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Ein Herz für Lukretia von Jeff VanderMeer

Kurzgeschichten

Rezension von Oliver Kotowski

 

Ein Herz für Lukretia ist eine Sammlung von 23 Kurzgeschichten aus der Feder Jeff VanderMeers. Die Erstveröffentlichungen erstrecken sich über einen Zeitraum von 15 Jahren. Ebenso breit ist die inhaltliche und formale Spanne. Es finden sich kleine Spielereien des magischen Realismus neben Science Fantasy und Surreales neben Märchenhaften. Alle Geschichten jedoch durchzieht das Thema der Wandlung; zumeist schildert der Schriftsteller, wie aus Leid und Verfall auf wunderbare Weise eine unbändige Schönheit hervorbricht.

Die Figuren sind immer rund, obwohl sie häufig aufgrund der Kürze der Geschichten nur angedeutet werden. Die meisten Geschichten durchweht eine gewisse Melancholie, einige sind allerdings aufgrund der absurden und leichteren Haltung humorvoll. Im Zentrum steht üblicherweise das Wunder, welches mal spektakulär und mal leise auftritt; die Action bleibt deutlich da hinter zurück. Die Plots wirken mitunter sehr offen, so als ob man nur einen Teil einer größeren Geschichte gelesen habe. Eine Reihe der Geschichten hängen zusammen: Manche haben Bezüge zum Setting des bisher unübersetzten Romans Veniss Underground, andere greifen den letzten Inkakönig auf und dann wiederum ziehen sich einige Motive durch die Geschichten (der geneigte Leser mag mal nach Teufelsrochen und Fröschen Ausschau halten). Sieht man von einer kleinen Anspielung in Verloren ab, so haben Geschichten, die in Ambra, der Stadt der Heiligen und Verrückten spielen, keinen Platz gefunden – die Übersetzung weicht darin ein weinig von der 2006 veröffentlichten Fassung von Secret Life ab. Die erzähltechnische Varianz zeugt ebenfalls von den Möglichkeiten VanderMeers: Er spielt gekonnt mit Perspektiven und Satzduktus, wie er auch gewitzt Realität und Fiktion verknüpft. Besonders interessant sind die Einblicke in den Entstehungsprozess, die der Autor mit Kommentaren zu einigen Geschichten gewährt.

Bei der Übersetzung ist man einen ungewöhnlichen Weg gegangen, denn sie fand im Rahmen eines Übersetzungsprojekts der Freien Uni Berlin statt; doch keine Sorge – die Ergebnisse sind mindestens so gut wie die vieler professioneller Übersetzer.

 

Die Geschichten im Einzelnen sind:

 

Das geheime Leben (22 S.): In einem Bürogebäude geschehen merkwürdige Dinge: Die Nutzer der zweiten Etage halten die der ersten für Untermenschen und die Frau, deren Aufgabe es ist, die genehmigten Anträge mit dem "Genehmigt"-Stempel zu stempeln, beginnt die Sprache der Mäuse zu lernen, doch die Kletterpflanze, die etwas frischen Wind ins Büro bringen soll, wird das Leben Aller nachhaltig beeinflussen. VanderMeer reiht hier sehr bizarre und surreale Momente aneinander.

 

Fliegen ist die einzige Flucht (14 S.): Nach dem Putsch des El Toreador wird die Arbeit im Gefängnis des lateinamerikanischen Landes immer unangenehmer. Der politische Gefangene Roberto bittet den Wärter Gabriel um einen kleinen Gefallen, denn die Geheimpolizei macht ihm das Leben zur Hölle. Perspektivfigur ist der Wärter Gabriel, der das Leiden der Anderen kaum mehr ertragen kann; ihn entwickelt der Autor knapp, aber einfühlsam, bis ein surreales Ereignis die Situation beendet.

