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Kannibalen hrsg. von Frank Festa

Menschenfleisch - sittlich und moralisch tabu

Anthologie

Rezension von Torsten Scheib

 

Rezension:

Kannibalen – das letzte Tabu im Horror? Lässt man die, nach warmem Fleisch lechzenden Lebenden Toten außen vor, so scheint dies in der Tat eine der ganz wenigen unberührten Territorien zu sein, welche vom Genre noch nicht ausgiebig seziert wurden. Infolgedessen kann Deutschlands Papst in Sachen Horror-Literatur, Frank Festa, sich durchaus zu Recht damit rühmen, mit Kannibalen die weltweit erste Anthologie zu dieser heiklen Thematik veröffentlicht zu haben.

Aber aus welchem Grund nähern sich Autoren weiterhin nur mit extremster Vorsicht einem Sujet, welches die Sagenwelt als auch die Historie praktisch von Beginn an begleitet hat? Vom Göttervater Kronos hin zu Fritz Haarmann und Armin Meiwes: aus irgendeinem, bislang nur vage deklarierten Grund machen die meisten Künstler einen weiten Bogen um die Menschenfresser. Eigentlich ironisch, wenn man die Vielzahl jener Publikationen der jüngsten Zeit betrachtet, die zwar nicht immer ausschließlich, aber zumindest zu einem großen Teil sämtliche Hemmschwellen ablegen und demzufolge mit neuen Dimensionen in Sachen Blutvergießen, Verstümmelungen und Qualen aufwerten können. Nur die allerwenigsten dieser neuen Splattergroßmeister wagen sich jedoch beabsichtigt in das Reich der klassischen Menschenfresser, die NICHT als Lebende Tote oder durch ähnlich geartete Umstände auf Beutefang gehen. Könnte der Grund die unbewusste, aber womöglich doch berechtigte Furcht vor der hässlichen Wahrheit sein? Suggeriert unser Unterbewusstsein möglicherweise, dass wir im Grunde ALLE zu Kannibalen werden können, wenn der richtige Ansporn erfolgt? Zweifellos eine erschreckende Möglichkeit. Gleichzeitig aber wiederum faszinierend und der perfekte Ansatz, weiter in die Abgründe der menschlichen Psyche vorzudringen – so wie es ein Großteil der 13 vertretenen Autoren getan hat.

 

Sozusagen den Eröffnungsgang darf Festas neuer Dark Fiction-Superstar, Greg F. Gifune beschreiten. Wer mit seinen drei, ins Deutsche übersetzten Meisterwerken, vertraut ist, wird bei Schnee-Engel auch diesmal nicht enttäuscht. Auch hier kommt der Schrecken nahezu unmerklich, auf leisen Sohlen, einschließlich der Gifune-typischen Dosis Melancholie daher. Doch je mehr der Leser über die Motive des Protagonisten erfahren, über seine Rückkehr in den Heimatort seiner Ex-Frau, desto unbequemer wird es, ehe das Unheimliche grandios durch ungetrübtes Grauen abgelöst wird; noch dazu in einer Gnadenlosigkeit und Härte, welche man von Gifune bislang nicht gekannt hatte. Welch ein grandioser Einstieg!

 

Alle, die sich danach erst mal eine Pause (oder einen alkoholischen Muntermacher) genehmigen müssen, brauchen sich nicht zu schämen – auch der Rezensent hatte nach diesem Volltreffer in die Magengrube leicht zittrige Hände und Schweißtropfen auf der hohen Stirn. Danach geht es – bedingt – gemäßigter zu. Besser gesagt mit dem Romantiker E. T. A. Hoffmann, dessen Cyprians Erzählung der beste Beweis ist, dass die Zeitgenossen aus dem 19. Jahrhundert mitunter ganz schön morbide sein konnten. Hoffmanns Stil ist demzufolge auch der damaligen Ära angepasst; soll heißen: hier geht es durchweg gemäßigter zu, sind die Schilderungen etwas blumiger. Allerdings verbirgt sich hinter der Episode um die Geheimnisse einer jungen Ehefrau ein Mysterium, welches auch der Laymon-Fraktion (un)angenehme Gänsehaut bescheren wird.

 

Danach ist die Zeit für Harlan Ellison gekommen, jenen Autoren, der nicht nur James Cameron zum Terminator maßgeblich beeinflusst hat, sondern sich zudem seinen Namen hat rechtlich schützen lassen. Nicht wenige halten den Mann für einen jähzornigen Hitzkopf, aber deshalb auch auf eine hektische, vorwärts preschende Prosa zu schließen, ist ein klarer Irrtum. Schon der Titel der Story –Auf der Suche nach dem verlorenen Atlantis – besitzt etwas Verträumtes. Der Inhalt schließt sich dem auch größtenteils an. Selbstverliebtheit? Mitnichten. Dies ist Ellisons Stil, der zu gleichen Teilen köstlich mundet und imponiert. Auch hier wird mehrheitlich auf den Holzhammer verzichtet, wobei das schockierende und auf wahren Begebenheiten basierende Finale durchaus für einen weiteren Gang zur heimischen Bar verantwortlich sein kann. Ein Werk, dessen hässlich-faszinierender Kern von einer delikaten Hülle umschlossen ist und sehr an die frühen Werke eines Clive Barker erinnert.

