Die Wolke (Kino)
 
ZurŘck zur Startseite


  Platzhalter

Die Wolke (Kino)

ein Film von Gregor Schnitzler

Redakteur: Ralf Steinberg

 

Tschernobyl. Die Zeit, als pl├Âtzlich der Westen dem verstrahlten Osten nichts mehr abnahm und es deshalb in der DDR Pfifferlinge und Gem├╝se im Polenladen an der Ecke zu kaufen gab.

Was haben wir uns am├╝siert, ├╝ber die Verstrahlungshysterie im Westen und uns gleichzeitig wieder klar gemacht, wie kaputt russische Technik ist. Ein wenig zweifelten wir schon an den Unbedenklichkeitserkl├Ąrungen der Oberen, aber hey, Atomkraft war Zukunft, besser als der Ascheregen unserer Braunkohleheizkraftwerke allemal.

Tschernobyl. Die gro├če Katastrophe im gro├čen Sowjetreich wurde instrumentalisiert, perestroikabereinigt vielleicht weniger gr├╝ndlich, als es in der hei├čen Phase des kalten Krieges geschehen w├Ąre.

Alle Bef├╝rchtungen der Atomkraftgegner kulminierten in diesen Gau, ein Fallout der ├ängste und Sorgen. Und so wurde der Aktionismus erh├Âht, die Bewegung erstarkte, der Umweltschutz boomte. Die industrieh├Ârige Politik sah sich einer breiten Bewegung gegen├╝ber, die pl├Âtzlich handfeste Argumente vorzuweisen hatte und scharfe Fragen formulierte:

Wie sicher sind denn unsere AKWs?

Wie gut sind denn unsere Notfallvorkehrungen?

Brauchen wir diese riskante Energiegewinnung ├╝berhaupt?

 

Zur Geschichte

Am 25. April 1986 explodierte der 4. Block des russischen Atomkraftwerkes Tschernobyl. Ursache war ein Experiment, zu dessen Durchf├╝hrung der Havarieschutz abgeschaltet wurde. Der Explosion und der nachfolgenden Verstrahlung w├Ąhrend der Dekontaminationsarbeiten fielen mehr als 10.000 Menschen direkt zum Opfer, die Folgesch├Ąden sind immer noch nicht voll untersucht, im geringsten Fall werden Zahlen von 1,2 Millionen Gesch├Ądigten genannt.

Die bei der Explosion freigesetzte Radioaktivit├Ąt verteilte sich in der ganzen Welt, Osteuropa betraf der Fallout am st├Ąrksten.

 

Zum Buch:

Der Gedanke, was passieren k├Ânnte, w├╝rde ein deutsches AKW in die Luft fliegen, war bis Tschernobyl f├╝r die breite Masse irrelevant. Zwar gab es massive Proteste gegen die Atomtechnik, aber erst der Reaktorunfall und seine Auswirkungen offenbarten die Schwachstellen in Katastrophenschutz und Verstrahlungsversorgung. Die bereits sehr erfolgreiche Jugendautorin Gudrun Pausewang erarbeitete aus dem m├Âglichen Szenario ein packendes Buch, das nicht nur sehr viele Leser unter den Kindern und Jugendlichen fand, sondern auch Einzug in den Unterricht. Dieser Erfolg begr├╝ndet sich nicht auf eine besondere literarische Qualit├Ąt, die ist in der bundesdeutschen Schule kein Ma├čstab, sondern auf der packenden Bearbeitung des tagesaktuellen Themas. Bis heute fiebern tausende Lesern mit Janna-Berta, so hei├čt sie im Buch, wenn sie vor der radioaktiven Wolke flieht und dabei ihrer gro├čen, ersten Liebe begegnet.

Nach oben

Zur Pressevorf├╝hrung

Das Cinemaxx am Potsdamer Platz ist eines jener seelenlosen Multiplex-Kinos, das seine Besucher anonym verschluckt und klimatisiert wieder auswirft, abgef├╝llt mit einem tempor├Ąren Megaevent, Popcorn und Zielgruppenwerbung.

Hier also wollte Gregor Schnitzler seinen Film ÔÇ×Die WolkeÔÇť der Presse pr├Ąsentieren, drei Monate vor dem offiziellen Kinostart.

Das Kino 8 liegt im Obergeschoss etwas abseits, vor dem Eingang wurde man liebenswert begr├╝├čt und mit der Romanvorlage von Gudrun Pausewang versorgt; der Ravensburger Buchverlag hatte ja auch eingeladen zu dieser Veranstaltung.