 

Der Gott der Haie gegen den Gott der Kraken (nach einem Mythos der Fidschi-Inseln) (11 S.): Dakuwaga, der Gott der Haie, wird von einem unaufhörlichen Hunger angetrieben – Einen Noch! – und hat beinahe alle anderen Götter besiegt – Einen Noch! – und seinem Ziel, Gott des Meeres zu werden, steht nur noch der wahnsinnige Gott der Kraken im Wege. VanderMeer erzählt die Sage in einem modernen, flapsigen (aber nicht parodierenden) Tonfall nach.

 

Der tote General (5 S.): Der US-Soldat Steven Barrow leistet seinen Militärdienst während des Korea Krieges weit hinter den Frontlinien ab – in einer Stadt, die geräumt wurde, damit dort die Leichen der gefallenen GIs für den Heimtransport vorbereitet werden. Diese Vignette fängt die Stimmung eines besonders irrsinnigen Moments des Krieges ein.

 

Greensleeves (19 S.): Mary Colquhoun hat sich nach zwei gescheiterten Ehen in die Samuel-Devonshire-Gedenkbibliothek zurückgezogen. Dort herrscht Stille. Das ändert sich, als der komische Cedric Greensleeves Mary nach seinem verloren gegangenen, singenden Frosch fragt. Mary, die sich auf der Stelle in Cedric verliebt, lässt sich auf eine wilde Froschjagd ein. Eine fröhliche Hatz und melancholische Liebesgeschichte in der sonderbaren Bibliothek.

 

Errata (28 S.): Jeff VanderMeer wurde nach einem gesellschaftlichen Absturz von James Owen, dem Herausgeber des Argosy Magazins, gebeten in Sibirien am Baikalsee eine Kurzgeschichte zu schreiben. Im Vollsuff nimmt VanderMeer an. Dort angekommen stellt er fest, dass es glücklicherweise Wodka im Überfluss gibt, denn das Foyer seines Domizils steht unter Wasser und beherbergt Robben; außerdem will ihn jemand ermorden. Dieses Spiel mit literarischen Perspektiven erinnerte mich an W. Goldmans Brautprinzessin, J. G. Ballards Liebe & Napalm und sogar ein wenig an Becketts Warten auf Godot.

 

Die Antwort des Königs (7 S.): Der Inkakönig Tupac Amaru wird von den Spaniern gefangen gehalten: Hauptmann de Sotelo will dessen Sohn Hualpa ebenfalls fangen um den Widerstand der Inkas zu brechen. Als Tupac sich weigert seinen Sohn zu verraten, lässt de Sotelo ihn erbarmungslos foltern. Irrsinn und Qual vermengen sich in dieser Geschichte mit surrealer Schönheit.

 

Der Knochenkompass (8 S.): Nach der Hinrichtung des letzten Inkakönigs und dem wunderbaren Ereignis treibt es Hauptmann de Sotelo immer stärker aus der Zivilisation in die Wildnis – er folgt dem Kompass, den er aus dem Schädel des toten Königs machen ließ. Diese Kurzgeschichte bietet Einblick in den von Wahnsinn gezeichneten Charakter des Conquistadors de Sotelo.

 

Geistertanz mit Manco Tupac (25 S.): Eine Reporterin interviewt den sterbenden Manco Tupac, der nach eigenen Angaben über 140 Jahre alt ist. Er hat eine sonderbare Geschichte zu erzählen: 1879, als er noch ein sehr junger Mann war, trat ein eigenartiger Spanier, der sich wie der seit dreihundert Jahren tote Pizarro nannte, an ihn heran; er brauchte einen Führer, der ihn zur verlorenen Stadt der Inkas bringen sollte. Eine stimmungsvolle dreifach geschachtelte Geschichte um ein wundersames und mysteriöses Abenteuer.

 

Vignettus (2 S.): Vignettus der Abenteurer wurde nach einem Abenteuer mit der Königstochter von ihrem Vater auf eine Queste geschickt: Es gilt die verlorene Tafel nach Smaragdia zurück zu bringen. Ein humorvolles kleines Anti-Märchen.

