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Industria

Rezension von Cronn

Ich betrete das große Mietshaus durch die hölzerne Eingangstür, die schon bessere Tage gesehen hat: das Holz ist rissig, die Farbe abgeblättert.
Als ich drinnen bin, empfängt mich ein düsterer Korridor. Ein Fahrrad lehnt an der Wand, einige Holzkisten und Fässer stehen in der Ecke. Zwei weitere Türen sind erkennbar, gegenüber führt eine alte Treppe hinauf in die oberen Stockwerke.
Das allgegenwärtige Summgeräusch der Atlas-Maschinenkugeln ist hier gedämpft. Vorsichtig pirsche ich mich durch das Halbdunkel, meine Schrotflinte nach vorne gereckt. Behutsam öffne ich die erste Türe. Ich trete ein in einen Korridor, wo am Ende etwas rot glüht. Ein Lebenselexir! Sofort renne ich los, vergesse all meine Vorsicht.
Aber das war ein Fehler.
Ich erkenne ihn, als sich der Korridor zu einem Wohnraum erweitert. Das rote Glühen war kein Lebenselexir, sondern die Kontrollleuchte eines Roboters, der nun mit einem Ruck zum Leben erwacht und mir seinen Stahlarm gegen die Stirn wuchtet.
Ich taumele zurück, bin perplex und sehe für einen Moment unscharf. Dann habe ich mich wieder im Griff und richte die Schrotflinte neu aus. Doch da höre ich das Sirren eines Kamikaze-Läufers, ein kleiner Roboter, der sich in die Luft sprengt, sobald er in meiner Nähe ist. Ich könnte noch davon laufen, aber wohin? Wo ist der kleine Mistkerl, so dass ich in die Gegenrichtung sprinten kann?
Eine Explosion zu meiner Rechten wirft mich aus der Bahn. Rauch wölkt auf. Der Stahlroboter hat durch die Explosion ebenfalls Schaden genommen und Feuer gefangen. Ich brauche lediglich einen Schuss, dann kippt er vornüber.
Beim nächsten Mal werde ich vorsichtiger sein, schwöre ich mir. Dann setze ich meine Entdeckungsreise durch die Stadt Havavik fort.

 

Industria ist das erste Game des Berliner Studios Bleakmill, das von Headup Games als Publisher herausgebracht wird. Der Ego-Shooter hat eine interessante Backgroundstory und wird oftmals mit Half Life 2 verglichen. Das sind große Stiefel, mal sehen, was davon wirklich stimmt.

 

Hintergrund:
Wir schreiben das Jahr 1989, genauer gesagt den 9. November. Ein schicksalsträchtiger Tag für Deutschland, den eine gewisse Nora als Mitarbeiterin in einer ostdeutschen Forschungseinrichtung mit gemischten Gefühlen erlebt. Ihr Kollege Walter ist in das Forschungsinstitut aufgebrochen und hat eine Reise in eine andere Parallelwelt unternommen. Nora beschließt, hinterher zu reisen und sich auf die Suche nach Walter Rebel zu begeben.

Die Story ist außergewöhnlich bezüglich des Settings und durchaus ansprechend inszeniert. Mittels eines Kontaktmanns in der nordischen Hafenstadt Havavik kann sich Nora in der lebensfeindlichen Welt orientieren und überleben. Die Stadt wurde durch Maschinenwesen infiziert, die sich als Kugeln überall wie wuchernde Geschwüre oder Schmarotzerpflanzen an den Gebäuden festgekrallt haben.
Gegen Ende wird die Geschichte leider nur halb fertig erzählt und es bleibt einiges im Dunkeln.

 

Gameplay:

»Industria« ist ein Ego-Shooter in einer faszinierend gestalteten Parallelwelt. Das Design der Stadt Havavik erinnert dabei weniger an »Half Life 2«, sondern eher an Dishonored mit den gewaltigen Gebäuden im Gründerzeitstil.

 

Die meiste Zeit verbringt man mit Exploration: Man durchsucht Gebäude und versucht mehr über die Vorgänge herauszufinden, unter denen diese Welt leidet.
Die Shooterpassagen sind nicht allzu fordernd, gelingen vor allem durch das spannende Design der Roboterfähigkeiten, die ineinander greifen und interessante Shooterpassagen kreieren.
Die Zeit, in der man durch dunkle Häuser streift, sind dabei besonders erinnerungswürdig. Die Musik, das Sounddesign und die Lichtstimmung machen das Spiel sehr düster und unheimlich in diesen Passagen. Der Kontrast mit der hellen Stadt im Sonnenlicht kommt besonders gut rüber.
An einigen wenigen Stellen müssen auch kleine Physikrätsel gelöst werden, aber das ist wirklich auf geringem Komplexitätsniveau und kein Vergleich mit »Half Life 2«.
Mit einer recht knappen Spielzeit von unter fünf Stunden ist »Industria« leider schon früh vorbei.

Grafik und Sound:
Die Grafik von »Industria« ist sehr gelungen und mit Überblendeffekten, hoher Texturqualität und einem sehr eigenen Artdesign als hochwertig zu bezeichnen.

 

Teilweise erinnert Havavik an die Gemälde von Simon Stålenhag mit den organisch wirkenden Maschinen.

 

Das Sounddesign ist gut gelungen. Besonders in den dunklen Häusern mit Echoeffekten versehen erzeugen die Sounds beim Spieler Gänsehaut.

Fazit:
»Industria« ist ein guter Shooter aus Berlin, der ein interessantes Hintergrundsetting hat (aus dem er leider zu wenig macht) und vor allem durch sein gelungenes Artdesign überzeugt.

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Eure Meinung:

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PC-Spiel:

Industria
Entwickler: Bleakmill
Publisher: Headup Games
Veröffentlichung: 30. September 2021

Erhältlich bei: steam


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Erstellt: 11.11.2021, zuletzt aktualisiert: 11.11.2021 17:05