. Ein bunter Perlenvorhang verbarg das Innere vor unseren Blicken.

Die Perlenstränge bewegten sich noch, als ich hindurch trat. Dennoch war der Harlekin nicht mehr zu sehen.

Auch sonst erblickte ich keine Gäste. Wo waren sie, deren Stimmen ich gehört hatte? Nur der Wirt stand hinter seinem Tresen und spülte die Gläser. Er hob noch nicht einmal den Kopf, als ich und Astrid die Bar betraten.

Zumindest die Musik hatte ich mir nicht eingebildet: Aus einer Musikbox ertönte ein alter Schlager von Adriano Celentano.

»Und was nun?«, hörte ich Astrid fragen. Es war offensichtlich, dass uns der seltsame Harlekin an der Nase herumgeführt hatte. Die Art und Weise jedoch, in der der Wirt sein Desinteresse vorgab, bestärkte mich in einem anderen Verdacht. Er wusste, was gespielt wurde. Er beteiligte sich an diesem merkwürdigen Scherz.

Ich ignorierte Astrids Frage, die ich mehr als einen Vorwurf empfand, und wandte mich an den Wirt.

»Wir sind auf der Suche nach Signore Mezzatesta. Er hat uns die Villa Felice vermietet und besitzt den Schlüssel. Man hat uns hierher verwiesen...«

Bei der Erwähnung der Villa Felice hatte er einen Moment mit dem Spülen innegehalten. Ich bildete mir sogar ein, dass er dabei erblasste. Hätte nur noch gefehlt, dass er sich bekreuzigte.

Ich hatte fast die Hoffnung verloren, dass er uns antwortete. Doch schließlich richtete er folgende Worte an uns:

»Signore Mezzatesta werden sie heute Abend nicht mehr antreffen. Er wohnt in einem anderen Teil dieser Stadt, und Sie werden in der Dunkelheit kaum allein hinfinden.«

»Das käme auf einen Versuch an«, widersprach ich hartnäckig. »Haben Sie keine Karte hier?«

»Von Perinaldo gibt es keinen Stadtplan. Wenn es einen solchen gäbe, so würde er nur einen winzigen Teil zeigen können - oder er müsste mehr als zweidimensional sein. Es gibt den sichtbaren und den unsichtbaren Teil Perinaldos. Der sichtbare Teil ist der, den Sie sehen...«

Logisch... dachte ich.

»...aber der unsichtbare Teil ist der weitaus größere. Genauer gesagt: Er ist unermesslich in seiner Grenzenlosigkeit. Der kleinste Teil des unsichtbaren Teils sind die unterirdischen Gänge. Der weitaus größte Teil ist der, den wir niemals sehen.«

Das kryptische Gerede des Wirts war nicht gerade das, was ich nach meiner langen Reise hierher zu verstehen bereit war. Dennoch hatte ich zumindest eins herausgehört:

»Sie wollen damit sagen, Signore Mezzatesta befindet sich unterhalb dieser Stadt? Glauben Sie mir, ich bin so weit gereist, dass ich ihm selbst dahin noch folge, um endlich den Schlüssel zur Villa Felice ausgehändigt zu bekommen. Ich will endlich schlafen!«

»Ich habe nicht behauptet, den Aufenthaltsort Ihres Gastgebers zu kennen. Sie können gerne weiter nach ihm suchen. Doch seien Sie gewarnt: Irgendwann werden die Lichter verlöschen, und dann könnten Sie sich verirren. Ich will Sie nicht beunruhigen, aber es gibt einige Touristen, die verschwunden sind. Perinaldo ist eine uralte Stadt, und ihr Innerstes ist unergründlich. Warum bleiben Sie mit Ihrer Gattin nicht einfach hier und warten den Morgen ab. Ich habe ein Zimmer frei.«

»Lass uns auf sein Angebot eingehen!«, drängte Astrid.

