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Der scharlachrote Buchstabe von Nathaniel Hawthorne

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Der Roman über das Schicksal einer »gefallenen Frau« zählt zu den bedeutendsten Werken der amerikanischen Literatur. In diesem 1850 erschienenen Werk beschreibt Hawthorne sprachlich brillant die Brandmarkung einer Außenseiterin durch eine bigotte Gesellschaft.Der Stoff wurde bereits mehrfach verfilmt.

 

Rezension:

Jedes Land besitzt seine eigenen literarischen Klassiker und nicht selten ist ihre kulturelle Bedeutung zwar weltweit anerkannt, findet jedoch kaum eine äquivalente Entsprechung.

So geht es auch dem Roman Der scharlachrote Buchstabe von Nathaniel Hawthorne.

Die (US-)amerikanische Literaturgeschichte zählt dieses Werk zu ihren bedeutendsten und dementsprechend wurde es zur Pflichtlektüre amerikanischer Anglistik-Studenten. Einer der wichtigsten Gründe liegt darin, dass der Roman eine historische Zeit beleuchtet, die zur Gründungsgeschichte der Vereinigten Staaten gehört und damit Erklärungen liefert für die Entstehung der Nation. Hawthorne greift aus einer krisengeschüttelten Zeit 200 Jahre in die Geschichte, rührt an die Legenden der Kolonisationszeit.

Seine Themen sind Puritanismus, Leidenschaft und die Befindlichkeit der ersten Amerikaner.

Man muss bei einer heutigen Lektüre eine ganze Menge moralischer Nüsse knacken, um das Besondere des Romans zu erfassen, denn der eigentliche Plot ist reichlich unspektakulär.

Im Bosten der 1640er Jahre wird die junge Esther Prynne des Ehebruchs für schuldig befunden; der Ehemann weilt noch in der Alten Welt und ein Neugeborenes ist der sichtbare Beweis der Tat. Zur Strafe wird ihr auferlegt, ihre Schande in Form eines Buchstaben ständig auf der Brust zu tragen. A für Adulteress - Ehebrecherin. Beharrlich weigert sich Esther, den Namen des Vaters zu benennen, selbst als sie auf dem Pranger steht und sich der geballten Abscheu des Volkes gegenüber sieht.

So lebt sie fortan am Rande der Gesellschaft mit ihrer kleinen Tochter Perle und erleidet geduldig jede Schmach, lebt von Näharbeiten und bemüht sich durch eine demutsvolle Lebensweise ihrer reue Ausdruck zu verleihen.

Perle ist ein Wildfang, gänzlich frei jeglicher gesellschaftlicher Erziehung, eher der Natur als den Menschen verbunden, ein Kind der Elemente.

Doch der Leser erfährt recht bald, wer der Vater ist. Der hochverehrte jugendliche Pastor der Gemeinde,Arthur Dimesdale, trägt seine Schuld still allein und krankt an ihr, bis der naturkundige Arzt Roger Chillingworth sich seiner annimmt, und ihn zu pflegen verspricht. Jodoch handelt es sich bei ihm um Esthers Gemahl, der nur allzuschnell in dem Pastor den Ehebrecher erkennt und eine teuflische Rache ersinnt.

Endlich, sieben Jahre nach der öffentlichen Verurteilung, offenbart Esther dem Priester das Geheimnis seines Arztes und in einem kurzem Moment der Liebe beschließen sie, die Gegend zu verlassen um gemeinsam ein Leben ohne Schande zu führen. Doch noch bevor das Schiff sie in eine neue Zukunft bringen kann, stirbt Dimesdale in einer theatralischen Szene auf dem Pranger, in der er sich als Perles Vater offenbart.

 

Die Geschichte ist jedoch nicht ganz so trivial, wie sie klingen mag. Das muntere Essay von Binnie Kirshenbaum spielt mit den verschiedenen Möglichkeiten der Figurenbeurteilung und lässt dadurch offenbar werden, wie vielschichtig der Roman ist.

Hawthorne schrieb nämlich keine einfache Schmonzette, vielmehr legte er sein Werk als eine Fabel voller Symbole und Verweise an. Schon in der Namensvergabe legte er den Figuren Bezüge in die Wiege, die ihre Funktion innerhalb der Handlung neu bewerten.

