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Elvis hat das Gebäude verlassen hrsg. von André Skora, Armin Rößler und Frank Hebben

Anthologie

 

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Cyberpunk goes Fifties! ELVIS IS ALIVE!

Das Jahr 1957. Lederbekluftete Greaser präsentieren ihre chromfunkelnden Rocketcars und Jetpacks. Die Tolle ist immer auf Krawall gebürstet, den Girls vor den Eisdielen oder im Autokino imponierend, von dröhnender Musik aus den Boxen unterstützt. Rockabilly und Petticoats, Jukebox und Milchshakes, während der Kalte Krieg als greller Schädel zum Himmel hochwächst – ehe die Welt untergeht trotz Heimbunker im Garten unter dem gepflegten, grünen Rasen. Oder als Sputnik seine Radiosignale aus dem All funkt – und die Magnetbänder des Pentagon durchdrehen! Als Simon, der erste Heimcomputer, in den Hobbykellern und Garagen zusammengebastelt wird. Und Elvis lässt die Hüften kreisen zum Jailhouse Rock.

Elf Geschichten über Rebellen und Spione, über Helden und Antihelden, die den Großrechnern das Fürchten lehren, bis den Superschurken das breite Grinsen in der Sonne zerschmilzt. Die Finger vom Knopf: heile Welt! – Einmal Himmel und zurück. – Over and out!

 

Rezension:

Themenanthologien bieten seit jeher die Möglichkeit, sich von einer Vorgabe inspirieren zu lassen und logisch erscheinende Klischees zu umschiffen. Science-Fiction und die 50er. Rock & Roll, Technikbegeisterung und Atomkraft, Sputnikschock und Kalter Krieg – das thematische Umfeld von Elvis hat das Gebäude hat es durchaus in sich. Und dennoch gibt es einige erstaunliche Parallelen in den Geschichten der von Frank Hebben, André Skora und Armin Rößler im Begedia Verlag herausgegeben Anthologie.

 

Den Auftakt überließ man der ersten von zwei Autorinnnen: Anja Bagus mit Ready Set Go!.

Bryan lebt mit seiner Familie in einem der unterirdischen Shelter, einzige Zuflucht vor der verseuchten Oberfläche. Ein Rennen mit der Rocket seines Vaters ist sein größter Wunsch. Mit dem Gewinn könnte er so einiges in seinem Leben verbessern. Ebenfalls beim Rennen dabei ist Hazel, eine toughe Rennfahrerin, die in der Schrauberwerkstatt direkt neben dem Platz der Rocket an ihrem Wagen werkelt. Sie verbindet mit den Rennen eine ganz persönliche und schmerzhafte Erinnerung. Das Rennen wirbelt noch einiges andere auf …

Die eher typische Story um ein Outback-Rennen beschert uns neben er sympathischen Rennfahrerin ein pathetisches Ende und hätte stilistischen Feinschliff problemlos verkraftet.

Santana Raus spendiert der Geschichte eine ausdrucksstarke Comic-Illustration.

 

Mario Steinmetz erinnert in Saturday Night Fever an Blade Runner. In einem Diner an der Interstate 15 hat Buck einen Job zu erledigen. In der heißen Bedienung erkennt er seine Zielperson. Doch da ist er nicht allein …

Eine nette Diner-Story mit einem coolen Ende. Jan Neidigks Titelzeichnung versprüht dazu den genau richtigen Ton aus abgerissener Endzeit-Schrott- Kulisse und gefährlich dräuender Gelassenheit.

 

In einem Diner spielt auch Christan Vogts Daredevils.

Mary hat sich ihren Gratis Burger redlich verdient, reparierte sie doch den Herd des Diners tief im Belt. Doch Bobby und seine Gang Halbstarker tauchen im Diner auf und wollen ihr Mütchen an ihr stillen …

Vielleicht hätte man die beiden Diner-Geschichten nicht direkt nacheinander darreichen solln. Die Story wirkt eher wie ein noch nicht ganz runder Romananfang und tatsächlich dient »Daredevils« Christan und seiner Frau Judith als Grundlage für ein aktuelles Romanprojekt.

Die Illustration von Gloria H. Manderfeld bebildert die Auseinandersetzung zwischen Mary und Bobby in wenig zu simpel.

