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Der Pfad des Magiers

Autor: Dirk Wonhöfer

 

Die Kerzenflammen in dem kleinen Raum flackerten kurz, als Pakkan das Fenster schloss und die Nacht aussperrte. Er blickte sich in seinem Arbeitszimmer um, das restlos überfüllt wirkte. Die Regale quollen über vor Büchern, zwei der Tische standen auf Beinen aus aufeinander gestapelten Folianten, und der Boden war übersät mit allerlei Krimskrams. Im Gegensatz zu anderen Magiern hatte er es mit der Ordnung nie sehr ernst genommen. Er vertrat die Meinung, dass ungewöhnliche Entdeckungen auch eine ungewöhnliche Herangehensweise notwendig machten.

Wehmütig schweifte sein Blick über all die offenen Bücher auf seinem Schreibtisch. Halb gelesen und schon wieder bei Seite gelegt, weil ein anderes Thema interessanter erschien, wirkten sie nun, als würden sie ihn anflehen, weiter in ihnen zu stöbern. Er strich mit dem Finger über die fein geschwungenen Zeilen eines Buches, das er zu schreiben begonnen hatte. Er würde es nicht mehr zu Ende bringen. Der flackernde Kerzenschein malte tanzende Schatten in sein vom Alter gezeichnetes Gesicht.

Pakkan fühlte sich müde, unendlich müde. Hinter ihm lag ein langes und glückliches Leben, in dem es nichts zu Bereuen gab. Er hatte einige gefährliche Abenteuer gemeistert, weit entfernte Orte aufgesucht und mehrere junge Menschen unter seine Obhut genommen, um sie in den Lehren der Magie zu unterweisen.

Jetzt war es an der Zeit, dies alles zurück zu lassen. Er griff nach einem Buch, das er seit langer Zeit nicht mehr angerührt hatte. Eine kleine Staubwolke stob in den Raum, nachdem er tief Luft geholt und darüber gepustet hatte. Ein lederner Geruch, der Erinnerungen an die Vergangenheit und alte Zeiten weckte, kroch ihm in die Nase.

Die Stimme der Magie lautete der Titel, den der Umschlag preis gab. Gedankenverloren blätterte er in dem dicken Wälzer, bis sein Finger auf einer Seite verweilte.

Gerade begann er, leise die Zeilen eines Zaubers zu wispern, als es an der Tür klopfte. Er zögerte einen Augenblick, bevor er "Komm nur herein" rief. Er bedachte die Person, die den Raum betrat, mit durchdringendem Blick.

"Ihr wolltet mich sprechen, Meister?" Shana, seine derzeitige Schülerin, sah ihn fragend an.

Pakkan erinnerte sich und nickte sacht. "Ach ja. Ja. Ich … hatte es beinahe vergessen. Ich will mich von dir verabschieden."

Shana legte ihre jugendliche Stirn in Falten, wobei ihr feuerrotes Haar über das mit Sommersprossen übersäte Gesicht fiel. Sie wollte zu einer Frage ansetzen, schloss jedoch ihren Mund wieder und schluckte hart. "Ihr geht weg", stellte sie fest. "Für immer, nicht wahr?"

Der alte Magier lächelte zufrieden. Seine Schülerin war zwar noch ein halbes Kind, doch trotzdem die beste Novizin, die er je gehabt hatte. Ihr Blick war oft in die Ferne gerichtet, als würde sie durch die Wände des Hauses zum Horizont sehen, und sie wirkte nicht selten abwesend, träumte fast immer vor sich hin. Doch sie war neugierig und wissensdurstig, hatte eigene Ideen, wo andere nur stur Zauberformeln auswendig lernten.

"Meine Zeit ist gekommen, Shana. Mein Leben neigt sich seinem Ende zu, ich spüre es in meinen Knochen und Gliedern. Dieses Haus und all meine Besitztümer überlasse ich dir. Du bist alt genug, um auf dich selbst acht zu geben und dir alles weitere bei zu bringen."

