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Ein verflucht gutes Buch

Autor: Marcus Richter

 

„Bücher werden, wenn man will, lebendig…“

Ringelnatz

 

 

Kaltenstedt hatte es sich damals zur Aufgabe gemacht, die Welt nach Büchern zu durchsuchen. Das war der erste Gedanke, der ihm kam, und er schien ihm neu, obwohl die Erinnerung daran schon Jahre zurück reichte. Bis in seine Jugendzeit, dachte er, als er sich von Zuhause aufgemacht hatte, um zu sehen, welche Bücher es in der Welt gab und was in ihnen geschrieben stand.

 

Ein unmögliches Unterfangen werden jetzt schon diejenigen sagen, die mit einem ganz gewöhnlichen Willen und ebenso gewöhnlichem Herzen ausgestattet sind. Sie werden weder verstehen, was ihn hinaus trieb, noch was für ein Sinn sich dahinter verbergen sollte, all den Büchern nachzuforschen, die je geschrieben worden waren und möglicherweise nur in den kleinsten Auflagen auf einem Hinterhof den Hühnern als Nestfundament dienten. Und was sollte das bringen, so ein Buch und möglicherweise hunderttausende seiner Art zum Ziel einer Unternehmung zu machen, die eines solchen Aufwandes bedarf? Eine Unternehmung, die einen Menschen dazu brachte, kreuz und quer durch das Land zu reisen und über das Meer und darüber hinaus, ohne etwas von diesen Irrfahrten mitzubringen, irgendeinen Gegenstand oder Souvenir.

 

Ist es da nicht besser, eine gut bestückte Bibliothek sein Eigen zu nennen, werden solche Leute sagen, und darin einige gute Lexika das Wissen der Welt zusammenfassen zu lassen? Welcher Dummkopf würde sich die Aufgabe machen, jedem Eintrag einzeln nachzuforschen, wer so einfältig sein, all die Bücher lesen zu wollen, die doch so leicht und in hübsch zusammengefasster Weise betrachtet werden können?

 

Nur ein Tölpel kann auf eine solch infantile Idee kommen, würden sie sagen. Und würde ihnen Kaltenstedt über den Weg laufen, so würden sie ihm verwundert nachsehen und kopfschüttelnd eine Bewegung mit dem Zeigefinger zur Stirn machen. Dann aber hätten sie ihn bereits vergessen, denn Kaltenstedt hatte nicht die Eigenschaft einem Menschen lange im Gedächtnis zu bleiben.

 

 

Und so hielten ihn viele eben für irgendeinen Tagelöhner, der mal hier und mal dort auf der Welt arbeitete, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, vielleicht sogar für jemanden den das Fernweh beim Genick hatte, aber der sonst mit keinem großen Talent gesegnet worden war. Einen Niemand also, der auch die niedersten Arbeiten annahm und sich nicht zu schade dafür war, auf einem Kohlenschiff zu fahren.

 

Und dabei hätte niemand geahnt, dass Kaltenstedt durchaus ein Talent besaß, und zwar eines, das ihn von allen anderen Menschen unterschied, die er je kennen gelernt hatte. Ein Talent von solcher Absonderlichkeit, dass niemand auf die Idee gekommen wäre, dass ein Mensch dazu fähig sei.

Das Talent bestand darin, dass er den Inhalt eines Buches zu erspüren verstand, ohne eine einzige Seite aufzuschlagen. Vielleicht wäre es jemandem aufgefallen, der ihn dabei beobachtet hätte, wie er mit den Fingerspitzen über die Buchrücken in den Regalen der Antiquariate strich, die er bei seinen Reisen durch die Welt besucht hatte. Bei so manchem Buch blieb er dann stehen, fühlte genauer und nahm es in die Hände. Dann lächelte er manchmal, je nach Inhalt, oder wurde ernst und legte es schließlich zurück.

Jemand, der ihn in einem solchen Augenblick beobachtet hätte, wäre ins Grübeln gekommen, sollte man meinen. Konnte der Mann etwa nicht lesen und fühlte nur das Leder oder den sonst wie gestalteten Einband, wie ein Blinder, der gerade mal ein handwerkliches Interesse an der Umschlaggestaltung hatte?

Wer war dieser junge Mann, der jenes Buch und duzend andere einfach in Händen nahm und es schließlich ungelesen zurück in das Regal legte?

Und hätte Kaltenstedt eine Antwort auf solche und andere Fragen geben müssen, so wäre es ihm wahrscheinlich ebenso schwer gefallen. Er wusste nur, dass er ein Buch nicht zu lesen brauchte, um sich über den Inhalt im Klaren zu sein. Gut, er würde kein einziges Wort wiedergeben können, von denen, die da zu zehntausenden auf den Seiten abgedruckt waren. Aber er würde es ganz gut verstehen, das große Ganze zu umreißen und das, was der Autor vielleicht im Sinn hatte in wenige kurze Sätze zu kleiden. Kurzum, er hatte das Talent, das Wesentliche eines Buches zu erfassen und sich seiner langer Zeit zu erinnern, so dass es ihm möglich war, den genauen Tag und die Stunde anzugeben, wo er hier und dort in der Welt eben gerade jenes oder eines anderes Buch berührt hatte.

 

Um sein großes Ziel zu erreichen, wie unbestimmt es auch jetzt noch für den Leser sein mag, hatte sich Kaltenstedt auch in einem Frühsommer in einer Abdeckerei verdingt. Einem Ort, von dem er sehr schnell merkte, dass dort der Tod zu hause war und tagtäglich auf den großen Schlachtbänken sein Bett machte. Allein der Gestank der in großen Zahlen hingemordeten Tiere, den er schließlich kaum noch in der Lage war, sich von der Haut zu waschen, brachte ihn auf diesen Gedanken. Was in der Natur so ganz gewöhnlich zu sein scheint, dachte er, war dort, fern dieser Natur und eingesperrt in riesigen stinkenden Hallen, in denen es nach Gedärmen, Blut und menschlichem Schweiß roch, nur einem völlig abgestumpften Geist erträglich. Einem Geist also, der dem seinen so ganz und gar unähnlich war. Allein der Geruch war so unerträglich, dass Kaltenstedt die widerlichsten Alpträume heimsuchten, Alpträume von solcher Abnormalität, dass er sich nicht getraute, sie anderen mitzuteilen. Sie waren von solcher Strenge, dass er sich bald nicht mehr im Spiegel betrachten wollte.