 

Detektive und Kadaver (10 S.): Zwei Ermittler werden vor die Tore der bedrohten Stadt Veniss gerufen um eine Kadaver zu identifizieren. Ist es ein Sonderbarer oder ein Mischling? Es scheint, als würde der teilweise skelettierten Körper sich regenerieren; es heißt abwarten, ob man einen neuen Feind melden muss oder ob es sich um eine bloße Zellregeneration handelt. Eine SF-Kurzgeschichte um selbst geschaffene Monstren mit einem verhältnismäßig detailliert ausgearbeiteten Ich-Erzähler.

 

Die Stadt (8 S.): Ein Detektiv soll den Tod eines großen weißen Kaninchens aufklären. Im Hintergrund, stets unerreichbar, ist die Stadt, bedrohlich und auf unangenehme Weise voller Leben. Ein sehr schwieriger Text wie VanderMeer selbst einräumt. Er erinnert vage an Burroughs Cut-Up Technik und wirkt auf unbestimmte Art bedrohlich; klar ist alleine die Anspielung auf Lewis Carrolls Alice im Wunderland.

 

Balzacs Schlacht (32 S.): In der fernen, postapokalyptischen Zukunft liebt Balzac Jamie – doch von den Vorfahren geschaffene Monster bedrohen ihre Siedlung und töten Jamie. Die angreifenden Feinde haben eine Möglichkeit gefunden die Toten zum Teil wiedererstehen zu lassen. Wie weit wird Balzac gehen, wenn er seine Frau wieder trifft? Diese Geschichte befasst sich mit der Frage, wie man mit einer geliebten Person umgeht, wenn sie vom Feind zum Verrat gezwungen wird. Bestimmte Elemente – wie der zentrale Fleischhund – knüpfen an Veniss Underground an.

 

Ein Herz für Lukretia (11 S.): Gerards Zwillingsschwester Lukretia hat einen Herzfehler. Der junge Mann macht sich mit dem treuen Fleischhund auf, ihr ein neues Herz zu besorgen – in der Nähe leben Leute unter der Erde, wie es heißt. Sieht man davon ab, dass sie im Stil einer Sage geschrieben wurde, ist sie eine relativ gewöhnliche Kurzgeschichte. Interessant ist der verschobene Blickwinkel auf das Veniss-Szenario.

 

Drei Tage in einer Grenzstadt (19 S.): Du erreichst eine weitere Grenzstadt. Sie ähneln sich alle. Vielleicht – so hoffst du – wirst du hier handfeste Hinweise zum Standort der geisterhaften Stadt finden, zu der dich Erinnerungen an Delarn drängen. Eine postapokalyptische Suche mit Anknüpfpunkten zum Veniss-Setting und besonders die Geschichte Die Stadt. Die Erzählperspektive ist ungewöhnlich: Du bist die Protagonistin.

 

Mahut (11 S.): Du bist eine ungewöhnliche Person, denn du kannst die Gedanken anderer Leute lesen – vor allem ihren Schmerz spürst du. Nur in der Nähe der Elefanten schwindet er. Doch dann attackiert dein Lieblingstier einen Menschen. Noch einmal die "Du-Perspektive". Das reale Ereignis um den Elefanten Mary wird mit dem übernatürlichen Leid des Mahut kombiniert.

 

Frevler und Schmeichler (5 S.): Der Autor Baryut Aquelus hat mit "Mythen der Grünen Tafel" ein provokantes Buch geschrieben. Der Smaragdianer Farid Sabouri bestätigt ihm ein mutiger Mann zu sein. Sieht man von der Anspielung auf Vignettus und das fiktive Smaragdia ab, eine relativ gewöhnliche Kurzgeschichte, bei der jedoch die überraschende Wendung im Mittelteil und nicht am Ende stattfindet.

