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Erinnerungen an Morgen herausgegeben von Alisha Bionda

Reihe: SteamPunk Band 1

Anthologie

 

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Steampunk wächst und gedeiht. Nicht nur bei den großen Verlagen. Auch die alles andere als unscheinbaren, hiesigen Kleinverlage haben den Trend längst ebenfalls entdeckt. Mit einem signifikanten Unterschied: Während besagte Großverlage überwiegend auf Schriftsteller aus Übersee und England setzen (mit einigen wenigen prominenten Ausnahmen), beschränken sich die kleinen Brüder und Schwestern praktisch ausschließlich auf nationale Autoren.

Eine nicht nur löbliche, sondern auch richtige Gesinnung. Schließlich sind die Zeiten, in denen sich deutsche Phantastik nahezu vollständig aus dem – zu Unrecht – gescholtenen Heftromansektor zusammensetzte, längst vorbei. Stattdessen präsentiert sich die Szene anno 2012 als lebendig, vielseitig, erfrischend und ureigen; braucht sich ein bemerkenswert hoher Prozentsatz der deutschsprachigen Genrepublikationen gewiss nicht vor der nur scheinbar übermächtigen Konkurrenz aus Großbritannien, USA und Co. zu verstecken.

Als passendes Paradebeispiel sei an dieser Stelle auf die exzellente Anthologie Geheimnisvolle Geschichten 2 – Steampunk verwiesen, 2011 im Verlag Saphir im Stahl erschienen und völlig verdient der diesjährige DPP-Gewinner in der Kategorie Beste Original-Anthologie.

Unter Garantie hätte jeder Leser auf ein Konglomerat internationaler Autoren getippt, wenn die Namen der Teilnehmer gefehlt hätten. Stattdessen trieben sich die vertretenen semi- und professionellen Schreiberlinge gegenseitig zu erstaunlichen Höchstleistungen, die es in ihren besten Momenten mit der einzigen darin enthaltenen Story eines Briten (James Lovegrove) durchaus aufnehmen können, wenngleich – so viel Fairness muss sein – besagter Beitrag zweifellos das Highlight darstellte. Auf jeden Fall war es nur eine Frage der Zeit, bis die ebenso arbeitsame wie erfolgreiche Autorin/Herausgeberin Alisha Bionda Dampf, Zahnräder und die Viktorianische Epoche für sich entdecken würde. Et voilá – Erinnerungen an Morgen, der erste Band der geplanten Steampunk-Reihe innerhalb des Fabylon-Verlags. Bleibt nur die alles entscheidende Frage: Kann es auch diese Anthologie mit den internationalen Größen aufnehmen?

 

Den Auftakt markiert eine Erzählung mit dem passenden Titel Steam is Beautiful von Guido Krain – und ein bemerkenswerter Zusatz. Denn noch bevor man die erste Zeile in Angriff genommen hat, fällt unweigerlich folgende kleine Bemerkung auf: »Prolog-Story zu dem Roman Argentum Noctis, Band 3 der Reihe«. Also eine kleine Werbemaßnahme, um die angedachte Reihe etwas zu pushen demnach? Dreist oder gelungen? In diesem Falle sicherlich letzteres. Krains Beitrag jongliert gekonnt mit den bekannten Tropen, welche in diesem Falle ein junger Erfinder, eine ominöse Erbschaft – sowie ein Automat in Form eines charmanten Dienstmädchens sind. Es könnte alles so harmonisch für den Protagonisten, Charles Eagleton, verlaufen, würde Guido Krain seinem sympathischen Helden nicht ein paar gehörige Gewitterwolken auf den Hals hetzen, welche in Form eines religiösen Fanatikers daherkommen und etwas mit Eagletons Erbschaft gemein haben …

Keine Frage: »Steam is Beautiful« macht Lust auf mehr. Der flüssige Stil, das sich niemals stauende Tempo, dazu eine gekonnte Balance aus Augenzwinkern und Seriosität – Krains Erzählung ist ein blendender Start und sorgt dafür, dass man ungeduldig auf den angedachten Roman wartet.