Ich hatte mich schon mit dem Pressematerial vertraut gemacht und erkannte daher auch Franz Dinda, den Darsteller von Elmar, der mir auch ein Foto nicht verweigerte. Viel mehr Zeit blieb aber auch nicht, da wurde auch schon in den Saal gebeten. Der f├╝llte sich immer mehr mit diversen Vertretern der Presse, darunter offensichtlich auch Redakteure verschiedener Sch├╝lerzeitungen.

Dann kam Gregor Schnitzler und begr├╝├čte uns, bat um Nachsicht f├╝r die zu sehende Fassung des Films, die zwar im finalen Schnitt, aber noch ohne Colormaging und Synchronisation sei und auch nur als Vidoe-Kopie ├╝ber einen Beamer zur Darstellung gebracht w├╝rde.

Er wies auch daraufhin, dass man den Namen des Kernkraftwerkes in der endg├╝ltigen Fassung noch ├Ąndern m├╝sse, da der Betreiber gewechselt habe und man aus rechtlichen Gr├╝nden einen Ersatznamen gew├Ąhlt habe. Schnell suchte ich mir noch einen Platz weiter vorne, da ein etwas kleineres Filmformat zu erwarten sei, so der Regisseur.

Nun, das Bild war dennoch nicht klein und auch die Qualit├Ąt lie├č nichts zu w├╝nschen ├╝brig, denn, um ein Fazit zu ziehen, der Film ist sehenswert und erstaunlich gut bebildert.

Zum Film:

Die Handlung des Films weicht in einigen Kleinigkeiten vom der des Buches ab, je nach dem, ob man den Roman gelesen hat oder nicht, kann man dar├╝ber sein Urteil f├Ąllen. Mit Sicherheit aber kann man aber ├╝ber den Film von Gregor Schnitzler sagen, dass er die Beklemmung und emotionale Vielfalt der Vorlage deutlich einf├Ąngt und raffiniert an seine Zuschauer weitergibt.

Im Zentrum des Films steht die Liebesgeschichte zwischen Hannah und Elmar. Sie ein durchschnittlicher Teenager, er der stille Au├čenseiter. Die zwar nicht ganz heile, aber bunte Welt, Schule und Alltag, wiegen uns kurz in friedlicher Sicherheit, bis der erste Kuss vom ABC-Alarm unterbrochen wird.

Nun steht Hannah im Mittelpunkt. Pl├Âtzlich mit einer Situation konfrontiert, die weit jenseits des Normalen liegt, mit einer zerbrechenden Welt, die aber immer noch gut deutsch b├╝rgerlich zu Grunde geht, wirbelt sie wie ein Blatt im Sturm dahin. Wer das Buch nicht kennt, erlebt den ersten gro├čen Schock, wenn w├Ąhrend der Flucht vor der Wolke, das gro├če Drama einschl├Ągt und Hannahs kleiner Bruder von einem Auto ├╝berfahren wird. Gerade in dem Augenblick, wo sie durch die Verantwortung f├╝r ihn, gezwungen war, Panik und Chaos zu besiegen, zerbricht diese kleine, aber wichtige St├╝tze, stirbt die letzte Verbindung zur heilen Welt, denn Elmar ist weit weg.

 

Hier beweist Gregor Schnitzler in kraftvollen Szenen ein gro├čes Gesp├╝r f├╝r psychische Sch├Ąden und Verletzungen. Im Spiel aus Bilderchaos und akustischer Ausblendung, treibt Hannah dahin, bis sie sich auf dem Bahnhofsvorplatz der Wolke ergibt. Das ganze ist gro├čes Kino, bedr├╝ckend und aufw├╝hlend, hervorragend gespielt von Paula Kalenberg, die ihrer Hannah, m├╝helos den dumpfen Druck der Trauer und Verzweiflung aufpr├Ągt, ohne zu ├╝bertreiben oder daneben zu liegen. Die Glaubw├╝rdigkeit der Darstellung macht einen gro├čen Teil der Wirkung aus.

Franz Dinda erinnert mit seiner Verk├Ârperung des Au├čenseiters an den fr├╝hen Horst Buchholz. Gerade Paula Kalenberg wird von der Kamera umschmeichelt. Es gibt selbst in den h├Ąsslichen Momenten keine M├Âglichkeit, der Sch├Ânheit der Schauspielerin zu entkommen. Dieser Perfektionismus in Paulas K├Ârperlichkeit bricht sich mit dem geahnten M├Âglichen, ÔÇ×Die WolkeÔÇť bleibt auch als Film im Rahmen des p├Ądagogisch vertretbaren, ist weder aggressiv, noch brutal oder ├╝berzeichnend. Man kann sich alles noch schlimmer vorstellen.

