Hundert Jahre Einsamkeit (Autor: Gabriel García Márquez)
 
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Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez

Rezension von Ralf Steinberg

 

Rezension:

Er bekam den Literaturnobelpreis fünfzehn Jahre nach dem Erscheinen vom Hundert Jahre Einsamkeit. Dem kolumbianischen Autor Gabriel García Márquez gelang mit diesem Werk der internationale Durchbruch.

 

Geht man ohne weiteres Vorwissen an dieses berühmte Stück Weltliteratur heran, dauert es eine Weile, bis man die Richtung zu ahnen beginnt, in die das Werk steuert. Die Geschichte einer Familie in einem nicht näher definiertem Teil Südamerikas, die dort einen Ort gründet, Macondo.

Zunächst ein Paradies des einfachen, unschuldigen Lebens. Voller Tatkraft, Fruchtbarkeit und Zukunft. Und doch steht ein drohendes Drama von Anfang fest, denn die Handlung beginnt mit dem Hinweis darauf, dass sich Oberst Aureliano Buendia an diesen Tag erinnern würde, wenn er in vier Jahren vor dem Erschießungskommando stünde.

Und diese vier Jahre Handlungszeit ziehen sich über einen weiten Teil des Romanes, während die vielen anderen Jahre der Einsamkeit auch in Seiten deutlich schneller vergehen.

Zeit als auch die Einsamkeit werden im Titel bereits als zentrale Themen fest gelegt, doch bekommt man es mit der Einsamkeit erst später zu tun. Oder besser gesagt, die Einsamkeit gewinnt mit der Zeit an Stärke.

 

Die erste Generation der Buendias wird geprägt von Ursula und ihrem Mann José Arcadio Buendia. Das Paar flieht in das magische Land im Moor, nachdem er einen Mord beging und der Tote ihn nicht ruhen lässt. Voller Enthusiasmus wird das Dorf gegründet, ein friedliches Leben fernab der Welt beginnt, einzig eine Zigeunertruppe kommt regelmäßig ins Dorf und bringt Kirmes-Wunder mit sich. Der Chef der Zigeuner, Melchiades, freundet sich mit José Arcadio an und gemeinsam betreiben sie alchemistische Studien.

Die Parallelen zum biblischen Paradies oder zur Zeit Amerikas vor der Kolonisation sind offensichtlich.

Alles beginnt sich zu ändern, als der Staat seine Finger nach dem Ort ausstreckt, obwohl man keiner fremden Ordnung bedarf. Mit dem Friedensrichter kommt die Politik, kommt schon bald der Bürgerkrieg.

Dieser fast ewige Krieg zwischen Liberalen und Konservativen wird zum Kernstück des Buches und damit auch der Sohn und selbsternannte Oberst Aureliano Buendia.

Márquez bindet die vollkommene Sinnlosigkeit des Krieges ein in die Familiengeschichte, macht sie zum Dreh- und Angelpunkt der folgenden Probleme. Man spürt, wie sehr der Autor hier mit der Geschichte der südamerikanischen Länder hadert, wie es ihn fast zerreißt, dass jeder Kampf im Namen des Volkes geführt wird, obwohl nie auch nur im Ansatz das erreicht wird, was die Leute eigentlich wollen: In Frieden leben. Weder Politiker noch Krieger sehen das. So muss die Stammmutter Ursula immer wieder vortreten, um die Dinge zurechtzurücken.

Tat dies in der ersten Phase noch ihr Mann, wird der weibliche Wille fortan im Hintergrund das Geschehen lenken, mögen die Söhne auch noch so viel agieren. Es sind nur Schatten der eigentlichen Aktivitäten.

Und es gibt eine Menge großer, ja riesiger Frauenfiguren in »Hundert Jahre Einsamkeit«.

Allen voran natürlich Ursula, die fast bis zuletzt, die Familie prägt, zusammenhält und für ein Naturrecht steht, dass christlich gefärbt, letztendlich aber auf einer unsentimentalen Vernunft gründet. Ihr Wille, die Umgebung zu beherrschen ist so groß, dass sie selbst ihre Blindheit überwindet, den Tod sowieso. Wenn auch nicht für immer. Was sie über das Ablaufen der Zeit sagt, beschreibt mit großer Präzision das Lese-Empfinden, welches man gerade an dieser Stelle fühlt. Márquez lässt sie dadurch immer wieder als eine fast objektive Instanz erscheinen.

Bereits in der nächsten Generation fügt er zwei Figuren in das Familiengeschehen ein, deren Beziehung zueinander ein derartiges Maß an Dramatik beinhaltet, dass es kaum auszuhalten ist.

