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Die Mutter von Brett McBean

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Australien: warme Sommernächte, tolle Strände, faszinierende Landschaften und … Horror? Tja, wer den Kontinent weiterhin mit Kängurus und Crocodile Dundee in Verbindung bringt, dem sind offensichtlich die Zeichen der Zeit entgangen. Down Under herrscht nämlich eine unglaublich vitale und vor allem sehr gut organisierte Szene, deren Elaborate allmählich auch nach Deutschland herüberschwappen. Nach Steve Gerlach (bei Eloy Edictions) und Daniel I. Russell (demnächst bei Voodoo-Press) meldet sich nun auch ein dritter Autor zu Wort: Brett McBean. Schon der erste „Appetithappen“, die Kurzgeschichte Genie eines kranken Geistes (aus Necrophobia 3: Zart wie Babyhaut) ließ aufhorchen. Und da sich der Festa-Verlag sozusagen die Suppe selbst eingebrockt hatte, konnte das Motto nur auslöffeln bedeuten. Oder in diesem Falle: baldiger Nachschlag. Ebendieser ist nun eingetroffen: Die Mutter.

 

Dreh- und Angelpunkt des Romans sind der fast 900 Kilometer lange Hume Highway; eine der bedeutendsten australischen Fernstraßen – und eine Frau. Zunächst namenlos. Ohne Ziel. Vielleicht auch ein wenig verwirrt. Für sie ist der Freeway die neue Heimat geworden, das Trampen ihr täglich Brot. Angst vor den ausschließlich fremden Autofahrern und Truckern hat sie keine. Künstler, Väter, jugendliche Partygänger, Pärchen – sie nimmt alles, was kommt. Und wenn ihr jemand nicht passt, so wird einfach früher als geplant ausgestiegen. Doch was sich in der Theorie so einfach anhört, entpuppt sich in der Praxis als das blanke Gegenteil; erweisen sich harmlose Zeitgenossen als abstoßende Perverse wohingegen hart gesottene Alpha-Männchen in Wahrheit mitfühlende, sensible Zeitgenossen sind. Doch leider ist die letztgenannte Kategorie eindeutig in der Minderheit. Folglich ist der scheinbar endlose Trip der Frau geprägt von Unmenschlichem und Entwürdigendem; gehören Schläge und Beschimpfungen ebenso zu ihrem tristen Alltag wie Vergewaltigungen und Entführungen. Allerdings sind die physischen Schmerzen und deren oftmals hässliche Hinterlassenschaften harmlos im Vergleich zu der seelischen Agonie, die sie zu einer einsamen und getriebenen Seele hat werden lassen. Denn hier, auf ebendiesem Highway hat man ihr das genommen, was ihr im Leben am Wichtigsten war: ihre Tochter. Brutal ermordet von einem Unbekannten, dessen Spur sich im Sand verlaufen hat. Doch anders als die Behörden, denkt die Frau – die Mutter – nicht daran, die Suche nach dem Mörder aufzugeben; schließlich weiß sie um ein ganz besonderes Merkmal des Unbekannten: eine auffällige Tätowierung am linken Arm …

 

Was zunächst als harm- und belangloses Intermezzo auf heißem australischen Asphalt beginnt, mutiert spätestens nach den ersten, von der Protagonistin verfassten Rückblenden zu einer Achterbahnfahrt des Grauens. Das Martyrium, welches die titelgebende Mutter zu durchleben hat, dürfte selbst hartgesottene Leser mehr als einmal schlucken lassen. McBean macht aus den scheinbar unbeschwerten Seiten der Highwayromantik einen unglaublich harten und intensiven Trip in die Hölle; bevölkert von den Abartigen und Verdorbenen. Hier bedarf es keiner übernatürlichen Gräuel, die Bestie Mensch ist mehr als ausreichend. Und McBean präsentiert sie – in all ihren entsetzlichen Facetten. Doch anders als beim Medium Film, wo ein Schwenk oder eine Abblende den Zuschauer vor den stattfindenden Gräuel bewahrt, denkt McBean nicht daran, den Vorhang fallen zu lassen. Der unglaubliche, von dem Australier präzise beschriebene Leidensweg der Mutter pendelt in Sachen Härte und Gnadenlosigkeit irgendwo zwischen Richard Laymon und Jack Ketchum; allerdings ohne das augenzwinkernde Element des erstgenannten. Zum reinen Selbstzweck verkommen die knüppelharten Passagen allerdings nicht. Vielmehr schafft es McBean, dadurch eine Bindung zwischen Leser und Hauptperson herzustellen, bis man sich letztlich nichts sehnlicher wünscht, als das der gemeine Dreckskerl, der dem Leben eines jungen Mädchens auf so brutale und abscheuliche Weise ein Ende bereitet hat, endlich seiner gerechten Strafe zugeführt wird. Eine unglaubliche Leistung und zugleich eines der intensivsten Bücher seit Ketchums Evil, welches mehr als einmal die Grenzen des Erträglichen überschreitet.

 

Fazit:

„Die Mutter“ ist einer der härtesten und erbarmungslosesten Horror-Thriller seit langer Zeit. Ferner besticht McBeans deutschsprachiger Einstand durch geschickte narrative Einfälle und einer rasiermesserscharfen Prosa. Es ist der Abstieg in die endlosen Tiefen des Bösen, das in uns allen wohnt – und nichts für schwache Gemüter.

 

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Eure Meinung:

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Buch:

Die Mutter

Originaltitel: The Mother

Autor: Brett McBean

Taschenbuch, 368 Seiten

Festa, Juni 2010

 

ISBN-10: 3865520936

ISBN-13: 978-3865520937

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 16.09.2010, zuletzt aktualisiert: 04.02.2019 15:57