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In einer Frühjahrsnacht

Autor: Dirk Wonhöfer

 

Er stand am Ufer des Sees und blickte gedankenverloren auf die mondbeschienene, glitzernde Oberfläche. Seine Robe wehte im frischen Wind der Nacht, verbarg ein Wesen, das pure Dunkelheit sein mochte, reine Finsternis, in düstere Gewänder gehüllt und von düsteren Gedanken heim gesucht. Er besaß weder Substanz noch Aussehen. Da er kein Gesicht hatte, trug er keinen Namen.

Manche nannten ihn einfach nur den Dunklen oder den Kalten. Er war vor vielen Jahren wie aus dem Nichts aufgetaucht und hatte begonnen, die Wesen der Finsternis um sich zu scharen. Seine Macht umhüllte ihn wie eine Aura des Bösen, sein Blick streute Vernichtung und in seine Fußstapfen trat der Tod. Die schwarze Magie war sein Verbündeter. Sie machte ihn unangreifbar und mächtig. Einige flüsterten, er wäre nicht nur mit den dunklen Mächten der schwarzen Magie vertraut, sondern bestünde vollkommen aus ihnen.

Vielleicht hatten sie recht. Vielleicht war er tatsächlich nicht mehr als eine Ausgeburt der Magie, dazu verdammt, Leben zu vernichten – und nichts weiter.

Doch insgeheim wusste er, dass es mehr gab. Da waren … Erinnerungen. Manchmal kamen sie an die Oberfläche, wie kleine Luftblasen vom Grunde eines tiefen, dunklen Sees. Aber wie Bläschen zerplatzten sie sofort wieder, zu schnell, um mehr zu enthüllen als einen raschen Blick auf die Vergangenheit. Zu kurz, um Vergangenes wieder aufleben zu lassen.

Seine erste wache Erinnerung zeigte ihm die Höhle, in der er erwacht war. Die dort herrschende Dunkelheit war angenehm gewesen, aber es hatte nicht lang gedauert, bis er lernte, im Licht zu wandeln. Doch auch im Schein der hellsten Sonne wurde sein Körper von tanzenden Schatten umspielt, als würde er die Finsternis in seinem Herzen tragen. Diese Erscheinung lehrte die meisten Wesen, mit denen er zu tun hatte, das Fürchten. Die wenigen Rassen, die in seiner Gegenwart nicht kläglich und wimmernd zusammenbrachen, hatten ihm Gehorsam geschworen und folgten seinem Befehl.

Oft spürte er gar nichts in seiner Brust, es schien, als entbehrte er jeglicher Gefühle. Doch dann war da wieder dieser unbändige Zorn, der ihn zu überwältigen drohte. Selbst, wenn er dagegen anzukämpfen versuchte, versagte er kläglich. Der Hass war stärker. Und immer, wenn er zu stark wurde, beinahe seinen Geist und Leib verschlang, kam er hier her.

Er blickte wieder auf den See hinaus und spürte die innere Leere, die ihm dieser Ort schenkte. Die seichten Wellen wirkten beruhigend. Nur hier konnte er sich ungetrübten Gedanken widmen. Die Stimme des Hasses verstummte und ließ nur Nachdenklichkeit zurück. Es tat gut, von seinen schlimmsten Gefühlen verschont zu werden.

Er trat näher an das Ufer und hörte das leise, knirschende Geräusch, mit dem das Wasser zu Eis wurde. Allein seine Anwesenheit barg tödliche Kälte.

Manchmal wünschte er sich, zu wissen, warum er ein Instrument des Todes war. Was diesen wilden, feurigen Zorn in seinem Leib auslöste, der in ihm loderte und all seine Gedanken verbrennen wollte.

Der Schatten im düsteren Umhang kniete sich neben einige Schilfrohre und lauschte dem spröden Knacksen des Eises. Bis auf diesen einen Laut war es vollkommen ruhig. Solange er sich hier aufhielt, verharrten die Tiere in Stille, und die Welt schien den Atem an zu halten. Selbst die Grillen unterbrachen ihr zirpendes Spiel und warteten darauf, dass die Dunkelheit vorüber zog.