Widerstrebens musste ich zugeben, dass sie wohl recht hatte. Auch wenn mir das Angebot des Wirts zu sehr nach der Pistole auf der Brust aussah. Doch es schien zu bequem, um es auszuschlagen.

»Wir haben unser ganzes Gepäck im Wagen«, wandte ich ein. »Ich weiß noch nicht einmal, wo der Wagen steht. Ich glaube auch nicht, dass wir das Gepäck bis hierher schleppen können.«

»Wir habe an diesem Denkmal geparkt,«, sagte Astrid.

Der Wirt stellte pantomimisch einen durch sein Teleskop blickenden Astrologen dar. Er wirkte in dieser Pose noch grotesker als ohnehin. Seine gebückte Gestalt hatte etwas kriecherisches. Ich bemerkte, dass er humpelte. »Cassini«, sagte er. »Sie haben am Denkmal des Cassini geparkt. Kein Problem. Ich werde Ihre Koffer von meinem Hausburschen holen lassen, während ich Ihnen das Zimmer zeige. Geben Sie mir den Autoschlüssel.«

Ich misstraute ihm. Er streckte die Hand aus, lächelte ölig. Ich war drauf und dran, sein Angebot abzuschlagen. Aber wieder war es Astrid. die die Initiative übernahm. »Gib ihm schon den Schlüssel«, sagte sie. »Bequemer können wir es doch nicht haben.«

Ich überschlug kurz das Risiko, hinterher mit ausgeplündertem oder gestohlenem Wagen dazustehen, entschied mich aber, es einzugehen. Schließlich befanden wir uns nicht in Süditalien.

Ich gab ihm den Schlüssel. Er nahm ihn entgegen und steckte ihn lautlos in seine Tasche.

»Bitte folgen Sie mir«, sagte er.

Während ich noch zögerte, gehorchte Astrid seinen Worten. Er ging voran, und führte uns über einen schmalen Korridor und einer steil aufragenden Treppe in die erste Etage. Unser Zimmer befand sich ganz am Ende des Flurs. Er schloss auf und hieß uns mit einer theatralischen Geste einzutreten.

»Machen Sie es sich schon einmal bequem. Ich werde Ihr Gepäck sogleich herbeiholen lassen.

Als ich das Zimmer betreten und er die Tür hinter uns von außen geschlossen hatte, kam ich mir wie ein Gefangener vor. Der Raum war winzig und stickig. Ich eilte sogleich ans Fenster und riss es auf. Ich steckte den Kopf hinaus in die kühle Nachtluft. Unten lag die menschenleere Gasse. Auf dem Kopfsteinpflaster waren sich eilig entfernende Schritte zu hören.

Ich beugte mich weiter hinaus und konnte gerade noch sehen, wie der schwarze Harlekin eilig hinter einer Biegung verschwand.

Wütend drehte ich mich nach Astrid um. »Das ist alles ein abgekartetes Spiel«, sagte ich. »Dieser Harlekin hat uns hierher gelockt...«

»Merkst du nicht, wie hysterisch du daher redest? Du hörst dich an, als wären wir in irgendeiner Räuberhöhle gelandet. Vielleicht gehört dieser Harlekin ja zum Hotel - so als eine Art Maskottchen.«

»Schönes Maskottchen. Eines, dass den Gästen Alpträume beschert, oder?«

»Warte doch erst mal ab!«

»Worauf? Dass sich dieser Wirt und seine Helfershelfer mit unserem Gepäck aus dem Staub machen? Oder dass dieser seltsame Harlekin plötzlich mitten in der Nacht vor unserem Bett steht? Hast du die rasiermesserscharfen Schlägel an seinen Glocken nicht bemerkt?«

Sie sah mich an wie einen Verrückten.

»Jetzt hörst du dich wirklich an, als wärst du übergeschnappt. Aber tu mir einen Gefallen, ja: Verschone mich mit Deinen irrationalen Spinnereien! Am besten legst du dich hin und schläfst. Morgen früh sieht dann schon alles anders aus.« Sie streichelte mir über den Kopf, um ihren Worten die Schärfe zu nehmen.