"Ich … ich wusste, dass dieser Tag einmal kommen würde. Ich habe es längst geahnt." Tränen standen in den Augen des Mädchens. Es nickte, als sein Blick auf das Buch in Pakkans Händen fiel. "Was haltet Ihr da?"

"Oh, das …", sagte der Magier und wirkte, als bemerke er das Buch selbst zum ersten Mal. "Das ist eine Abschrift der Stimme der Magie. Das Original wurde vor über tausend Jahren von Mytherin Galesto verfaßt, dem wohl größten Magier, den die Welt je gesehen hat. Mit seinen Lehren solltest du dich erst beschäftigen, wenn du älter bist."

"Was machte ihn so mächtig?"

"Ich erwähnte nichts von Macht. Es war Weisheit, die seine Worte tränkte, und Güte, von der seine Taten bestimmt waren. Sein Lebenswerk bestand in der Erschaffung einer eigenen Welt, die außerhalb der unseren liegt: Das zeitlose Reich Mytheria, ein Land, das ausschließlich aus Magie besteht."

"Und dieses Mytheria existiert noch immer?"

"Natürlich existiert es, und heute Nacht werde ich es aufsuchen. Galesto erschuf dieses Reich, um alten Magiern einen letzten Ort der Ruhe zu geben. Alsbald ich den Pfad des Magiers beschreite, werde ich nach Mytheria gelangen. Das Land wird meine Kräfte aufzehren, denn es wird von der Magie derer genährt, die es aufsuchen. Ich freue mich bereits darauf, meinen Meister wieder zu sehen und einige meiner besten Freunde, die schon lange dort sind." Die Erinnerung ließ Pakkan verstummen, und für eine Weile herrschte Stille.

"Ich danke Euch für alles und wünsche Euch nur das Beste!" sagte Shana schließlich und verneigte sich vor ihrem Meister. Danach betrachtete sie den Zauberer unsicher, zuckte mit den Schultern und umarmte den alten Mann so fest sie nur konnte.

"Ach" brachte Pakkan hervor und fühlte sich ein wenig zerquetscht. Als seine Schülerin ihn aus der Umarmung entließ, atmete er erleichtert auf und grinste schwach. "Es ist ja nicht so, dass wir uns nicht wieder sehen. Wenn du fühlst, dass es an der Zeit für dich ist, diese Welt zu verlassen, dann stehen auch dir die Tore Mytherias offen."

"Ich werde mich daran erinnern", versprach Shana mit glänzenden Augen. Irgendwie schien sie zu spüren, dass Pakkan nun allein sein wollte, denn sie verneigte sich noch einmal tief und verließ dann den Raum.

Der Magier blickte dem Mädchen nach und dachte an den Tag, an dem er sie kennen gelernt hatte. Es war auf seiner letzten großen Reise gewesen, die ihn durch viele fremde Orte und Städte geführt hatte. In einem der Dörfer, die er besuchte, fand eine Hexenverbrennung statt, und Shana war schon von Flammen umgeben gewesen, als Pakkan eintraf. Er brachte es fertig, das Mädchen zu retten, doch für Shanas Mutter kam jede Hilfe zu spät. So hatte er das kleine, rothaarige Mädchen bei sich aufgenommen.

Bereits jetzt vermisste er ihr wildes Antlitz und ihren jugendlichen Übermut, obwohl er doch noch gar nicht fort war.

Nachdenklich griff er wieder nach der Stimme der Magie, aber seine Gedanken weilten an einem anderen Ort. Der Abschied von dieser Welt fiel ihm schwerer, als er vermutet hätte. Er legte das Buch offen auf seinen Tisch und prägte sich den Zauberspruch ein, der ihm das Tor öffnen würde.

