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Eine Weile entfernt von Joanna Russ

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Betrachtet man die vierzig Jahre, die seit dem Erscheinen von The Female Man vergangen sind, trifft man auf diverse Veränderungen im Zusammenleben von Frauen und Männern. Oft liest und hört man vom Erfolg der Gleichberechtigung oder dass Feminismus in den westlichen Industrieländern gar nicht mehr nötig sei, weil überrholt.

Die dünne Haut dieser Theorie zerreißt schnell, wenn man Diskussionen zu gendergerechter Sprache oder zur Entlohnung verfolgt. Auch ein Blick in Spielzeugläden oder die Reihen mit Kinderbekleidung von Kaufhäusern lässt Zweifel aufkommen, ob tatsächlich alle Rollenklischees überwunden sind.

Regelrecht erschrecken wird man, wenn die Lektüre von Eine Weile entfernt an den Punkt gelangt, da der Repräsentant einer Männergesellschaft zu sprechen beginnt und einem viele der Sätze so unheimlich bekannt in den Ohren klingeln.

 

Der Roman von Joanna Russ verbindet vier Frauenfiguren aus ganz unterschiedlichen Gesellschaften und Zeiten miteinander. Jeannine ist die amerikanische Frau der Gegenwart, also der 70er Jahre. Sie ist 29 und wird zunehmend in eine Rolle gezwängt, die ihr nicht gefällt. Heirat als natürliches Ziel einer Frau, glücklich mit Haushalt und Dienst an Mann und Nachwuchs. Jegliches Aufbegehren führt zu immer stärkeren Gegendruck, der sie zum Resignieren und Nachgeben bringt.

 

Janet ist eine Auftragskillerin von Planeten Whileaway, der eine mögliche Zukunft der Erde darstellt. Auf Whileaway starben die Männer vor Jahrhunderten aus und seither hat sich eine ganz eigene Gesellschaft entwickelt, ohne Unterdrückung, Krieg oder sexueller Ausbeutung.

 

Die dritte im Bunde ist Joanna, die deutlichste Referenz auf die Autorin selbst. Als meist unsichtbare Beobachterin begleitet sie die anderen Frauen und versucht deren Aufbegehren durch Kopfnüsse und ähnlichem einzudämmen.

Gegen Ende stößt Alice-Jael hinzu, die Erklärerin. Sie holt die drei anderen Frauen in ihre Welt, um sie auf einer diplomatischen Mission zu begleiten. Hinein in das Reich der Männer, die von den Frauen nur noch aus Legenden wissen, obwohl das Reich der Frauen auf ihrem Planeten real existiert. Doch Genetiker schaffen aus Männern Halb-Umgewandelte, irgendjemand muss ja die Rolle der fehlenden Frau einnehmen.

 

In sich verknäulenden Episoden skizziert Joanna Russ die drei unterschiedlichen Gesellschaftsformen, stets aus der weiblichen Perspektive. Dabei spricht sie so ziemlich jegliche Form von psychischer und physischer Gewalt, Abhängigkeit und Unterdrückung an, die sich dort entwickelten. Selbst auf Whileaway.

 

Doch im Zentrum stehen zwei überdeutliche Szenen. Jeannines Besuch bei ihren Eltern, wo sie sich dem gesellschaftlichen Rollendruck stellen muss und der diplomatische Besuch Jaels, der in zornigen, brutal bösen Einstellungen eine scheinbar übermächtige und erdrückende Männlichkeit bloßlegt.

Das ist so schmerzhaft enttarnend wie auch erschreckend emotional. Man spürt über all die Jahre hinweg, wie bedeutsam dieser Kampf für die Autorin selbst war, wie tief sie von den männlichen Ketten verletzt wurde. Verstärkt noch durch die Tatsache, als homosexuelle Frau in zusätzliche Tabus gesteckt zu werden. Das Frausein verteidigen zu müssen, gegen Männer, die sie brechen, durchvögeln oder zum Schweigen bringen wollen. Aber auch gegen Frauen, deren Ruhe sie stört, die mit dieser anderen Weiblichkeit nicht zurechtkommen, wo schon ihre eigene durch die Gesellschaft mystifiziert und rätselhaft wurde.

Dennoch ist nur ganz wenig Bitterkeit in »Eine Weile entfernt« zu spüren. Joanna Russ will über Frauen erzählen, über sich, über andere, für sie und mit ihnen kämpfen.

 

Die Sprünge in den Handlungsorten, Perspektiven und Erzählstimmen machen »Eine Weile entfernt« zu keiner einfachen Lektüre, aber zu einer beeindrucken, lohnenden Auseinandersetzung mit der Welt. Und immer wieder auch zu einem Kampf mit den eigenen Mauern und Urteilen und das nicht nur bei Männern.

So stellt Annette Schlemm in ihrer Rezension des Buches fest:

 

»Hinzu kommt, dass solche extrem altmodischen Ansichten in der DDR bereits 1975 – als ich gerade 14 war und mir meine ersten Gedanken über mein Sein und FrauSein in meiner Welt machte – auch aus einer anderen Welt stammten und bei uns nicht mehr vorherrschten. «

 

Dass dies durchaus von einer DDR-Frau ganz anders wahrgenommen werden konnte, ist in Irmtraud Morgners Amanda. Ein Hexenroman aus dem Jahr 1983 nachzulesen. Da finden sich ganze Kapitel mit fast gleichlautenden männlichen Attitüden wie bei Russ. Und vielleicht ist es ein ganz eigener Zusammenprall der Ideen, dass Morgner ihre Figur Laura 1974 in Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura ähnlich an die Seite einer anderen stellt, wie Russ wiederum die Figur der Laura Rose in »Eine Weile entfernt«.

Zwei Bücher, zwei fast identische Welten.

 

Fazit:

Joanna Russ geht in »Eine Weile entfernt« rigoros gegen Rollenbilder und männliche Wahrheiten vor. Sie entwirft dabei einen Planeten ohne Männer ebenso überzeugend wie auch ein Land ohne Frauen. Am Ende steht die Frage vor den LeserInnen, ob sich unsere schöne moderne Welt tatsächlich schon gleichberechtigt nennen darf. Oder ob dieses kleine, vierzig Jahre alte Büchlein, nicht doch immer noch in dieselben brennenden Wunden sticht.

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Eure Meinung:

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Buch:

Eine Weile entfernt von Joanna Russ

Eine Weile entfernt

Original: The Female Man, 1975

Autorin: Joanna Russ

Übersetzerin: Hiltrud Bontrup

Taschenbuch, 254 Seiten

Argument, 2000

Cover: Martin Grundmann

 

ISBN-10: 3886199592

ISBN-13: 978-3886199594

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 17.07.2015, zuletzt aktualisiert: 22.10.2019 16:08