Fremder in einer fremden Welt (Autor: Robert A. Heinlein)
 
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Fremder in einer fremden Welt von Robert A. Heinlein

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Das epochale Werk des vielleicht bedeutendsten SF-Autors aller Zeiten: Robert A. Heinleins Parabel vom Marsianer Valentine Michael Smith, der in die politischen und religiösen Wirren der Erde gerät, ist nur mit Meisterwerken wie „Schöne neue Welt“ und „Fahrenheit 451“ vergleichbar. Erstmals in der ungekürzten Originalfassung!

 

Rezension:

Es gab eine Zeit, da forderte ein Verlag von seinem Autor massive Kürzungen um den Umfang des Werkes an den Markterfordernissen anzupassen. Während man sich heute durchaus wünschen mag, derartige Forderungen gäbe es immer noch - mit der Hoffnung es würde den Werken gut tun, darf man sich wirklich fragen, ob es im Fall von Robert A. Heinleins Klassiker Fremder in einer fremden Welt nicht vielleicht ein Fehler war.

Dies kann man nun nachprüfen.

1991 präsentierte Heinleins Ehefrau Virginia Heinlein eine Textausgabe, die der entsprechen sollte, die Heinlein ursprünglich veröffentlichen wollte. In seinem Vorwort geht John Scalzi näher auf die Unterschiede der Fassungen ein und bescheinigt beiden eine eigene und doch gleichwertige Stellung. Heinlein kürzte 1961 den Stoff nicht nur, er bearbeitete ihn auch so, dass alle Kernelemente enthalten blieben.

So kann der geneigte Leser in der bereits 1996 bei Bastei auf Deutsch erschienenen ungekürzten Ausgabe selbst entscheiden, ob das Kürzerfassen Wichtiges vernichtete.

 

Valentine Michael Smith ist der einzige Überlebende einer Marsmission. Dabei wurde er erst auf dem Mars geboren und von Marsbewohnern nach dem Tod der Missionsmitglieder aufgezogen. Als er zur Erde zurückgebracht wird, ist er nicht nur durch und durch Marsianer, sondern auch Erbe eines gewaltigen Vermögens auf der Erde und durch juristische Winkelzüge der Besitzer des Mars. Kein Wunder, dass die Weltregierung den Alien zunächst unter Verschluss hält. Doch dank eines Reporters und seiner Freundin, die Krankenschwester in dem Hospital ist, in dem auch Smith aufbewahrt wird, entkommt der Marsianer.

Mithilfe des brummigen Millionärs und Tausendsassas Jubal Harshaw lernt Michael nicht nur die Erde und die Menschen besser verstehen, er beginnt auch, ihnen die Kultur des Mars näher zu bringen. Dabei stürzen einige Weltbilder und Moralvorstellungen in sich zusammen.

 

"Stranger in a strange Land" ist ein Klassiker, dessen Wirkung tief in der amerikanischen Kultur und dadurch auch in der Weltgeschichte nachzuspüren ist. Als Hippy-Bibel oder Vorlage für die Morde der Charles Manson Gruppe wurde das Buch bezeichnet und tatsächlich sind sehr viele Aspekte des Buches in beiden Ereignissen anzutreffen.

Die Art und Weise, in der Smith und seine Wasserbrüder durch freie Liebe zusammenwachsen ähnelt frappierend der sexuellen Revolution, die im Summer of Love durch die westliche Welt schwirrte. Auch das Aufbrechen religiöser Normen, die das Zusammenleben der Geschlechter neu definierte, ist ein, wenn nicht sogar das Kernthema des Buches. Heinlein spielt mit den Konventionen und lässt sie nach und nach den Bach runtergehen. Wenn sich die Menschen, die zunächst nur eine rein humanistische Rettungsaktion durchführen, von allen herkömmlichen Werten befreien, schafft Heinlein eine ganz eigene Evolution. Werft die Kleider weg, liebt euch, verbrennt das Geld und allen Besitz bis hin zum "Feiert den Tod", verbrüdert euch mit den Pflanzen und Tieren, ja der ganzen Welt. Ihr seid Gott.

Der philosophische Diskussionsgehalt ist deshalb auch enorm. Zum Glück ist Heinlein ein passionierter Dialogschreiber, sodass jede Lehre und Idee als pointiertes Feuerwerk auf uns niederprasselt und nur hin wieder den Umweg über langatmige Monologe geht. Sicher sind einige der skandalösen Vorstellungen heute nicht halb so aufregend, aber gerade in den USA spielt christlicher Fanatismus immer noch eine große Rolle, wie man an Bücherverbrennungen und Darwinhetze sehen kann. So gibt es immer noch genau jene Counties, für die Valentine Michael Smith in Heinleins Buch den Messias spielt, damit sie ihre eigene Stasis erkennen.

Heinleins Buch ist mitnichten atheistisch. Im Gegenteil. Hinter der einfachen Marsianer-Geschichte lugt immer wieder die göttliche Meta-Ebene hervor, in der Engel ihre Arbeit tun und ein ganzes Universum am Laufen zu halten haben. Diese Zwischensequenzen ebenso, wie die recht schrägen Beschäftigungen der Älteren auf dem Mars ironisieren die menschliche Bedeutung und ihre verwirrtes Treiben; eine Bereicherung für die eher spirituelle Seite des Buches.

Aus heutiger Sicht mag auch der Sex bei Heinlein wie der Blick ins Geschichtsbuch wirken, aber wenn man sich bewusst wird, wie alternativ er zu seiner Zeit war und auch, wie modern er etwa auf heutige Leute wirkt, die ihre Unschuld erst in der Ehe verlieren möchten, erklärt sich die Bedeutung und Magie von "Fremder in einer fremden Welt", die über die 60er Jahre hinausstrahlen.

Es ist kein Buch über Aliens und Raumschiffe. Sicher, Heinlein beschreibt eine utopische Welt mit diversen SF-Ideen und Bestandteilen, in erster Linie aber geht es ihm um die ethische Weiterentwicklung des Menschen.

 

Fazit:

Vielleicht liegt der besondere Reiz der Langfassung in der größeren Ausführlichkeit, mit der Heinlein die ethischen und besonders die religiösen Gefängnisse seiner Zeit aufbricht ohne den rundweg spannenden Stoff der zu erzählenden Geschichte auf dem Altar der Philosophie zu opfern. Denn auch diese deutlich längere Fassung ist ein grandioses Buch und zu Recht in der Heyne-Sammlung Meisterwerke der Science Fiction wieder erschienen.

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Buch:

Fremder in einer fremden Welt

Original: Stranger in a strange Land, 1961/1991

Autor: Robert A. Heinlein

Übersetzer: Rosemarie Hundertmarck, Rainer Schumacher und Ulrich Thiele

Reihe: Heyne Meisterwerke der Science Fiction

überarbeitete Neuausgabe

Vorwort: John Scalzi

Taschenbuch, 6562Seiten

Heyne, 6. Juli 2009

 

ISBN-10: 3453525485

ISBN-13: 978-3453525481

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 24.10.2009, zuletzt aktualisiert: 31.01.2023 19:37