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Der Heilige zwischen den Welten von Flavius Ardelean

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Wir kehren zurück in die phantastische Welt des Heiligen Taush, dessen erstes Leben uns Flavius Ardelean in Der Heilige mit der roten Schnur durch das lebendige Skelett Bartholomäus Knochenfaust erzählte, dessen Lebensgeschichte wir nun auch nachgereicht bekommen, wenn auch nicht in zentraler Funktion.

 

Erlebten wir Taush in »Der Heilige mit der roten Schnur« als Kämpfer gegen die Un’Welt, deren Un’Menschen durch Portale in die Welt kamen, die man mit Geschichten verschließen konnte, erweitert Flavius Ardelean in Der Heilige zwischen den Welten nun seinen Kosmos um ein Vielfaches und er verdreht die Perspektiven.
Was vormals die WELT genannt wurde, erleben wir nun über weite Teile der Handlung aus der Sicht jener verfeindeten Un’Welt, die sich selbst aber als Mehr’Welt bezeichnet (Die grafische Umsetzung der Schreibweisen ist im Buch anders). Es ist eine Welt der Zersetzung, der Verwesung, des Todeskultes. Ihre heiligen Frauen gelangen durch ein mehrstufiges und langwieriges Ritual in die andere Welt, dessen wesentlicher Bestandteil das Sterben ist, während es in der anderen Welt nur Männer sind, die Heilige werden. 
»Ritual« ist dabei eine völlig unzureichende Beschreibung dieser Weltenreise, die wir mit der Figur der jungen Karina zusammen beschreiten.
Flavius Ardelean komponiert in »Der Heilige zwischen den Welten« eine Symphonie aus Körpersäften, Verwesungs- und Verdauungsprozessen, letztlich aus all den Bestandteilen des Lebenszyklus, die wir gemeinhin nicht im Handlungsfokus sehen. Die Mehr’Welt-Kultur beruht in zentralen Punkten auf der Verherrlichung dieser »ekligen« Seiten des Lebens. Sie nennen ihren Geist selbst sogar EKEL und verwenden es synonym zu Seele.

Wenn man sich in diese Kultur begibt, was aufgrund der Sprache und der bewegenden Figurenschicksale, durchaus leicht fällt, präsentiert sich eine Gesellschaftsform, die man so wohl noch nicht in der Phantastik finden konnte. Die Mehr’Welt ist keine Hölle, kein Jenseits sondern eigentlich eine normale Gesellschaft mit Familien, Berufen und Kunst. Wir erfahren über sie eine ganze Menge, da auch eine weitere Hauptfigur, der Tischler Ulrik, hier lebt.
Ulrik besitzt von Geburt an ein besonderes Verständnis für Holz und vermag mit ihm Dinge zu erschaffen, die Verbindungen zwischen den Welten darstellen. So stellt er kleine Holzfiguren her, die er Spänchen nennt und nummeriert, die lebendig sind, ihm treu ergeben und auch einen eigenen Willen haben. Ulrik baut Dinge, die in sich in andere Welten erstrecken und somit in der Mehr’Welt unsichtbar sind. 

Und er verliebt sich in Karina, die er zunächst heimlich beim Training im Garten des Rosa Turms von Pforta beobachtet. Für sie erschafft er ein Holzwürfelpaar, durch das sich die beiden Verliebten später zuflüstern und sogar anderes austauschen können. Diese Liebe wird zu einer Hauptmotivation des Buches und ist ein warmer Kontrapunkt in der düster erscheinenden Mehr’Welt.
Auch die Lebensgeschichte Karinas lernen wir kennen und dieses Kapitel gehört zu den bewegendsten des Buches. Eigentlich wurde ihre Schwester Kunna auserwählt, eine Heilige Frau zu werden und Karina sollte in einem Kloster lernen, ein Zahnrädchen im Verwaltungsgefüge zu werden. Doch beide Mädchen fühlen sich fehl am Platz und werden für ihre Widerspenstigkeit hart bestraft.
Karinas Weg, ihre Transformation zu einer Heiligen Frau, die an der finalen Schlacht um Mandragora teilnimmt, ist ein besonders eindrücklicher Teil des Romans, dem ihre Rolle am Ende nicht gerecht wird, aber wer weiß, vielleicht werden wir auch von ihr noch mehr lesen.

