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Ein (halb)vergessener Klassiker: Das Buch der Neuen Sonne

Essay von Thomas Jeenicke

 

Bei der Erstveröffentlichung vor mehr als drei Jahrzehnten ein Erfolg, haftet dem Werk heutzutage ein wenig der Flair eines Geheimtipps an – zumal in Deutschland, wo seine Übersetzung lange nicht mehr erhältlich war: Das Buch der Neuen Sonne, Gene Wolfes Epos über den verstoßenen Foltergesellen Severian.

 

Zwar hatte der 1931 geborene US-amerikanische Schriftsteller Gene Wolfe mit Der fünfte Kopf des Zerberus (The Fifth Head of Cerberus) bereits 1972 einen ersten Achtungserfolg erzielt, doch sein eigentlicher Durchbruch gelang ihm erst mit »Das Buch der Neuen Sonne« (The Book of the New Sun), dessen ursprünglich vier Bände (ein fünfter wurde 1987 nachgeschoben) zwischen 1980 und 1983 erschienen und, angefangen mit dem World Fantasy Award, in jedem dieser Jahre einen wichtigen Literaturpreis gewannen. Seitdem zählt Wolfe zu den bedeutendsten Science Fiction- und Fantasy-Autoren, auch wenn er wohl von Kritikern und von Kollegen wie beispielsweise Neil Gaiman, Ursula Le Guin oder G.R.R. Martin mehr geschätzt wird als vom breiten Lesepublikum.

 

Der Heyne-Verlag veröffentlichte 1984 eine Übersetzung des »Buchs der Neuen Sonne« (bzw. 1990 die des fünften Bandes), eine Neuauflage blieb aber lange aus. Erst seit 2015 ist der Zyklus wieder auf Deutsch erhältlich, und das auch nur als E-Book, nicht in Print. Es handelt sich im Grunde um die alte, schon damals bisweilen etwas antiquierte Übersetzung von Reinhard Heinz, lediglich der neuen Rechtschreibung angepasst.

 

Inspiriert von Jack Vances The Dying Earth-Geschichten, spielt »Das Buch der Neuen Sonne« in einer sehr fernen Zukunft: die Ressourcen der Erde sind längst erschöpft, die Sonne selbst beginnt zu erkalten und die Menschheit ist auf eine vorindustrielle, wenn nicht gar mittelalterliche Entwicklungsstufe zurückgefallen. Was es noch an fortschrittlicher Technologie gibt (manchmal so hochentwickelt, dass sie von Magie kaum zu unterscheiden ist), stammt entweder aus längst vergangenen Zeiten oder ist extraterrestrischen Ursprungs, während in der Wildnis urzeitliche Tiere wie Smilodons und Mammuts herumstreifen – oder zumindest Tiere, die (in Wirklichkeit Produkte der Biotechnologie oder wiederum Importe) solchen urzeitlichen Geschöpfen hinreichend ähneln, dass Wolfe sich entschied, diese Namen als Übersetzungen zu wählen. Vergleichbar ging er mit der Übertragung von Bezeichnungen aus der Gesellschafts- und Militärordnung vor und griff dort oftmals auf Worte griechischen und lateinischen Ursprungs zurück (z. B. Autarch, Peltast, Optimat), was natürlich das seine zur »archaischen« Atmosphäre beiträgt.

 

Ich sage »Übertragung«, weil Wolfe, im kurzen Nachwort zum ersten Band, sich selbst als bloßer Übersetzer des »Buchs der Neuen Sonne« (»ursprünglich in einer Sprache verfasst, die es noch nicht gibt«) stilisiert. Dieser Fiktion über die Fiktion folgend, wäre der wahre Autor tatsächlich der Ich-Erzähler, Severian, der behauptet, sich an alles erinnern zu können, seit er denken könne. Ganz so lückenlos wie diese Behauptung es vielleicht vermuten lässt, wird Severians Bericht dann aber doch nicht werden. Überhaupt tut der Leser gut daran nicht zu vergessen, dass Wolfe hier keine auktoriale Perspektive wählt, sondern einen Menschen erzählen lässt, also eine per se unzuverlässige Quelle, die nicht immer mit der vollen Wahrheit herausrückt, auch wenn sie an anderen Stellen das eigene moralische Versagen offen bekennt.

 

Der Zyklus beginnt mit Severians Zeit als Lehrling und dann bald Geselle im Orden der Wahrheitssucher und Büßer, besser bekannt als die Gilde der Folterer. (Dazu aber gleich der Hinweis: es finden sich nur wenige und keine ausführlichen Folter- und Hinrichtungsszenen – man muss nicht befürchten, hier auf blutige Gewaltorgien zwecks Sensationserregung zu stoßen.) Nachdem er einer Gefangenen (»Klientin«) den Freitod ermöglicht hat, um sie vor einem qualvollen Tod zu bewahren, wird er, entgegen der eigenen Erwartung, nicht etwa selbst hingerichtet, sondern als Scharfrichter (Liktor) in eine weit entfernte Provinzstadt verbannt. Auf dem Weg dorthin kommt er ungewollt in den Besitz der »Klaue des Schlichters«, dem juwelenartigen Relikt eines Propheten, der das Kommen einer »Neuen Sonne« angekündigt hatte. Bestrebt, die Klaue ihren vorherigen Besitzern, den Ordensfrauen der Pelerinen, zurückzugeben, wird er in den Krieg gegen die Ascier, ein unter kollektivistischer Ideologie lebendes Volk, involviert. (Wolfe lässt hier seine eigenen Erlebnisse als Soldat im Koreakrieg einfließen.) Eine Begegnung an der Front mit dem Autarchen (nominell der Herrscher über die gesamte Erde, de facto ist seine Macht aber recht eingeschränkt), enthüllt Severian schließlich das ihm zugedachte Schicksal.

