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Für Fenaara

Autor: Dirk Wonhöfer

 

Warm rutschten die Kiesel unter Jalins nackten Füßen, während er den Steinbruch hinauf kletterte. Seine Schritte trugen ihn zwar nach oben, doch immer wieder glitt er ab, fand keinen Halt im Geröll und schlitterte auf den Grund des Hügels zu. Der dickliche, abgelagerte Geruch der Steine trocknete seine Lungen aus, und erschöpft ließ er sich hinab sinken und versuchte, einen besseren Weg nach oben zu finden. Die Morgensonne brannte unnachgiebig vom wolkenlosen Himmel, schien seine Anstrengungen zu verspotten. Sein Blick streifte den nahen Wald, in dem sich - gut verborgen - die hölzernen Wände des Forts zwischen die Bäume schmiegten, aus dem er entflohen war. Er hoffte inbrünstig, dass seine Flucht noch nicht bemerkt worden war.

Als er fühlte, dass seine Lider schwerer wurden, versuchte er, sich aufzuraffen. Erschöpft fiel er wieder nach hinten und spürte den Blutverlust wie ein gefährliches Tier, das sich täuschend langsam und vorsichtig heran pirscht.

Er umklammerte seinen linken Arm und schickte mit der Berührung sofort eine Welle des Schmerzes durch seinen Körper. Die Ereignisse der letzten Stunden tauchten vor seinem geistigen Auge auf ...

Mit größter Vorsicht war er über die Palisaden des Forts geklettert, doch die Schutzmechanismen, von denen die Gefangenen zurück gehalten werden sollten, waren so schlau konstruiert, dass er sie nicht gesehen hatte, bis es zu spät war. Sein Arm baumelte gebrochen an seiner Seite, und sein Rücken war mit unzähligen tiefen Messerschnitten bedeckt. Die Steine, auf denen er lag, färbten sich bereits rötlich, das Pochen in seinen Ohren wurde ohrenbetäubend laut und durchdringend.

Fenaara... sein unsteter Blick schweifte zu ihrem fein geschnittenen Antlitz, ihrer Wärme und Liebe ...

Ihre Finger auf seiner kalten Haut, ihr süßlicher Atem in seinem Gesicht. Die letzte Nacht, die sie hatten, war so schnell vergangen, als hätte jemand in Windeseile die Welt gedreht, bis die Sonne wieder hinter den Baumkronen hervor kroch. Besorgt blickte die junge Jägerin ihn an, strich über seinen dürren Körper und seine zerzausten Haare. Ihre weiche Haut rieb an der seinen, vertraut, lieblich. Sie sagte, sie würde es hier nicht länger aushalten, wenn er bei seinem Fluchtversuch getötet würde. Sagte, sie würde sich umbringen ...

Deshalb hatte er sich geschworen, zu überleben. Für Fenaara.

Sie wusste, dass er hier zum Tode verurteilt gewesen wäre und keine zwei Wochen mehr unter dem Joch der Djerka überlebt hätte. Er versprach ihr, Hilfe zu holen, sobald er in Freiheit wäre, und sie und alle anderen zu retten.

Und doch fragte er sich insgeheim, woher er diese Hilfe nehmen würde, selbst wenn die Flucht gelang ...

Jalin schluckte und drehte sich auf die Seite, wobei ein paar spitze Steine sich in sein Fleisch bohrten. Die Schmerzen machten ihn wieder wach. Gequält sah er zur Kuppe des Hügels, die er überwinden musste. Dahinter war Freiheit. Jedenfalls mehr Freiheit, als ihn hier im Steinbruch erwartete.

Er durfte nicht sterben, denn sonst riss er Fenaara mit in den Tod. Ihre Worte entsprachen der Wahrheit, daran zweifelte er keinen Augenblick. Sie würde sich umbringen, wenn man ihn tötete. Er durfte nicht sterben! Mühsam kämpfte er sich weiter, immer der Hügelkuppe entgegen, die so unerreichbar fern zu sein schien wie ein Erwachen aus diesem Albtraum.