Mit geschlossenen Augen und befreitem Geist ergriff er anschließend die Fäden der Magie und begann, den Pfad zu weben. Seine Lippen wisperten tonlose Worte, seine Hände vollführten den Zauber wie von selbst.

Ein blauer Riss entstand in Pakkans Zimmer, eine wogende Wolke, die in andere Welt führte. Er hob die Lider und starrte mit gemischten Gefühlen auf das Tor. Hinter blauen Wirbeln und Strudeln zeichnete sich ein Feldweg ab, der von Bäumen gesäumt war.

Der Magier sammelte seinen Stab, seinen Hut und seinen Mut zusammen und trat in den Riß. Sofort war ihm, als würde er in einem Traum versinken. Schatten umspülten ihn, schüttelten seinen Geist und krabbelten durch seine Adern. Nach einem seltsamen Moment der Schwerelosigkeit fiel er vornüber, landete auf Händen und Knien und krallte seine Finger in Kieselsteine und sandigen Untergrund.

Nachdem seine Augen sich an die Helligkeit gewöhnt hatten, sah er sich um. Azurblauer, wolkenloser Himmel erstreckte sich über ihm, doch die im Zenit stehende Sonne schenkte keine Wärme. Es war kalt hier, ein eisiger Wind fuhr durch die kahlen Bäume, rüttelte an ihren Ästen und zerrte an Pakkans Kleidern. In der Luft lag schwach der Geruch von Kornfeldern, doch zu den Seiten hin erstreckte sich nur braunes Ackerland, auf dem ein paar vereinzelte schwarze Ären sprossen. Die Bäume, die ihre langen, knorrigen Äste wie Finger über dem Feldweg zusammen streckten und sich gegenseitig fest zu halten schienen, wirkten, als wären sie tot seit ewigen Zeiten. Selbst ihre Rinde hatte an den meisten Stellen bereits eine weiße, fahle Färbung angenommen, wo früher vielleicht ein schönes braun zu sehen gewesen war.

Pakkan fröstelte. Es musste Winter sein, oder zumindest Herbst. Eigentlich hatte er hier keine Jahreszeiten erwartet. Er warf einen Blick über die Schulter und stellte ohne Überraschung fest, dass der Pfad des Magiers verschwunden war. Hinter ihm warteten nur weitere Äcker, zwischen denen sich der Weg hindurch schlängelte.

Vor ihm, nicht weit entfernt, duckten sich die ersten gedrungenen Häuser einer Stadt aneinander. Er schlenderte die Allee entlang auf sie zu, als ihm etwas Sonderbares auffiel. Hieß es nicht, dass man in Mytheria seine Magie verlor, da sie vom Land geschluckt wurde? Trotzdem fühlte es sich so an, als besäße er sie noch immer. Testweise ließ er ein paar Steine in die Luft schweben. Die fliegenden Kiesel bestätigten seine Vermutung. Er spreizte die Finger, worauf hin die Steine wieder herab sanken. Er betrachtete sie für eine Weile, zuckte dann mit den Schultern und ging weiter.

Er nahm sich vor, den erstbesten Bewohner zu fragen, was es mit der Magie in Mytheria auf sich hatte. Als er das Ende der Allee erreicht hatte, verwandelte sich der Feldweg in eine breite Straße, die schnurgerade durch die Stadt führte und sie sauber in der Mitte teilte. Abgesehen davon war sie vollkommen leer. Die Häuser, allesamt in den unterschiedlichsten Farben, bestanden aus Stein und Lehm, Holz, oder in wenigen Fällen auch aus ungewöhnlicheren Materialien wie Bambus oder Stroh. Einige hatten riesige gläserne Kuppeln auf dem Dach und sahen aus wie das Heim des Sternenguckers, dem Pakkan auf einer seiner Reisen begegnet war. Und alle hatten sie eines gemeinsam: Sie wirkten verlassen und längst vergessen.