 

Dass diese Übersicht etwas rhapsodisch wirkt, ist nicht allein in ihrer radikalen Kürze begründet. Tatsächlich kann man, zumal bei oberflächlich erster Lektüre, den Eindruck gewinnen, es mit bloß lose verbundenen Abenteuerepisoden zu tun zu haben. Das muss dem Lesevergnügen nicht abträglich sein: das Geschehen ist hinreichend spannend, von der Fülle phantastischer Szenen werden viele gewiss im Gedächtnis bleiben (beispielsweise im ersten Band das Duell ausgefochten mit tödlichen Blumen als Waffen) und die eigentümliche Mischung aus Fantasy- und Science Fiction-Elementen wie Zeitreisende, wiedererweckte Tote oder Androiden (allesamt häufig zunächst gar nicht als solche erkennbar) übt auch nach 30 Jahren noch einen starken Reiz aus, obgleich uns solche Genre-Überschreitungen heutzutage vielleicht vertrauter sind, als sie es damals waren.

 

Freilich erschöpft sich das Werk nicht in der bloßen Aneinanderreihung mehr oder weniger sonderbarer Episoden. Ein aufmerksamer Leser, der auch bereit ist, zu früheren Stellen zurückzublättern, und sich auf die bisweilen etwas obskure Symbolik einzulassen, kann und wird die Fäden finden, die »Das Buch der Neuen Sonne« durchziehen und zusammenhalten. Wolfes Romane (wie auch seine Kurzgeschichten) erfordern generell eine gewisse Anstrengung, will man sie wirklich auskosten, doch ist die Lektüre keineswegs eine »Qual«, auch wenn der Folterer Severian in einer reflektierenden Passage Parallelen zwischen seinem Handwerk und dem des Erzählens zieht. Die Arbeit des Entschlüsselns gehört hier vielmehr genuin zum Lesevergnügen und gewährt letztendlich tiefere Befriedigung als das übliche Fantasy-Fastfood, das man (Rezensent ausdrücklich eingeschlossen) sonst so verschlingt, eröffnet sich doch dann ein komplexes Epos, das eine stattliche Reihe der ganz großen Themen verhandelt: Zeit und Gedächtnis, Tod und Erneuerung, Schuld und Sühne, Freiheit und Knechtschaft. Und dass dies alles eingebettet ist in eine spannende Handlung und vor allem ein einzigartig-phantastisches Setting, macht »Das Buch der Neuen Sonne« zu einem der herausragendsten Werke, zu einem der bedeutsamsten Klassiker der Fantasy-Literatur.

 

Das ist nun ein überschwängliches Lob und ich muss es auch gleich ein wenig relativieren, nämlich in Hinblick auf den fünften Band, Die Urth der Neuen Sonne. Im Gegensatz zu den ersten vier Teilen spielt der fünfte weitgehend nicht mehr auf der Erde, sondern teils auf einem buchstäblich (im Sonnenwind) zwischen den Sternen segelnden Schiff und teils auf einem anderen Planeten, wo sich Severian etliche Jahre nach dem Geschehnissen der Vorbände, einer Art Prüfung unterziehen muss. Die Heimkehr zur Erde markiert dann die Vollendung seiner Rolle als – freilich eine sehr apokalyptische – Erlöserfigur.

 

Die ursprüngliche Tetralogie war als ganze geplant und verwirklicht worden und beschreibt tatsächlich einen Zyklus, eine Art Kreislauf. Warum Wolfe mit »Die Urth der Neuen Sonne« über dieses geschlossene Ganze hinausgehen zu müssen meinte, ist nicht klar. Möglicherweise – ich spekuliere jetzt – spürte er das Bedürfnis, zuvor nur angedeutetes zu verdeutlichen und ein insgesamt leichter verständliches Buch quasi als Hilfsmittel zur Wiederlektüre der von einigen Lesern vielleicht als zu hermetisch eingeschätzten Vorbände anzubieten. Denn auch wenn vieles in diesem fünften Teil rätselhaft bleibt, ist er doch vergleichsweise zugänglich. Diese neue Offenheit geht freilich nicht ohne Verluste einher. Was vorher magisch und mysteriös war, wirkt nun mitunter allzu gewollt bizarr und (wohl gerade deshalb) zugleich banal. Trotz der exotischen Schauplätze hat die Erzählung an Phantastik eingebüßt; und die Betonung religiöser Motive, die in den ersten vier Teilen noch subtiler waren, verleiht dem fünften einen gewissen dogmatischen Zug.

 

Für sich genommen mag »Die Urth der Neuen Sonne« durchaus noch ein interessanter Roman sein, über den alleine ich vielleicht weniger harsch urteilen würde. Aber im Vergleich zu den Vorbänden ist der Niveauverlust nur zu deutlich. Und auch wenn der fünfte Teil die ersten vier natürlich nicht nachträglich irgendwie schlechter machen kann, möchte ich doch empfehlen, soll »Die Urth der Neuen Sonne« partout ebenfalls gelesen werden, einen gewissen (zeitlichen) Abstand einzufügen, um sich nicht den überwältigenden Eindruck der ursprünglichen Tetralogie zu verderben.

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Erstellt: 24.05.2017, zuletzt aktualisiert: 17.10.2017 23:34