Ich dachte an die lange Autofahrt hierher. Fast zwanzig Stunden schüttelte man nicht so einfach aus den Knochen. Hinzu kam die Tatsache, dass ich bereits an meinem ersten Abend auf Udo Lloyd gestoßen war. Die magischen Klänge schwebten noch immer in meinen Ohren. Wahrscheinlich hatte Astrid recht. Ich war derart übersensibilisiert, dass ich in jeder Aussage mehr hinein interpretierte, als es angebracht war.

»Wahrscheinlich liegt es wirklich am fehlenden Schlaf«, stimmte ich ihr zu. »Trotzdem ist mir das alles nicht geheuer.«

Fünf Minuten später klopfte es an der Tür. Ich öffnete sie und der Wirt kam herein. In seiner Begleitung befand sich ein junger Adonis, der Astrid die ganze Zeit anstarrte, während er zugleich unsere Koffer und Taschen ins Zimmer wuchtete.

Ich war froh, als ich die beiden endlich wieder los war.

»Na siehst du«, sagte Astrid. »Dein Misstrauen war völlig überflüssig. Und morgen sieht sowieso wieder alles ganz anders aus...«

 

Als ich erwachte, war das Bett neben mir leer. Es war mitten in der Nacht. Ich war schweißgebadet. Aber nicht die stickige Hitze hatte mich geweckt, sondern das Gefühl eines völligen Ausgeliefertseins und der Isolation angesichts einer grenzenlosen, leeren Schwärze, die ich mit dem Weltraum assoziierte.

Ich hatte geträumt, aber es gelang mir nicht, die konkreten Bilder ins Gedächtnis zurückzurufen. Wo war Astrid? Ich taste nach der Nachttischlampe und betätigte den Schalter. Der Lichtschein tauchte das winzige Zimmer in ein trübes Licht.

Von Astrid war nirgendwo etwas zu sehen. Die Toilette und das Waschbecken befanden sich im gleichen Raum, nur abgetrennt von einem Vorhang. Auch dort hinter war sie nicht.

Was hatte sie veranlasst, mitten in der Nacht das Zimmer zu verlassen?

Ich erhob mich und schlüpfte leise fluchend in meine Kleidung. Leise öffnete ich die Tür. Der Korridor lag in völliger Dunkelheit. Ich horchte hinein in die Finsternis, doch nicht ein einziger Laut war zu vernehmen. Noch nicht einmal das Knacken einer Diele oder das Brummen eines Kühlschranks. Es war, als hätte die Nacht jeden Laut verschluckt.

Mir kam in den Sinn, wie merkwürdig Astrids verhalten den Abend über gewesen war. Ihre anfängliche Apathie hatte sich in zur Schau gestellte Unbekümmertheit verwandelt. Während ich skeptisch gewesen war, hatte se versucht, mir alle Bedenken zu nehmen. Eigentlich war dies sonst so gar nicht ihre Art.

Erst recht nicht, einfach zu verschwinden.

Kurz erwog ich die harmloseren Varianten: Vielleicht hatte sie Hunger oder Durst bekommen und suchte die Küche. Oder sie schnappte draußen frische Luft, was allerdings schon wieder weniger harmlos sein mochte. Ich dachte an den seltsamen Harlekin.

Es gelang mir, den Lichtschalter zu finden, der den Flur erhellte.

Ich stutzte. Er kam mir nun weit länger vor als bei unserer Ankunft. Rechts und links von mir befanden sich scheinbar endlose Reihen geschlossener Türen. Während ich an ihnen vorbeiging, hatte ich das ungute Gefühl, dass sie sich hinter mir lautlos öffneten. Doch wann immer ich mich umdrehte, waren sie so verschlossen wie zuvor.

Am Ende des Korridors konnte ich die Treppe erkennen, deren Stufen hinab in den Schankraum führten. Aber es war seltsam: Je näher ich ihr kam, desto weiter schien sie entfernt. Mir wurde schwindlig.