Daraufhin lief er fort und bis ans Meer, wo frischer von Osten kam, von dem er hoffte, dass er den Gestank aus seinen Gedanken vertreiben würde. Und aus den Träumen, dachte er, die so widerwärtige Züge angenommen hatten, dass er an manchem Morgen glaubte, das Blut von tausend geschächteten Tieren müsse aus seinem Kopf hervorbrechen.

Aber auch der Wind, so frisch und rein er immer sein mochte, konnte die Erinnerungen an die Gerüche in den Schlachthäusern nicht auslöschen. Und so bestieg er in seiner Verzweiflung ein Schiff, von dem er sich hatte versichern lassen, dass es am weitesten und in die entlegenste Gegend fortführe und sobald nicht zurück käme.

Erst dort, auf einem Eisbrecher, der eine Schifffahrtsroute freihalten sollte, auf der große Handelsschiffe das Öl transportierten, welches in den kalten Gegenden gefördert wurde, verschwanden die stinkenden Gedanken und das Echo der geschächteten Schweine aus seinem Kopf…

 

…Manchmal, wenn er über das Deck dieses großen eisernen Tieres wankte, das unter seinen Füße durch die eisigen Äcker der Nordmeere pflügte, überkam Kaltenstedt ein seltsames Gefühl. Er wusste nicht woher dieses Gefühl kam. Es mochte von seiner Neigung zu Büchern stammen, dachte er. Denn seltsamerweise überkam ich dann die Befürchtung, dass er nicht wirklich sei, sondern nur eine Romanfigur. Der Gedanke war natürlich absurd. Er hielt es für eine Spielerei des Herzens, das ihm verraten wollte, dass er doch eigentlich in die Welt gezogen war, um die Bücher, die darin waren, zu erforschen und nicht diese trostlose einsame Steppe, durch die der Eisbrecher mit seinem hohen, eisernen Bug fuhr werkte. Jedes mal aber, wenn ihn dieses Gefühl befiel, hielt er inne, und ein Schauer überkam ihn, als hätte ihm jemand über die Schulter geblickt…

 

…Krumm, von Wind und Eiseskälte gepeinigt stand er einen Augenblick regungslos da wie ein schwarzer Flecken, den ein theatralischer Maler in das stürmische Gemälde gezeichnet hatte. Um das Gesicht hatte er einen dunklen Schal geschlungen, der gerade noch die misstrauischen, graugrünen Augen sehen ließ.

Er blickte in die Ferne und stieß einen kondensierenden Atem aus.

 

Irgendwo da draußen lauerten zwei schwarze Augen…

 

…Vielleicht war er irgendwo aus einer guten Geschichte heraus gefallen, dachte er manchmal melancholisch, wenn er seinen Dienst auf dem Achterdeck verrichtete. Die schwere Arbeit ließ nicht viele solcher Gedanken zu, aber ab und an fragte er sich, welche Geschichte es denn gewesen sein könnte, aus der er heraus gefallen war. Sicher war der Roman gewaltig und weltumspannend gewesen, denn er fühlte in sich des Öfteren eine Sehnsucht, die ebenso weltumspannend war. Aber er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er in diesem Roman eine bedeutende Rolle gespielt hatte. Er vermisste nichts dergleichen. Bedeutsamkeit war ihm gleich. Und er dachte, hätte er in diesem Roman eine außergewöhnliche Rolle gespielt und wäre er ein Held oder ähnliches gewesen, so hätte es ihn in diesem Leben und dieser Welt wohl zu ähnlichem hingetrieben.

Dem war aber nicht so. Also musste er eine Randfigur gewesen sein, dachte er. Vielleicht war er in einer spannenden und für die Handlung sehr wichtigen Szene einmal über mehrere Seiten hinweg aufgetaucht. Aber der Autor hatte es nicht für notwendig gehalten, ihn mit ebensolcher Hingabe zu zeichnen wie andere Romanfiguren. Er hatte ihn skizziert, hingetuscht könnte man sagen. So wie man manchmal einem Freund einen Bekannten beschreibt. Er ist eben so und so, sagt man. Und wenn derjenige fragt, wie der betreffende aussieht, dann sagt man, er trägt eine Brille. Ach so.

Man weiß dann zwar einiges über diesen Menschen, aber das wesentliche fällt hinten über Bord. Wie ist sein Blick fragt man sich. Ist er vielleicht stechend? Ist er nachdenklich?

Aber das fragt man sich ja eigentlich nicht! Denn es interessiert einen ja gar nicht! Schließlich ist es nur der Bekannte von einem Freund, nur der Ausschnitt aus einem Roman, der auf der nächsten Seite schon ein ganz anderes Thema aufgreift.

So oder in etwa fühlte er sich manchmal, wenn er über sich nachdachte und sich fragte, wer er eigentlich sei…

 

…Kaltenstedt hielt es auf dem Eisbrecher an die drei Jahre aus, bevor er in Neuengland von Bord ging. Keinen Tag später lief der Eisbrecher zu seiner alten Route aus, und Kaltenstedt schwenkte die Mütze, als er das Schiff von seinem Fenster in einem Hotel am Hafen fortfahren sah. Jene seltsamen Gedanken, die ihn an Bord des Eisbrechers befallen hatten, ließen ihn auch hier nicht los. Das Hotelzimmer war klein, viel kleiner als er es ursprünglich empfunden hatte. Und auch hier verfolgte ihn jenes Gefühl, als würde er beobachtet werden. Vielleicht konnte er diesen unseligen Gedanken entkommen, wenn er sich unter die Leute mischte, dachte er. Und so ging er jede Nacht hinaus in die Kneipen und verbrachte die Nächte dort. Tagsüber nahm er eine Anstellung in einer Konservenfabrik an und stand dort zwölf Stunden an einem Fließband. Die Arbeit war ermüdend eintönig. Die Gespräche in den Bars, die er des Nachts aufsuchte, waren es ebenfalls. Oft prügelte er sich, nur um dieser Eintönigkeit zu entkommen. Sein Rücken wurde krumm vom Arbeiten am Fließband und auch vom Sitzen an der Bar, wo die anderen ebenso elend da saßen und in die Bierkrüge starrten.

Wenn ihm dabei einer über die Schulter sah, und er sich unversehens umdrehte, dann schrie er manchmal und schlug sofort auf den Mann ein, wenn er dessen Augen, die starrend vor ihm auftauchten, erblickte.

