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Haus der bösen Lust von Edward Lee

Rezension von Torsten Scheib

 

»Ein Künstler, der nicht provoziert, wird unsichtbar. Kunst, die keine starken Reaktionen auslöst, hat keinen Wert.«

 

Zwar stammt dieses Zitat von Schockrocker Marylin Manson, hätte aber ebenso gut dem Munde Edward Lees entsprungen sein können. Moment mal, Edward Lee? Wer, bitteschön, soll dass sein? Muss man den kennen? Nun, wer seinen Horror etwas, nun ja, schärfer präferiert, der sollte sich durchaus mit seinen Arbeiten auseinandersetzen – sofern er es nicht längst getan hat.

Seit Anfang der 80er Jahre hat sich Lee den Ruf als einer der härtesten, ekligsten und demzufolge auch berüchtigtsten Horror-Autoren erarbeitet – und steht dazu. Wenn also ein Verlag wie Festa, der mit den härteren und extremeren Spielarten des Genres bestens vertraut ist, auf dem Buchrücken eine Warnung ausschreibt, so hat dies durchaus einen sehr guten Grund und dient nicht als pures Lockmittel. Wobei man keinesfalls a) Lees literarisches Talent unterschätzen sollte und b) schon gar nicht den Härtegrad innerhalb seiner Werke. Sein Beitrag Madenmädchen im Gefängnis der toten Frauen aus der tollen Kannibalen-Anthologie (ebenfalls Festa) hat’s vorgemacht.

Ebenso wenig provoziert er um der reinen Provokation Willen. Wie auch bei seinem Mentor Richard Laymon steckt hinter der Härte auch eine ordentliche Prise deftiger, schwarzer Humor – und das klare Verlangen, sich von der weichgespülten, vorhersehbaren Konkurrenz abzuheben.

Haus der bösen Lust entführt den Leser in den südlichen Teil der Vereinigten Staaten, nach Tennessee – dem Staat der Freiwilligen. Zwecks Recherche für sein Buch ist der, von privatem und beruflichem Pech verfolgte TV-Bierfürst Justin Collier zu einer kleinen Ortschaft namens Gast unterwegs, die weniger für ihren Whiskey bekannt ist, die lokale Brauerei allerdings sagenhaft guten Gerstensaft fabrizieren soll. Kaum in der Pension namens Branch Landing Inn angekommen, findet sich Collier zwischen den Zeiten wieder; umgeben von geschichtsträchtigen Gebäuden und Artefakten aus der Bürgerkriegszeit und der Gegenwart. Rasch begreift Collier, wie wichtig die Bedeutung der eigenen Historie für die Bevölkerung von Gast sein muss, wenngleich aus gänzlich anderen Gründen wie Stolz. Schlimme Dinge müssen sich hier abgespielt haben; menschenverachtend und von unglaublichen Dimensionen.

Das ausgerechnet der Gründungsvater des Ortes, Harwood Gast, der Auslöser für diese Akte darstellt, macht das Ganze noch schlimmer. Zudem ausgerechnet die Pension der netten Mrs. Butler der einstige Sitz des früheren Eisenbahn-Moguls ist! Doch da ist noch mehr. Denn auf einmal dreht Colliers Libido völlig durch; übt die grauhaarige Pensionsbesitzerin eine genau so starke sexuelle Anziehung auf ihn aus wie deren stumme Tochter Lottie. Mag es an seinem nicht existenten Sex-Leben liegen? Oder sind doch andere, dunklere Kräfte am Werk? Seltsame, unheimliche Erscheinungen und Gestalten mehren sich ebenso wie widerliche Gerüche und eine immer stärker werdende Bestätigung, dass das nette Landvolk von Gast scheinbar nur oberflächlich willkommen und herzensgut agiert, während in Wahrheit etwas gänzlich anderes unter deren Oberfläche schlummert. Ein grausames Geheimnis, das unmittelbar auf Harwood Gast und den Staat der Freiwilligen zurückführt – und Justin Collier zu verschlingen droht …

