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Hellraiser von Clive Barker

Rezension von Christian Endres

 

Clive Barkers Novelle »Hellraiser« (orig. The Hellbound Heart, 1986) zählt zu den zentralen Werken im umfangreichen Schaffen des britischen Horror-Kult-Autors, der allenthalben als die einzig legitime – und vor allem britische – Antwort auf Stephen King gefeiert wird – und das nicht nur, weil Barker, selbst hinter dem Regiestuhl sitzend, mit dem kurz darauf schon folgenden Film zu seiner Erfolgsstory einen Meilenstein, ja einen Wendepunkt des Horrorfilm-Genres herbeiführen sollte, sondern vor allem, weil er mit »Hellraiser« schon zu einem frühen Zeitpunkt seiner Karriere den Anspruch untermauerte, einen unkonventionell reißerischen Stil ohne subtile Grautöne zur Perfektion gebracht zu haben ...

 

Frank Cotton ist alles andere als das Musterbeispiel eines guten Menschen und hat im Laufe seines Lebens viele Fehler begannen, andererseits das Leben aber auch bis zum letzten ausgenutzt und ausgekostet. Als es ihm scheinbar nicht mehr zu bieten hat, kommt ihm ein Artefakt, von dem er auf einer seiner vielen Abenteuerreisen zum ersten Mal gehört hat, an sich sehr gelegen: Der Würfel von Lemarchand. Mit dessen Hilfe soll man das Tor zur Welt der Zenobiten öffnen können, wo angeblich schier unglaubliche Wonnen fleischlicher Lust auf denjenigen Warten, der das Rätsel des magischen Würfels zu lösen vermag. Frank nun löst dieses Rätsel in überraschend kurzer Zeit, doch entsprechen die Wonnen, die er kurz darauf erwährt, nicht ganz seinen Vorstellungen ...

Um die kümmerlichen Reste seines Seins zu retten, muss sich seine Schwägerin Julia ganz schön ins Zeug legen: Julia nämlich, von ihrem Ehemann, Franks Bruder, mittlerweile zu Tode gelangweilt und nunmehr nur noch eine frustrierte, gelangweilte Ehefrau, hat die raue Berührung von Franks Händen kurz vor ihrer Hochzeit nicht vergessen und sehnt sich nach dieser Berührung. Und um diese Berührung ein weiteres Mal zu spüren und der Tristesse ihrer Ehe zu entfliehen ist Julia auch bereit, Frank das zu besorgen, was er braucht, um den Klauen der Zenobiten zu entkommen: Blut.

Einzig Kirsty, welche Gefühle für Franks Bruder und Julias Ehemann hegt, stellt sich aus nicht ganz uneigennützigen Motiven dem finsteren Treiben der beiden entgegen – und begibt sich damit ebenfalls direkt auf Konfrontationskurs mit den Zenobiten ...

 

Clive Barkers »Hellraiser« hat alles, was ein »guter Baker« braucht, um als solcher die Kriterien zu erfüllen: Sex, Gewalt, und natürlich viel Blut. Das alles sind relativ greifbare Werte, die Barker in einem mehr oder minder realitätsnahen Cocktail aus Beziehungsproblemen, Begierden und Ängsten zu einer rasant erzählten, atmosphärisch zu Papier gebrachten Horrorgeschichte vereint, die er konsequent zu einem klaren Ende führt und sich dabei in keinster Weise in lyrischen Zweideutigkeiten verliert.

 

Der Lesespaß ist dabei allgegenwärtig möglichst groß – und das, obwohl Barker mit Überraschungen und plötzlichen Schockeffekte oder -Momenten geizt. Doch das ist man von ihm ja gewohnt. Barkers Werke leben von der Atmosphäre, die seine Bücher stärker zusammenhält als Leim es jemals könnte, und von dem scheinbar nahtlosen Wechsel zwischen aus dem Leben gegriffenen Szenen, wie jeder sie in ähnlicher Form schon einmal erlebt hat, und dem Dämonischen, Teuflischen oder Übernatürlichen, das immer mit Gewalt, Leidenschaft und Obsession einher geht. Stimmung und Setting triumphieren auch bei vorliegender Novelle über Spannung und Innovation, ohne dass dem Werk dabei etwas abhanden kommt oder gar etwas fehlt.

 

Langsam ist es mir peinlich, die Paperbacks der Edition Phantasia in den Himmel zu loben, doch bleibt einem selbst bei einer noch so objektiven, peniblen Untersuchung der dünnen Klappenbroschur gar nichts anderes übrig. Diesmal kommen zum gewohnten EP-Standard nämlich noch s/w-Illustrationen vom Autor selbst sowie ein äußerst gelungenes Cover von John Bolton, der sich mit seinen düsteren Artbänden, seinen erotischen Fotographien oder seiner Arbeit an den Büchern der Magie, die er gemeinsam mit Neil Gaiman geschaffen hat, einen Namen gemacht hat und für großartiges Artwork steht. So auch in diesem Fall, da sein Cover maßgeblich dazu beiträgt, die nun bei der Edition Phantasia aufgelegte Neuausgabe im internationalen Vergleich zu einer der hochwertigsten und schönsten zu küren.

 

Fazit: Mit »Hellraiser« schuf Clive Barker einen kleinen Klassiker der modernen Horrorliteratur. Dabei tut er sich weniger als Meister des subtilen Grauens, sondern viel mehr als »Edelsplatterer« hervor, der die Grenzen zwischen Dimensionsreisen und blutigen Opfergaben an eine verlorene Seele nicht einfach nur verschwinden lässt oder überwindet, sondern mit dem für ihn typischen Holzhammer zerschmettert.

 

Neben den Büchern des Blutes (als wunderschöne Sammlerausgaben ebenfalls bei der Edition Phantasia erschienen, mittlerweile jedoch auch als preisgünstige Sammelbände bei area oder einzeln im Taschenbuch bei Piper erhältlich) ist »Hellraiser« völlig zu Recht das Werk mit der zentralsten Bedeutung in Clive Barkers ebenso reichhaltiger wie vielseitiger Schaffenspalette, das mit diesem ungekürzten, wunderbar aufgemachten Band endlich in einer würdigen Ausgabe erhältlich ist.

 

Eure Meinung:


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Hellraiser

Autor: Clive Barker

Taschenbuch, 128 Seiten

Edition Phantasia, April 2006

ISBN: 3937897178

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 12.05.2006, zuletzt aktualisiert: 17.09.2020 17:33