 

Verloren (5 S.): Ein bizarres Pilzmuster löst bei dem Lehrenden eine deprimierende Gedankenkette aus. Ihr Grün erinnert ihn an die grünen Augen seiner verstorbenen Frau und die grünen Ohrringe von Jenna. An dieser Episode aus dem Leben des Ich-Erzählers ist vor allem der Satzduktus, der eher assoziativ, als logisch verläuft, bemerkenswert. Außerdem gibt es eine Anspielung auf VanderMeers Stadt der Heiligen und Verrückten.

 

"Experiment Nr. 25" aus "Winterliche Eindrücke": Von Angesicht zu Angesicht mit einem Krokodil (13 S.): Der Junge hat eine besondere Beziehung zum Krokodil Nimmersatt. Er beschließt das Tier zu retten – doch irgendwie will die Geschichte nicht weitergehen: Der Autor hat eine Schreibblockade. Mit diesem Text lotet VanderMeer den Einfluss des Unterbewussten auf die Schriftstellerei aus.

 

Das andere Leben des Bibliothekars Bob Scheffel (3 S.): Bob stellt überrascht fest, dass er bisweilen übersehen wird, wenn es ihm unangenehm ist. Er arbeitet an der Perfektion dieser Fähigkeit. Eine kleine surreale Spielerei mit melancholischen Untertönen.

 

Das andere Leben des Lynn Minneman (5 S.): Dem unflexiblen Briefmarkensammler Minneman fällt eine ungewöhnliche Briefmarke aus der Republik Sonoria in die Hände. Wo mag Sonoria liegen? Es ist auf keiner Karte zu finden. Die Briefmarke beginnt Minnemans Leben zu beeinflussen. Eine schöne kleine Geschichte des magischen Realismus über den Wandel eines Langweilers, die allerdings etwas unfertig wirkt.

 

Das andere Leben des Shane Hamill (8 S.): Shane Hamill bringt die Buchhandlung, bei der er arbeitet, ganz hübsch durcheinander: Er sagt seltsame Sachen und baut auf dem Hinterhof ein Schiff, wobei ihm auch noch viele der Kollegen helfen. Das verstößt gegen die Firmenprinzipien! Der stellvertretende Geschäftsführer schreibt einen Bericht an das Hauptquartier. Der Bericht eines eifersüchtigen, phantasielosen Mannes über seinen unkonventionellen Kollegen ist auf eigenartige Art erheiternd.

 

Der seltsame Fall des Lovecraft Café (6 S.): Privatdetektiv Crawford Tillinghast berichtet von seinen Fortschritten im Fall des niedergebrannten namenlosen Cafés – er hat einige Rezepte mit höchst befremdlichen Zutaten gefunden. In dem Briefbericht und den Rezepten verstaut VanderMeer eine Unzahl von bizarren und humorvollen Anspielungen auf den Cthulhu-Mythos.

 

Fazit:

"Ein Herz für Lukretia" bietet eine breite Übersicht über das Können Jeff VanderMeers. Doch wie es bei einer solchen Sammlung zu erwarten ist, sind die Geschichten etwas experimenteller und nicht alle ganz rund – es fehlt klar die Geschlossenheit der Stadt der Heiligen und Verrückten. Damit ist es insgesamt etwas weniger originell und vor allem weniger komplex, aber dafür wesentlich zugänglicher. Damit lässt es sich für Freunde des Surrealen und Grotesken klar empfehlen, doch auch wer Kurzgeschichten favorisiert oder einfach nur etwas Neues ausprobieren will, was nicht zur Heroic Fantasy zählt, mag eine Anschaffung in Erwägung ziehen.

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Buch:

Ein Herz für Lukretia

Kurzgeschichten

Autor: Jeff VanderMeer

Original: Secret Life (2004; 2006 überarbeitete Fassung)

Verlag: Shayol, 2007

Klappbroschur, 289Seiten

ISBN-10: 392612671X

ISBN-13: 978-3926126719

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 07.05.2007, zuletzt aktualisiert: 23.02.2019 11:02