 

Wie zuvor schon angedeutet – oder klingt gewarnt besser? – macht Edward Lee keine Gefangenen. So auch hier nicht. »Haus der bösen Lust« startet fulminant blutig; ein hässlicher, fieser Paukenschlag von einem Beginn, der umgehend die (Leser-)Spreu vom Weizen trennt. Jetzt dürfte klar sein, welchen Zweck die Warnung zu erfüllen hat …

Im Verlauf seines Romans wechselt Lee zudem die Zeitebenen, springt er zwischen der pechschwarzen Vergangenheit und Justin Colliers Gegenwart vor und zurück, ehe diese im Finale gekonnt miteinander verschmelzen. Beide Ebenen könnten allerdings nicht unterschiedlicher sein. So dominieren in Harwood Gasts Chronik dunkle Mächte, krankhafte Eifersucht und menschenverachtende Gewaltakte, wohingegen die Passagen des sehr glaubwürdig dargestellten Justin Collier gewissermaßen zunächst das vollkommene Gegenstück darstellen.

Collier wirkt in derselben Weise natürlich wie ungemein sympathisch und wächst dem geneigten Leser demzufolge auch rasch ans Herz. Auch sein Interesse an einer jungen, attraktiven und schlagfertigen Braumeisterin wirkt zu keiner Stelle aufgesetzt oder klischeehaft, sondern lebensnah. Ein weiteres Gegenstück, für das selbst hartgesottene Leser dankbar sein sollten. Denn wenn Lee in seinem Roman loslegt, dann mit Schmackes. Selbstzensur gilt nicht. Weder bei den klaren sexuellen Offenheiten noch bei den abartigen Gräueltaten, die im Übrigen nicht nur von Gast ausgeübt werden. Mitunter geht der Zeigefinger, wenngleich nie in altkluger Manier, auch mal gen die eigenen Landsleute; beweist Lee, dass auch an der Flagge seiner Heimatnation reichlich Blut klebt – der vielleicht stärkste und bemerkenswerteste Aspekt.

Allerdings dienen besagte Merkmale zu praktisch keinem Augenblick ausschließlich der reinen Effekthascherei, was vornehmlich Lees meisterhaftem Schreibstil zu verdanken ist. Neben der ungemein flüssigen Prosa besitzt »Haus der bösen Lust« stets das richtige Tempo, werden selbst die vermeintlich langatmigen Passagen niemals uninteressant. Einzig im Finale stolpert Lee ein bisschen über seine eigenen Ziele, hätte ein klarer abgestecktes Ende den trotzdem brillanten Höllentrip noch einen Tick besser gemacht – wenngleich wir hier von Jammern auf sehr hohem Niveau sprechen.

 

Fazit:

Ein geiler Reißer – buchstäblich! Mit »Haus der bösen Lust« präsentiert der Festa-Verlag einen weiteren Höhepunkt der aktuellen Saison und zugleich einen der härtesten, tabulosesten und konsequentesten Horror-Autoren der Gegenwart, Edward Lee. Sein Horrortrip in die Hölle des amerikanischen Bürgerkriegs beeindruckt und provoziert; lässt selbst die abgebrühtesten Leser versteinert zurück, ohne dabei den menschlichen Aspekt aus den Augen zu verlieren – und genau dies macht diesen Roman so unglaublich gut!

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Eure Meinung:

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Buch:

Haus der bösen Lust

Original: The Black Train

Autor: Edward Lee

Übersetzer: Michael Krug

Taschenbuch, 400 Seiten

Festa-Verlag, 29. Juni 2012

 

ISBN-10: 3865521495

ISBN-13: 978-3865521491

 

Erhältlich bei: Amazon

 

Kindle-ASIN: B0086OPYFI

 

Erhältlich bei: Amazon Kindle-Edition

 

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Erstellt: 13.08.2012, zuletzt aktualisiert: 17.09.2020 17:33