Plötzlich wurde die stehende Luft von einem lauten Knall durchzuckt, einem Geräusch, das Jalin nur zu gut kennen gelernt hatte. Einige Vögel stieben aus den Bäumen nahe des Forts auf und flogen hastig davon. Peitschenhiebe! Fünfmal durchzogen sie die Stille und hinterließen Striemen aus schlechter Erinnerung. Menschen schrien peinerfüllt auf. Menschen, die mit Jalin in der kleinen Hütte gelebt hatten, in der sie seit den sechs Monaten seit ihrer Gefangennahme ihr Dasein fristeten.

Jetzt wissen sie, dass ich geflohen bin, dachte Jalin ernüchtert. Mit einer Bestrafung seiner Freunde hatte er nicht gerechnet. Wieso schlug man diejenigen, die gar nichts mit seiner Flucht zu tun hatten?

Hellwach nun, krabbelte er angestrengt weiter, bis eine innere Stimme ihn dazu überredete, abzuwarten und zu lauschen. Schreie lagen leise und drohend in der Luft. Als er seinen Namen in ihnen erkannte, verharrte er angsterfüllt. Die donnernden Rufe stammten aus den Kehlen der Echsenkrieger, der Djerka, die das Fort mit brutaler Gewalt regierten.

Sie riefen nach ihm, doch er konnte lediglich die Worte sterben, Freunde und zurück heraus hören. Wieder erklangen die schmerzerfüllten Schreie der anderen Gefangenen, hallten über den Wald und verloren sich in den Weiten des Tals.

Wenn er nun umkehrte, würde er alle Strapazen zunichte machen, die er bis jetzt auf sich genommen hatte. Aber er konnte seine Freunde auch nicht für etwas leiden lassen, für das er die Verantwortung trug. Lieber ergab er sich seinem Schicksal und stellte sich den Echsen. Seine Hoffnung war sowieso schon lange tot.

Jalin blickte zum Himmel, fluchte und machte sich an den Abstieg. Er ließ sich bäuchlings auf den heißen Steinen herunter rutschen, um seinen Rücken zu schonen. Doch jeder größere Kiesel, der gegen seinen Arm schlug, entlockte ihm ein unterdrücktes Stöhnen. Am Fuße des Steinbruchs schleppte er sich in den kühlenden Schatten des Waldes, lehnte sich gegen einen Stamm und verschnaufte. In kurzer Entfernung schimmerten die braunen Palisaden des Forts durch das Dickicht. Immer wieder erklangen Peitschenhiebe, bis ein anderes Geräusch sein Herz zum Stocken brachte: Das Surren mehrerer Armbrustbolzen, das pfeifend die Luft zerschnitt, gefolgt vom harten Klang zersplitternder Knochen. Jemand brüllte etwas, dann folgten wieder die Peitschen.

Ich darf nicht sterben! Für Fenaara! Er zitterte, wischte sich geronnenes Blut von den Mundwinkeln ...

Salzige Tränen auf seiner Haut, ihre sanfte Stimme, ihr volles Haar... ein Abdruck ihrer zärtlichen Liebkosungen an seinem Arm, rote Flecken, wo sie ihn küsste und an ihm saugte. Das wässrige Schimmern in ihren Augen, er wischte es fort, legte seinen Finger auf ihre Lippen, flüsterte beruhigende Worte. Ihr schnell schlagendes Herz an seiner Brust, ihre Angst, ihn zu verlieren, seine Angst, auf der Flucht zu sterben... alles vereinigt in einem einzigen brennenden Kuss, dem letzten Kuss, den er von ihr bekam, bevor er davon rannte ...

Er presste die Hand an seinen Arm, bis der Schmerz ihn zu überwältigen drohte. Mit verzerrtem Gesicht ging er weiter, beseelt von dem Willen, nicht zu sterben. Für Fenaara.