So, als hätte ein Alptraum Gestalt angenommen.

 

Als er eines Nachmittags von der Arbeit heimkehrte, fand er die Straße, die er sonst benutzte, von einem schweren Unfall versperrt. Ein Pferd war in einen Wagen geraten und lag zerschlagen auf dem Gehweg. Kaltenstedt nahm den Geruch schon von weitem wahr. Es stank ganz ähnlich wie in der Abdeckerei, vor der er einmal geflohen war, und er traute sich keinen Schritt in die Straße hinein. Also bog er ab und umlief den Häuserblock und kam so in eine Gasse, die er niemals benutzt hatte, seit er von Bord des Eisbrechers gegangen war…

 

…Die Gasse, die Kaltenstedt an diesem späten Nachmittag betrat, erinnerte ihn sofort an das, was einige über die Augenblicke berichten, wenn einem der Tod nahe ist und man schon im Hinüberschreiten begriffen ist. Es kommt einem so vor, sagen sie, als ginge man in einem dunklen Tunnel auf ein helles, gleißendes Licht zu. Und ebenso wirkte diese Gasse auf ihn. Die alten Hafenarbeiterkaten neigten sich bedrohlich von rechts und links über die Bürgersteige und ließen die schmale Straße gleich einem aufgeschlitzten Schlauch erscheinen, den der mutige Schlenderer erst durchqueren musste. Immer drauf gefasst, dass die Dächer von oben herabstürzen würden. Vom Ruß der offenen Kamine und Küchenfeuer waren die zerschlissenen Fassaden in ein fasst durchgängiges Schwarz getaucht. Und es brauchte nicht viel Phantasie, um dieses Loch mit der gähnenden Fresse eines Eisenbahntunnels zu vergleichen, der sich in das Innere eines Berges frisst, und aus dem einem das Kreischen einer näher kommenden Lokomotive entgegen schallt. So wie die Gasleuchten eines von dort heraufschnaufenden Monsters, strahlte Kaltenstedt das Licht der späten Nachmittagssonne entgegen.

So also musste es aussehen, wenn man dem Tod entgegen schreitet, dachte Kaltenstedt unwillkürlich. Und plötzlich von einer bösen Ahnung ergriffen, sah er an sich herab, um festzustellen, ob ihm nicht unerwartet ein Tod widerfahren war, von dem er, in Gedanken versunken, vielleicht nichts mitbekommen hatte. Ein Blick aber genügte ihm, um festzustellen, dass er sehr wohl noch am Leben war, aber dass die untergehende Sonne so ungewöhnlich strahlend in die kleine Gasse am Hafen einfiel, dass er sich kaum getraute, den Blick zu erheben.

Und ganz im Gegenteil zu den Gefühlen, die jene gemacht hatten, die dem Tod einmal ungewöhnlich nahe gekommen waren, zog ihn das gleißende Licht der Sonne weder an, noch hatte er das Bedürfnis, die Gasse zu betreten.

Im Gegenteil, etwas in ihm sträubte sich dagegen, einen Fuß auf den holprigen Gehsteig zu setzen. Und fast hätte er kehrt gemacht und wäre die Querstraße zurück gelaufen, aus der er eben gerade gekommen war. Aber wenn er sich den Blutgestank des eben verendeten Tieres in Erinnerung rief, so schien es ihm doch ratsamer, das kleinere Übel in Kauf zu nehmen. Besser einem hellen Licht entgegen gehen und einen Tod finden, als noch einmal diesen Geruch zu vernehmen, dachte er.

 

Also tastete er sich den Gehsteig entlang, immer darauf bedacht, niemandem in die Arme zu laufen, der, scheinbar direkt aus der Sonne tretend, auf ihn zu kam. In der Gasse, fast blind, hörte er die Schreie der Fischhändler, die in kleinen Nischen hockten und ihre frische Ware anboten, auch hörte er die Hufschläge rasch vorbei eilender Gespanne, die kaufkräftigere Kunden, als er es war, durch diese seltsame Gasse hindurch geleiteten. Wie die Kutscher gegen das helle Sonnenlicht zu navigieren verstanden, war ihm ein Rätsel. Denn auch wenn er versuchte, mit der Hand den Blick gegen das Licht abzuschirmen, so sah er doch höchstens die eigenen Füße. Nirgends schien es Schatten zu geben, hinter dem er für eine Weile verschnaufen durfte. Und Kaltenstedt schwor sich, er würde dort, wo er den ersten Schatten finden würde, stehen bleiben und ganz gewiss den Sonnenuntergang abwarten, nur um nicht länger in diesem ungewöhnlich blendenden Licht voran stolpern zu müssen…

 

…Es war eine außergewöhnliche Schwärze, in der Kaltenstedt zum Stehen kam. So überaus gleißend wie die Sonne in die kleine Gasse strahlte, so überaus dunkel und kalt war der Schatten, in den er plötzlich getreten war, nachdem er schon geglaubt hatte, er hätte das Augenlicht verloren. Sofort fror er, obwohl er sich doch eben gerade noch nach einer solchen Kälte gesehnt hatte. Er blickte auf, nicht ganz sicher woher die eisige Kälte käme und sah, dass ein Gusseisernes Schild, die Sonnenstrahlen abschirmte. An einem eisernen Arm, den ein Schmied sehr kunstvoll dem menschlichen nachgebildet hatte, hing das Schild über dem Eingang eines kleinen Ladens, dessen Tür weit offen stand, als wäre ein Käufer gerade hinein und suche nur schnell das ein oder andere für den Tag aus.

In der Auslage sah Kaltenstedt aber keinen einzigen Verkaufsgegenstand. Als ob der Besitzer vollstes Vertrauen hätte, dass die Kundschaft allein von der offenen Tür angelockt würde. Erst als er das Schild betrachtete, dessen eingravierte Buchstaben, vom Sonnenlicht abgeschirmt, nur schwer zu entziffern waren, wurde ihm plötzlich klar, warum der Besitzer seine Auslage nicht mit seinen wertvollsten Stücken ausstaffiert hatte.

 

Es handelte sich um ein Antiquariat. Die kostbaren Druckerzeugnisse, die in seinem Innersten verborgen sein mussten, waren aus Vorsicht aus dem hellen Licht genommen worden. Sie lagerten vermutlich, so wie es üblich war, in einigen gut geschützten Regalen, und wenige, seltenere Exemplare in Glasvitrinen.

