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Imperium von Robert Harris

Rezension von Christian Endres

 

Er gilt als der berühmteste Redner in der Geschichte des Römischen Reichs: Marcus Tullius Cicero. Er wiederum ist einer der populärsten Journalisten (und mittlerweile auch Autoren) Großbritanniens der letzten Jahre: Robert Harris. Letzterer nahm sich nun der Figur des ehrgeizigen Anwalts, Redners und Politikers Cicero an und schuf einen mit Spannung erwarteten, biographisch angehauchten historischen Roman vor der atemberaubenden Kulisse der in Intrigen und politischen Machtspielchen versinkenden, dem Untergang geweihten Römischen Republik ...

 

Der Weg zur Macht ist kein leichter – das muss auch der gerissene Anwalt Cicero erkennen, als er sich in die intrigante Politik der Römischen Republik einmischt. Obwohl ein großer, brillanter Redner und kluger Denker und Lenker, hat der ehrgeizige Cicero zunächst einige Rückschläge einzustecken, als vermeintliche Freunde hinter seinem Rücken mit seinen politischen Feinden taktieren und letztlich sogar paktieren, ohne dass er in ihren Planungen fortan eine rolle spielt – obwohl er ihnen bis dahin gute Dienste im Senat geleistet hat. Doch Cicero gibt nicht auf, verfolgt seine Ziele und schafft es, durch einen kleinen Geniestreich als Anwalt nicht nur seinen ewigen Nebenbuhler auszustechen, sondern sogar seine politische Karriere weiter voranzutreiben. Damit wächst seine Bekanntheit und Beliebtheit bei den Bürgern noch mehr – während die Aristokratie den plötzlich sogar einflussreichen, gefährlichen Cicero immer mehr verabscheut. In Folge dessen versucht der aufsteigende Cicero verzweifelt, das schwierige Spagat zwischen Macht und Ruhm und dem Streben nach Gerechtigkeit, Ehre und Moral zu schaffen – und zu erkennen, wer Freund, wer Feind und wer keines von beidem oder beides zugleich für ihn und seine Ziele und Bemühungen sein könnte. Schließlich muss Cicero allein alles geben und sich mächtigen Männern wie Caesar entgegenstellen, um sich die Chance zu erhalten, sein Lebensziel womöglich doch noch zu erreichen: Das Amt des Konsuls, nach dem er nach wie vor strebt, um seiner Familie und seinem Namen die Unsterblichkeit zu sichern ...

 

Robert Harris erzählt die bedeutungsvollsten Jahre in Ciceros Leben nicht einfach nur aus dessen Sicht nach. Er lässt sie vor dem geistigen Auge eines Mannes Revue passieren, der unmittelbar am Aufstieg des geschickten Anwalts, Redners und Politikers beteiligt gewesen war: Tiro, Ciceros treuester Mitarbeiter, persönlicher Sekretär und nun, im hohen Alter und am Ende seiner Lebensstrecke anbelangt, auch noch Biograph seines Herrn. Durch diesen geschwätzigen, aber dennoch – oder trotzdem – nicht ganz klassischen Ich-Erzähler, der Cicero nahezu auf Schritt und Tritt folgt und all seine Taten miterlebt, ja sogar die meisten seine Reden in einer besonderen Kurzschrift festhält, bekommt man als Leser das Gefühl vermittelt, selbst ein Schatten Ciceros – des eigentlichen Protagonisten – zu sein, erhält im Gegenzug aber auch ein möglichst klares und »objektives« Bild der Kulisse und eben auch Ciceros selbst. Gerade deshalb weiß Harris’ Kunstgriff in Sachen Erzählperspektive vollauf zu überzeugen und kommt dem Roman und dessen Drive und Essenz ohne Ausnahme zu Gute.

 

Ein stabiles, sauber verarbeitetes Hardcover mit Schutzumschlag, geprägtem Buchrücken und Zusatzmaterial wie etwa eine Karte gehören in dieser Preisklasse fast schon zur Standard-Ausstattung eines historischen Romans von Format und Anspruch. »Imperium« weiß in vorliegender Erstausgabe dann noch zusätzlich dadurch zu begeistern, dass es annähernd zeitgleich mit dem englischsprachigen Original erscheint (das Übersetzen direkt am Manuskript zahlt sich aus!) und mit einem recht schönen Umschlagmotiv des Weges daher kommt (das natürlich ein wenig Ähnlichkeit mit diversen Ausgaben von »Fatherland« hat, aber das ist okay). Einzig das Schriftbild des Textes ist manchmal ein bisschen eng geraten, hat dafür aber auch einen schön antiquierten Touché – kein Wunder, handelt es sich bei der verwendeten Bembo doch um eine Französische Renaissance Antiqua, die ihren Ursprung wiederum in römischen Druckschriften hat und deshalb nahezu wie die Faust aufs Auge zu dieser spannenden »Gelehrten-Biographie mit Thriller-Charakter« passt. Auch vermisse ich an manch einer Stelle eine kleine Fußnote, die das ein oder andere römische Amt oder ein lateinisches Zitat kurz erläutert – hier muss man sich leider zumeist selbst helfen, wenn sich der Zusammenhang nicht aus dem restlichen Text auf der Seite ergibt (was andererseits natürlich auch wieder begrüßenswert ist und den Leser während Lektüre stellenweise zum Aktivposten werden lässt und unmittelbar fordert).

 

Fazit: Robert Harris’ neuester Roman besticht nicht nur durch eine interessante, facettenreiche Hauptfigur, den allgegenwärtigen Hauch guter Recherche oder einen charismatischen Erzähler und grandiose Dialoge oder Reden – er glänzt vor allem auch durch die sparsame Dosierung von Action-Szenen und die daraus folgende Konzentration auf Figuren und deren Interaktion, politische Spielchen und Intrigen und natürlich die Macht des Wortes. Ruhig, subtil, dafür aber klug, wort- und bildgewandt und vor allem stets interessant, trickreich, listenreich, akribisch und historisch schildert Harris in »Imperium« das Leben des großen Redners und Politikers Ciceros – und verknüpft dieses unausweichlich mit dem Schicksal Roms ...

 

Das Setting, die Figuren, die Dialoge – in »Imperium« stimmt einfach alles. Ein spannender und ungemein stimmungsvoller historischer Roman, der auch ohne große, epische Schlachten und dergleichen bestehen kann und für mich bisher mit zu den erfreulichsten Leseerlebnissen des angehenden Lesewinters 2006/7 gehört.

 

Dafür gibt’s von mir – zumindest für alle Freunde intelligenter, gut geschriebener historischer Romane – eine uneingeschränkte Kaufempfehlung für Harris, Cicero, Tiro und ihr »Imperium«.

 

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Eure Meinung:

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Imperium

Autor: Robert Harris

Hardcover, 480 Seiten

Heyne, September 2006

ISBN: 3453265386

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 17.11.2006, zuletzt aktualisiert: 03.10.2018 12:08