An einem Baum, der seine Äste nur wenige Schritt vom Fort entfernt herab hängen ließ, zog Jalin sich nach oben. Er wusste um die Gefahr, in der er schwebte. Hier oben war er den Blicken der Fortbewohner ausgesetzt. Noch dazu besaß er nur noch einen Arm, mit dem er sich im Geäst fest halten konnte. Der andere war so unbrauchbar wie ein stumpfes Messer.

Eine schweißtreibende Kletterei später blickte er hinab zum großen Hof des Forts, auf dem alle Gefangenen in kleinen Gruppen wie Vieh zusammen getrieben standen. So aufgereiht, wie sie auch in ihren Hütten lebten und im Steinbruch zusammen arbeiteten, jeweils zu sechst, ausgemergelt und geschunden. Von seiner ehemaligen Gruppe sah Jalin allerdings nur vier Personen, nicht fünf. Begei, Tartrin, Tiola und Fenaara. Wo war Sarin, der Serabi? Als er in die andere Ecke des Hofes blickte, entdeckte er ihn. Zusammengesunken lehnte Sarin an der Wand, durchlöchert von fünf dicken Armbrustbolzen, die aus seinem Körper ragten und seinen toten Leib an die Holzpfähle nagelten. Jeder der fünf Aufseher hatte auf ihn geschossen. Vorher war er anscheinend ausgepeitscht worden.

Jalin schüttelte den Kopf. Als ein Mensch wurde man hier behandelt wie der letzte Abschaum, doch die wenigen gefangenen Serabi hatten es noch um einiges schwerer. Es schien, als hätten die Schattenwesen den Zorn der Welt auf sich gezogen. Oder, was schon mehr als ausreichend war, den Zorn der Djerka.

Mit zu Fäusten verkrampften Händen biss sich Jalin auf die Unterlippe, bis er Blut schmeckte. Wuterfüllt betrachtete er die Echsenwesen, die mit ihren Schusswaffen und Äxten durch die Reihen der Gefangenen liefen. Diese verdammten Reptilien! Als die Djerka vor etwa einem Jahr ins Königreich Armenia eingefallen waren, dachte man, sie würden leicht zurück zu treiben sein. Doch die Horden der Finsternis schwappten nur wenig später wie eine Flutwelle über das Land und löschten fast jegliches Leben aus. Diejenigen, die von den Djerka gefangen genommen und versklavt wurden, konnten sich beinahe glücklich schätzen. Die Echsen waren lediglich die Vorboten eines viel größeren, dunkleren Sturmes gewesen, der nur wenig später wie aus dem Nichts kam, wütete und verwüstete. Bei den Djerka blieb man wenigstens am Leben, jedenfalls so lange, wie man im Stande war, zu arbeiten. Wer den anderen Kreaturen zum Opfer fiel, wünschte sich meist nichts sehnlicher als einen schnellen, schmerzfreien Tod.

"Sklave!" Die Stimme eines Aufsehers hallte durch den Wald. Jalin beobachtete den Djerko, der seine doppelschneidige Axt in den Händen hielt und vor den vier Gefangenen von Jalins Gruppe, die noch lebindig waren, wartete. "Du trägst bereits jetzt die Schuld am Tod von einem der deinen! Komm heraus, oder es werden weitere aus deiner Brut sterben, bis keiner mehr übrig ist! Sobald du dich zeigst, wird niemandem mehr ein Leid geschehen!"

Um seine Drohung wahr zu machen, holte die Echse mit ihrer Axt aus und hackte damit auf Tiola ein, die schon nach dem ersten Schlag tot zusammenbrach. Anschließend blickte der Djerko sich im Fort um und suchte nach Anzeichen des Geflohenen.

Nein! Jalin schloss die Augen. Mit einem Mal war alles verdreht. Was hier geschah, war so völlig falsch! Er musste doch nur auf sich selbst aufpassen, nicht auf die anderen! Fenaara wollte sich das Leben nehmen, wenn er auf seiner Flucht starb. Jetzt würde sie sterben, wenn er überlebte! Wieso hatte sich alles ins Umgekehrte gewandelt?