 

Apropos: Auch Tim Curran muss einfach mit den Arbeiten des gebürtigen Liverpoolers vertraut sein. Doch auch wenn er ähnlich schreibt – in Sachen Direktheit, Ekel und Abstoßung steckt der Mann mit Maden (welch passender Titel!) locker einen Großteil der Konkurrenz in die Tasche. Für die Rückkehr eines französischen Soldaten in die Heimat sowie dessen widerwärtige Mitbringsel brauchen auch alte Hasen verdammt gute Nerven. Detailreich beschreibt er Widerwärtiges, Abartiges – jedoch nicht aus reinem Selbstzweck. Ein ultrahartes Meisterwerk, an das sich der Leser noch lange erinnern wird. Wenn Currans demnächst stattfindender deutscher Einstand – der Thriller Zerfleischt dieses unglaubliche Niveau halten kann, dann steht uns wahrlich Großes bevor!

 

Sie beißen von dem in deutschen Gefilden weniger bekannten Anthony Boucher befindet sich im Grunde im Fahrwasser von Harlan Ellisons Beitrag, doch anstelle der schottischen Hochmoore geht es diesmal in die hitzige Gnadenlosigkeit der kalifornischen Wüste. Hier erfährt der Protagonist, der durchtriebene Tallant, mehr über jenes schockierende Geheimnis, das in dem Höhlenlabyrinth des kleinen Kaffs lauert … Eine tolle Geschichte! Sicher nicht ganz so drastisch wie Tim Curran, dennoch flott und fabelhaft makaber. Und wenn Ellison einen James Cameron beeinflusst haben mag, so muss der junge Wes Craven Bouchers Story gekannt haben. Spätestens nach Beendigung sollte klar sein, welcher Film damit gemeint ist. Warum Boucher (bislang) der deutschen Leserschaft vorenthalten blieb – ein Mysterium. Denn der Mann konnte richtig knackig schreiben! »Sie beißen« braucht sich jedenfalls nicht vor den kurzen Schrecken Marke Richard Matheson oder Robert Bloch zu verstecken.

 

Muss man über die nächste Geschichte respektive dessen Verfasser noch irgendwelche Worte verlieren? H. P. Lovecraft und Das Bild im Haus . Eine überdurchschnittliche Mär, welche neben klassischen Topoi auch diverse geographische Eckdaten des fiktiven Lovecraft County zitiert. Ein Genuss, auch wenn man die Geschichte bereits kennt – einschließlich des nachhaltigen Endes. Lovecraft war und ist eine der wichtigsten Fundamente der zeitgenössischen Horrorliteratur; ohne Wenn und Aber!

 

Aber auch ein Lovecraft kann den Leser nicht auf das vorbereiten, was danach auf ihn einstürzt: Edward Lee! In den Staaten und in vielen anderen Ländern besitzt der Mann Kult-Status und wer Richard Laymon bislang für die Speerspitze des garstig-abartigen Horrors gehalten hat, der wird hier eines Besseren belehrt.

Madenmädchen im Gefängnis der toten Frauen entführt uns in die fiktiven USA der Zukunft, wo nach einem atomaren Unfall nichts mehr ist so wie früher. Neben den Überlebenden existieren nämlich auch die so genanntenMaden, bei denen es sich per se um Zombies handeln mag, die aber weiterhin Denken und Fühlen können. Für die reichlich faschistisch angehauchte Regierung sind diese Gestalten aber trotzdem ein Dorn im Auge, weswegen man sie auch in spezielle Camps deportiert und Unsagbares mit ihnen anstellt …

Wer »Maden« schon als heftig empfand, der möge sich bitte vor Beginn ordentlich nachschenken: Lees knallharte, aber stets mit einem fiesen Augenzwinkern dargebotene Story toppt Currans Beitrag um Längen. Hier treffen die abartigen Fantasien des wohl größten verblieben Splatterpunks auf den japanischen Ultra-Schocker Men behind the Sun (der auf wahren Geschehnissen beruht). Körperflüssigkeiten? Man suche sich eine aus. Sexuelle Perversionen? Bitte welche denn? Kannibalismus? Selbstredend. Ferner ist es aber auch Lees gekonnte Abrechnung mit dem Wesen des Faschismus, die aus der reinen Splatter-Story mehr werden lässt – neben seiner narrativen Wucht übrigens eine weitere Stärke des Edward Lee, der im Frühjahr ebenfalls Teil der Festa-Autoren sein wird.

