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Interview mit Andreas Decker

Redakteur: Ralf Steinberg

 

Mit dem Rad der Zeit schuf Robert Jordan eine der umfangreichsten Fantasy-Reihen. Die deutschen Leser können sich inzwischen über 31 dicke Taschenbücher freuen, die einen gehörigen Teil im Regal einnehmen. Das an dem so ist, verdanken wir in erster Linie den Übersetzern, denen es gelang, eine riesige Welt aus dem Amerikanischen ins Deutsche zu transferieren. Wir sprachen mit Andreas Decker, dem aktuellen Übersetzer der Reihe.

 

 

Fantasyguide: Hallo Andreas! Als Übersetzer steht man meist in zweiter Reihe und wird selten wahrgenommen. Wie bist Du zum Übersetzen gekommen und was machst Du sonst noch?

 

Andreas Decker: Ich bin der typische Quereinsteiger. Ich hatte Mitte der Siebziger durch den damals noch blühenden Heftroman die ersten Kontakte mit der Autorenszene, weil mich viele Genre-Dinge schon immer interessiert haben. Daraus ergaben sich neue Bekanntschaften. Zuerst schrieb ich auf Anregung von Ronald M. Hahn und Uwe Anton Rezensionen für die Science Fiction Times, las Romane im Original, dann versuchte ich mich daran, den einen oder anderen Artikel zu übersetzen. Irgendwann kam dann die Übersetzung der ersten Kurzgeschichte. Ich habe das sehr lange hobbymäßig gemacht, weil es Spaß machte. Irgendwann wollte ich aus dem sehr stressigen Job als Altenpfleger raus, und da bot es sich an, das Übersetzen mal hauptberuflich zu versuchen. Und es hat geklappt.

 

Fantasyguide: 1999 war das erste Mal Dein Name in einem Band von Robert Jordans Fantasy-Serie Das Rad der Zeit zu lesen. Für Der Pfad der Dolche, Band 22 der deutschen Ausgabe, schriebst Du das Vorwort, welches eine Art Zusammenfassung des bisherigen Geschehens war und noch heute ist. Wie kamst Du dazu?

 

Andreas Decker: Das war eine Anregung der damaligen Lektorin Friedel Wahren. Es steckte - und steckt - die Idee dahinter, dass jeder Roman für zumindest einen Leser der Erste ist. Da ist der Einstieg nicht immer einfach; vor allem bei einem so komplexen Zyklus wie dem RdZ. Viele Leute scheuen oft davor zurück, bei Band 17 in eine Serie einzusteigen. Das geht mir als Leser nicht anders. Die Zusammenfassung soll so ähnlich wie bei einer Fernsehserie funktionieren: Vorige Woche bei (Lieblingsserie einfügen). Ein kurzer Überblick über den Hintergrund, worum es überhaupt geht, dann noch eine kurze Auffrischung der aktuellen Vorbände, was, wie ich hoffe, auch für die Stammleser interessant ist. Prinzipiell soll es beide Gruppen ansprechen, wobei das Hauptaugenmerk schon bei potenziellen Neulesern liegt.

 

Fantasyguide: Deine Vorgänger in der Serie waren Karin König und Uwe Luserke. Mit Band 24 beginnt Deine Ära als RdZ-Übersetzer. Konntest Du auf Materialien der beiden zurückgreifen, oder musstest Du Dir alles neu erarbeiten?

 

Andreas Decker: Das musste ich mir selbst erarbeiten, was auch gar nicht anders möglich ist. Man muss sich ja mit der Welt und den Begriffen vertraut machen, vieles ergibt sich ja auch erst durch den Kontext. Also lesen und blättern und Notizen machen. Und hoffen, dass man nichts übersieht.

 

Fantasyguide: Es gibt einige Änderungen zwischen Deinen Übersetzungen und der von Karin König. Kannst Du uns dazu etwas erzählen?

 

Andreas Decker: Jeder Übersetzer hat seine eigenen Ideen, was gut klingt oder wie man es machen sollte. Wenn man verhältnismäßig spät in eine Serie einsteigt, steht das Fundament natürlich fest, und da sollte man auch nicht dran rühren. Problematisch wird es, wenn Begriffe, die eigentlich ganz klar erscheinen, in den Folgebänden andere Nuancen erhalten. Das war hier teilweise der Fall.

 

Fantasyguide: Hast Du die Serie von Anfang an verfolgt?

 

Andreas Decker: Ja. Die Serie hat mir eigentlich schon immer gefallen, weil es Robert Jordan sehr schnell geschafft hat, das oftmals so simple Schema von Gut und Böse zu differenzieren. So etwas mag ich, vor allem in der Fantasy, wo es sich manche Autoren dann doch häufig etwas einfach machen.