Sofort dachte Kaltenstedt, dass es ein seltsamer Zufall war, dass er erst vor dem Gestank eines verendeten Tiers hatte flüchten müssen, um dieses besondere Geschäft ausfindig zu machen. Wäre dem Tier nicht ein so plötzlicher und schrecklicher Tod widerfahren, er hätte diese Gasse wohl nie betreten.

Und so dachte er, nicht ohne fasziniert zu sein, dass ihm der Tod eben jenes Tieres ein so ungewöhnliches Glück hatte widerfahren lassen. Er konnte es kaum aushalten, nicht hineinzustürmen und sich der alten Leidenschaft wie ein Besessener zu widmen. Jemand, der ihn gerade in diesem Augenblick beobachtet hätte, er hätte ihn wohl für einen Kindsmörder gehalten. Seine Brust hob und senkte sich, und er beruhigte sich nur langsam. Er wollte es ganz vorsichtig angehen und nur kurz hineinschauen und sich mit einem Stift einige Notizen über den Bücherbestand machen. Eine kurze Liste, dachte er, anhand derer er in seinem Zimmer bestimmen konnte, welches der Bücher er bereits gelesen hatte und welches es lohnen würde, es in seinen Besitz zu bringen.

 

Als er über die Türschwelle trat, überkam ihn sofort das Gefühl, dass er beobachtet würde. Zwei glänzende Pupillen hatte er aus dem Augenwinkel gesehen, dachte er. Oder doch nicht?!

Er blickte sich ruckartig um.

Aber natürlich war da niemand. So war es immer gewesen.

Hinter der Verkaufstheke des Antiquariats stand ein Mann mit grau durchsetztem Haar mit dem Rücken zu ihm und blätterte in einem Buch. Obwohl der Mann ihn nicht gesehen haben konnte und Kaltenstedt sehr vorsichtig auftrat, drehte er sich sofort um, nachdem Kaltenstedt in das kleine Geschäft getreten war und jenen Blick verspürt hatte, der ihn sich ängstlich hatte umsehen lassen.

Dem jungen Buchliebhaber fiel sofort auf, dass dieses Geschäft, das sich dem Handel mit bedrucktem Papier verschrieben hatte, mit ganz besonderen Auflagen aufwartete. Der Besitzer des Antiquariats schien sich auf Reiseliteratur spezialisiert zu haben. Ganz besonders Berichte über den Nahen Orient und Nordafrika schienen es ihm angetan zu haben. Noch bevor Kaltenstedt aber einen gezielten Blick in die Glaskästen werfen konnte, um seinen ersten Eindruck zu bestätigen, war der Antiquar, jedenfalls hielt ihn Kaltenstedt für einen solchen, bereits hinter seiner in die Ecke gedrängten Theke hervorgetreten und raschen Schritts auf ihn zu.

„Dass ich Sie heute hier begrüßen darf“, sagte er mit aufgeregter Stimme und wischte sich die grau gesträhnten, lockigen Haare aus der Stirn. Es schien, als fehlten ihm die Worte, gleich alles, was ihm auf den Lippen lag, heraus zu bringen.

„Ich habe“, sagte er sehr laut, dann leiser, „Sie erwartet“, raunte er und räusperte sich.

„Oder nein“, fuhr er fort, als hätte er sich der richtigen Worte nur schlecht erinnert, „ich wusste einfach, dass Sie kommen würden“, sagte er und nickte zweimal heftig, dass ihm die Locken abermals in die Stirn fielen.

 

Kaltenstedt wurde ganz steif bei diesen Worten. Es musste sich um eine Verwechslung handeln, dachte er sofort. Er hatte ja nicht geplant hierher zu kommen, sondern es war reiner Zufall gewesen, dass ein Pferd in einen Wagen geraten war, und dass gerade er den Geruch des ausströmenden Blutes nicht hatte ertragen können. Auf diese Art und Weise war er in diese Gasse gelangt. Und nur ein Mann, der vielleicht mehr an solche absonderliche Zufälle im Leben glaubte, hätte es als Schicksal bezeichnet. Also einen Umstand, der durch die Aneinanderreihung verschiedenster Zufälle zu einer gewissen Form von Bestimmung führte. So gesehen war es tatsächlich Kaltenstedts Bestimmung gewesen, an diesem Tag in diese Gasse zu geraten und schließlich am Eingang des Antiquariats stehen zu bleiben und hineinzugehen.

Aber welcher Mathematiker hätte solche Zufälle vorausberechnen können?

„Sie warten sicher auf jemand anderen“, sagte also Kaltenstedt nach kurzem Nachdenken. „Ich bin eigentlich nur zufällig hier“, sagte er. „Und ich dachte auch erst einmal nicht daran, etwas zu kaufen. Wenn ich mich einfach einmal umsehen könnte? Ich sehe, Sie haben Reiseliteratur, das würde mich interessieren.“

Der Antiquar schlug die Hand vor den Mund, als hätte Kaltenstedt etwas ganz und gar außergewöhnliches gesagt.

Seine Augen strahlten den jungen Mann wie ein Kunstwerk an, das man zum ersten Mal erblickt und von dem man nicht den Blick abwenden kann.

„Sicher!“, flüsterte der Mann mit an die Lippen geführten Fingerspitzen. „Hier habe ich ein paar Exemplare, die Sie interessieren dürften und auch dort drüben.“ Dann blieb er plötzlich stehen, drehte sich um und sah in einen aufrecht stehenden Spiegel, der an der Wand lehnte, obwohl er in einem Antiquariat so gar nichts zu suchen zu haben schien.

„Das ich das wirklich sage“, flüsterte er und schüttelte verblüfft den Kopf, während er sich im Spiegel betrachtete.

„Vielleicht sag ich´s nur, weil ich weiß, dass ich´s sage.“

 

Kaltenstedt hatte sich einige Schritte von ihm entfernt und warf nur flüchtige Blicke in die Vitrinen, in denen die Sammlerstücke aufbewahrt waren. Etwas kam ihm sonderbar an diesem Mann vor, der ihn betrachtete, als wäre er ein großer Politiker oder sonst eine seltene Person. Jede einzelne Bewegung, die Kaltenstedt machte, löste bei diesem Mann Rufe des Erstaunens aus. Und wären die Bücher nicht gewesen, die Kaltenstedt trotz allem magisch in ihren Bann gezogen hatten, er wäre sofort hinaus gerannt, auch wenn er draußen, von der Sonne geblendet, in einen Wagen geraten wäre, so wie das Pferd und in die Ecke geschleudert und überall Blut!