Ein seltsames Gefühl schlang sich um sein Herz, eisig kalt und doch feurig und begierig. Lechzend nach dem Tod derer, die für all das verantwortlich waren. Mit vor Zorn entflammten Augen kletterte er vom Baum herab, ließ sich fallen, als er noch einige Fuß über dem Boden baumelte.

Der Waldboden empfing ihn hart. Seine Beine schmerzten, doch das neue Gefühl, das in ihm geweckt worden war, drängte die Qualen zurück, in die hinterste Ecke seines Verstandes. Dorthin, wo sie keinen Schaden anrichten konnten. Er blickte sich um und fand bald, wonach er suchte: Ein paar Rankengewächse, die von den verwilderten Bäumen hingen und so stabil wie ein gutes Seil waren. Schnell hatte er ein paar von ihnen zusammen getragen und an den Enden verknüpft, wobei er sogar seine linke Hand gebrauchte und den Schmerz einfach ignorierte.

Das auf diese Weise entstandene Seil über die Schulter geworfen, erklomm er erneut einen Baum, der nah genug am Fort stand, um sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Die Ranken scheuerten seine Haut wund, doch er spürte es nicht einmal. Im obersten, dünnen Geäst angekommen, schlang er das Seil um eine hervor stechende Astgabel und prüfte, ob die Konstruktion halten würde. Mit einem grimmigen Nicken bestätigte er sich selbst, ließ das Ende des Seils fallen und stieg ebenfalls nach unten.

Das Fort war zwar so gebaut, dass die Äste der Bäume nicht über die Palisaden reichten und man über sie hätte fliehen können, doch niemand rechnete damit, dass jemand einbrechen wollte. Jalin versicherte sich, dass alle Blicke auf ihn durch den immer unbesetzten Wachturm an der Südseite verhindert wurden und fasste das Seil mit seiner gesunden Hand. Er nahm ein wenig Anlauf von einem größeren Ast und schwang sich dem Fort entgegen. Fast schaffte er es, über die Brüstung zu schaukeln, doch das Risiko, auf den zugespitzten Pfählen zu landen und elendig zu verenden, war zu hoch. Mit strampelnden Füßen pendelte er wieder in den Baum zurück, wurde auf der entgegen gesetzten Seite vom Schwung nach oben getragen, rauschte wieder zurück und stieß sich im Vorbeifliegen mit den Füßen vom Baumstamm ab. Sein Gefühl sagte ihm, dass er die Pfähle überwunden hatte, und so ließ er das Seil los und stürzte hinter die Absperrung des Forts. Er rollte sich ab und belastete dabei den gebrochenen Arm, was mehrere nicht enden wollende Schmerzwellen durch seinen Körper schickte.

Fenaara, war der einzige Gedanke, an den er sich klammerte, während die Welt in Pein explodierte. Immmer wieder wisperte er stumm ihren Namen, bis die roten Schatten verschwanden und er wieder sehen konnte.

Keuchend blickte er sich um.

Er war in einem Bereich gelandet, zu dem ausschließlich die Djerka Zugang hatten. Nur über den Wachturm gelangte man auf diese Plattform. Den Beobachtungen nach, die Jalin monatelang angestellt hatte, lagerten in den Türmen die Vorräte und Waffen der Echsen.