Irgend etwas stimmte mit mir nicht. Jeder weitere Schritt verstärkte mein Unwohlsein. Ich musste mich an der Wand abstützen.

Wahrscheinlich lag es daran, dass ich seit längerem nichts mehr gegessen hatte. So musste es auch Astrid ergangen sein. Der Gedanke, dort unten etwas Essbares zu finden und die Aussicht auf ein Glas Wein, das ich dem Wirt am nächsten Tag auf die Rechnung setzen ließe, gaben mir neue Kräfte.

Ich ging weiter. Doch jeder Schritt vorwärts kostete mehr Kraft. Gleichzeitig drehten sich meine Gedanken wie ein irrsinnig gewordenes Karussell in immer schneller werdenden Kreiselbewegungen.

Niemals hatte ich Drogen genommen. Bis auf eine einmalige Verkostung eines Fliegenpilzes in meiner experimentierfreudigen Jugend hatte ich niemals derlei Dinge angerührt. Die Musik, die ich wenige Stunden zuvor auf der Piazza gehört hatte, kam der damaligen Bewusstseinserweiterung sehr nah.

Spürte ich jetzt die negativen Nachwehen?

Ich wandte meinen Blick von der weit entfernten Treppe ab, weil ich den Schwindel, den er verursachte, nicht mehr ertragen konnte. Stattdessen konzentrierte ich mich auf meine unmittelbare Umgebung. Jetzt erst nahm ich bewusst wahr, dass die Wände nicht kahl, sondern mit alten Ölgemälden verziert waren.

Auf jedem von ihnen war Gian Domenico Cassini abgebildet. Einige zeigten ihn in seiner Jugend in Perinaldo, andere auf seinen Stationen als älterer Gelehrter als Professor in Bologna und noch später als Direktor der neuen Pariser Sternwarte. Auch gaben sie die entscheidenden Endeckungen des Gelehrten wider. Sie zeigten den Moment, in dem er die später nach ihm benannten Cassinischen Kurven entdeckte - den geometrischen Ort aller Punkte, deren Abstandsprodukt von zwei festen Punkten eine Konstante ist. Ein anderes Bild zeigte ihn bei der Entdeckung der Cassinischen Teilung, jener von ihm aufgewiesenen auffälligen Lücke im Ringsystem des Saturn...

Diese Bilder dokumentierten sein gesamtes Leben. Je weiter ich voranschritt, desto älter wurde er abgebildet. Ein Bild zeigte seinen Tod. Cassini lag in seinem Bett, umringt von Ärzten. Er schien noch im Sterben bei vollem Bewusstsein. Doch seine Blicke waren in ein imaginäres Planetensystem weit entfernt gerichtet. Schreckensstarr und voller Panik. So, als hätte er mit seinem letzten Atemzug noch eine ungeheure finale Entdeckung gemacht, die er unbedingt der Nachwelt mitteilen wollte.

Ich hielt an. Mein Instinkt weigerte sich mehr als mein Verstand, weiterzugehen. Wenn die bisherigen Bilder Cassinis Lebenslauf dokumentierten und dieses eine seinen Tod, was mochten dann die folgenden Bilder zeigen?

Jetzt erst bemerkte ich eine weitere Veränderung: Die Bilder hingen nicht an den Wänden, sondern sie waren direkt auf die Türen gemalt, die zu den Zimmern führten. Zugleich begann sich die Stille mit Geräuschen zu füllen, die entfernt an die sphärischen Klänge erinnerte, denen ich auf der Piazza gelauscht hatte. Aber auch Stimmen waren zu vernehmen. Ihren Ursprung hatten sie hinter den Türen.

Der Geräuschpegel schwoll immer mehr an. Ich war versucht, eine der Türen zu öffnen, um zu sehen, was dahinterlag.

War es das, was ich vermutete?