 

Fantasyguide: Gibt es Lieblingsfiguren oder gar Handlungsstränge, die Du hasst?

 

Andreas Decker: Lol. Klar. Obwohl Hass ein zu starkes Wort ist. Aber manchmal wünscht man sich schon, dass manche Handlungsstränge ein bisschen mehr Tempo entwickeln würden. Allerdings muss ich auch sagen, dass mich bis jetzt noch keine Ebene wirklich enttäuscht hat. Vieles ergibt sich ja auch erst im Lauf der Zeit.

 

Was die Figuren angeht, war ich schon immer ein Fan von gut entwickelten Nebenfiguren, die ich persönlich oft interessanter als den eigentlichen Helden finde. Das ist natürlich reine Geschmacksache. Ich mag Mat sehr gern, der so der klassische Abenteuertyp ist. Und ich mag so undurchsichtige Figuren wie Cadsuane, bei der man immer noch nicht weiß, wo sie nun eigentlich steht. Und ich bin ein großer Fan von für die Handlung eigentlich völlig unwichtigen Leuten aus der dritten Reihe wie z. B. die Großmutter Sharina Melloy, die im Lager vor Tar Valon die Novizinnen organisiert und die verknöcherten Aes Sedai auf die Palme bringt. Das ist das Salz in der Suppe, das die Geschichte lebendig hält.

 

Fantasyguide: Das große Problem deutscher Ausgaben ist der Zuwachs im Umfang durch die Übersetzung ins Deutsche. Heyne teilte daher die einzelnen Teile der Serie in mehrere Bände auf, Lord of Chaos etwa erschien in vier Teilen. Nicht nur, dass der Leser fast zwei Jahre auf das Erscheinen des letzten Teiles warten musste, es gab auch ernste Kritiken, dass der Verlag hier Geldschneiderei betrieb. Hat man als Übersetzer hier überhaupt Einfluss? Übersetzt Du einen Originalband gleich in mehreren Teilstücken?

 

Andreas Decker: Ich glaube, "Lord of Chaos" ist mit über 1000 Seiten im Winzigsatz der umfangreichste Band der Serie; ich bin mir nicht sicher, ob es technisch überhaupt möglich gewesen wäre, daraus in Deutschland ein Taschenbuch herzustellen, das nicht beim ersten Durchblättern auseinander gefallen wäre. Ja, das mit den Teilungen ist sicher ein Reizthema, vor allem, weil das ein Problem von Genre-Literatur ist. Ich weiß, dass das viele Leute nicht glauben wollen, aber manchmal geht es halt nicht anders. Da spielen ja viele Faktoren mit, wo der stetig steigende Umfang nur der Auslöser ist, der andere Probleme nach sich zieht. Der Buchmarkt ist aber nun wirklich kein Gebiet, auf dem man mit solchen Manövern die Gewinne maximieren könnte.

 

Einfluss hat man als Übersetzer auf solche Entscheidungen nicht. Allerdings schlage ich schon vor, wo die Trennung stattfindet. Da ist zwar nicht viel Handlungsspielraum drin, aber in letzter Zeit hatten wir beim RdZ das Glück, dass man keine Handlungsebene mittendrin kappen musste und immerhin so etwas wie einen Minihöhepunkt am Schluss hatte. Übersetzt wird das grundsätzlich in einem Stück, auch wenn man natürlich den fertigen Teil zwischendurch in abgabefertige Form bringen muss.

 

Fantasyguide: Von Heyne zu Piper, was bedeutete der Umzug der Fantasy-Sparte für Dich?

 

Andreas Decker: Das lief alles reibungslos weiter wie gehabt. Nur dass man mit verschiedenen Ansprechpartnern zu tun hat.

 

Fantasyguide: In wieweit bist Du eingebunden in den redaktionellen Teil der Serie, leider gibt es in den Piper-Bänden keinen Hinweis darauf, wer die Federführung bei der Herausgabe hat.

 

Andreas Decker: Die Fantasy bei Piper wird von Carsten Polzin herausgegeben. Was die redaktionellen Dinge angeht, kommt das sehr auf das Objekt an. Manchmal bespricht man mit dem Lektor nur den Termin, schickt dann die fertige Übersetzung hoffentlich pünktlich ab und fertig. Beim RdZ geht die Arbeit schon etwas weiter, beispielsweise wegen dem Vorwort. Was das Drumherum angeht, Titelbild usw., das ist Sache der Redaktion.

 

Fantasyguide: Der neue Frühling ist ein Prequel zur Serie, erschien bei Piper aber als Band 29. Weißt Du etwas über die Hintergründe dieser erstaunlichen Nummerierung?