So aber blieb er und stellte fest, dass ihm der Blick des aufdringlichen Antiquars überall hin folgte. Als wäre es ein Spiel. Es fehlte nur, dass er ihm warm oder kalt zu riefe, dachte er plötzlich und versuchte dem Blick des Mannes auszuweichen, weil ihm der Gedanke so absurd vor kam. Er sah ein Buch, das ihm gefiel, und für einen Augenblick war er mit den Gedanken in weiter Ferne. Ein Reisebericht über eine Expedition zu den Quellen des Nils hatte seine Aufmerksamkeit in ihren Bann gezogen. Es handelte sich um eine schöne Ausgabe in einem Ledereinband mit schlanker Schrift auf dem Buchrücken. Sobald Kaltenstedt es berührte, hatte er das Gefühl, es gelesen zu haben. Man kann es kaum beschreiben, wenn man diese Gabe nicht besitzt. Kaltenstedt hätte natürlich weder Einzelheit noch Zusammenhänge berichten können, aber das Gefühl, dass den Leser befällt, wenn er schlussendlich eine gute Lektüre aus der Hand legt, dieses Gefühl hatte er noch bevor er die erste Seite aufgeschlagen hatte.

Er würde es kaufen, dachte er. So käme er gut aus der Sache mit diesem Verrückten heraus, und gleichzeitig hätte er ein gutes Buch in Händen. Vorsichtig blickte er auf und hoffte inständig dass der Händler wieder zur Besinnung gekommen wäre. Schließlich kommt es manchmal vor, dass man sich auf den ersten Blick etwas einbildet, was sich hinterher als lächerlich und gänzlich absurd herausstellt, dachte er noch und hoffte, dass es sich um eben eine solche Situation handelte.

Aber der Mann strahlte ihn aus einem Meter Entfernung so wissenshungrig an, als warte er nur auf die nächste Absonderlichkeit, die Kaltenstedt begehen würde.

 

„Sagen Sie, ich wäre vielleicht an diesem Buch interessiert“, sagte Kaltenstedt zurückhaltend, obwohl er das Buch ganz sicher kaufen wollte. „Ich könnte mir vorstellen, dass Ihre Preise meine finanziellen Mittel übersteigen. So ein Buch kann einiges wert sein, denken Sie nicht. Aber wie sieht es mit der Schrift aus? Sie scheint hier auf dem Einband einige Gebrauchsspuren aufzuweisen.“

Kaltenstedt sprach sehr hastig, aber deutlich, um nicht einen ungebildeten Eindruck zu hinterlassen. Während er mit dem Zeigefinger die von leichten Gebrauchsspuren gekennzeichnete Druckschrift nachzeichnete, lächelte ihn der Antiquar nur seelenruhig an und nickte. Dabei stand er an der Theke und ließ die Finger seiner rechten Hand über die Seite eben jenes aufgeschlagenen Buches gleiten, dass Kaltenstedt bereits bemerkt hatte, als er eingetreten war. Das Buch nahm sofort all seine Aufmerksamkeit gefangen, und für einen Moment, während er den Antiquar mit langem Hals dabei beobachtete, wie er in dieses Buch schaute, schienen seine Gedanken ins Stocken zu geraten. So als wäre er ins Träumen geraten, und hätte für diesen Augenblick den Bezug zur Realität verloren.

Dann aber blätterte der Mann ganz nebenbei eine Seite weiter und Kaltenstedt schüttelte blinzelnd den Kopf.

 

„Sie werden dieses Buch gar nicht kaufen, nicht wahr?“, fragte der Händler plötzlich höflich aber bestimmt, als wäre es gar keine Frage sondern eine Feststellung, für die der Beweis aber noch ausstehen würde. Mit den Fingerspitzen trommelte er auf dem aufgeschlagenen Buch neben sich und warf einen flüchtigen Blick hinein.

„Sie werden das Buch ganz bestimmt nicht kaufen!“, sagte er jetzt ohne jeden Zweifel in der Stimme.

Kaltenstedt blieb wie angewurzelt stehen, noch immer jene Orientierungslosigkeit abschüttelnd, die ihn beim Anblick jenes Buches dort auf der Theke befallen hatte.

„Wie meine Sie das, ich werde es nicht kaufen?“, fragte er, plötzlich wütend ohne es zu wollen. „Wie kommen Sie auf die Idee, dass ich etwas nicht will, von dem ich doch ganz sicher weiß, dass ich es will. Sollte ich etwa eben noch dieses Buch gewollt haben und nun, da Sie für mich auf eine andere Idee kommen, soll ich es ablehnen? Es tut mir leid, aber ich glaube, ich sollte durchaus dazu in der Lage sein, solche Entscheidungen allein zu treffen, denken Sie nicht?!“

Tatsächlich reagierte Kaltenstedt aggressiver, als er es vorgehabt hatte. Wollte ihn der Verkäufer nicht einfach zu einem anderen Kauf überreden? Vielleicht hatte Kaltenstedt gerade ein ganz besonderes Exemplar in der Hand, und der Händler war nur darauf bedacht, ihm eine andere, wertlosere Ausgabe schmackhaft zu machen. Trotzdem kam es ihm vor, als steckte mehr dahinter, und er griff sich plötzlich an den Hals, als bekäme er weniger Atem, als der Mann jenes Buch in Händen nahm und es ziemlich sorglos durch die Gegend schwenkte.

„Ich habe nicht gesagt, dass Sie es nicht eben noch wollten“, sagte der Antiquar seelenruhig und ging, das Buch weiter schwenkend, um eine Vitrine herum. „Genau genommen habe ich gesagt, Sie werden es nicht kaufen, und Sie werden es auch nicht wollen. Glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, dass Sie tatsächlich ein Buch stehlen werden? Glauben Sie mir auch, wenn ich Ihnen sage, dass Sie dieses Buch stehlen werden?“ Und er hob das aufgeschlagene Buch in seiner Hand hoch, als wolle er es über die Schulter hinter sich schleudern. Kaltenstedt entfuhr ein schriller Schrei des Entsetzens, und er wurde bleich, als er es nun genauer betrachtete. Im gleichen Moment ließ er das andere Buch sinken, dass er selbst in Händen hielt, als hätte es eben gerade jegliche Bedeutung für ihn verloren.