Ich konzentrierte mich auf die Gesprächsfetzen hinter der Tür links von mir. Das Gemälde, das zu dem Zimmer führte, zeigte den hochbetagten Astronom kurz vor seinem Tode in dessen Arbeitszimmer, das angefüllt war mit allerlei astronomischen Gerätschaften. Umringt wurde er von drei weiteren Gelehrten mit spitzen Hüten. Sie waren in Schwarz gewandet, während Cassini hellere Kleidung trug. Dem Maler war es gelungen, eine fast gespenstische, bedrohliche Stimmung einzufangen. Die drei schwarzen Gelehrten, die man nur von hinten sah, gestikulierten und schienen auf Cassini einzureden. Sie erinnerten an schwarze menschengroße Raben. Cassini selbst schien hin und her gerissen zwischen Furcht und Wut. Es war ein beeindruckendes Gemälde. Eines, das den Betrachter beschäftigte und Rätsel aufwarf.

Aus dem Zimmer hinter dem Gemälde klangen die Stimmen nun lauter. Eine männliche Stimme fluchte in einem altertümlichen Italienisch, das ich nur bruchstückhaft verstand: »...Teufel.... meine Entdeckung... die Gesänge des Saturn.... Musik der Sphären... loslassen auf die Menschheit... Tod und Verdammnis... 2002....«

Die letzte Zahl wurde mehrmals wiederholt. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, was sie bedeutete.

Die anderen Stimmen waren noch seltsamer und völlig unverständlich. Zunächst dachte ich, dass es sich nicht um Stimmen, sondern um eine Art schrilles Vogelgezwitscher handelte. Mehr und mehr gewann ich jedoch den Eindruck, dass es wirklich Worte waren - nur daß sie wie bei einem falsch eingestellten Tonbandgerät mit doppelter oder dreifacher Geschwindigkeit gesprochen wurden. Auch schienen sie keine logisch aufgebauten Sätze zu bilden, sondern willkürlich plötzlich rückwärts und in Sprüngen zu erfolgen oder in endlosen Schleifen. Es war mehr meine Assoziation als wirkliches Verstehen. Aber es half mir, meinen Verstand zu beruhigen, indem ich versuchte, diese Stimmen auf diese Weise erklären zu wollen. Wirklich verstehen wollte ich sie nicht. Ich spürte, dass bereits der Versuch, diese Stimmen entschlüsseln zu wollen, mich tiefer und tiefer hinab in einen Strudel des Irrsinns zu ziehen imstande war.

Stammten die Stimmen von den auf dem Gemälde abgebildeten schwarzen, spitzhütigen Gestalten? Und war die einzelne, tiefe Stimme jene des Cassini?

Das Grauen, das ich empfand, gab mir neue Kräfte. Ich stemmte mich gegen den Sog, der mich körperlich und geistig erfasst hatte an, und schleppte mich zurück in die Richtung, aus der ich gekommen war.

Die weit geöffnete Tür meines Zimmers ganz am Ende des Korridors erschien mir wie ein sicherer Anker, den ich nur wieder erreichen musste, um meinen Seelenfrieden wiederzuerlangen.

Mühsam drehte ich mich herum. Unsichtbare Spinnenfäden schienen am mir zu kleben und mich zurückhalten zu wollen. Jeder Schritt zurück war eine kräftezehrende neue Herausforderung.

Das Stimmen- und Lautgewirr schwoll immer mehr an, bis es wie eine einzige gewaltige Kakophonie meinen Kopf in einen einzigen Schmerz verwandelte.

Endlich hatte ich mein Zimmer wieder erreicht. Ich versuchte die Tür hinter mir zu schließen. Aber auch dies erwies sich als unendlich schwieriger als angenommen. So, als würden sich unsichtbare Kräfte von draußen dagegenstemmen. Nur mit äußerster Anstrengung gelang es mir, dagegen anzukämpfen.

Kaum war die Tür ins Schloss gefallen, verstummten alle Geräusche. Es war wieder so totenstill wie zuvor.