Rebecca kommt als Findelkind ins Haus uns ist zunächst nur Erde und Kalk. Zwar wird sie bald integriert, aber immer wieder verfällt sie in schwierigen Situationen in diese Verhaltensweise und sie bekommt verdammt viele davon.

Es beginnt damit, dass sie den selben Mann liebt wie Amaranta. Daraus entspinnt im wahrsten Sinne des Wortes sich eine tödliche Rivalität bis in den Tod hinein. Etliche Leichen pflastern diesen Weg und während Rebecca ihren Leidenschaften nachgeht, bleibt Amaranta die ewige Jungfrau, nie dazu fähig, sich einem Mann hinzugeben. Letztlich bilden beiden Frauen unterschiedliche Arten der Einsamkeit ab, auf eine epische Art und so grotesk überkompliziert, dass man automatisch an eine Telenovela denken muss.

Das Erde-Essen aber auch das Sticken des Totenkleides sind so eindrückliche Bilder, dass man sie wohl nie aus dem Kopf bekommen wird.

Auch in der nächsten Generation gibt es ein Frauenpärchen mit kräftiger Einfärbung.

Remedios ist wunderschön, aber er ihr Geist ist nicht von dieser Welt. Vielleicht einfältig, vielleicht auch nur wirklich desinteressiert, treibt sie die Männer in Tod und Wahnsinn, einfach nur dadurch, dass sie sich benimmt wie ein von allen gesellschaftlichen Zwängen befreites Mädchen. Wie ein Engel steigt sie dann auch voller Unschuld in den Himmel auf und es ist ganz große Meisterschaft, dass diese Stelle des Romans nicht im Kitsch verkommt.

Denn man fragt sich schon, was diese Frauenfigur gebracht hat. Und letztlich wird auch Remedios Bestandteil der Familieneinsamkeit. Denn ihre Schönheit schafft eine unüberwindliche Hürde für jede Annäherung, so wie es Amarantas Angst auch ist.

Fernanda kommt bereits mit Komplexen ins Haus. Am Ende einer langen Kolonial-Familie läutet sie den Herbst in Macondo ein. Der Vergangenheit und den Toten verhaftet, durch Scham gehemmt und ultrakonservativen Werten verhaftet, zerstört sie unbewusst den lebendigen Haushalt und ersetzt ihn durch starre Rituale und leere Förmlichkeit. Und obwohl sie fest daran glaubt, die Zügel fest in der Hand zu halten, kann sie weder ihren Mann noch ihre Kinder kaum mehr als in ihren Unabhängigkeitsbestrebungen behindern.

Man könnte noch weitere Figuren benennen und doch kaum mehr als die Oberfläche ihres Charakters streifen, so viel lässt Márquez in sie hineinfließen. Auch die Männer mit ihren sich wiederholenden Namen und Taten böten genügend Material für lange Betrachtungen, doch es reichte nie aus. »Hundert Jahre Einsamkeit« muss man selbst erlesen. Es mag zunächst wie ein wirres Spiel mit Zeit und Namen sein, doch das ist es nicht. Es ist ein dichtgewebter Text mit Fäden in voller Farben und Gerüche und so kunstvollen Knoten, dass man glaubt, sie nie entwirren zu können, bis man sich mitten im letzten Satz dabei erwischt, die Wolle feinsäuberlich aufgewickelt zu haben wie der letzte Buendia.

 

Das Werk gilt als ein Hauptwerk des magischen Realismus. Wobei in »Hundert Jahre Einsamkeit« wenig real ist. Vielmehr unterliegt alles einer großen Verfremdung oder wird symbolisiert. Das betrifft Technik ebenso wie Geschichte, Pflanzen und Tiere und auch die Geographie. Insofern unterscheidet sich der Roman nicht von anderer Phantastik. Was auch immer unter magischem Realismus zu verstehen ist, die Wirkung der dargestellten Realität ist magisch und lässt man alle Wunder behafteten Ereignisse Revue passieren, ist »Hundert Jahre Einsamkeit« ebenfalls ein ganz großes Werk der Phantastik. Aber was bedeuten Genre-Schublade angesichts der Farbigkeit und leben- wie todsprühenden Sprache Márquez’?

 

Fazit:

Lesen, staunen und bedauern, das Buch nicht schon früher erkundet zu haben.

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Buch:

Hundert Jahre Einsamkeit

Original: Cien anos de soledad, 1967

Autor: Gabriel García Márquez

Übersetzer: Curt Meyer-Clason

Taschenbuch, 468 Seiten

Fischer, 20. Januar 2004

 

ISBN-10: 3596162505

ISBN-13: 978-3596162505

 

Erhältlich bei: Amazon

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Erstellt: 18.08.2014, zuletzt aktualisiert: 02.05.2024 17:17, 13653