Der Wachturm, den man vor vielen Jahren an dieser Seite errichtet hatte, war heutzutage so gut wie sinnlos, da der Wald die Sicht versperrte. Es wäre mehr als unwahrscheinlich, wenn sich ein Djerko hierher verirrt hätte. Die restlichen Wachtürme boten einen viel besseren Ausblick über das kleine Tal, lediglich der Steinbruch war durch das Wäldchen geschützt. Jalin erkannte die günstige Gelegenheit und schlich in den Turm, der tatsächlich ein kleines Sammelsurium an Waffen bereit hielt. Mit gequälten Augen schulterte er einen Bogen, entsann sich seines gebrochenen Armes und legte ihn wieder ab. Die vier Armbrüste, die hier lagen, würden ihm bessere Dienste erweisen. Seine Finger strichen ehrfürchtig über den Stahl eines Langschwertes, als von draußen wieder Schreie ertönten. Er spähte aus einem Guckloch in der Holzwand zum Hof, auf dem der Djerka nach ihm rief.

Jalin zuckte erschrocken zusammen, als die Echse sich plötzlich Fenaara schnappte und die Klauen um ihren Hals legte. Ein erstickter Schrei entrang sich seiner Kehle, glücklicherweise nicht laut genug, ihn zu verraten. Sofort sprang er auf und wollte nach unten hasten, als er Begeis Stimme vernahm. Sein Jagdgefährte forderte in hoffnungsloser Verzweiflung die Echse zu einem ehrenhaften Zweikampf auf Leben und Tod heraus. Jalin beugte sich erneut zum Guckloch und sah mit Erleichterung, wie der Djerko von Fenaara abließ und sich Begei zu wandte.

Sie führten ein kurzes Gespräch, das zu leise war, um vom Wachturm aus etwas zu vernehmen. Nach dem Wortwechsel reichte die Echse dem Menschen tatsächlich eine Waffe, ein Messer, das in Begeis Händen wie ein Schwert wirkte. Ein höhnisches Lachen erklang aus dem Rachen des Reptils, das sich seiner Überlegenheit voll bewusst war. Die Sonne war selbst jetzt, so früh am Morgen, bereits glühend heiß, und ließ den kaltblütigen Körper des Djerka zu einer blitzschnellen Kampfmaschine werden. Begei ging zitternd auf Distanz, während zwei andere Echsen dafür sorgten, dass die Kontrahenten genügend Platz hatten. Jalin beobachtete, wie sein Freund auf den Djerko zusprang, der dem Angriff ohne Mühe auswich und nun seinerseits mit seiner Axt zuschlug. Der Hieb zerschmetterte eines der Beine des Menschen. Mit dem nächsten Schlag, den die Echse führte, splitterten auch die Knochen von Begeis Brustkorb, worauf hin er, von einer Ohnmacht erlöst, zurück sackte. Verächtlich zertrümmerte der Djerko den Kopf seines Gegners und sah sich siegessicher im Gefangenenlager um.

"Dies war der dritte, Sklave Jalin!" schrie er und reckte seine Axt gen Himmel. "Ich beweise dir, wie gnädig ich bin, und verschone die beiden anderen, wenn du nun aus deinem Versteck hervor kriechst."

Jalin wandte sich ab und machte sich daran, die Waffen zu sortieren, die er für die Rettung Fenaaras benötigte. Er ging präzise vor, obwohl er wusste, dass fieberhafte Eile geboten war. Seine Brust fühlte sich an, als hätte sich dort, wo sein Herz einst saß, eine schwarze Masse aus Hass breit gemacht, die ihn antrieb und ihm Kraft gab. Mit Hilfe seiner Füße spannte er die vier Armbrüste und legte sie griffbereit zur Seite. Einen kurzen Moment lang war er bewegt, eine der Djerka-Rüstungen anzuprobieren, doch letzten Endes verwarf er den Gedanken. Die Kettenhemden und Metallschalen würden ihn eher zu Boden ziehen, als eine Hilfe zu sein.

Er testete das Gewicht einiger Schwerter in der rechten Hand aus, bis er zwei passende gefunden hatte und sich eines davon um den Rücken schnallte, während er das andere neben dem Treppenaufgang, der in die Turmstube führte, positionierte. Nachdenklich schob er mehrere Wurfmesser in seinen Gürtel und nahm schließlich noch eine Lanze aus ihrer Halterung an der Wand.