Trotzdem war ihm die Erinnerung, dass er es vor wenigen Augenblicken ganz sicher hatte haben wollen noch so klar, wie eine Hand, die man noch am Handgelenk glaubt, obwohl sie gerade abgeschlagen wurde. Der Druck auf seinen Lungen wurde stärker und er spürte einen Schmerz hinter der Stirn, als würden dort zwei Gedanken um dieselbe Erinnerung kämpfen.

„Das kann nicht sein!“, stieß Kaltenstedt hervor und stützte sich an einem der Glaskästen ab. „Ich habe noch nie ein Buch gestohlen“, schwor er, während ihm der Schweiß aus der Stirn brach. „Ich habe nie eins gestohlen und ich werde nie eins stehlen!“, rief er und schwankte dabei ein wenig. „Warum sollte ich das tun?“

„Warum sollten Sie es nicht tun?“, fiel der Antiquariatshändler sofort ein. „Glauben Sie nicht, dass es Dinge auf dieser Welt gibt, die einfach vorherbestimmt sind? So wie die Tatsache, dass Sie genau an diesem Tag in mein Geschäft gekommen sind und…“

„Das ist reiner Zufall“, fiel ihm Kaltenstedt ins Wort.

„So wie es Zufall ist, dass Sie einmal in einer Abdeckerei gearbeitet haben“, fragte der Händler neugierig, „und den Gestank von Tierblut nicht ertragen können und deshalb diesen Umweg gewählt haben, der Sie hierher geführt hat?“

Kaltenstedt taumelte zurück und konnte sich nur mit Mühe an der Wand hinter ihm auffangen. Das Buch entglitt ihm und fiel zu Boden, wo es aufgeschlagen liegen blieb.

„Fühlen Sie sich nicht manchmal beobachtet?“, fragte der Händler mit stechendem Blick. „Als ob jemand beständig zuschaut? Als ob zwei Augen über den Horizont kriechen und alles betrachten, was Sie vollbringen. Selbst in der kleinsten Nische, wie in Ihrem Hotelzimmer etwa, das Ihnen doch erst gar nicht so klein vorkam, nicht wahr? Selbst dort sind diese Augen und lauern auf Sie! Aber jedes Mal, wenn Sie hinschauen und glauben, dass sie ganz gewiss dort sind, sind sie fort“, flüsterte er. „Als wäre alles eingebildet.“

Kaltenstadt fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und suchte nach einem Ausweg. Woher konnte der Mann davon wissen? Hatte er ihn all die Jahre verfolgt? War über das Meer gereist und hatte ihn manchmal aus weiter Ferne, manchmal aus die Beibooten heraus, die sie Achtern festgemacht hatten, beobachtet? Kaltenstedt rieb sich die Stirn, als wolle er einen Kopfschmerz vertreiben.

„Wissen Sie noch, wann Sie zum Ersten Mal das Gefühl hatten beobachtet zu werden?“, fragte der Händler sehr vorsichtig, als wäre er ein Seelenforscher, der ganz behutsam das Unterbewusste eines Geistesgestörten beleuchtet. Kaltenstedt atmete, als wäre er viele tausend Meter gerannt und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes.

„Ich weiß es nicht“, sagte er stockend, obwohl er sofort wusste, wann er dieses Gefühl zum ersten Mal gehabt hatte.

Der Händler hob den Zeigerfinger an die Lippen, als suche er nach einem tief schürfenden Gedanken.

„Manchmal, wenn er über das Deck dieses großen eisernen Tieres wankte, das unter seinen Füße durch die eisigen Äcker der Nordmeere pflügte, überkam Kaltenstedt ein seltsames Gefühl.“, rezitierte er und beobachtete Kaltenstedt, wie er die Worte unhörbar nach flüsterte.

„Aber er wusste nicht woher“, sprach der junge Mann und runzelte die Stirn, als ob ihm die Erinnerung ganz vertraut erschien.

„Wie wäre es damit“, sprach der Händler, fasziniert wie Kaltenstedt auf seine Worte reagiert hatte. „Und er dachte, hätte er in diesem Roman eine außergewöhnliche Rolle gespielt und wäre er ein Held oder ähnliches gewesen, so hätte es ihn in diesem Leben und dieser Welt wohl zu ähnlichem hin getrieben.“ Kaltenstedt kamen diese Worte ebenso vertraut vor, wie die anderen, die der Antiquariatshändler ausgesprochen hatte. Nicht so, als hätte er sie schon einmal gehört. Nein, vielmehr, als hätte er die Worte erlebt, so wie er ein Buch anfassen konnte und fühlen konnte, was sich darin befand. Nur wusste er hier ganz bestimmt, welches Wort sich an das nächste reihte, während er es bei einem anderen Buch nur erahnte.

„Dem war aber nicht so“, sagte er also, als ob er es auswendig gelernt hatte.

„Also musste er eine Randfigur gewesen sein, dachte er“, fuhr Kaltenstedt ohne weiter nachzudenken fort. „Vielleicht war er in einer spannenden und für die Handlung sehr wichtigen Szene einmal über mehrere Seiten hinweg aufgetaucht. Aber der Autor hatte es nicht für notwendig gehalten,…“

Kaltenstedt unterbrach plötzlich und taumelte nach vorn, als hätten ihn die Worte jeglichen Gleichgewichts beraubt. Im Fallen warf er einige Vitrinen um und schlug schließlich mit voller Wucht gegen den Spiegel, der an der gegenüberliegenden Wand stand und so gar nicht in ein Antiquariat passen wollte. Der Spiegel zerbrach und stürzte aus dem kunstvoll geschmiedeten Rahmen.

 

„Aber der Autor hatte es nicht für notwendig gehalten,“ flüsterte der Antiquariatshändler, als spräche er über sich selbst, „ihn mit ebensolcher Hingabe zu zeichnen wie andere Romanfiguren“.

 

Kaltenstedt kam nur langsam wieder auf die Beine. In den Glasscherben wurde sein Antlitz tausendfach widergespiegelt, und auf seltsame Weise kam es ihm vor, als blicke ihn aus jedem der Spiegelstücke ein anderer entgegen.

