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Familienbande

Reihe: Sin City Bd. 5

Rezension von Christian Endres

 

Wieder einmal ist es Dwight, mit dem der Leser in die Nacht auszieht, um Licht in das Dunkel hinter einem tragischen Schicksal eines Bewohners von Basin City zu bringen. Unterstützt wird der sympathische Frauenheld, der nicht zum ersten Mal im Sinne und als Racheengel der in Neonlicht getauchten Engel der Altstadt unterwegs ist und seine bei den Damen angehäuften Schulden aus der Vergangenheit zu tilgen versucht, dabei von Miho, die letztlich wohl der eigentlichen Star dieses Bandes ist; eines Bandes, der im Übrigen ungeachtet seiner Kürze wie gewohnt mit einer überdurchschnittlich großen Portion Miller’scher Innovationen in Sachen Artwork sowie einer Vielzahl markiger Charaktere und nicht weniger markiger Sprüche auf den Leser wartet ...

 

Der Schwerpunkt dieses Bandes liegt nach dem ersten (teils ziemlich humorvollen) Viertel demnach auch ganz klar auf unserer tödlichen kleinen Miho und deren makabren »Spiel« mit den Mafia-Killern, die sie und Dwight zuvor »aufgespürt« haben. Stellenweise verkommen Dwights nachfolgende Ermittlungen auf dem Weg zum Ziel aber fast ein wenig zu einem lapidaren Mittel zum Zweck, damit Miller seine gewaltsamen Akte und Einstellungen mit einer recht lebhaften Miho inszenieren kann. Diese Szenen bettet Miller andererseits aber so geschickt in die »Reste« der eigentlichen Story ein, dass sie keineswegs aufgesetzt oder nur um ihrer selbst Willen inszeniert wirken – womit Miller sie letztlich also wieder legitimiert. Deshalb ist die Härte und Intensität – um nicht zu sagen Brutalität – dieses Bandes, verpackt in eine Killerin auf Rollschuhen, auch keine sinnlose Überdosis, sondern viel mehr eine eher morbide Facette von Mihos in diesem Band sehr katzenhaft dargestelltem Charakter.

 

Miller wagt auf den 128 Seiten dieses relativ dünnen Bandes einige Experimente, die in ihrer Gesamtheit voll und ganz zu überzeugen wissen. Zwar musste ich mich zu Beginn erst ein wenig an das ein oder andere detailreichere Gesicht gewöhnen, doch weiß auch diese Variante, die sich stellenweise recht stark von den harten, um nicht zu sagen flächigen Hell-Dunkel-Kontrasten vorangegangener Bände fortbewegt, durchaus zu gefallen. Am gelungensten jedoch sind in diesem Band immer noch Millers vorangetriebene »Experimente und Studien« mit der Seitenaufteilung (hier vor allem den kleinen Panels, die in ein großes integriert sind und dann noch verschiedene Zeitebenen miteinander vereinen – beispielsweise als Dwight sich auf die Suche nach Informationen begibt und zum sündhaften Engel eines bereits gefallenen solchen wird und dessen Erzählung lauscht ... ).

 

Auch interessant ist Millers Arbeit mit Denkblasen, die mir aufgrund ihrer übermäßig häufigen Anwendung erst in diesem Band bewusst ins Auge gefallen ist und eine weitere Ebene des Erzählens in den Geschichten aus Sin City etabliert. Was sonst direkt aus dem inneren Monolog der Hauptprotagonisten weitergegeben wurde und zu oftmals recht lyrischen Textpassagen geführt hat, ist nun erstmals auch so weit, dass Rand- und Nebenfiguren ihre Gedanken zu einem Gespräch der momentanen Hauptfiguren einer Szene an den Leser mittels Gedankenblasen weiterleiten. Wenngleich sich dies auch auf ein paar kurze, brummelige Sätze beschränkt, zeigt es doch gleichzeitig schon deutlich, dass Miller auch nach vier durchwegs gelungenen, bei Fans und Kritikern gut angekommenen Bänden immer noch nach Neuerungen und Verbesserungen oder einfach nur Spannungen sucht – und sie letztlich auch zielsicher findet, egal ob nun beim nach wie vor großartigen Artwork, der Erzählweise und dem Erzählrhythmus oder aber der eben angesprochenen Panelaufteilung samt der Bubbles und Textkästen.

 

Die Aufmachung des Cross-Cult-Hardcovers weiß auch bei diesem eher kompakten Abstecher nach Basin City zu gefallen, auch wenn ich bei der Kürze des Bandes ein paar der Gimmicks vermisse, mit denen wir beispielsweise im ersten oder zweiten Band noch so verwöhnt worden sind – und seien es auch nur ein paar Pin-Ups am Ende. Auch das Cover mit der verschleierten Miho muss ein wenig hinter den Titelbildern der bisherigen Bänden zurückstecken, und mit dem magentafarbenen Kasten werde ich auch nicht so richtig warm – da hat mir das blutige Rot oder das knallige Gelb der anderen Bände ehrlich gesagt besser gefallen. Letztlich sind das aber nur ein paar Kleinigkeiten, die dem stabilen Hardcover mit dem gewohnt sauberen Druckbild, dem stimmungsvollen Lettering und dem charismatisch duftenden Papier nicht den Schneid abkaufen oder mir als Sammler und Leser den Spaß verderben können.

 

Fazit: Miller experimentiert im Laufe von »Familienbande« immer wieder mit diversen Stilmitteln, versäumt es trotz aller Spielerei und Begeisterung für das Neue aber nicht, eine solide, sauber konstruierte Geschichte zu erzählen, die vor allem dadurch zu gefallen weiß und den Leser bei der Stange hält, dass sie erst am Ende mit dem letzten Puzzlestück vollendet wird und erst ganz zum Schluss Dwights und Mihos Mission – und somit letztlich auch dem Titel des fünften Bandes – einen tieferen Sinn gibt.

 

Alles in allem ist Sin City: »Familienbande« also ein sicherlich kleiner, unterm Strich aber dennoch wieder einmal sehr feiner Leckerbissen aus der Stadt der Sünde, der lediglich im direkten Vergleich mit seinen bisherigen Vorgängern ein klein wenig zurückstecken muss. Fans der Serie und Freunde innovativer Comickunst werden jedoch zweifellos wieder begeistert sein und sich auch an diesem etwas kürzeren Abstecher nach Basin City erfreuen können.

 

Keine Frage: Eine würdige Fortsetzung der Sin-City-Reihe in würdiger Verpackung.

 

Eure Meinung:

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Comic:

Familienbande

Reihe: Sin City Bd. 5

Autor: Frank Miller

Verlag: Cross Cult

Format: Hardcover

Sprache: Deutsch

ISBN-Code: 393648015X

Anzahl Seiten: 128

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 30.03.2006, zuletzt aktualisiert: 29.12.2017 14:03