So ist die kleine Perle, wie ihr Gegenstück in der Natur, ein Produkt einer unnormalen Verbindung und gleichzeitig ein hocherotisches Motiv. Selbst ihre elementare Ursprünglichkeit spiegelt sich dem Namen wider. Diese Metaebene durchweht den ganzen Text, selbst wenn wir heutige ethische Vorstellungen an die Figuren legen, bekommen wir kein klares Schwarz/Weiß-Bild.

Darüber hinaus beleuchtet Hawthorne das Regelwerk einer streng puritanischen Gemeinschaft, für die Bibel und Gesetz eins ist, jedoch wie so vieles in der Welt hinter der hehren Fassade lichterloh brennt. Es gibt keine unfehlbare Figur. Jede, bis hin zur kleinen Perle, steht zur Hälfte im Schatten und gibt sich Emotionen hin, die die Gesellschaft ächtet. Der soziale Kosmos expandiert, obwohl die Gesetze statisch sind und enge Grenzen bilden.

Seitenweise werden die inneren Konflikte ausführlich dargestellt, der Leser empfindet mit den Figuren die Zwänge und spürt das Unausweichliche des Geschehens. Erst durch diese intensive Belebung der Motive und des Hintergrundes der Charaktere gelingt es Hawthorne, den historischen Bericht zu einem erstaunlichen Drama zu verdichten, dass zwar nicht mehr skandalös ist, aber fasziniert.

Natürlich ist es der Moderne geschuldet, dass die Geschichte der Esther Prynne nicht mehr anrührt. Kirshenbaum benennt einige der Irritationen, die man heute unweigerlich empfindet. Zum einen Esthers offensichtlicher Stolz auf den scharlachroten Buchstaben, ihr unabhängiges Leben in einer patriarcharlichen Umgebung, das Verbleiben dort und der jahrelange Betrug an ihrem Lover, bis hin zur Vermutung, dass sie ihre Heiligenrolle nutzt, um den Bürgern von Bosten ein schlechtes Gewissen einzureden - das alles mag vielleicht sanfte Sympathie für eine clevere junge Frau zu wecken, aber es löst keine Mitleidswelle aus. Ebenso wenig wird man den Pastor als Opfer seiner Berufung sehen oder ihn ob der finsteren Machenschaften seines Zimmergenossen bedauern. Kein tragisches Liebespaar scheitert hier an der Gesellschaft, vielmehr trägt hier ein jeder die Folgen seiner eigenen Taten und Entscheidungen.

Ein großartiger Roman!

 

Die dtv-Neuausgabe ist wieder einmal prall gefüllt. Neben der köstlichen Amtsstubenbeschreibung Das Zollhaus, die als Quasi-Vorgeschichte des Romans einstimmen soll, gibt es das bereits erwähnte Essay, eine Zeittafel und Anmerkungen. Diese sind leider teilweise schwer lesbar - und sträflicherweise im Text nicht verlinkt, heißt: Es fehlen die kleinen Zahlen. Dieses Manko sollte in der nächsten Auflage unbedingt geheilt werden.

Ansonsten bietet die Ausgabe einen unbedingt empfehlenswerten Roman in einer vorzüglichen Aufmachung.

 

Fazit:

Einer der großen Klassiker der amerikanischen Literatur bietet nicht nur die Entdeckung der Dark Romance, mit Nathaniel Hawthornes „Der scharlachrote Buchstabe“ erhält der Leser auch einen tiefen Einblick in die Gründungszeit der USA und implizit auch in die Entstehungszeit des Romans. Also keine Scheu vor dem großen Namen, einfach mal lesen!

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Eure Meinung:

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Buch:

Der scharlachrote Buchstabe

Original: The Scarlet Letter, 1850

Autor: Nathaniel Hawthorne

Übersetzer: Franz Blei

Herausgeber: Ruth und Hans-Joachim Lang

enthält „Das Zollhaus“

mit einem Essay von Binnie Kirshenbaum

dtv, April 2010

Umschlagbild: Léopold Robert

Taschenbuch, 349 Seiten

 

ISBN-10: 3423138637

ISBN-13: 978-3423138635

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 19.07.2010, zuletzt aktualisiert: 30.09.2019 08:42