 

Mit seiner Magierdämmerung-Trilogie hat Bernd Perplies bereits sowohl seine Affinität also auch seine Versiertheit in Sachen abenteuerlichem Steampunk unter Beweis gestellt. In seiner Story Der Automat unterstreicht er diese Fakten. Sein Held ist ein geheimnisvoller Auftragskiller, der trotz seines bisweilen unmenschlich anmutenden Metiers an zwei wichtigen Regeln festhält: Keine Frauen, keine Kinder. Bis ihn ein neuer Auftrag in den Konflikt mit seinem Codex bringt. Denn bei der jüngsten Zielperson handelt es sich um ein – Maschinenkind …

Der Titel mag nüchtern erscheinen, die Geschichte ist es nicht. »Der Automat« ist mustergültig in Sachen Action, Spannung, Originalität; vom geheimnisvollen Protagonisten ganz zu schweigen. Dank seiner eigenen Vergangenheit und weil er dank seiner Gesinnung irgendwo in der Grauzone zwischen Gut und Böse liegt, besitzt besagter Attentäter jede Menge Potenzial, das gerne auch in erweiterter (Roman-)Form gründlicher ausgeschöpft werden darf. Einfach hervorragend.

 

Horror, Crime, Thriller – und jetzt also Steampunk. Der gebürtige Bauzener Sören Prescher ist gleichermaßen produktiv wie vielseitig. Mit seiner, titelgebenden, Erzählung, Erinnerungen an Morgen erweitert der sympathische Autor seine literarische Vita um ein weiteres Metier. Sehr sicher und mit dem richtigen Riecher in Sachen Stimmung und Spannungsaufbau entführt Prescher den Leser in eine Nervenheilanstalt des ausklingenden 19. Jahrhunderts, wo mit alternativen Heilmethoden oftmals grausame, unmenschliche Behandlungen beschönigt umschrieben wurden. Nicht so bei dem jungen Arzt und Forscher Dr. Henry. Er hat eine ganz spezielle Maschine entwickelt, welche es dem Probanden ermöglicht, vergangene Erinnerungen nochmals erleben zu können. Vom eigenen Forscherdrang und Neugier angestachelt, geht Henry schließlich einen Schritt weiter – und findet heraus, dass mithilfe seiner Gerätschaft selbst die Visite einer anderen, längst vergangenen Existenz möglich ist. Bleibt nur die Frage: Wenn man schon mental die Vergangenheit aufsuchen kann – warum nicht auch die Zukunft?

Wie bei Guido Krains Erzählung, bildet »Erinnerungen an Morgen« den Prolog zu einem demnächst erscheinenden Roman, in diesem Falle Der Flug des Archimedes.

Trotz einiger geringfügiger Schönheitsfehler – so besitzt die Erzählung mitunter einige unschöne Längen – macht auch dieser sehr solide Beitrag mit seinem höchst originellen Thema Lust auf mehr. Wenn der Autor besagte Makel beseitigt, erwartet uns unter Garantie ein großartiger Roman!

 

Sherlock Holmes-Experte Klaus-Peter Walter knüpft mit seiner Kurzgeschichte »Bringen Sie uns den Kopf von Abu Al-Yased« die Bande zwischen dem Damals und Heute. Seine einfallsreiche Piratengeschichte verknüpft die Jagd auf einen Korsaren mittels eines neuartigen Dampf-Luftkissenboots mit phantastischen Elementen und reflektiert sogar die eine oder andere politisch-religiöse Strömung der Neuzeit. Sehr schön.

 

Kehren wir abermals zu den Eigenschaften produktiv und vielseitig zurück – besagte Attribute treffen eindeutig auch auf Tanya Carpenter zu. Welches Feld hat die Autorin nicht schon erfolgreich beackert; in welchem Genre nicht schon überzeugend Spuren hinterlassen?

