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Hölle von Will Elliot

Rezension von Christian Endres

 

Es wird Will Elliotts preisgekröntem Debüt »Hölle« (orig.: »The Pilo Family Circus«) keineswegs gerecht, es ins Horror-Genre zu verfrachten – oder es überhaupt nur in eine Schublade zu stecken. Der australische Newcomer-Autor hat sich da eine schöne Nische zwischen Dark Fantasy und Horror ausgesucht und es sich mit seinem literarischen Erstling aus dem Jahre 2007 bequem gemacht.

 

Alles andere als bequem und komfortabel ist das Leben von Elliotts Protagonisten Jamie. Belanglos, von falschen Hoffnungen und seltsamen Wünschen geprägt, vegetiert er in einem obskuren Tagesablauf und einer üblen Wohngemeinschaft in einer wahren Bruchbude vor sich hin. Nachdem er auf dem Nachhauseweg von seiner Nachtschicht beinahe einen seltsamen Clown überfährt, sorgt eine Kette nicht weniger seltsamer Ereignisse dafür, dass eine geschminkte Horde Zirkus-Spaßvögel Jamie terrorisiert und sein Leben zur Hölle macht ...

 

Dieser Clown-Terror - knapp 100 Seiten der stilvoll aufgemachten Klappenbroschur im Paperback - ist dann auch mit der beste Part des Buches. Ihm folgt der Abstieg in die »Hölle«, in ein Zwischenreich finsterer Mächte, wo ein finsterer, chaotischer, von Gewalt, Missgunst und Hass heimgesuchter Jahrmarkt des Grauens nicht nur Jamies neues Zuhause wird, sondern auch der Schauplatz der restlichen Story.

 

Anrüchige und verrückte Gestalten bevölkern den Zirkus Pilo. Gerade die Clowns spielen nicht sauber und lassen ihrer bösen Natur freien Lauf – bei Neuankömmling Jamie führt das dazu, dass er, sobald die Clownsschminke sein Gesicht berührt, zu JJ wird, einem mordfreudigen Psychopathen. Jamies Kampf um seinen Körper und die Hoffnung auf eine Flucht aus den Fängen des seelenraubenden Rummels werden zum zentralen Motiv der Handlung, die sich nach wie vor einer genauen Genre-Klassifizierung entzieht.

 

Jahrmärkte sind seltsame Orte des Chaos, und Clowns haftet nicht erst seit Stephen Kings »Es« oder Todd McFarlanes Spawn etwas Unheimliches an. Das dachte sich wohl auch Will Elliott, als er seinen Roman für den ABC Fiction Award schrieb, den er auch prompt gewann. Doch Award hin oder her – so ganz überzeugt das Debüt nicht, obschon Elliotts trotz aller Schminke ungeschminkter, direkter Stil zu gefallen weiß. Den ersten 100 intensiven Seiten folgt die etwas langatmige Suche nach der Wahrheit und selbst nur dem Sinn hinter dem Zirkus.

 

Die düstere, verzerrte Schausteller-Welt nahe der Hölle ist zwar durchaus innovativ und erfrischend – der Pageturner-Faktor des bis zum Ende völlig unberechenbaren Romans ruht allerdings oftmals eher daher, dass man sich genauso wie Jamie keinen Reim auf die Geschichte machen kann und auf Erleuchtung hofft. Dennoch bleibt es im Mittelteil des Buches eher bei der Albtraumstudie eines pervertierten, amoralischen Rummelplatzes zwischen den Realitäten ...

 

Das Finale von Jamies Kampf gegen sein düsteres, brutales, im wahrsten Sinne des Wortes hingeschminktes Clown-Ich JJ hat dann wieder mehr Pfeffer, macht den leider arg zähen Zirkusbesuch im Mittelteil aber nicht vergessen.

 

Elliott und seine brutale, schizophrene Clown-Nummer bringen wirklich frischen Wind in die Manege – aber sie haben ohne Frage auch noch einiges an Luft nach oben.

 

 

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Eure Meinung:

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Anzeige: 1 - 1 von 1.

allgemeiner
Sonntag, 19. Oktober 2008 16:23 Uhr
Gerade der Mittelteil im Zirkus hat mir besonders gut gefallen, ich hätte mir sehr gewünscht dass Jamie noch länger im Familienzirkus bleibt. Das Ende fand ich etwas zu schnell.
Insgesamt hoffe ich sehr auf eine Fortsetzung.

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Hölle

Autor: Will Elliot

Paperback, 400 Seiten

Piper, August 2008

ISBN: 3492701590

Erhältlich bei Amazon

weitere Infos:


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Erstellt: 07.08.2008, zuletzt aktualisiert: 02.11.2017 18:47