Der Garten des Hauses zu seiner Rechten musste einst wunderschön und gepflegt gewesen sein, doch hatte ihn jemand so verwahrlosen lassen, dass die Ranken sich nun darum stritten. Unkraut kletterte am Holz des morschen Zaunes empor. Dem Zauberer entwich ein verblüfftes "Oha", als er sanft gegen das Gartentörchen drückte, das darauf hin in sich zusammen brach. Er stieg über die hölzernen Reste hinweg und näherte sich dem Gebäude, das wenig einladend war. Die Farbe bröckelte vom Stein, große Risse prangten wie Narben im Putz, und die Haustür war mit Brettern verschlagen worden.

Pakkan stemmte sich mit der Schulter gegen die Tür und sprengte sie schließlich mit einem Zauber, nachdem er mit Körperkraft nichts erreichen konnte. Ein schaler Geruch schlug ihm gemeinsam mit einer Staubwolke entgegen. Das Innere des Hauses war unordentlich und wohl schon lange von niemandem mehr betreten worden, denn die Schicht aus Staub bedeckte den herumliegenden Krempel wie eine erstickende Decke aus Schnee. Hier gab es nichts Lebendiges mehr. Dieses Gebäude war gefangen in ewigem Winter.

Mit einem flauen Gefühl im Magen drehte sich der Magier um und verließ das Haus schnellen Schrittes, bis er wieder auf der sonnenbeschienenen Straße stand.

Etwas Schlimmes ging in Mytheria vor sich. Etwas, das Pakkan noch nicht fassen oder begreifen, doch in seinen Knochen spüren konnte. Die Kälte hatte Einzug gehalten im Land der Magie. Sie ließ die Hoffnung erfrieren.

Der Magier wanderte die Straße hinauf, musterte jedes einzelne Haus, doch er fand keines, dessen Türe nicht verschlagen war oder das anderweitig darauf schließen ließ, dass noch jemand darin wohnte.

Erst, als er sich von der Hauptstraße abwandte und in ein Seitengässchen einbog, konnte er Veränderung erkennen. Es musste hier einstmals malerisch schön gewesen sein, denn in den kleinen Gärten staken die Stiele gigantischer Sonnenblumen in den Himmel. Doch die Blüten waren längst verdorrt und abgestorben, lagen gräulich verfärbt am Boden. Wie sie dort vor sich hin faulten, gaben sie Pakkan das Gefühl, sie hätten der Sonne die Wärme gestohlen und wären dann das Opfer ihrer eigenen Gier geworden, als die Kälte an ihren Stielen fraß, bis diese schließlich zu schwach wurden, die Last der Köpfe weiter zu tragen.

Die Türen der Gebäude hier waren nicht mit abweisenden Brettern vernagelt, sondern lediglich mit weiterem Holz verstärkt worden. Ein Griff zur Klinke bestätigte Pakkan in der Annahme, dass er hier noch Leben finden konnte, denn die Tür schwang nach Innen auf.

Ein lautes Knarzen kündigte sein Eindringen an, das jedoch nur von Stille quittiert wurde.

"Ist hier jemand?" rief er laut und durchwühlte das Gerümpel, das auf einer Kommode lag. Mehrere Bücher waren unter allerlei Müll vergraben und lugten nur noch teilweise darunter hervor. Er räumte einen zerbrochenen Abakus, eine verbogene Brille und ein paar seltsame hölzerne Geräte bei Seite, bis ein leises Husten ihn in der Bewegung erstarren ließ. Mit schief gelegtem Kopf lauschte er aufmerksam. Da war es wieder, kam vom oberen Stockwerk.

Schnell legte er die Bücher zurück und erklomm die Treppe, die unter seinen Tritten quietschte wie ein Knäuel kämpfender Nagetiere.

"Hinfort mit dir!", erklang eine fremde, heisere Stimme von oben, wonach Pakkan nur noch rascher hinauf stapfte. "Bleib mir vom Leibe, garstiger Dämon!"

