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Der Schreiber Bartleby von Herman Melville

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 17

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Für den siebzehnten Band der Bibliothek von Babel hat Herausgeber J. L. Borges eine einzelne Geschichte des berühmten Moby Dick-Autors Herman Melville ausgewählt: Der Schreiber Bartleby. Die Geschichte ist 1853 erstmalig in dem Magazin Putnam´s Monthly Magazine veröffentlicht worden. Das Format ist einigermaßen seltsam: Sie weißt einige novellenhafte Züge auf und ist mit einer Länge von neunundsechzig Seiten für eine Kurzgeschichte recht lang, doch von der Struktur und Erzähltechnik her ist sie klar eine.

 

Der Erzähler ist ein Notar und seine in der Wall Street ansässige Kanzlei geht gut – er beschäftigt zwei Schreiber, Truthahn und Kneifzange, sowie einen Bürolehrling, die Pfeffernuß. Da die beiden Schreiber etwas exzentrisch sind und keiner der beiden entlassen werden soll, wird ein dritter Schreiber eingestellt: Bartleby. Der blasse junge Mann wirkt so achtbar wie hilflos – er kann zumindest die Kanzlei hervorragend repräsentieren. Er bekommt einen kleinen Abschnitt im Büro nahe beim Erzähler. Wenn Bartleby gerufen würde, könnte er gleich mit zwei Schritten herkommen. Anfangs arbeitet der Jüngling wie eine Maschine und kopiert eine Akte nach der anderen. Er ist stets der erste im Büro und niemand geht nach ihm. Doch dann soll er eine Kopie zum Abgleich gegenlesen – und weigert sich rundheraus: "Ich würde es vorziehen, es nicht zu tun." Im Laufe der Zeit wird Bartleby immer störrischer und selbst Truthahn beginnt Dinge "vorzuziehen" – zwischen dem Notar und dem Schreiber entspinnt sich ein Duell der Willensstärke.

 

Die Kanzlei hat ihren Sitz in der New Yorker Wall Street und dort spielt sich auch der Großteil des Geschehens ab. Zwar wird kein konkretes Datum genannt, doch die Geschichte dürfte in der Mitte des 19. Jh. spielen; sie ist vor allem über den Stil fest an diese Zeit und den Schauplatz gebunden. Insgesamt wird das Setting nur wenig entwickelt. Phantastische Elemente im engeren Sinne gibt es keine.

 

Die Geschichte kommt mit fünf relevanten Figuren aus: Der ich-erzählende Notar, Truthahn, Kneifzange, Pfeffernuß und Bartleby. Die Namen der drei Angestellten verraten zweierlei: Die wichtigste Eigenart der Figur und ihr karikaturenhaftes Wesen. Truthahn ist am Vormittag ein solider Arbeiter und am Nachmittag aufgedreht und rotgesichtig. Bei Kneifzange ist es umgekehrt – er ist am Vormittag verkniffen und nörglig und am Nachmittag ein solider Arbeiter. Die beiden spielen nur unterstützende Rollen und bilden eine Art Spiegel für Bartleby. Pfeffernuß holt die Pfeffernüsse.

Der Notar ist etwas vielschichtiger. Er ist einigermaßen eitel: Er bittet andere nicht gern um Hilfe und ist durchaus auf seinen Ruf bedacht. Andererseits scheut er Verantwortung und ist auch nicht sonderlich ehrgeizig. Auch die geschäftliche Vernunft beeinflusst sein Handeln.

Bartleby könnte man als Gegenstück deuten: Man kennt nur sein Äußeres, von seinem Charakter weiß man nichts – außer, dass er es vorzieht, es nicht zu tun.

 

Der Plot ist nicht leicht auf den Punkt zu bringen. Er verknüpft zwei Grundmuster: Zunächst ist da das Rätsel, das Bartleby präsentiert – wer ist er? Warum verhält er sich so? Und dann gibt es noch die eigentümliche Rivalität zwischen dem passiv-dominanten Subalternen und der antriebsschwachen Führungsperson.

Die Überzogenheit und Eigenartigkeit der Figuren und ihres Handelns machen die Geschichte zur Groteske. An dieser Stelle stellt sich die Frage, inwiefern das Verhalten der Figuren nach psychologischen Maßstäben phantastisch ist. Für Borges stand dieses außer Frage: Es ist! Er meinte sogar, dass die anderen Figuren sich davon anstecken lassen, was das Phantastische noch steigert. Tatsächlich scheint das Geschehen nicht mimetisch, zu mindest aber nicht wahrscheinlich. Ob dieses allerdings schon ausreicht um diese Geschichte als phantastische zu begreifen, scheint mir zweifelhaft. Gerade weil Bartlebys Motive im Dunkeln liegen, ist sein selbstzerstörerisches Verhalten denkbar, wenn auch nicht verständlich. Dem Leser zum Staunen bringt Bartleby allemal.

Zu diesen offenkundigen Spannungsquellen kommt noch der leicht ironische Tonfall des Erzählers – oft weiß der Leser nicht, ob er eine Komödie oder eine Tragödie verfolgt.

Schließlich kann man die Geschichte nach einem tieferen Sinn befragen: Ist Bartleby, die Figur ohne Charakter, der nackte Mensch, das Menschliche an sich, das im Kommerz keinen Platz hat? Das mag der geneigte Leser für sich entscheiden.

 

Der Erzählfluss ist relativ langsam, dafür aber stetig, was an der ausführlichen und nach heutigen Maßstäben umständlichen Erzählart liegt.

Die Kurzgeschichtenform lässt streng genommen nichts anderes als einen dramatischen Handlungsablauf zu, doch innerhalb dieses Rahmens werden deutliche Zeitsprünge gemacht, so dass es ein weinig episodisch wirkt.

Der Stil ist dem Bildungsniveau des Erzählers entsprechend gehoben und in der Übersetzung wohltuend modern ohne dabei anachronistisch zu wirken.

 

Fazit:

Der Schreiber Bartleby zieht es nach anfänglicher Schreibtätigkeit vor, es nicht mehr zu tun – wird der antriebsschwache Arbeitgeber mit dem sturen Arbeitnehmer fertig? Diese novellenhafte Kurzgeschichte ist eine eigentümliche Wahl: Inwiefern gehören Grotesken per se zur Phantastik? Wer präzis durchgeformte Geschichten oder feinsinnige Tragikkomödien mag, wird an diesem Klassiker der Weltliteratur jedoch seine Freude haben.

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Eure Meinung:

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Titel: Der Schreiber Bartleby

Reihe: Die Bibliothek von Babel Bd. 17

Original: Ohne Angabe

Autor: Herman Melville

Übersetzer: Richard Mummendey

Verlag: Edition Bücherglide (September 2007)

Seiten: 83-Gebunden

Titelbild: Bernhard Jäger

ISBN-13: 978-3-940111-17-3

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 03.06.2008, zuletzt aktualisiert: 07.05.2019 18:36