Der zweite Teil des Films erz├Ąhlt die Liebesgeschichte weiter. Gespickt mit kritischen Blicken auf das deutsche System, entwickeln sich beide Jugendlichen in ihrer Auseinandersetzung mit der Strahlenkrankheit, reifen daran und bleiben dennoch lernende Kinder, die keine Pauschall├Âsungen kennen oder akzeptieren. Freude und Leid stehen dicht beieinander und beide Darsteller spielen mit erstaunlicher Nat├╝rlichkeit. ├ťberhaupt ist das gesamte Ensemble sehr ├╝berzeugend, bis auf Richy M├╝ller, der mit seiner Vaterrolle ├╝berfordert zu sein scheint und ihr au├čer Plattheit kein Leben einzuhauchen vermag.

Der Film endet mit einer fast fr├Âhlichen Botschaft - Hannahs Haare wachsen wieder, sie l├Ąsst die Stoppeln im Wind wehen und wir im weichen Kinosessel k├Ânnen endlich die Tr├Ąnen ins Taschentuch packen.

Denn die ÔÇ×WolkeÔÇť ist zu tr├Ąnen r├╝hrend und damit in zweiter Linie ein sehr berechnender Film. So gut er auch gemacht ist, und so wunderbar seine Darsteller auch agieren, der Film ist eine einseitige Verdammung der Atomkraft, emotional untermauerte Demagogie.

Jeder sollte sich selbst seine Meinung ├╝ber Sinn und Risiken von Kernkraftwerken machen, dazu geh├Ârt aber mehr als der Druck auf die Tr├Ąnendr├╝se.

 

Fazit:

ÔÇ×Die WolkeÔÇť ist ein grandioser deutscher Film, mit beeindruckenden Darstellern, der das Thema Atomunfall sehr emotional behandelt und damit aber leider auch stark einseitig bleibt. Gro├čes Kino aus Deutschland ist selten, um so bedeutender ist dieser Film, der es schafft, k├╝nstlerisch zu ├╝berzeugen und vielleicht dazu beitr├Ągt, dass Verantwortungsbewusstsein in deutsche Politikerk├Âpfe gepflanzt wird, oder aber hilft jene Parteien abzuw├Ąhlen, die Atomkraft nur deshalb f├Ârdern, weil die entsprechenden Firmen die richtigen Politiker schmieren.

 

Danach:

Der Film endet ohne Applaus oder Verabschiedung. Man steht nach dem Handy an, dass man vor der Vorstellung abgeben sollte, nimmt das Pressematerial in die Hand und zun├Ąchst bleibt die Stimmung gedr├╝ckt. Als ich Paula Kalenberg sehe, ├╝berwinde ich meine Tr├╝bseligkeit und bitte um ein Foto, dass sie mir gew├Ąhrt, in der Hoffnung, klug geschaut zu haben. Wie klein doch beide Darsteller sind, nachdem sie im Film so gro├č waren.

Berlin empf├Ąngt mich mit dem Luxusweihnachtsmarkt am Potsdamer Platz, und w├Ąhrend ich zur U-Bahn laufe, zwischen den Autos-, Menschen- und Hochhausmassen, f├Ąllt mir jener erste Besuch auf dem Potsdamer Platz ein, als er kahlgeschoren war, wie Hannahs Kopf.

Endzeitgeruch aus der Vergangenheit. Heute wehen die Stoppeln der Zukunft im kalten Berliner Wind.

 

Oje, das hat nicht geklappt, Elfenwerk! 20230604162532d89a73ff
Platzhalter

Die Wolke

Deutschland 2005

Regie: Gregor Schnitzler

Drehbuch: Marco Kreuzpaintner

Nach dem gleichnamigen Roman von Gudrun Pausewang

 

Darsteller:

<typolist>

Paula Kalenberg

Franz Dinda

Hans-Laurin Beyerling

Tom Wlaschiha

Carina Wiese

Richy M├╝ller

</Typolist>

Drehbuch: Marco Kreuzpaintner

Kinostart: M├Ąrz 2006

 

Das Buch zum Film:

Die Wolke

Autorin: Gudrun Pausewang

Broschiert - 222 Seiten - Ravensburger Buchverlag

Erscheinungsdatum: M├Ąrz 2006

ISBN: 3473580147

Erh├Ąltlich bei: Amazon

Unsere Rezension zu dem Buch: Die Wolke


Platzhalter
Platzhalter
Erstellt: 27.12.2005, zuletzt aktualisiert: 16.03.2023 18:04