„Wer bin ich?“, fragte er und nahm eines der Spiegelstücke und sah hinein. Das dort drinnen war ein anderer, dachte er. Und er nahm ein weiteres Stück auf, und die Haare wollten ihm zu Berge stehen, dieser war es ebenfalls. Er nahm Stück um Stück und starrte keuchend hinein. Wieder! Wieder ein anderer!

Der Antiquariatshändler betrachtete ihn dabei wie ein Kind, das im Begriff ist, das Laufen zu lernen.

 

„Ich weiß, dass Sie nicht der sind, der Sie glauben zu sein“, sagte er schließlich, während Kaltenstedt inmitten der Spiegelstücke sitzen blieb. „Sie kennen eben nur einen Teil Ihres Weges. Und er wird Sie nun in eine andere Welt führen, in eine Welt, die Sie vielleicht bisher für unglaublich hielten und ganz und gar nicht Ihrem Wesen entsprechend. Wissen Sie, manchmal entschließt sich ein Autor einer Figur eine ganz neue Richtung zu geben, obwohl sie in den bisherigen Kapiteln fast eine Nebenrolle gespielt hätte.

Dann kommt es zu Veränderungen in der Persönlichkeit“, sagte er mit erhobenem Zeigefinger, und: „Sie sind erst viele, bevor Sie wieder einer werden. Verstehen Sie das? Erst wenn die nächste Seite umgeschlagen ist, wird dieses Gefühl vorüber sein.“ Und er nestelte bereits mit der Fingerspitze an der Ecke der Seite, die gerade aufgeschlagen lag…

 

„Halt-halt!“, rief Kaltenstedt. „Halt doch!“ Er versuchte aufzustehen, aber es gelang ihm nicht. „Was habe ich Ihnen getan“, fragte er. Aber ihm wollte kein Gedanke kommen, was er ihm getan haben könnte.

„Sehen Sie diesen Spiegel“, sagte der Antiquar, als wolle er ihm kurz die Umstände erklären. „Ich bin ein eitler Mensch, verstehen Sie? Deshalb der Spiegel hier in meinem Antiquariat. Damit ich mich jeden Tag in meiner Eitelkeit darin betrachten kann. Aber denken Sie nicht, dass er auch einen anderen Zweck erfüllen kann? Einen, von dem wir beide bis jetzt noch keinerlei Ahnung haben? Was denken Sie? Ist es möglich, dass er dort platziert wurde, um diesen uns unbekannten Zweck zu erfüllen? Möglichweise ist meine Eitelkeit ja selbst nur diesem Zweck dienlich. Und wenn wir herausfinden, welcher Zweck das ist, finden wir vielleicht auch heraus, was mit IHNEN geschehen wird.“

Kaltenstedt versuchte über diese Frage nachzudenken, aber sie schien ihm völlig absurd und abwegig. Er sehnte sich nur nach einem klaren Gedanken. Etwas, das ihn dazu bringen würde, diesen unglücklichen Ort zu verlassen, an dem ihn die Schwäche und Ratlosigkeit gebunden hatte. Nur einen klaren Gedanken, dachte er. Und er würde genügen, dieses ganze unglückselige Spiel zu beenden.

Der Antiquar sah fast mitleidig auf Kaltenstedt herab.

„Schon auf der nächsten Seite werden Sie diesen klaren Gedanken haben“, sagte er. „Und sie werden auch wissen, wovon ich rede, auch wenn es Ihnen gänzlich egal sein wird. All Ihre Erfahrungen werden sich auf einen Schlag ins Gegenteil verkehren. Und Sie, der sie jetzt noch ein Gutmensch sind, oder sich dafür halten, werden es im nächsten Augenblick schon nicht mehr sein.“

Er hielt inne und betrachtet die Seite, die er im Begriff war umzublättern.

„Schnell, für einen Gedanken ist noch Zeit“, sagte er.

Und Kaltenstedt dachte, dass er tatsächlich ein guter Mensch war. Jemand, den die schrecklichen Erfahrungen in der Abdeckerei zu einem Mann gemacht hatten, der jeglicher Gewalt aus dem Wege gehen würde, auch wenn es den eigenen Tod zur Folge haben würde.

Dann aber schlug der Antiquar die Seite um, und es waren jene schrecklichen Erfahrungen, die sich mit einem Mal ins Gegenteil verkehrten…

 

…„Es ist nur ein Buch“, sagte Kaltenstedt und stand aus dem Glas auf, während ihn der Antiquar noch immer mitleidig betrachtete. Kaltenstedts Wesen schien sich auf einen Schlag verändert zu haben. Seine Stimme war ruppiger geworden und jeder Zweifel war daraus gewichen. „Ob es darin geschrieben steht, oder ob ich es will, ist das nicht ein und dasselbe?“, fragte er plötzlich. Seine Augen funkelten und er blickte den Händler an, als ließe ihn diese Erkenntnis weit über ihm stehen. So als wäre der Händler selbst nur die Figur in einem Roman und nicht er.

„Sehen Sie“, sagte der Antiquar, „es sind eben doch nicht die Erfahrungen, die uns zu dem machen, was wir sind.“

Und Kaltenstedt wurde in diesem Augenblick bewusst, dass er kein guter Mensch war. Zu mehr als diesem Gefühl war er nicht mehr fähig.

Der Antiquar betrachtete ihn, immer noch mit einer Spur von Mitleid aber nun auch mit Abscheu, als wäre ihm eine schreckliche Erinnerung gekommen.

„So habe ich das erste Mal von Ihnen gelesen“, raunte er. „Von diesem Mann, der weder Gefühle noch irgendeine Herzensregung kennt, und der sich immer wieder darauf beruft, dass ihn das Schicksal zu dem geschmiedet hat, was er ist. Ein Monster, wie es sich nur ein kranker Geist erdenken kann.“

Und er schaute auf, als würde er über sich ein Wesen vermuten, Gottgleich, das auf sie herabschaute.

„Mein Gott, in welche Hölle bin ich geraten“, flüsterte er, während Kaltenstedt, von den Worten des Antiquars völlig unberührt, plötzlich wie gebannt auf das Buch in seiner Hand starrte. Als wäre er hier, wo er hockte und es nur von weitem betrachtete, ausgesperrt. Als müsse er, um sich seiner wirklich bewusst zu werden, in seinen Besitz gelangen. Der Antiquar presste das Buch an seine Brust, als wäre das Einzige, was es für ihn noch zu tun gäbe, dieses Buch vor den Händen jenes Mannes zu schützen.

