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Die Wespenfabrik von Iain Banks

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsuinfo:

Francis Leslie Cauldhame lebt in seiner eigenen grausamen Fantasiewelt. Er tötet Tiere mit seiner Steinschleuder und spießt Kadaver auf Pfähle - die Totems sollen sein Revier schützen. Zusammen mit seinem Vater lebt der Sechzehnjährige in einer Wildnis am Meer nahe eines schottischen Dorfes. Niemand außer Francis selbst weiß, dass er auch schon drei Menschen getötet hat, darunter seinen jüngeren Bruder Paul. Sein älterer Bruder Eric, der ebenfalls als gemeingefährlich gilt, sitzt in einer geschlossenen Anstalt. Doch eines Tages bricht er aus und kehrt nach Hause zurück …

 

Rezension:

Seine große Schöpfung ist die Kultur – ein gigantischer Science Fiction Weltenbau – doch Iain Banks wurde mit einigen ganz anderen Werken berühmt, darunter Die Wespenfabrik. Obwohl das Buch unter anderem den KLP gewann, handelt es sich nicht um originäre Science Fiction. Vielmehr gelang Banks ein Thriller, der sich seiner schottischen Heimat widmet und ihr sowohl groteske als auch witzige Züge abgewinnt.

Dabei ist die Story ziemlich schräg. Wir erleben den sechzehnjährigen Frank Cauldham, wie er uns seine Tagesabläufe schildert: Köpfe von toten Tieren präparieren um sie an Grenzpfählen seiner Insel zu drapieren, Rohrbomben basteln und über die Welt nachdenken in einem alten Bunker vor dem Totenschädel eines Hundes.

Die zum Teil ekligen und gewaltvollen Tätigkeiten sind dabei in eher beiläufigem und nüchternen Ton gehalten. Frank glaubt an die Wirkung seiner Natur-Magie. Banks versetzt den Leser mitten hinein in dieses obskure Denken, macht uns zum Mitwisser schrecklichster Verbrechen – immerhin gleich drei vorsätzliche Morde hat Frank bereits als Kind auf dem gewissen – jedoch kommt keine Abscheu auf. So seltsam das auch klingt. Frank mag vielleicht psychotisch erscheinen, aber niemals böse. Man entwickelt Sympathie. Nicht zuletzt durch die urkomischen Telefonate mit seinem Bruder Eric scheint Frank irgendwie immer noch normal zu sein. Etwas freakig sind sie ja alle, denen Frank begegnet.

Bezeichnenderweise lebt Frank mit seinem Vater zusammen auf einem Pulverfass. Im Keller lagert Kordit aus dem 2. Weltkrieg, genug um die halbe Insel in die Luft zu sprengen. Doch nicht weniger Sprengkraft entwickeln die Geheimnisse der Vergangenheit, die sich nach und nach enthüllen und immer mehr erklären, was mit Frank los ist.

Es dauert etwas, bis Frank mit der Geschichte herausrückt, warum er nicht im Stehen pinkeln kann, was ihn zu einem Krüppel macht. Der Hund, dessen Totenschädel den Bunker schützt, biss dem Kleinkind zwischen die Beine. Und Frank entwickelt aus dem Entreißen der männlichen Geschlechtsorgane das Gefühl, ganz besonders für das männliche Prinzip des Tötens einstehen zu müssen im Gegensatz zum von ihm verachteten Prinzip des Gebärens. Dafür und für ihre Schwäche hasst Frank alle Frauen, verachtet sie.

Aus dem Erfüllungsgedanken seiner Geschlechterrolle heraus baut er sich die Wespenfabrik. Sie ist ein Orakel, das auf dem Ziffernblatt einer Kirchturmuhr aufsetzt und Ratschläge dadurch erteilt, dass sich darin eingesperrte Wespen für einen Weg zu ihrer Hinrichtung entscheiden. Da gibt es die Spinne, die Fleischfressende Pflanze usw. usf. – für jede Stunde eine Tür, einen Weg in den Tod. Die Zwölf steht für Feuer.

Feuer ist auch der Begleiter von Eric, Franks älterem Bruder. Brennende Hunde brachten ihn in die Anstalt. Und Feuer begleitet ihn auf der Flucht bis hin zu seinem Vaterhaus. Bis hin zum Finale.

Man folgt den seltsamen Ereignissen und ihrer inneren Logik mit Staunen und zunehmender Anteilnahme. Es bleibt bis zum Schluss völlig unvorhersehbar, wohin sich alles wenden wird und Banks trumpft mit einem finalen Twist auf, der sich gewaschen hat. Aber er macht Sinn. Es erklärt nicht nur dem Leser einiges, es bietet auch Frank die Möglichkeit, in sich selbst aufzuräumen.

 

»Die Wespenfabrik« ist so voller Leben und Tod zugleich, stellt intensive Naturbeschreibungen neben unfassbar groteske Szenen und bedient sich dabei dennoch keiner billigen Effekte, keiner Gewalt um ihrer selbst willen. Es ist gerade die Harmonie und Ausgeglichenheit des persönlichen Berichts, die dem Roman seine Strahlkraft und Authentizität verleiht.

 

Iain Banks starb am Neunten Juni 2013. Er hinterließ einen ganzen Kosmos bemerkenswerter Geschichten. »Die Wespenfabrik« gehört zu den nachhaltigsten.

 

Fazit

Auch wenn »Die Wespenfabrik« keine explizit utopische Geschichte ist, befasst sie sich mit einem Thema, dessen aktuelle und zukünftige Brisanz erst am Ende des Romans deutlich wird, dann den Leser aber wie ein gewaltiger Wirbelsturm umherquirlt und irgendwo und eher zufällig am Leben lässt.

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Eure Meinung:

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Buch:

Die Wespenfabrik

Original: The Wasp Factory, 1984

Autor: Iain Banks

Übersetzerin: Irene Bonhorst

Heyne, 1991

Taschenbuch, 269 Seiten

Cover: Michael Hasted

 

ISBN-10: 3453124383

ISBN-13: 978-3453124387

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 05.07.2013, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27