Eine kleine Dachkammer tat sich vor dem Magier auf. Der Raum quoll beinahe über vor Unrat. Essensreste, Decken, Kissen und ein mächtiges Bett füllten fast das gesamte Zimmer. Der Raum war niedrig, und so musste Pakkan sich ducken, als er weiter ging. Mit starrem Blick saß ein Mann auf dem Bett in der Ecke, eingerollt in einige Decken, und beobachtete ihn.

"Oh. Entschuldige. Ich dachte, du wärst jemand anderes", murmelte er erschöpft und zog sich weiter in die Hügellandschaft aus Laken zurück.

Der alte Zauberer setzte sich auf das Ende des Bettes und reichte dem Fremden eine Hand. "Wer dachtest du, wäre ich? Mein Name lautet Pakkan, und wer bist du?"

Der Liegende beobachtete ihn aus trüben, wässrigen Augen. Sein Gesicht war verbraucht und von vielen Falten gegerbt, seine Haut schien ledern, wo sie nicht von den langen weißen Strähnen verdeckt wurde, die ihm vom Schädel wallten. Nach einiger Zeit antwortete er: "Hamisar. So heiße ich, mein Freund. Hamisar. Und es ist mir eine Freude, dich kennen zu lernen." Er beugte sich vor, griff nach der dargebotenen Hand und schüttelte sie mit der ihm verbliebenen Kraft.

"Wer dachtest du, wäre ich?", wiederholte Pakkan seine Frage.

Sein Gegenüber senkte den Kopf, und als er wieder aufsah, rannen Tränen über seine Wangen. Er blickte müde in Pakkans Augen. "Ein Schatten ist über Mytheria gekommen, mein Freund. Er drang in unser Reich ein und labt sich an unserer Magie, saugt dem Land das Leben aus. Mit jedem Augenblick, der vergeht, werden wir schwächer und schwächer. Mytheria zerfällt, und wir können nichts dagegen tun. Der Schatten ist zu mächtig."

"Ein Eindringling? Aber wo sind all die anderen Bewohner des Reiches? Hier müssten doch viele Zauberer leben."

Hamisar hustete und hielt sich ein Stofftuch vor den Mund. Als der Anfall vorüber war und er das Tuch zur Seite legte, war es rot gefärbt von Blut. "Die, die zu kämpfen versuchten, starben. Wir anderen zogen uns zurück und verbarrikadierten uns in den entlegenen Häusern, doch auch wir sind dem Tode nah."

Pakkan schüttelte den Kopf und wollte eine weitere Frage stellen, als der im Bett Liegende weitersprach: "Mytheria schenkte uns die Unsterblichkeit, denn es gab hier weder Zeit noch Pein. Doch der Schatten entzieht dem Land die Magie, durch die es existiert. Er gibt es dem Zerfall preis, und so siechen auch wir langsam dahin. Wir sind Sterbende in einer sterbenden Welt."

"Was ist das für ein Wesen, dieser Schatten? Wie gelangte er hier her?"

"Er ist ... der Dunkle. Ich weiß nicht, wie er nach Mytheria kam. Doch ich weiß, dass er finstere Absichten hat. Sein Körper ist so schwarz wie seine Seele, seine Aura versprüht Hass und Zorn. Er ist der Kältewandler, denn er stiehlt die Wärme und ist gehüllt in einen Mantel so dicht wie der kühle Odem des Todes. Wir können ihm nicht entkommen, mein Freund. Niemand kann das. Von diesem Ort gibt es kein Zurück."

Ein neuerlicher Krampf schüttelte Hamisar so heftig, dass er sich zur Seite beugte und Blut auf die Laken spuckte. Sein Besucher klopfte ihm auf den Rücken und sprach ihm gut zu, bis er sich wieder etwas beruhigt hatte.