„Geben Sie es mir“, sagte Kaltenstedt und streckte fordernd die Hand aus, ohne einen Widerspruch dulden zu wollen.

Der Händler bewegte sich keinen Zentimeter.

„Ich kann es Ihnen nicht geben“, sagte er und wich langsam zurück.

Kaltenstedt fühlte in diesem Augenblick eine Wut, wie er sie nie im Leben gespürt hatte. Wieder stellte sich dieses Gefühl ein, dass er eben noch ein anderer gewesen war, an dessen Stelle sich nun nicht nur ein neuer Gedanke, sondern ein neuer Mensch befand. Und dieser Mensch war nicht gewillt, dieses Buch, das sein ganzes Dasein bestimmte, hier zurück zu lassen. Jeder Wissensdurstige, der in seinen Besitz gelangte, würde es einfach aufschlagen und lustig darin herumblättern, wie es ihm beliebte. Und ER, Kaltenstedt, oder wer immer er jetzt sein mochte, würde wie eine Marionette über die Seiten tanzen müssen, wo auch immer das Kapitel aufgeschlagen wurde.

 

„GEBEN SIE ES MIR“, schrie Kaltenstedt und richtete sich zu voller Größe auf. Während des Arbeitens in der Konservenfabrik war er krumm geworden und schwach. Aber auch das hatte sich verändert. Er spürte, wie seine Muskeln sich spannten und wie sie sich gegen die Schwäche aufbäumten, die seinen Körper fast gelähmt hatte. „Ich weiß nicht, was geschehen wird“, zischte er, „aber Sie werden mir das Buch jetzt geben, und ich werde durch diese Tür hinausgehen und so tun, als wäre ich nie hier gewesen. Ich werde so tun, als wären wir niemals zusammengetroffen.“

„Geben Sie es mir“, sagte er noch einmal.

„Geben Sie es mir oder ich werde Sie aus diesem Buch herausschneiden, wie man ein Blatt Papier aus einem Buch herausschneidet.

Der Händler sah ihn an, als hätte er es sich genau so vorgestellt. Als kannte er jedes Wort, jede Bewegung, die Kaltenstedt machen würde. Und selbst als Kaltenstedt sich bückte und eine lange, scharfe Glasscherbe vom Boden aufnahm und sie wie einen gewaltigen Dolch auf ihn richtete, brachte er nur ein Lächeln hervor.

„Ich werde es Ihnen aber nicht geben“, sagte er leichthin, als könnte sie hier Stunden stehen und diskutieren. „Verstehen Sie, es hat gar nichts damit zu tun, ob ich es Ihnen geben will. ICH WERDE ES NICHT TUN!“, sagte er mit Nachdruck.

Kaltenstedt sah zu, wie der Mann das Buch fester an seine Brust drückte, wie man ein Kind an die Brust drückt. In seinen Augen konnte er lesen, dass er tatsächlich das meinte, was er sagte. Es war eine unumkehrbare Situation entstanden. Kaltenstedt hatte ihm gedroht, und der Mann hatte eingedenk aller Konsequenzen, von denen er behauptete, sie bereits zu kennen, seine Drohung einfach abgeschmettert.

Für einen Augenblick stand Kaltenstedt da und dachte über diese absurde Situation nach.

Aber es gab keinen Ausweg. Und Kaltenstedt wusste, dass es egal war, ob er es wollte, oder ob es so geschrieben stand.

Es war ein und dasselbe, dachte er und ging mit der Glasscherbe los und schnitt den Mann aus der Welt…

 

…Er hatte in den Schlachthäusern gearbeitet, und er hätte nicht gedacht, wie leicht es ihm von der Hand gehen würde. Auch der Geruch des Blutes störte ihn wenig. Als er das Buch vom Boden aufnehmen wollte, blieb er einen Augenblick wie erstarrt, als ob sich in ihm etwas verändern würde, als bestände für einen Augenblick die Möglichkeit, das Buch zurück zu lassen und einfach so davon zu gehen. Aber dann dachte er an die Augen, die ihn verfolgen würden, wenn er es zurück ließe. Was, wenn es durch eine Unachtsamkeit vernichtet würde? Würde dann nicht auch sein Leben vernichtet? Oder würde es nie stattgefunden haben?

Kaltenstedt dachte darüber nach, ohne ein weiteres Gefühl für den Sterbenden zu haben, der am Boden keuchte und dessen Atem langsam abschwellte. Er hatte es so eingerichtet, dass der Mann einen langsamen und qualvollen Tod erlitt. Aus welchem Grund war ihm nicht bewusst. Er hatte es gewollt, und bei diesem Gedanken beließ er es. Vielleicht, dachte er, steht es ja auch so geschrieben?

 

Als Kaltenstedt das Buch berührte, spürte er die unheimliche Macht, die davon ausging. Er hatte einmal geglaubt, er wäre eine Randfigur, jemand der hingetuscht und wissentlich nur unscharf gezeichnet worden war.

Sofort aber als er das Buch in Händen hielt, wusste er, dass dem nicht so war. Und er sah sich um, und er sah den schrecklich zugerichteten Leib des Mannes, den er vor wenigen Augenblicken ohne jede Regung des Herzens hingeschlachtet hatte. Noch sah er das Herz, wie es in der offenen Brust schlug.

„Hier beginnt es“, flüsterte er also. „Und ich kann nichts daran ändern, wenn es so geschrieben steht.“

 

Dann ging er einfach hinaus und hob weder die Hand gegen die Sonne, noch wandte er den Blick ab. Ohne weitere Gemütsregung sah er geradewegs in das gleißende Licht der Abendsonne und machte einen Schritt vor den Anderen und schlug im Gehen das Buch auf. „Dann ging er einfach hinaus und hob weder die Hand gegen die Sonne, noch wandte er den Blick ab“, las er.

Und fand da genau das, was er eben gerade getan hatte.

Einen Augenblick blieb er stehen und sah die Straße empor, und sah alles um sich herum, wie es nur ein großer Künstler geschaffen haben konnte. Ein Künstler von so außerordentlicher Willenskraft und Stärke, dass er nur er selbst sich diesem Künstler ebenbürtig fühlte.

 

Dann ging er weiter,…

…weil es so geschrieben stand.

 

 

Die Geschichte ist in der Anthologie Der wahre Schatz enthalten.

 

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Erstellt: 28.04.2009, zuletzt aktualisiert: 08.03.2018 19:26