Seine Sinne berichteten ihm, dass heute Nacht noch jemand an diesen See gekommen war.

Ein plötzliches Zischen durchtrennte die stehende Luft und wurde zum huschenden Schemen eines Pfeils. Das Geschoss durchschlug die Kapuze des Dunklen, drang durch seinen schattenhaften Leib, trat wieder aus und fuhr geräuschlos in das Wasser. Er richtete sich auf und wandte sich um. Ein zweiter Pfeil kam aus der Schwärze der Nacht, traf ihn und hinterließ dort ein Loch in seinem Gewand, wo bei den meisten Lebewesen das Herz saß. Der Schütze war zum einen äußerst treffsicher, zum anderen wusste er offenbar, dass der See den einzigen Ort darstellte, den der Dunkle allein aufsuchte.

Ohne einen Laut streckte der Schatten eine Hand aus und ballte sie zur Faust. Ein dritter Pfeil raste auf ihn zu und blieb mitten in der Luft hängen, in der Bewegung eingefroren. Achtlos zerbrach er ihn, fegte ihn bei Seite und sprach ein Wort der Macht. Im selben Augenblick tauchte aus der Dunkelheit eine Gestalt auf, rollte über die Wiese und blieb reglos vor ihm liegen. Sie war, ebenso wie er, in ein düsteres Gewand gehüllt, das sie in der Nacht fast unsichtbar machte.

Üblicherweise entledigte der Dunkle sich Attentätern, ohne einen einzigen Gedanken an sie zu verschwenden. Doch die unmittelbare, beruhigende Nähe des Sees zerstäubte seinen Zorn und schuf Platz in seinem Leib für andere Gefühle. Eines davon war die Neugierde.

Mit einem Fingerzeig schob er die Kapuze des Angreifers zurück. Darunter kam ein braunhäutiges, schmales und weibliches Gesicht zum Vorschein, aus dem zwei dunkle und zutiefst erschrockene Augen zu ihm auf blickten.

Mit einem Gedankenbefehl nahm er die Starre vom Körper der Frau. Sie begann, schnell und flach zu atmen, wobei sich ihr Brustkorb wie bei einem gefangenen, in Panik geratenen Tier hob und wieder senkte. Angriffslustig reckte sie das Kinn und spuckte vor dem Dunklen auf den Boden. Ihre Lippen gefroren bereits.

„Du bist sehr mutig“, sagte der schwarze Schatten anerkennend. „Deine menschliche Abstammung ist unübersehbar, doch es fließt noch anderes Blut in deinen Adern.“

Sie starrte ihn furchtlos an.

Er hätte sie mit einem bloßen Gedanken töten können. Doch er spürte, dass er hier, an diesem besonderen Ort, die Möglichkeit hatte, alles zu verändern. Er konnte Herr werden über seinen Zorn. Er konnte den Hass niederkämpfen. Es musste möglich sein ...

„In Euren Adern jedoch scheint keines zu fließen.“ Die Stimme der Frau erklang wispernd, mit großer Mühe hervor gepresst.

Der Dunkle fuhr sich mit den Händen am Leib herab. Ja, es stimmte. Er besaß kein Blut, kein Fleisch. Er war anders. Angestrengt versuchte er sich zu erinnern. Dachte an früher. Er besaß einst dieses etwas, das man Körper nennt ...

Die Schützin unterbrach seinen Gedankengang: „Weswegen ... weswegen zerstört Ihr, vernichtet Ihr?“

Er wandte sich von ihr ab. Der Hass ... die Wut ... alles rückte von ihm fort, war nur noch ein bloßes Abbild seiner selbst, das er nun aus der Entfernung betrachten konnte. Eine letzte Hürde noch, die es zu überwinden galt. Er konnte es schaffen. Er konnte sich befreien von dem, was ihn beherrschte.