 

Tief durchatmen lautet danach das Motto. Und einen kleinen Spaziergang vielleicht. Wer danach mit dem Lesen weitermacht, der bekommt mit Der Kannibalenschmaus von David Case (der nächste eher unbekannte Autor) zum Glück etwas leichtere Kost serviert – tiefschwarzen Humor mit eingeschlossen. Auch wenn man praktisch von Beginn an weiß, was dem Forschungsreisenden bei den afrikanischen Eingeborenen widerfahren wird, so liest sich die Kurzgeschichte interessant und überaus unterhaltsam.

 

Mit Tief unten von Robert Barbour Johnson folgt ein weiterer Beitrag aus den Jahren der so genannten Pulp-Ära. Verfasst 1939 und ursprünglich bei Weird Tales erschienen, ist der Ausflug in die dunklen Winkel der New Yorker U-Bahn erstaunlich modern, rasant und spannend.

 

Wer beim Thema Schiffbrüchige unweigerlich an Kannibalismus denken muss, der irrt nicht, wie Edgar Allan Poes Arthur Gordon Pym, der Kannibale bestätigt. Wie auch schon bei Lovecraft muss wohl nicht näher auf Autor und Erzählung eingegangen werden – außer, dass man sich schon fragt, wie Poes Zeitgenossen auf solch eine, für damalige Verhältnisse extrem heftige Geschichte wohl reagiert haben …

 

Sein Name wurde schon erwähnt, jetzt ist auch er an der Reihe: Robert Bloch! Der Psycho-Schöpfer beweist, dass er schon lange vor Norman Bates ein Meister der klassischen Horrorkünste war. Das Festmahl in der Abtei stammt aus dem Jahre 1935 und auch wenn das Setting ein bisschen zu dick aufgetragene Hammer Horror-Atmosphäre intus hat und sich die eine oder andere Länge eingeschlichen haben mag, so gruselt es einen dennoch. Besonders ob der gelungen Pointe!

 

Brian McNaughtons Arbeiten mögen dem modernen Horror zugeschrieben werden, sein Stil ist es definitiv nicht. In Lord Glyphtards Geschichte werden wir Zeuge, wie der titelgebende Protagonist die grausige Vergangenheit seiner Familie auslotet. Leider kann diese längere Erzählung, nur sehr bedingt punkten. Zu oft gleitet McNaughtons Prosa ins Schwülstige, Selbstverliebte über und lässt das Ganze viel zu zäh werden.

 

Das kann man von Graham Masterton nicht behaupten. Wer den britischen Altmeister stets für einen belanglosen Vielschreiber gehalten hat, der sollte spätestens nach der grandiosen Schlachtplatte Eric die Pastete seine Meinung gehörig revidieren. Masterton kehrt in seine eigene Jugend zurück, genauer gesagt dem England der Nachkriegszeit. Hier lernen wir den Protagonisten Eric kennen - so wie seine mit der Zeit immer bizarrer werdenden Vorstellungen der idealen Nahrungskette … Kannibalisch ausgeprägte Individuen sind Masterton nicht fremd, wie schon sein tolles Werk „Ritual“ untermauerte, in dem der Held etwa gezwungen wird, seinen kleinen Finger zu braten und zu verspeisen. Mjam! Tja, in seinen besten Augenblicken ist Masterton eben alles andere als ein Kostverächter; paart er Grusel mit einer anständigen Dosis Splatter. Und „Eric die Pastete“ ist definitiv Graham Masterton at it’s Best – und somit ein weiteres Highlight und krönender Abschluss.

 

Neben den vornehmlich überzeugenden Geschichten gibt es zusätzlich kleine Leckerli in Form von tatsächlich stattgefundenem Kannibalismus, ebenfalls sehr sorgfältig zusammengestellt von Frank Festa.

 

Fazit:

»Kannibalen« adressiert sich definitiv nicht an schwache Mägen und Gemüter – eine starke Sammlung bleibt sie aber dennoch. Mal unglaublich hart, mal eher subtil wird sich hier einem der letzten gesellschaftlichen Tabus angenähert, maximiert durch die zusammengetragenen, tatsächlichen Begebenheiten. Eine leckere Vorzeige-Anthologie der mitunter ganz schön heftigen Art.

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Buch:

Kannibalen

Menschenfleisch - sittlich und moralisch tabu

Anthologie

Herausgeber: Frank Festa

Festa-Verlag, 28. November 2011

Taschenbuch, 320 Seiten

 

ISBN-10: 3865521266

ISBN-13: 978-3865521262

 

Erhältlich bei: Amazon


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Erstellt: 04.02.2012, zuletzt aktualisiert: 10.10.2020 16:25