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Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Zwei Mädchen, zwei Welten, eine Geschichte.

In den Republiken Allelands ist der Frieden bedroht, weil die Fantasten rebellieren.

Die Gleichheit, die von den Egalitaristen einst mühsam erkämpft wurde, ist in Gefahr. Deshalb brennen die Scheiterhaufen, und auch die Fantastin Anna ist zum Tode verurteilt.

In einem anderen Raum und in einer anderen Zeit lebt die Waise Elsa nun bei der gestrengen Frau Heidelbrecht. Sie ist die Erste, die einigermaßen mit der sonderbaren Eigenbrötlerin zurechtkommt. Doch als plötzlich bedrohliche Dinge geschehen, ist es mit dem Verständnis für Elsas »Wolpertingerei« vorbei.

Auf unerklärliche Weise sind die Schicksale von Anna und Elsa miteinander verknüpft. Eine Diktatur ist zu stürzen und ein Rätsel zu lösen – koste es, was es wolle.

 

Rezension:

Anna erlangt das Bewusstsein mitten im Feuer eines Scheiterhaufens. Sie hatte den Reden eines Fantasten gelauscht, als die Wächter kamen. Doch sie kann sich aus dem Feuer befreien und fliehen – und wird sofort zu einer Legende. Als Fantastin gebrandmarkt und vom Feuer versengt, führt ihre Flucht sie auf die Spur einer Weissagung, die der Herrschaft der Egalitaristen ein Ende setzen könnte …

Elsa ist eine Waise. Doch ihre träumerische Art und ihre lebhafte Fantasie verschrecken immer wieder die Leute, in deren Obhut sie gegeben wird. Erst die tief im Hier und Jetzt verwurzelte Frau Heidelbrecht scheint durch Ignoranz mit dem Mädchen zurecht zu kommen. Da begegnen Elsa die verschwundenen Katzen einer Nachbarin, Riesenameisen mit roten Punkten und ein baufälliges Haus verschwindet. Elsas Probleme mit ihrer fantasielosen Umwelt spitzen sich erneut zu …

 

Die Gleichheit der Blinden von Nora Beyer erschien bei Periplaneta in der Edition Drachenfliege und wird als dystopischer Fantasy-Roman beworben.

Tatsächlich ist die Welt von Anna eine seltsame postapokalyptsche Gesellschaft. Nach einem als Riss bezeichneten Ereignis scheinen Teile von Deutschland vom Rest der Welt abgetrennt zu sein. In einer Art Revolution für Gleichheit wurde ein System errichtet, in dem es nur Gleiche gibt, die von einem Großrechter geführt werden. Die Lehren dieser Gleichheit sind die einzigen Texte, die man lesen darf. Alle Gedanken jenseits dieser Lehren gelten als Fantasterei und führen unweigerlich auf den Scheiterhaufen. Hass, Denunziation und Armut prägen das Leben in Alleland – wahrlich eine Dystopie.

Doch auch Elsa lebt nicht wirklich in einer Idylle. Ihre Visionen, Träume und Fantasien führen dazu, dass sie als gestört und störend empfunden wird. Mit immer härteren Maßnahmen wird versucht, ihr diese Flausen auszutreiben. Das gipfelt in einem Aufenthalt in einer Klinik, deren Ähnlichkeit zu Einer flog übers Kuckucksnest sich in immer schlimmeren Szenen vertieft. Nora Beyer beschreibt die erschreckenden Zustände, die Hilflosigkeit der entmündigten InsassInnen mit klaren und schmerzhaften Worten.

Beide Welten verdeutlichen, zu welchen bitterbösen Konsequenzen es kommen kann, wenn die Fantasie aus unserem Leben verbannt wird. Die beiden Mädchen kämpfen auf ganz unterschiedliche Weise dagegen an. Während Anne sich ganz genretypisch in ihre vermeintliche Weltrettungsrolle ergibt und sich auf ihre Queste begibt, versucht Elsa einfach nur zu überleben. Die seltsamen Dinge um sie herum versteht sie selbst nicht, nimmt sie aber als Bestandteil ihres Lebens hin. Die Verbindung der beiden Mädchen ist auf eine ähnliche Weise in die Geschichte eingewoben wie die von Bastian Balthasar Bux und Artréju in Die unendliche Geschichte von Michael Ende. Auch dort ging es um den Kampf gegen die Auslöschung der Fantasie und mussten wirkliche Welt und Phantásien zusammenarbeiten.

 

Nora Beyer gelingt es, mit einigen Ideen für ihr Alleland interessante Akzente zu setzen. Etwa mit dem erstaunlichen Wegweiser und der besonderen Beziehung eines blinden Wirtes zum Verstreichen der Zeit. Aber am faszinierendsten ist ihr Gespür für die Tragik beider Welten. Fernab von einer freundlichen Wohlfühllösung zieht sie ernste Konsequenzen aus den Entwicklungen ihrer phantastischen Kreationen. Diese Ambivalenz bringt auch das Cover von Nicole Altenhoff auf den Punkt: Die Gleichheit der Blinden betrachtet uns mit dem Blick zweier ungleicher Augen.

 

Fazit:

»Die Gleichheit der Blinden« von Nora Beyer ist ein intensives Buch über das Schicksal zweier Mädchen, die sich der Gleichgültigkeit und der Unterdrückung entgegenstemmen. Eine schonungslose Reise zu gar nicht so weit entfernten Orten.

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Eure Meinung:

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Buch:

Die Gleichheit der Blinden

Autorin: Nora Beyer

Taschenbuch, 233 Seiten

Periplaneta, 1. März 2018

Cover: Nicole Altenhoff

 

ISBN-10: 3959960816

ISBN-13: 978-3959960816

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07B6RP3ZS

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Weitere Infos:


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Erstellt: 01.05.2018, zuletzt aktualisiert: 21.08.2019 20:32