Varieté d’Immortal klingt ein bisschen nach Vampirschmonzes Marke Twilight, ist aber davon gottlob meilenweit entfernt. Wir werden in ein ganz besonderes Varietétheater entführt, das nur oberflächlich für kurzweilige Unterhaltung steht. Denn hinter der Bühne – respektive hinter dem spektakulären Trick, eine Verstorbene zurück ins Leben zu bringen – geschieht weitaus Dramatischeres; entpuppt sich besagte Reanimation als moralische Bürde für sämtliche Beteiligten …

Ein weitere glänzende Erzählung. Tanya Carpenter stellt sich wichtigen und mächtigen Fragen, mit denen auch der geneigte Leser konfrontiert wird. Ein hochdramatisches Finale rundet das Ganze gekonnt ab.

 

Zu guter Letzt meldet sich ein weiterer alter Bekannter zu Wort: Andreas Gruber. Auch ihm sind Genregrenzen fremd. Wen wundert es also, dass sich der erfolgreiche Österreicher nun auch im Steampunk versucht?

Anders als seine Mit-AutorInnen, verlagert Gruber seine Story nicht nach London, Paris oder ähnliche Metropolen. Wie es schon der Titel suggeriert, spielt Der Maya-Transmitter in Südamerika, genauer gesagt in Mexiko. Dorthin wollte eigentlich Professor Graham Worthington gelangen, um gemeinsam mit einigen Freunden beziehungsweise Kollegen den dortigen Ruinen einige ihrer Geheimnisse zu entlocken. Doch es kam anders. Ein dramatischer Unfall verhindert Worthingtons Teilnahme. Doch der Gelehrte hat Glück im Unglück: Während er eine qualvoll-frustierende Genesung durchlebt, verschwindet die Expedition spurlos. Erst nach geschlagenen sieben Jahren kann sich Worthington auf die Suche machen – und entdeckt Unfassbares; tief unter einer alten Pyramide …

Der als Bonusstory markierte Maya-Transmitter entpuppt sich als finaler Paukenschlag und neuerliches großes Kino aus dem Hause Andreas Gruber. Mit beneidenswerter Leichtigkeit filtriert der Autor die besten Eigenschaften des Subgenres Steampunk heraus und vermengt sie mit einer Melange aus Abenteuer und Science-Fiction. Chapeau!

 

Wie man also sieht, gibt es in dieser Anthologie keinen klassischen Ausreißer nach unten. Jeder Beitrag kann im Grunde überzeugen, vereinzelte kleine Makulaturen werden prompt durch narrative Begeisterung und/oder beneidenswerten Einfallsreichtum wettgemacht. Komplettiert wird dieser gelungene Band zusätzlich durch das sehr schöne Titelbild und die stets treffsicheren Innenillustrationen von Crossvalley Smith.

 

Fazit:

Einen gelungeneren Auftakt für die neue Steampunk-Reihe des Fabylon-Verlags hätte es nicht geben können. »Erinnerungen an Morgen« ist eine exzellente Anthologie geworden, die dank zahlreicher Magic Moments den Leser prompt gefangen nimmt. Wünschen wir den Herausgeberinnen Alisha Bionda und Uschi Zietsch, dass der Serie ein langes und erfoglreiches Dasein vergönnt ist – und freuen uns auf die nächsten Elaborate!

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Eure Meinung:

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Buch:

Erinnerungen an Morgen

Anthologie

Reihe: SteamPunk Band 1

Herausgeberin: Alisha Bionda

Illustrator: Crossvalley Smith

Taschenbuch, 232 Seiten

Fabylon-Verlag, Juli 2012

 

ISBN-10: 3927071692

ISBN-13: 978-3927071698

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B009EU8XWY

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

Inhalt:

Steam is beautiful – Guido Krain

Der Automat – Bernd Perplies

Erinnerungen An Morgen – Sören Prescher

»Bringen Sie uns den Kopf von Abu Al-Yased!« – Klaus-Peter Walter

Varieté D’immortal – Tanya Carpenter

Der Maya-Transmitter – Andreas Gruber

Weitere Infos:


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Erstellt: 02.12.2012, zuletzt aktualisiert: 06.04.2019 21:56