 

Andreas Decker: Das kam gerade in die Übergangsphase des Verlagswechsels hinein, was viele Fragen und Probleme aufgeworfen hat. Die Präsentation, die Kontinuität, der Vertrieb, usw. Allein aus diesem Grund hat der Verlag den Band ja dann auch mit einem speziellen Vorwort versehen, um deutlich zu machen, dass es sich hier um einen Sonderband handelt. Und dass der Zyklus ohne Unterbrechungen trotz Verlagswechsel weitergeht. Zuerst hatte ich auch meine Bedenken, aber im Nachhinein gesehen, wenn man bedenkt, dass der zweite Band der geplanten drei Prequels wohl noch ein paar Jahre auf sich warten lässt, war es genau die richtige Entscheidung.

 

Fantasyguide: Piper legte auch den Heyne Bildband im vergangenen Jahr neu auf, ohne ihn zu aktualisieren, oder wenigstens die Fehler zu beseitigen. Wäre dies nicht eine Aufgabe für Dich?

 

Andreas Decker: Eine Aktualisierung war insofern nicht möglich, da es auch in den USA keine neue Ausgabe gibt. Das hätten nur die Urheber selbst machen oder in Auftrag geben können, aber anscheinend besteht daran kein Interesse. Und es ist immer noch ein solides Handbuch, von Ausnahmen abgesehen hat sich nicht viel verändert. Natürlich bietet es sich an, als Übersetzer selbst so ein Unternehmen in Angriff zu nehmen. Aber es ist natürlich auch immer eine Frage, ob sich bei einem so arbeitsintensiven Projekt der Aufwand letztlich lohnt.

 

Fantasyguide: Besitzt Du ein Namensregister und wird es je eines in einer deutschen Ausgabe geben?

 

Andreas Decker: Ich persönlich habe kein Namensregister. Geplant ist das meines Wissens nach nicht. Das gibt es in dieser Form in der Originalausgabe ja auch nicht; teilweise wird das durch das Glossar abgedeckt, das bei den Personeneinträgen immer mal wieder aktualisiert wird. Sollte es so etwas im nächsten Band geben, kann man davon ausgehen, dass es auch in der deutschen Ausgabe drin ist.

 

Fantasyguide: Wie gefällt Dir überhaupt die Geschichte über Rand, Mat, Perrin und den vielen Frauen? Wo siehst Du die Stärken und auch die Schwächen der Geschichte?

 

Andreas Decker: Mir persönlich gefällt die Geschichte gut. Robert Jordan hat viel mehr aus dem Konzept gemacht, als anfangs ersichtlich war. Aus dem doch recht simplen Kampf gegen das Böse ist eine sehr differenzierte Geschichte geworden. Vielleicht manchmal sogar zu differenziert, weil die vielen Konflikte kaum auf eine Weise gelöst werden können, dass alle Leser zufrieden sein werden. Es wäre natürlich schön, aber ich bin da eher skeptisch.

 

Wenn man nur zum Beispiel die Handlungsebene der Seanchaner nimmt. Selbst verglichen mit den anderen grundsätzlich feudalen Nationen ist die Kultur schon krass und - was ihre Behandlung der Machtlenkerinnen betrifft - absolut menschenverachtend. Andererseits tun sie das nicht, weil sie Schurken sind, sondern weil sie ihre Gründe haben. Egal, wie man die bewerten will. Da kann es keine einfache Auflösung geben. (Oder sollte es nicht, wenn der Autor einen Funken Glaubwürdigkeit bewahren will.) Und das Gleiche gilt für viele andere Themenkreise.

 

So etwas hält die Geschichte für mich persönlich sehr lebendig. Mir gefällt es, dass das Ende nicht ersichtlich ist. Gut, man kann davon ausgehen, dass das Böse in seine Schranken gewiesen werden wird. Aber alles andere ist offen. Wer wird gewinnen? Wird Rand überleben? Oder Mat und Perrin? Was wird aus Andor? Aus den Aes Sedai? Wer setzt sich durch, Egwene oder die alten Frauen? Ich traue Jordan da schon einige Überraschungen zu. Und für einen so umfangreichen Zyklus ist das schon eine Stärke.

 

Und die Figuren sind gelungen. Man kann mit Rand, Mat und Perrin mitfiebern, sogar mit einer so bornierten Frau wie Elaida. Alle haben sich weiterentwickelt, manchmal zum Besseren, manchmal auch nicht. Und das ist es letztlich, worauf es bei einem großen Zyklus für mich ankommt. Dass es der Autor schafft, mich als Leser bei der Stange zu halten, und das nicht nur, weil die Geschichte spannend ist, sondern weil die Charaktere mehr als Pappkameraden sind.

 

Fantasyguide: Bekommt man nicht irgendwann genug vom Übersetzen einer solch langen Serie und es ist ja nicht Deine einzige?