Nun war der Moment gekommen, für Fenaara zu kämpfen.

Gerade wollte er eine der geschlossenen Sichtklappen des Turms nach oben schieben, um zum Hof hinab blicken zu können, als ihn Übelkeit erfasste und in die Knie zwang. Er hustete und spuckte Blut, rollte sich auf dem Boden zusammen und ergab sich dem Schwindelgefühl, das ihn überkam.

Seine Gedanken schwirrten ...

Fenaara. Ihre Augen so mild, ihr Lidschlag so zerbrechlich ... wie sie ihn anblickte, während ihre Lippen sich tonlos bewegten, tausend Worte, niemals gesprochen. Das Flehen in ihrem Antlitz, der Wunsch, ihn wieder lebendig in ihren Armen halten zu können, irgendwann. Ihre Nähe, als sie sich über ihn beugte, der kalte Hauch ihres Atems, kurz bevor ihre süßen Lippen ihn berührten. Jetzt gäbe er seine Zunge für einen Kuss von ihr, würde sein Augenlicht verkaufen, um sie noch einmal so zu sehen, wie er es in dieser einen Nacht tat ...

Das Gebrüll des Djerka ließ Jalin erwachen. Er lag noch immer zusammen gekrümmt auf dem blutigen Holzboden, doch neue Kraft flutete durch seine Arme und Beine. Er raffte sich auf, starrte auf die Waffen.

Für Fenaara.

Mit einem Ruck zog er die Holzklappe auf, blickte auf den Hof hinunter. Die Echse war gerade dabei, Tartrin brutal zu richten, während Fenaara wie erstarrt daneben stand. Jalin griff nach der ersten Armbrust, richtete sie auf den Djerko. Dieser versetzte dem nun bereits toten Leib Tartrins einen Tritt und beschwor Jalin neuerlich, hervor zu kommen, wenn er nicht wolle, dass auch der Letzte seiner Gruppe starb.

Hass wallte im zerschundenen Leib des Menschen auf, der vom Turm aus alles beobachtete. Kaltherzig kniff er die Augen zusammen und zielte auf den Kopf der Echse, die sich Fenaara zuwandte. Ein kurzes Pfeifen ertönte, dann fiel das geschuppte Geschöpf zur Seite. Der Bolzen der Armbrust ragte aus seinem Schädel, doch Jalin verschwendete keine Zeit damit, sich zu seinem Erfolg zu gratulieren. Schon richtete er die nächste Schusswaffe aus, solange die allgemeine Verwirrung andauerte. Der zweite Djerko taumelte, als plötzlich ein Geschoss in seine Brust eindrang.

Blieben noch drei Stück übrig, die nun erkannt hatten, von wo der Angriff ausging. Flink huschte der eine über den Innenhof, während die anderen zwei aus den vorderen Wachtürmen stiegen und ebenfalls auf das Versteck des Menschen zurannten.

Jalin warf die zweite Armbrust fort, nahm die dritte und ließ den Bolzen auf die laufende Gestalt der Echse zurasen. Doch der Schuss ging ins Leere, blieb im sandigen Untergrund des Hofes stecken. Knurrend schnellte Jalins Hand zur vierten Schußwaffe und legte noch einmal auf den Djerko an, der fast beim Turm angelangt war. Er besann sich eines Besseren, wählte er ein neues Ziel und wartete, bis er eine der anderen zwei Echsen perfekt anpeilen konnte. Sein Finger legte sich um den Abzug, und mit Genugtuung beobachtete er, wie das Reptil im Laufen zusammen brach und über den Boden schlitterte. Nur der lange Schwanz des Wesens zuckte noch, das Gehirn war vom Bolzen zermalmt worden.