 

Phönix am Zonenrand von Tobias Fromme führt uns nach Deutschland. Colonel Aaron Marks erstellt Aufmarschpläne für das britische Militär, inklusive der Festlegung von Zielen für Atombomben. Doch eine Kleinstadt sucht er zu schützen …

Raffiniert baut Tobias Fromme die kurze Story auf und führt den Leser zunächst hinters Licht, um dann mit einem spannenden Plottwist auf eine Science-Fiction Geschichte umzuschwenken. Passend im Stil der 50er fängt Volker Konrad die beschauliche Anfangsszene ein.

 

Armin Rößler zeigt sich in Random Gunn und der Griff nach der Weltherrschaft von seiner humorvollen Seite.

Random Gunn ist Zeitagent und nimmt den Auftrag einen hübschen Blondine an, ihren Vater aus den Fängen der Russen zu befreien, für die er als Wissenschaftler an einer tödlichen Waffe bastelt …

Eine gelungene Mischung aus Detektiv- und Bond-Story, die mit den genretypischen Klischees und Zeitparadoxa spielt. Entsprechend wirkt die Illustration von Christian Dörr auch wie ein Bond-Filmplakat.

 

Mit Phasenverschiebung macht Andreas Flögel seinem Ruf als hintersinnigen Horror-Autor alle Ehre.

Howard entdeckt bei einer gefährlichen Mutprobe in einem Flugauto seine besondere Begabung: Er kann die Zeit anhalten. Bald wird er vom Geheimdienst mit der Aussicht auf spannende Abenteuer angeheuert, doch die Realität frustriert ihn bald und er sucht nach einem Ausweg …

Wie schon in den anderen Geschichten, sind die thematisierten 50er Jahre nicht direkt unsere Vergangenheit, sondern meist technologisch leicht verändert. Die Nutzung von »Antigravium« nutzt Andreas Flögel für den Flugantrieb von Autos. Zu dieser technischen Abweichung gesellt sich das Vorhandensein besonderer geistiger Fähigkeiten. Der Autor erschafft daraus keine einfache Abenteuergeschichte, sondern einen bitterbösen Geheimdienst-Thriller, dem ein bisschen mehr Substanz nicht geschadet hätte.

Herrlich pink leuchtet die Illustration von Si-yü Steuber.

 

Peter Hohmann bedient sich in Rattenfänger 2.0 nicht ganz überraschend der Legende aus Hameln.

Christian Sand erhält den Auftrag, im von einer Atombombe zerstörten Hameln mysteriösen Spuren nachzugehen, die darauf schließen lassen, dass sein totgeglaubter Bruder noch leben könnte …

Auch hier ist die Realität leicht verschoben. Die Geschichte beginnt rasant und wird mit Liebe zu Details erzählt. Leider passt das schwache Finale nicht dazu.

Die nicht spoilerfreie Illustration von Stas Rosin beleuchtet das Ende der Story mit einer grotesk anmutenden Komposition.

 

André Geist beschreibt erneut ein Rennen, jedoch handelt Das große Rennen von einem olympischen Marathonlauf ganz besonderer Art. Die erfolgreichsten Teilnehmer sind wie Jack Veränderte …

Keine sonderlich innovative oder herausragende Geschichte. René Nowotny bebildert das Geschehen mit seiner typischen, dynamischen Malerei.

 

Christian Künne ist bekannt für seine ausbalancierten Hintergründe. Auch in Rebecca nimmt er sich viel Zeit, seine Hauptfigur Martin und seine ganz spezielle Variante des Jahres 1957 vorzustellen.

Martin muss einen Auftrag ausführen, der ihn in das Hotelzimmer von General Singer führt. Doch was hat es mit dessen Liebschaft Rebecca auf sich?

Die Geschichte nimmt nur langsam Fahrt auf und lässt vieles im Ungewissen. Das Ende erscheint eher wie das Kapitelende einer längeren Geschichte um Martin, seine ominösen Freunde und die Probleme technischen Fortschritts.

Auch die Illustration von Nummer 85 ist nicht ganz spoilerfrei, beeindruckt aber durch eine klare und extravagante Linienführung.

 

Die 50er Jahre sind im kollektiven Gedächtnis offenbar geprägt von Mutproben aufbegehrender Jugendlicher und Autorennen. Auch Kay Noa schließt sich mit Hasenflug dem Reigen an.