Ich wollte die Tür abschließen, fand aber keinen Schlüssel. Eine Tatsache, die mich alles andere als beruhigte. Auch gab es nichts, was ich hätte davor stellen können, um die Tür zu barrikadieren.

Ich horchte an der Tür, aber der seltsame Spuk schien zu Ende. Ich wartete eine viertel Stunde ab. Nichts geschah. Ich ging zum Fenster und schaute hinaus. Im ersten Moment glaubte ich wieder den schwarzen Harlekin zu sehen, aber es waren nur Schatten, die mir seine Gestalt vorgaukelten. Dann glaubte ich, die drei spitzbehüteteten Gelehrten zu erkennen, wie sie sich mit unglaublich raschen Bewegungen dem Hotel näherten. Aber es waren nur drei schwarze, fette Ratten, die sich gegenseitig jagten.

Ich legte mich, angezogen wie ich war, wieder aufs Bett. Das Licht ließ ich an. Meine Gedanken kreisten um Astrid. War ihr das gleiche widerfahren wie mir? Und hatte sie, im Gegensatz zu mir, nicht wieder zurück ins Zimmer gefunden? Doch warum hatte ich davon nichts mitbekommen?

Ich grübelte darüber nach, was ich nun unternehmen sollte, während ich spürte, dass ich kaum mehr die Augen offen halten konnte. Eine bleiernde, unnatürliche Müdigkeit wollte mich übermannen.

Ich durfte jetzt nicht einschlafen! Ich musste mich um Astrid kümmern. Ich musste herauskriegen, wo sie steckte!

Dies waren meine letzten bewussten Gedanken, bevor die Träume kamen. In ihnen vernahm ich wieder die sphärischen Klänge, die Udo Lloyd auf der Piazza erzeugt hatte. Aber auch die Stimmen kamen wieder. Sie schienen aus dem Zimmer zu kommen, das an meinem grenzte. Ich bildete mir ein, den jungen Cassini zu hören. Seine Knabenstimme schrie zornentbrannt. Und auch die zischenden, pfeifenden Vogelstimmen der drei Gelehrten waren wieder zu vernehmen.

 

Als ich am nächsten Morgen erwachte, war da zunächst ein Gefühl tiefster Schuld. Wie hatte ich schlafen können, während Astrid dort draußen irgendwo herumirrte? Oder irgendeinem dieser merkwürdigen Gestalten wie dem Harlekin in die Hände gefallen war?

Ich fühlte mich seltsam ausgeruht - trotz der Ereignisse und der seltsamen Träume. War vielleicht alles nur ein Traum gewesen?

Dagegen sprach, dass ich noch immer meine Kleidung anhatte.

Ich sprang aus dem Bett, gönnte mir ein paar Wasserspritzer durchs Gesicht und öffnete die Tür.

Kein Spuk, keine Stimmen erwarteten mich. Auch war der Flur wieder so winzig, wie ich ihn von meiner Ankunft her in Erinnerung hatte. Natürlich waren auch die Bilder verschwunden.

Verwirrt ging ich hinunter in den Schankraum.

Dort erwartete mich eine weitere Überraschung: Astrid saß allein an einem Tisch und frühstückte.

Wenigstens glaubte ich das. Vor ihr auf dem Tisch befanden sich Weißbrot, Salami und Käse. Der Duft frisch gebrühten Espressos durchwehte den Raum. Doch als ich genauer hinsah, bemerkte ich, wie starr sie dasaß. Sie rührte das Frühstück nicht an.

Dennoch, ich war erleichtert, sie wieder zu sehen. Ich lief auf sie zu, wollte sie in die Arme schließen. Sie sprang auf. Wich vor mir zurück.

»Fass mich nicht an!« schrie sie. Ihre Augen. Irgend etwas stimmte nicht mit ihren Augen. Sie schienen von innen zu glühen. Jetzt war ich es, der zurück wich.

»Was ist passiert? Wo warst du die Nacht über?«

Sie beruhigte sich wieder.