Von unten vernahm Jalin das metallene Klacken eines Schlüssels, der im Schloß gedreht wurde. Die Lanze aufnehmend kauerte er sich vor die Einstiegsluke, zu der lediglich eine Leiter herauf führte, bis der brüllende Kopf der Echse darin erschien. Ruckartig stieß er die Waffe vor und spürte den festen Widerstand, als sich die Spitze durch die schuppige Haut bohrte. Der Djerko quiekte vor Angst und Schmerz, als er zurück nach unten fliehen wollte und merkte, dass die Lanze, die in seinem Hals steckte, dies nicht zuließ. Jalin trat vor, zog das Schwert, das er bei der Luke platziert hatte, und trennte den Kopf vom Rumpf des Geschöpfs.

Er zog sich in die Sicherheit des Raumes zurück, um sich für den Kampf mit dem letzten Djerko zu rüsten. Erst jetzt wurde er sich des Tumults gewahr, der offensichtlich auf dem Hof tobte. Schreie und lautes Fußgetrampel waren zu hören.

Die anderen Gefangenen! schoß es Jalin durch den Kopf. Er rannte zur Sichtluke und blickte nach unten. Die fünfte Echse hatte den Turm nicht einmal erreicht. Sie wehrte sich mit Händen und Füßen gegen eine Menschenmenge, die sich nun für all das rächte, was ihnen im Laufe der letzten Monate angetan worden war. So lange hatten diese armen Seelen unter dem Joch der Djerka gelitten, dass sie sich jetzt, wo die Echsen in der Unterzahl waren, gewaltsam an ihnen rächten.

Jalin hastete nach unten, und als er ankam, lag der Leib des Reptils längst am Boden, während Fäuste weiter auf die Kreatur eintrommelten. Einer der Gefangenen entwendete sogar ein Schwert von der Rüstung des Echsenkriegers und hackte damit auf ihn ein. Von überall her wurden Jubelrufe laut, als der aufgebrachte Mob erkannte, dass er die Knechtschaft abgeworfen hatte.

Nur Jalin fiel nicht in das Kreischen ein und versuchte, sich einen Weg durch all die Menschen zu bahnen, die nun auf den Ausgang des Forts zu stürmten. Immer wieder wurde er von den Seiten her angerempelt, bis er strauchelte und fast zu Boden stürzte, sein Gleichgewicht jedoch schnell wieder fand. Nur noch ein Gedanke trieb ihn vorwärts, ein Gesicht, das er in der Menge suchte.

"Fenaara!" gellte sein Schrei durch das restliche Gebrüll, doch er erhielt keine Antwort. Ein plötzliches Hindernis warf ihn von den Füßen und schleuderte ihn in den sandigen Grund, wo er benommen liegen blieb. Als seine Augen wieder sehen konnten, erkannte er, worüber er gefallen war.

Der Leib Fenaaras lag verkrümmt im Staub, zu Tode getrampelt von den Füßen des Mobs.

Ihr Blick war in die Ferne gerichtet, ihr Antlitz ausdruckslos. Jalin spürte, wie ein Weinkrampf sich seiner bemächtigte, und er streckte seine Hand, um Fenaara zu berühren. Bevor er sie erreichte, wurde sein Körper von mehreren Fußtritten zur Seite geworfen. Ein Knöchel zertrümmerte seinen Kiefer, ein weiterer fallender Leib landete hart auf ihm und drückte ihm die Luft aus den Lungen. Er warf noch einen verzweifelten Blick in Fenaaras Richtung, doch er entdeckte sie nicht mehr. Die prasselnden Tritte hörten nicht auf, und einen Augenblick später wurde die Welt um Jalin schwarz.

 

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Die Charaktere dieser Geschichte, sowie alle Handlungen sind geistiges Eigentum des Autors. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten oder Handlungen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Der Autor verfolgt kein kommerzielles Interesse an der Veröffentlichung dieser Geschichte.

Freigabe zur Weiterveröffentlichung besteht, soweit vom Autor nicht anders angegeben nur für "FantasyGuide.de". Für alle weiteren Veröffentlichungen ist die schriftliche Zusage des Autors erforderlich.

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Erstellt: 27.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58