"Möglicherweise kann dieser Dunkle doch vertrieben werden", sagte Pakkan nachdenklich. "Ich besitze noch immer meine magischen Kräfte!"

Ein Geräusch erklang, das entfernt an ein verzweifeltes Lachen erinnerte. Hamisar fing fast wieder zu Husten an. "Das ist sein Werk. Er lässt sie allen, die neu hier eintreffen. Es ist schwierig für ihn, die gebundene Magie Mytherias an sich zu reißen, denn das Land weiß um seine Bösartigkeit und kämpft gegen ihn an. Doch einen einzelnen Magier kann er mühelos vernichten, um sich dessen Macht an zu eignen. Ich sah schon viele fallen, die dachten, ihn besiegen zu können. Aber es gibt ... keine Flucht ..."

Pakkan nickte und rutschte auf der Kante des Bettes hin und her. "So ist Mytheria also zur Todesfalle geworden. Und niemand kann die Magier der wirklichen Welt warnen. Sie werden der Reihe nach in ihr Verderben laufen, so wie ich. Der Traum des großen Mytherin ist zerstört."

"Nicht nur das", flüsterte Hamisar mit brüchiger Stimme. "Wer weiß schon, wie der Kältewandler die Magie, die er Mytheria entzieht, in der anderen Welt verwendet? Eine solche Macht reicht aus, um Berge zu sprengen und Meere auszutrocknen. Ich befürchte, dass der Dunkle seine Kräfte gegen alle Lebenden richten wird. Und dann gnaden ihnen die Götter." Der Ausdruck in den Augen des Kranken wurde plötzlich unstet, seine Pupillen zuckten wirr von einer Seite auf die andere. Ruckartig schnellte seine Hand vor und umklammerte Pakkans Arm. "Er kommt. Er ist auf dem weg hierher, um dich zu holen. Spürst du es nicht?"

Pakkan entwand sich dem Griff Hamisars und fühlte einen Schauer über seinen Rücken rinnen. Die Luft wurde merklich kühler, eisige Kälte breitete sich im ganzen Zimmer aus.

"Verschwinde von hier", hustete der Liegende verzweifelt. "Geh schnell weg! Er hat es nicht auf mich abgesehen, denn ich besitze nichts, was für ihn von Bedeutung ist. Verschwinde, oder er wird uns beide töten! Schnell!"

Der Magier zögerte einen Moment und nickte dann. "Ich wünsche dir Frieden, mein Freund."

"Den wünsche ich dir auch, in einem anderen Leben. Und nun geh! Er ist fast hier!"

Pakkan wollte noch etwas sagen, entschied sich jedoch anders und drehte sich um. Geduckt hastete er zur Treppe zurück und nahm die Hälfte der Stufen, als wäre der Leibhaftige hinter ihm her. Dann hielt er inne, atmete mehrere Male tief durch und richtete sich zu seiner vollen Größe auf, um erhobenen Hauptes weiter zu laufen. All seine Sinne warnten ihn und gemahnten ihn, sich zu verstecken, sich in einem Loch zu verkriechen und zu warten, bis die nahende Gefahr vorüber war. Doch er wollte seinem Tod stolz ins Gesicht sehen. Dieser Dunkle würde ihn nicht kampflos in die Hände bekommen.

Als er wieder nach draußen trat, blickte er sich wie beiläufig um, doch die Gasse war leer. Noch immer stand die Sonne hoch am Himmel und konnte nichts gegen die heran wallende Kälte ausrichten, die wie Wellen über Pakkan herein brach. Immer öfter schlug sie ihm nun entgegen und ließ ihn zittern.

Langsamen Schrittes wanderte er den Weg entlang, bog in die große Straße ein und beobachtete die vernagelten Türen und verwilderten Gärten aus den Augenwinkeln. In seinem Rücken spürte er nun deutlich die Anwesenheit einer anderen Person. Ohne sich etwas anmerken zu lassen, marschierte er weiter. Es war schwer, dem Drang zu widerstehen, sich einfach um zu drehen. Die Gewissheit, dass sein eigener Tod hinter ihm wandelte, brachte Pakkan fast um. Doch er kämpfte gegen den Drang an und blickte nach vorn.

