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Dionysos tanzt von Boris Koch

Erzählungen

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

»Dionysos tanzt« ist die dritte Sammlung mit phantastischen Erzählungen vom Medusenblut-Mastermind, AKW-Trinker, Mephisto-Wortmetzler und Extrem-Urlauber in allen Höllen.

 

Rezension:

Boris Koch veröffentlicht inzwischen regelmäßig Romane bei Heyne und cbj doch seine Wurzeln liegen in dunklen und atmosphärischen Erzählungen.

Bereits 2003 veröffentlichte er die Sammlung Dionysos tanzt in seinem eigenen Verlag Medusenblut, die zum Glück für den geneigten Leser immer noch dort erhältlich ist.

 

Boris Koch beginnt den Erzählungsband mit einer Art Vorwort. Der titelgebende Einleitungstext Dionysos tanzt stellt uns den Autor vor als jemand, der von einer göttlichen Begegnung berührt und verführt wurde, dessen Schaffen und Leben seither geprägt sind. Dionysos Flöte wird uns im letzten Text des Bandes wiederbegegnen und damit den Tanzkreis schließen und uns einfangen.

 

Ich war dabei ist eine beinahe klassische Horror-Story in der sich der Protagonist mehr aus Langeweile den Jüngern Cthulhus anschließt und in dem folgenden Wahnsinn sich selbst fast verliert, bis er erkennt, worin das Problem mit einem Wesen wie Cthulhu besteht. Der Text ist teilweise manisch getrieben im Stil und lässt kaum Distanz zum Erzähler und seinen Taten. Diese erbarmungslose Nähe ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Sammelbandes und wird auch die folgenden Texte beherrschen.

 

So ist auch das kurze Monoleben eine schonungslose Abrechnung mit einem Leben, das vielen als normal gilt.

 

Nach dieser Anprangerung der langweiligen Stino-Lebens geht Boris Koch in die Vollen. Lesen bildet ist eine bitterböse Geschichte darüber, wie der Alltag zum zerstörerischen Chaos wird. Dass dabei ein altes Buch der Auslöser ist, hinter die Fassade der Welt zu blicken, ist pure Ironie. Koch versteht sowohl saftige Ausdrücke zu verwenden, als auch die allmähliche, dann aber tiefgehende Entblößung seines Protagonisten zu einem wilden Parcours der dunkelsten Phantastik zu steigern.

 

Auch in Manneskraft wird fleißig seziert. Wie der Titel verspricht, geht es um sexuelle Bedürfnisse. Doch wenn man sich mit dem Teufel einlässt, sollte man mit einem Haken rechnen. Die Story endet nicht ganz so bitterböse, wie man zwischendurch vermutete, als die furchtbare Einsamkeit im Zentrum stand, die eine Fokussierung auf unerfüllten Sex mit sich bringt. Man spürt, das dem Autor diese Facetten der Vereinsamung wichtig sind, dass sie in seinen Texten deshalb Platz finden, weil in der tristen urbanen Umgebung einer Großstadt überall Leere anzutreffen ist.

 

Die Vampir-Geschichte Jo widmet sich auch dieser Leere, allerdings versucht Koch, sie hier zu füllen, indem er eine eigenartige Freundschaft beschreibt, deren Bindung sich außerhalb gewöhnlicher Moralvorstellungen bewegt. Trotz aller blutigen und exzessiven Details ist die Geschichte auch romantisch.

 

Nach Gnomen, Teufel und Vampiren folgt mit Die Knochenfrau ein weiteres Archetyp der Phantastik. Die Tür in eine andere Welt bringt unendliche Wunscherfüllung, kostet aber das Herz. Und das Hirn.

Auch hier wird tief in der männlichen Befindlichkeit gewühlt, Selbstlügen demaskiert und Triebe gegen den unlöschbaren Durst aufgewogen, der auf eine echte Zweisamkeit gerichtet ist. Irgendwie kreisen die Geschichten immer darum, dass die Sehnsucht Geist und Körper bis zum platzen anfüllt und keine andere Lösung als eine finale Explosion möglich scheint. Was auch immer man versucht, jeder Tanz bleibt eine Solonummer und jeder Kelch ist selbst eingeschenkt. Und verflucht.

 

Wie in Spiegel. Wo die Selbstreflektion Gestalt annimmt, das Spiegelbild die Herrschaft übernimmt und das Alleinsein bis ins Unermessliche steigert. Fremdbestimmt ist selbst der Tod, wie Spiegel II in der kurzen Fortsetzung aufzeigt.

Diese bitterböse und klaustrophobische Parabel ist hochkonzentriert geschrieben, lässt einen atemlos im Dunkel zurück. Wahrlich keine erbauende Lektüre, wenn man nach Frohsinn strebt, aber grandios, wenn man bisher unbekannte Ängste kennenlernen möchte.

 

Zum Abschluss bietet Martina eine geradlinigere Geschichte. Ein nächtlicher Rückblick liefert den Bogen zurück zu Dionysos. Das geheimnisvolle Driften aus der Realität, dass die Fastfreundin Martina befällt, ähnelt den anderen Ausbrüchen dieser Sammlung. Erneut bleibt die Verbindung zweier Menschen aus und führt zu Verfremdung, zur Deformation. So schließt sich der Kreis, der uns in den Wald führt, dort, wo der Flöte spielende Gott die ganze Zeit tanzte und uns jede Umdrehung mehr und mehr verlockte.

 

Fazit:

Die Sammlung »Dionysos tanzt« bildet einen Reigen wild wirbelnder Realitäten, nah an unserer Welt, genauso bluttriefend, voller Lügen und Verlassenheit. Nur ehrlicher. Sie gehen unter die nackte Haut, nagen an den Knochen und benennen unsere kleinen Perversionen bei ihren Namen. Boris Koch schreibt seine Texte in klarer und deutlicher Düsternis. Erfahren im Umgang mit phantastischen Elementen, knallt er sie schonungslos seinen Lesern und vielleicht auch sich selbst ins Gesicht. Zeitlos. Großartig.

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Eure Meinung:

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Buch:

Dionysos tanzt

Erzählungen

Autor: Boris Koch

Reihe: Medusenblut 14

Taschenbuch, 141 Seiten

Titelbild: Marko Djurdjevic

Medusenblut, April 2005

 

ISBN-10: 3935901054

ISBN-13: 978-3935901055

 

Erhältlich bei: Amazon

Inhalt:

  • Dionysos tanzt
  • Ich war dabei
  • Monoleben
  • Lesen bildet
  • Manneskraft
  • Jo
  • Die Knochenfrau
  • Spiegel
  • Spiegel II
  • Martina

weitere Infos:


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Erstellt: 11.01.2014, zuletzt aktualisiert: 31.05.2019 18:27