»Verzeih«, sagte sie. »Setz dich doch. Ich habe es nicht so gemeint.«

»Warum soll ich dich dann nicht anfassen?«

Sie setzte ein Lächeln auf, das irgendwie falsch war. »Ich habe eine Allergie. Es juckt am ganzen Körper.«

Zumindest an ihrem Gesicht und den Händen konnte ich nichts davon feststellen. Spielte sie mir etwas vor?

Dennoch setzte ich mich. Die Aussicht auf ein Frühstück war zu verführerisch. Ich schaute mich um, um den Wirt herbeizurufen, aber Astrid schob mir ihr Gedeck herüber.

»Du kannst meins essen. Ich habe keinen Hunger.«

Ich schlang das Weißbrot herunter, trank heißen Espresso dazu, und fühlte mich nach einer Weile wie neugeboren.

»Wir packen unsere Sachen zusammen und verschwinden von hier«, sagte ich.

Sie schaute mich lauernd an. »Wieso bleiben wir nicht hier oben wohnen? Hier in Perinaldo fühle ich mich wohler als in irgendeiner einsam stehenden Villa oder in diesem lauten Bordighera.«

Sie hatte Recht - und doch wieder nicht. Nicht nach diesen traumatischen Ereignissen.

»Du hast mir noch immer nicht erzählt, wo du in der Nacht warst«, sagte ich.

Ich konnte nicht sagen, ob Ihr Erstaunen echt oder gespielt war. »Ich war die ganze Nacht in unserem Zimmer«, sagte sie schließlich. »Ich bin allerdings ziemlich früh aufgewacht. Du hast im Schlaf gesprochen und warst nass geschwitzt. Ich bekam dich nicht wach, also bin ich schon nach unten und ein wenig spazieren gegangen.«

Mehr bekam ich nicht aus ihr heraus.

Ich war hin und her gerissen. vielleicht sah ja am Tag wirklich alles anders aus, und die nächtlichen Erscheinungen und Geräusche waren nur meinen überreizten Nerven zuzuschreiben.

Noch während ich weiter darüber nachgrübelte, fand ich mich plötzlich in den engen Gassen wieder. Es war nebelig an diesem Morgen. Die Menschen, die an uns vorüberhuschten oder uns überholten, waren kaum mehr als verwaschene Schemen. Öfter glaubte ich die Glöckchen des Harlekins zu hören. Auch glaubte ich die drei spitzhütigen Gelehrten blitzartig um eine Ecke verschwinden sehen.

Ich wusste nicht mehr, wo wir uns befanden. Astrid ging stets einige Schritte vor mir. Ein fluoreszierendes Licht, das ihren ganzen Körper umgab, ging von ihr aus. Nach wie vor verweigerte sie jede Berührung.

Wie im Zeitraffer verging der Tag. Schneller als mir lieb war, gelangten wir wieder in unsere Herberge. Wie am Abend zuvor stand der Wirt hinter dem Tresen und würdigte uns zunächst keines Blickes. Er wirkte auf mich wie ein Statist. Wie ein Roboter, den man nur dahingestellt hatte, um mich zu beruhigen.

Wir gingen auf unser Zimmer und warteten ab. Endlich vernahmen wir den weit entfernten Ruf. Die auf- und abklingenden Musikschleifen, die von der Piazza zu uns herüberwehten und uns auf eine betörende Art gefangen nahmen.

Wieder ging Astrid voran. Die Fluoreszenz um ihren Körper war deutlicher denn je wahrzunehmen. Ich spürte ein leises Knistern, das von ihr ausging, so wie eine schwache elektrische Entladung.

Als wir die Gasse betraten, öffneten sich links und rechts von uns überall die Türen. Die Leute strömten hinaus in die Nacht.

Hinauf zur Piazza, um ihren Propheten Udo Lloyd zu huldigen.

Und wir gehörten nun zu ihnen.

Nacht für Nacht...

 

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Erstellt: 18.04.2005, zuletzt aktualisiert: 12.02.2015 20:04