Nun gesellte sich auch Dunkelheit zu der Kälte. Diese schemenhafte Finsternis ist schlimmer als die dunkelste Nacht, dachte Pakkan nervös, als lange Schatten an den Häusern tanzten wie ein Schwarm dunkler Aale in unruhigen Gewässern. Düstere Finger glitten über die zerfallenen Wände und krallten sich an ihnen fest, suchten nach Halt.

Pakkan begann zu rennen. Erst bemerkte er es gar nicht, trugen seine Füße ihn ganz von allein. Sein Körper übernahm die Kontrolle und hörte nicht mehr auf seinen Verstand. Mit viel Mühe erzwang der Magier sich wieder die Herrschaft über seine Glieder und verlangsamte seinen Schritt.

Die größeren Gebäude hatte er hinter sich gelassen, war bereits an den Randbereichen der Stadt angelangt. Wieder lag der Feldweg vor ihm, diesmal in entgegen gesetzter Richtung. Er lief weiter, ohne ein Ziel zu haben. Die verkrüppelten Bäume schienen ihre klauenhaften, verknoteten Skelettäste nach ihm zu strecken, während die Dunkelheit immer fester wurde und ihm die Luft raubte. Er wich den überhängenden Ästen aus, stolperte über eine Wurzel und stürzte zu Boden. Der harte Kies fing seinen Fall, entlockte seiner Schulter ein unangenehmes Knacksen. Unter Schmerzen richtete er sich auf, ignorierte das Pochen, das nun durch seinen Arm ging.

Pakkans Füße strebten weiterhin nach vorn, doch er drehte den Kopf und sah nach hinten. Eine hochgewachsene Gestalt in dunkler Robe schritt durch die düstere, in unnatürliche Nacht getauchte Allee. Die Bäume muteten wie tote Krieger an, die ihren Fürsten flankierten. Hunderte von Schatten tanzten so wild um die Gestalt, dass es den Anschein machte, als wäre sie in Wahrheit mehr als nur ein einzelnes Wesen.

Heulend kam Wind auf und fuhr in die Robe des Fremden, bauschte sie auf und verwandelte sich in Sekundenschnelle in einen ausgewachsenen Sturm. Die Bäume neigten sich zu den Seiten, verbogen sich knarrend und ächzend, und aufgewirbelter feiner Staub erschwerte das Atmen.

Eine Vorahnung des Grauens überkam Pakkan, als die Kälte ihn übermannte und der Sturm ihm Sand ins Gesicht blies. Er streckte die Hand und beschwor eine Flammenwand herauf, die vor dem Fremden in die Höhe schnellte und ihn einschloss. Doch der Träger der düsteren Robe trat einfach durch das Feuer, ohne Schaden davon zu nehmen. Die Flammen flackerten für einen Moment, bevor sie vom Orkan hinfort gewischt wurden.

"Wer bist du? Was willst du in diesem Reich?" schrie Pakkan gegen den Wind an und versuchte, etwas unter der Kapuze des Fremden zu erkennen. Aber da war nichts, außer unbarmherziger Dunkelheit.

Die schwarze Gestalt schritt weiter, während sie sprach: "In diesem Reich?" Die Stimme hallte durch Mytheria wie tiefer Grabgesang durch eine Gruft. "Dieses Land ist für mich nicht von Interesse. Es ist nichts weiter als ein unerschöpflicher Quell der Magie."

"Das darf es nicht sein!" Pakkan fletschte wütend die Zähne und murmelte einen Spruch, der so mächtig war, dass er jedes Lebewesen zerreißen konnte. Der Dunkle machte sich nicht einmal die Mühe, ihn abzuwehren. Wirkungslos ging der Zauber durch ihn hindurch und ließ einen der Bäume hinter ihm zerbersten. Der Sturm riss die Splitter mit sich.