„Ich werde ...“, begann er und drehte sich wieder um. Er musste ihr dabei ins Gesicht blicken. Es fiel ihm schwer, doch er brachte es fertig. „Ich werde dein Leben verschonen. Geh und ... sag denen, die dich geschickt haben ... dass Veränderung bevor steht.“

Sie starrte ihn verblüfft an. Er nickte und deutete in Richtung des Waldes. Zitternd stand sie auf, noch immer mit unverhohlener Überraschung in ihren Zügen. Mit kleinen Schritten lief sie rückwärts davon, ließ ihn nicht aus den Augen.

„Warte“, sagte er langsam, während sie sich entfernte. „Sag mir ... deinen Namen.“

Sie blieb stehen und zögerte.

„Wie heißt du?“ fragte er noch einmal.

Skeptisch beobachtete sie ihn und schien mit der Entscheidung zu ringen, sich einfach umzudrehen und davon zu laufen oder mit ihm zu sprechen. „Mein Name lautet Laviana“, sagte sie schließlich.

„Laviana?“ wiederholte er heiser und taumelte nach hinten. „Laviana …“

Wieder und wieder zuckten die Worte durch seinen Kopf, entrangen ihm ein Stöhnen. Erinnerungen strömten auf ihn ein wie ein reißender Fluss, spülten seine Gefühle fort und ertränkten sein Denken. Ein Gesicht blitzte vor ihm auf. Das Gesicht der Frau, die ihm einst mehr als alles andere bedeutet hatte. Laviana. Ihr Gesicht, im zarten Schein einer Kerze. Ihr wundervolles Antlitz, für immer in seinem Geist konserviert. Ihre Liebe, so zerbrechlich, während ihre Zungen sich beim Kuss berührten, und ihre Wärme, als sie ihn umarmte.

Verdrängte, vergessene Gefühle durchbrachen gewaltsam einen Damm, den die Zeit errichtet hatte. Jahrhunderte zerbarsten im Bruchteil von Sekunden. Er erinnerte sich wieder der Person, die er einst war. Erinnerte sich, was damals passierte. Wie sehr er doch geliebt hatte, und wie ihm diese Liebe genommen worden war.

„Laviana …“ flüsterte er und kämpfte um seine Fassung. Zitternd betrachtete er das Mädchen. Es stand noch immer vor ihm, sah ihn an. Vielleicht ist sie diejenige, die mich retten kann, dachte er. Vielleicht kann ich mit ihr einen neuen Anfang wagen. Den Hass endgültig besiegen.

Er streckte die Hand nach ihr aus, sagte ihren Namen. Sie bewegte sich nicht, sondern blickte ihn nur an. Er ging auf sie zu, berührte sie und presste ihren warmen Körper an seinen. Etwas Nasses benetzte sein Gesicht, gefror nicht, rann daran hinab. Tränen …

„Laviana“, flüsterte er und umklammerte ihren Leib, doch etwas hatte sich verändert. Ihre Wärme war vergangen, sie regte sich nicht mehr. Verwirrt ließ er sie los und beobachtete ungläubig, wie ihr schlaffer Körper zu Boden sank.

Sie war tot. Furcht wallte in ihm auf, wurde jedoch sofort von unbändigem Zorn verdrängt. Sie war tot, ihr Leben verwirkt, zerstört allein von seiner bloßen Existenz.

Er blickte zum Himmel und brüllte vor Wut und Verzweiflung. Er spürte, wie der Hass wieder Besitz von ihm ergriff, stärker und engültiger als jemals zuvor. Selbst der See konnte ihm keine Erleichterung mehr verschaffen. Erfüllt von Zorn ballte er die Fäuste. Es gab keine Gerechtigkeit.

Mit einem letzten Blick auf den toten Leib Lavianas drehte er sich um und ging fort. Er kam nie wieder an diesen Ort zurück.

Im nächsten Morgengrauen schon marschierten seine Armeen über das Angesicht des Landes, und sie stürzten die Welt in ein Zeitalter des Dunkels.

 

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Erstellt: 27.07.2005, zuletzt aktualisiert: 27.09.2016 09:58