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Der Adressierte Junge von Boris Koch

Rezension von Carsten Kuhr

 

Fünf Geschichten erwarten den Leser. Fünf Erzählungen die entweder für diese Collektion neu verfasst, oder aber stark überarbeitet wurden. Dabei ist der phantastische Aspekt, den jede der Geschichten beinhaltet oftmals zunächst gar nicht wahrnehmbar. Erst spät, fast unmerklich driftet die Geschichte ins Phantastische ab.

In der ersten Erzählung berichtet uns Koch von einem Mann, der noch vor dem II. Weltkrieg Deutschland auf Flucht vor den Nazis verlassen hat. In London schliesst er sich dem Kreis um die Magierin und Esoterikerin Dione Fortune an. Bei einer ihrer Soireen lernt er einen faszinierenden Mann kennen. Mittels einer Maschine hat dieser seinen exakten Todeszeitpunkt ermittelt. Um nun ewig zu leben, muss er sich nur noch, so dessen feste Überzeugung vorher umbringen, und schon hüpft er dem Schnitter von der Schippe. Als Unser Protagonist Jahre später den vermeintlich Toten herumspazieren sieht, beschliesst er dessen Beispiel zu folgen. Doch seine Eitelkeit macht ihm einen Strich durch die Rechnung.

In der Titelgeschichte begegnen wir zwei Kindern, die von ihrem despotischen Vater missbraucht werden. Zwar vergeht sich der Fernsehsüchtige Prolet nicht an seinen Kindern, sondern »nur« an seiner Frau, doch die seelische Misshandlung seiner Kinder ist mindestens genauso schlimm. Seinem Sohn ritzt er eine Briefmarke und Anschrift in die Stirn, und droht ihm damit, sofern er nicht folgsam sei, ihn per Post an einen Piraten zu senden. Alle paar Monate, wenn der Junge wieder gewachsen ist, muss das Porto natürlich angepasst werden ..

Die folgende Geschichte ist eine Hommage an das Land der Helenen. Ein ewiger Student besucht die Peloponnes, die Städten der hellenischen Hochkultur. Er verfällt nicht nur der Schönheit des Landes, auch ein auf keiner Karte eingezeichneter Ort zieht ihn fast magisch an.

Die vierte Geschichte berichtet uns von einer gar seltsamen Insel, auf der die Bewohner im Namen der Freiheit einen ihrer Füsse am Boden festnageln lassen.

Die letzte Novelle schliesslich erzählt in einer beeindruckenden Intensität von der Ermordung und Zerstückelung eines Kindes, und wie diese Tat seine Familie in den Untergang reisst. Insbesondere hier fühlte ich regelrecht mit den Eltern mit, konnte nachvollziehen, wie der nicht zu begreifende Wahnsinn der Tat sie nach und nach tiefer ins Elend, in die abgrundtiefe Verzweiflung reisst, bis hin zum Wahnsinn.

 

Alle Geschichten zeichnen sich durch eine besondere Intensität in der Beschreibung der Gefühlswelt des jeweiligen Protagonisten aus. Der Autor legt sein Augenmerk in besonderen Masse auf die Gefühlswelt seiner Personen, und versucht uns gekonnt deren Verzweiflung, deren Haltlosigkeit nahe zu bringen. Wer plakativen Splatter-Horror mag, wer actionreiche Szenarien bevorzugt, der ist hier falsch. Wer aber feine, leise Zwischentöne zu würdigen weiss, der ist mit diesen Geschichten sehr gut bedient.

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Adressierte Junge

Autor: Boris Koch

Taschenbuch, 101 Seiten

Eloy Edictions Verlag, 2005,

Titelillustration: David Magitis

 

ISBN 3-938411-01-5

 

Erhältlich bei: Eloy Edictions

 

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Erstellt: 17.10.2005, zuletzt aktualisiert: 12.04.2019 16:18