Noch einmal griff der Magier nach den stärksten Energien in seiner Nähe, band sie in einer enormen Anstrengung und ließ sie anschließend auf den Fremden los. Ganze Steinbrocken lösten sich aus dem Boden und schnellten auf die Kreatur zu, die sich nicht davon beirren ließ.

"Du kannst mich nicht verletzen, denn mein Körper befindet sich nicht hier", höhnte die Gestalt. Die ersten Schatten, die den Kältewandler umspielten, kamen dem Magier gefährlich nah. Pakkan spürte bereits, wie seine Beine ihm den Dienst versagten und unter ihm weg knickten.

Er atmete tief ein, wappnete sich für den letzten Kampf und reckte das Kinn vor, als ein heller, klingelnder Ton die Luft erfüllte. Ein blaues Leuchten erschien hinter dem Zauberer. Unter Schmerzen fuhr Pakkan herum und beobachtete gebannt, wie sich dünne Linien zu einem glimmenden Spalt verwoben. Nur einen Moment später verfestigte sich das Gebilde.

Der Pfad des Magiers, schoss es Pakkan durch den Kopf. Jemand webt ihn in eben diesem Augenblick!

Er trotzte seinen tauben Beinen und den Schatten, robbte auf das Tor zu, fühlte gleichzeitig, wie der Kältewandler näher kam und seine gierigen Finger nach ihm streckte.

Der blaue Riss im Gewebe der Welt weitete sich, bis er vollständig geöffnet war. Der Umriß einer Person erschien hinter dem Tor. Pakkan erkannte sie.

"Shana!" Seine Stimme verhallte im Brüllen des Sturms. Er kroch weiter auf den Pfad zu.

"Meister!", rief das Mädchen erschrocken und wich vom geöffneten Tor zurück. "Verzeiht mir! Ich war nur neugierig und wollte-"

Ein gellender Schrei unterbrach sie mitten im Satz. Pakkan realisierte, dass er es gewesen war, der geschrieen hatte. Er spürte seinen Unterleib nicht mehr, stemmte sich auf den Handballen nach vorn. Verzweifelt blickte er zum Tor. Nur noch einige Schritte war es entfernt, nur noch eine winzige Distanz, weniger als eine Manneslänge …

Der Schatten umhüllte seine Lenden, ließ sein Blut gefrieren und seine Knochen splittern. Noch einmal blickte er zum Tor. Shana schien ihm helfen zu wollen und war drauf und dran, durch den Pfad zu treten, als Pakkan "Zurück! Bleib auf deiner Seite!" brüllte.

Die Kälte drängte in seinen Körper, war jetzt ein hungriges Tier, das sich an seinen Eingeweiden labte. Er blickte Shana in die Augen, dann hob er die Hände und nutzte die ihm verbliebene Kraft, um einen letzten Zauber zu weben. Tausende und Abertausende magischer Flüsse lenkte er innerhalb eines Augenblicks um, fühlte, wie die Magie Mytherias sein Vorhaben erkannte und ihm dabei half. Bald hatte er alle Fäden des Zaubers gelöst, mit denen das Reich einst gesponnen wurde.

Das Land verwandelte sich in ein formbares, riesiges Knäuel, verlor seine Struktur und wurde zu einem wabernden Etwas. In einer letzten Anstrengung schleuderte Pakkan die gesamte Magie Mytherias durch den Pfad und beobachtete, wie sie in den Körper seiner Schülerin fuhr. Im selben Moment fühlte der alte Zauberer, wie die Welt um ihn herum in sich zusammen brach, der Grundlage dessen beraubt, aus dem sie bestand. Sie riss all das mit, was sich in ihr befand, und zerbarst ins Nichts.

 

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Erstellt: 27.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58