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Das Geschenk der Angst

Autor: Marcel Schmutzler

 

Immer weiter hetze ich in die Finsternis zwischen riesenhaften Bäumen. Nichts als das eigene Keuchen dringt an mein Ohr. Baum um Baum zieht aus dem Dunkel an mir vorbei und verschwindet in der Leere. Ihren hölzernen Grimassen entströmt leises Gelächter. Knorrige Äste schlagen ihre Fänge nach mir. Etwas schlingt nach meinen Beinen. Ich falle. Ich spüre, wie sich Wurzeln und Steine in meinen Körper bohren, aber auch, wie nasses Laub mein Gesicht wie ein weiches Kissen umschließt. Nur noch schlafen!

Während ich noch liege – auch keinen Wunsch verspüre aufzustehen – durchbricht grauenvoller Lärm das Wispern des Waldes. Durch dichtes Geäst bahnt sich etwas seinen Weg auf mich zu. Stämme bersten, begleitet von unmenschlichem Gebrüll. Panik haucht meinem Körper neues Leben ein. Ich hetze weiter. Nur vorwärts! Tiefer und tiefer treibt mein Verfolger mich in die Finsternis. Unvermindert höre ich seine Schreie, so schnell ich auch zu rennen glaube.

Alles um mich herum scheint gleich. Nichts als Bäume. Mir schwindelt. Meine Beine treiben wie Wurzeln in den Boden. Schwer zerre ich sie empor, setze bleiern Schritt vor Schritt. Kälte klimmt langsam an mir herauf.

Nicht aufgeben! Nicht stehenbleiben!

Doch mit jedem Meter schwindet der Atem weiter. Immer noch tobt hinter mir der Lärm meines Verfolgers. Ist er näher gekommen? Vielleicht schon direkt in meinem Rücken?

Dieses Mal bin ich verloren.

Die letzte Kraft verlässt meinen Körper. In mein Schicksal ergeben sinke ich zu Boden, fühle die feuchte Erde nahen. Ihr Geruch umgibt mich. Alles um mich herum zerfließt zu einer einzigen Schwärze. Gerade will ich meine Augen zu einem letzten, ewigen Schlaf schließen, da erkenne ich in der Ferne ein Licht. Nur ein Punkt. Ein schwacher Fleck. Ist es Einbildung? Der Übergang in das Reich des Todes? Ich starre auf das Licht, bis es langsam vor mir zu kreisen beginnt.

Wie ich wieder auf die Beine gekommen bin, weiß ich nicht. Doch aus meiner Erstarrung erwachend, finde ich mich in vollem Lauf wieder. Vor mir geben die letzten Bäume den Blick auf den Horizont frei. Die Felder. Die Hügel, über denen tief ein voller Mond hängt. Nicht bevor die letzten Baumwipfel außer Sichtweite sind, halte ich an. Hinter mir hallt noch einige Zeit das Brüllen meines Verfolgers aus dem Dickicht, aber es folgt mir nicht mehr. Irgendwann erstirbt es in der Ferne.

Der Tag vergeht. Die Sonne schickt sich an, ihr Tagwerk zu beenden. Ich bin an den Rand des Waldes zurückgekehrt. Wie schon so oft zuvor trete ich langsam in das Dunkel zwischen den Bäumen. Noch einige Augenblicke hört man mich über den laubbedeckten Boden gehen und das Rascheln der Zweige. Dann wird es still.

 

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Erstellt: 19.01.2013, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 19:26