Jimmy ist neu in der Stadt. Sein Vater ist ein genialer Erfinder, der aus dem neuen Superstoff Cylan geniale Wunder kitzeln kann. Allerdings steht er arg unter dem Pantoffel seiner Frau, was ihn in Jimmys Augen nicht gerade zu einem Vorbild macht. Doch Jimmy hat andere Sorgen. Seine Mutter will sich in der Wohngegend einschleimen und so muss er die Nachbarstöchter mit dem Wagen zu Schule mitnehmen. Doch die ältere, Judy, ist nicht nur vom Typ unerreichbare Ballkönigin, sie ist auch die Freundin des Obermackers der Schule. Bald sieht sich Jimmy zu einem tödlichen Duell herausgefordert …

Eine toll inszenierte und umgesetzte Story, deren SF-Anteil dem Ganzen einen zusätzlichen Drive verleiht. Auf der anderen Seite ist vom Setting bis hin zu den Figuren alles mit großer Kelle aus der Klischeesuppenschüssel geschöpft.

Die Illustration von Christoph Jaszczuk könnte auch in ein Kinderbuch passen.

 

Das Beste kommt oft zum Schluss, so auch in »Elvis hat das Gebäude verlassen«. Thorsten Küper bedient sich zwar auch einer Szene in einem typischen 50er Jahre Café, aber in Belichtungszeit ist das zentrale Thema die Atomkraft und die sehr US-amerikanische Idee, aus den Atomtests eine Touristenattraktion zu machen.

Dale nutzt die Tatsache aus, das jede Menge Abenteuerlustige Burschen nach Vegas kommen, um irgendwie einen Blick auf den »Blitz« zu werfen. Auch diesmal hat er schon bald einen passenden Kandidaten für sein ganz spezielles Atomtest-Event gefunden …

Schon der Tonfall der Story zieht sofort hinein in das heiße Klima der amerikanischen Wüstenstadt, in die urbane Mischung aus Selbstbetrug und Glücksträumen. Die Aufbruchsstimmung hat tiefe Risse bekommen, am abgeranzten Rand der Straße warten die Verlierer. Aus dieser Stimmung heraus entwickelt Thorsten Küper eine Story, deren Wendungen überraschen und dabei typische SF-Themen auf eine ganz eigene Art und Weise einbinden. Die rundeste und ausgefeilteste Story der Anthologie, veredelt mit einer großartig düsteren, dennoch kraftvollen Illustration von Michael Marrak.

 

Fazit:

Ein Bündel alternative 50er Jahre Welten, gewürzt mit jeweils sehr speziellen Science-Fiction Topoi – »Elvis hat das Gebäude verlassen« ist eine etwas andere Anthologie. Betritt das Weltraum-Diner, hole dir 'nen Space-Burger und schwing dich dann wieder in dein rostiges Düsenbike – du wurdest gewarnt: Der Weltraum ist nur was für die echten Rocker …

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Eure Meinung:

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Buch:

Elvis hat das Gebäude verlassen

Herausgeber: Frank Hebben, André Skora und Armin Rößler

Cover Design: Jan Neidigk

Taschenbuch, 250 Seiten

Begedia Verlag, 8. Februar 2019

Illustrationen: Santana Raus, Jan Neidigk, Gloria H. Manderfeld, Volker Konrad, Christian Dörr, Si-yü Steuber, Stas Rosin, Nummer 85, René Nowotny, Christoph Jaszczuk und Michael Marrak

 

ISBN-10: 395777117X

ISBN-13: 978-3957771179

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B07MWS4Q61

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Inhalt:

  • Anja Bagus – Ready Set Go!
  • Mario Steinmetz – Saturday Night Fever
  • Christan Vogt – Daredevils
  • Tobias Fromme – Phönix am Zonenrand
  • Armin Rößler – Random Gunn und der Griff nach der Weltherrschaft
  • Andreas Flögel – Phasenverschiebung
  • Peter Hohmann – Rattenfänger 2.0
  • André Geist – Das große Rennen
  • Christian Künne – Rebecca
  • Kay Noa – Hasenflug
  • Thorsten Küper – Belichtungszeit

Weitere Infos:


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Erstellt: 17.06.2019, zuletzt aktualisiert: 17.06.2019 18:28