 

Andreas Decker: Abgesehen davon, dass die Motivation, die Miete bezahlen zu können, schon mehr als ausreicht, alles mit dem gleichen Elan anzugehen, um eine vernünftige Arbeit abzuliefern, hilft es natürlich schon, wenn man ein Buch oder eine Serie mag. Wenn man das alles nur öde Zeitverschwendung findet, ist das nicht unbedingt hilfreich.

 

Aber ich habe Serien schon immer gemocht und gern gelesen, mich gern damit intensiv beschäftigt, und da macht es auch dann noch Spaß, wenn man mal lange herumsuchen muss, um herauszufinden, wie der Kollege - oder man selbst - den Namen von Nynaeves Pferd vor vier Bänden übersetzt hat.

 

Fantasyguide: Welche Reaktionen erhältst Du als Übersetzer von den deutschen Fans?

 

Andreas Decker: Manchmal wird man um ein Interview gebeten. Seit dem Zeitalter des Internets und des öffentlichen Kommentars sicher mehr als früher. Aber es hält sich in Grenzen.

 

Fantasyguide: Wie gehst Du mit Kritiken zu Übersetzungen um? Gibt es Veränderungen in Nachauflagen?

 

Andreas Decker: Es kommt auf die Kritik an. Jeder macht Fehler, gerade bei so einem Mammutwerk wie RdZ kann man schnell mal was übersehen. Wenn man bei einem Fehler erwischt wird, ärgert man sich natürlich. Logisch. Pauschalkritiken hingegen sind eher witzlos. "Ich habe nur die ersten Seiten gelesen und die Übersetzung/Buch ist Schrott", so etwas ist eine Meinungsäußerung, aber keine Kritik. Aber das gehört zum kreativen Handwerk dazu.

 

Es kommt durchaus vor, dass man Gelegenheit hat, bei Neuauflagen irgendwelche Patzer herauszunehmen, ist aber nicht die Regel. Allerdings sind die Neuausgaben schon bearbeitet, nicht zuletzt wegen unserer sogenannten Rechtschreibreform.

 

Fantasyguide: Wie organisierst du Deine Arbeit, wie gehst Du vor, wenn Du übersetzt?

 

Andreas Decker: Ich fange bei der ersten Seite an. Okay, blöder Spruch. Der Roman wird vorher gelesen, damit ich einen Eindruck bekomme. Viele machen sich da schon ihre Notizen und suchen Sachen raus, ich arbeite eher drauf los. Da können sich Begriffe dann während der Arbeit durchaus mal auch verändern. Das ist dann alles Sache der späteren Bearbeitung, wo es bei mir nicht nur um die letzten Tippfehler geht, sondern auch um inhaltliche Dinge, die erst mal sacken mussten. Der PC ist natürlich unverzichtbar; ich habe eine hohe Bewunderung für die Kollegen, die früher nur mit Schreibmaschine und Tipp-Ex gearbeitet haben. Allerdings korrigiere ich nie am PC, sondern immer auf dem Papier. Das sorgt für Abstand, und das Gespür für Fehler ist besser.

 

Fantasyguide: Hast Du selbst Ambitionen zu schreiben oder ist gar schon etwas von Dir zu lesen?

 

Andreas Decker: Ambitionen habe ich eigentlich nicht. Ich habe vor langer Zeit mal als Co-Autor bei ein paar Heftromanen mitgearbeitet und auch ein paar Kurzgeschichten veröffentlicht, teilweise professionell, teilweise im Fandom. Aber mir fehlt da der brennende Ehrgeiz und der beinharte Fleiß, was beides nun einmal nötig ist, um einen Roman zu schreiben. Und da das Übersetzen den ganzen Tag in Anspruch nimmt, fehlt auch die Zeit. Aber man soll ja nie nie sagen.

 

Fantasyguide: Wie sehen Deine nächsten Projekte aus?

 

Andreas Decker: Bei Piper erscheint demnächst die Übersetzung eines Warhammer-Romans, die weiteren Abenteuer des hartgesottenen Kopfgeldjägers Brunner. Ich bin zwar kein Rollenspiel-Fan, aber Warhammer gefällt mir. Es hat großen Spaß gemacht hat, mal so einen wirklich rasanten Actionroman mit finsteren Antihelden zu übersetzen. Bei Heyne kommt eine Trilogie, die im Conan-Universum des von mir sehr verehrten Robert E. Howard spielt, die Abenteuer von Kearn Wolfsauge. Und dann warte ich natürlich auf den (vermutlich) letzten RdZ-Roman, auf den ich nun wirklich gespannt bin.

 

Fantasyguide: Recht herzlichen Dank für das Interview und viel Spaß weiterhin beim Übersetzen!

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Erstellt: 14.04.2007, zuletzt aktualisiert: 07.08.2020 11:43