Eine ganz anders faszinierende Figur ist Danko. Wie Taush und Bartholomäus ehemalige Lehrlinge des alten Taces und damit eigentlich ein Gegner der Mehr’Welt, gelangt er traumatisiert genau dorthin. Sein Schutz ist ein Pferdekopf, den er sich überstülpt, durch den er spricht und der ihm Geborgenheit gibt. Und der verwest, stinkt und vor Maden wimmelt. Sein Ticket für die Mehr’Welt. Er wird in die Gesellschaft dort integriert und durch ihn erfahren wir mehr über die Prozesse der Transformation Heiliger Frauen. Flavius Ardelean erschafft hier Szenen mit einer Horror-Gothic-Atmosphäre, die dennoch nie gruslig oder zu abscheulich wird. Danko, der Mensch mit dem Pferdekopf, wird ein Soldat der Meht’Welt und auch er spielt eine wesentliche Rolle im finalen Kampf.

Hier treffen sich dann die Wege aller Figuren. Hier treffen die Welten aufeinander. Leben und Tod tanzen miteinander. Die mehreren Leben des Taush finden zueinander und trennen sich wieder.
Denn natürlich ist Taush der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Der Taush aus »Der Heilige mit der roten Schnur« verliert den Kampf gegen einen Riesen. Ist schwer verletzt, seine Nabeldrüse wurde ihm entrissen – er hat auch sich selbst verloren.
Und er wird gerettet an der Kreuzung der Geheimnisse von den Lehrlingen von Albarena. Sie suchen einen Schlüssel und haben ein sehr seltsames Ritual, um Leben zu erschaffen. Es geht dabei um die Macht von Wörtern und Taush bekommt hier nicht nur einen neuen Körper, er lernt dabei auch, wie er aus sich heraus Kopien seiner selbst lesen kann. So entstehen nicht nur der andere Taush, sondern auch ein kleiner Taush, während er fortan der neue Taush genannt wird. Einer perfekt, einer missraten und einer auf der Suche nach der großen Veränderung, die aus der Stadt Mandragora Alrauna werden lässt.
So wie die Figuren ihre Namen verändern, je weiter sie sich entwickeln, so ändern auch die Orte ihre Namen und in kurzen Zwischensequenzen wird uns Leser·innen sogar verdeutlicht, dass selbst die Geschichten und Legenden dieses Buches sich ändern, Varianten erhalten und niemand wirklich weiß, was sich damals tatsächlich abspielte.

»Der Heilige zwischen den Welten« ist keine einfache Lektüre. Doch die Sprache, in der wunderbaren Übertragung Eva Ruth Wemmes, trägt sehr viel dazu bei, dass man von den Bildern und Stimmungen getragen wird. Literarisch ist der Roman ein großer Genuss und auch wenn es sehr viele Szenen gibt, die sich Blut, Gedärm, Kot, Maden und verwesendem Fleisch suhlen, versteht man die große Sinnbildlichkeit dahinter. 

Ecaterina Gabriella wählte für ihre Illustrationen dieses Mal flächige Bilder, die nichts mit der grazilen Figürlichkeit der Fadenbilder in »Der Heilige mit der roten Schnur« gemein haben. Die Figuren sind unscharf, in Grau und Schwarz verschwommen, fast unkenntliche Schattenwürfe und in ihrer Unbestimmtheit so düster wie gruselig.

Der homunculus Verlag präsentiert weiterhin auf höchstem editorischen Niveau Phantastik der besonderen Art und es ist jedes Mal eine Freude, im Verlagsprogramm zu forschen, welche unbekannten Perlen sie dieses Mal präsentieren und wir können nur hoffen, dass wir dort auch bald wieder ein Werk Flavius Ardeleans entdecken werden.

Fazit
»Der Heilige zwischen den Welten« von Flavius Ardelean ist ein phantastisches Unikat, das man kaum mit anderen Werken des Genres vergleichen kann. In seiner sprachlichen Wucht, in den beängstigenden, aber zugleich auf wundervolle Art inspirierenden Lebensgeschichten und in der Monstrosität des Weltenentwurfs ist »Der Heilige zwischen den Welten« etwas Besonders. Kein Buch für Zwischendurch, eher für das Überhaupt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Der Heilige zwischen den Welten
Original: Bășica Lumii și a ne’Lumii, 2017
Autor: Flavius Ardelean
Übersetzerin: Eva Ruth Wemme
Cover und Illustrationen: Ecaterina Gabriella
gebundene Ausgabe, 488 Seiten
homunculus Verlag, 23. September 2021

ISBN-10: 3946120369
ISBN-13:  978-3946120360

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 05.11.2021, zuletzt aktualisiert: 27.11.2021 13:34