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Interview mit Florian Kührer

Das folgende Email-Interview führte Oliver Kotowski am 28.08.2010 mit Florian Kührer.

 

Ob Kino, Roman oder Comic, Vampire wohin man schaut. Woher kommen nur all die Blutsauger? Zwar gibt es einige gute Arbeiten, die dem Vampirglauben auf den Grund gehen, doch selten gehen sie darüber hinaus - der Übergang zur literarischen Figur und deren weitere Entwicklung bleibt zumeist im Dunkeln. In diese Lücke stößt Florian Kührers "Vampire. Monster - Mythos - Medienstar". Sehen wir einmal, was unser Interview mit dem Verfasser selbst an Tageslicht bringt!

 

 

Fantasyguide: Lieber Herr Kührer, mögen Sie sich den Lesern mit ein paar Worten selbst vorstellen?

 

Florian Kührer: Ich bin 1982 nahe der Grenze zur damals noch durch den Eisernen Vorhang verschleierten Tschechoslowakei geboren, habe dann rund zwei Jahrzehnte später begonnen, in Wien Geschichte mit Schwerpunkt Osteuropäische Geschichte und Romanistik/Rumänistik zu studieren. Rumänien und seine Geschichte nahmen dabei eine besondere Stellung ein. Ich bin Assistent am Initiativkolleg „Diktaturforschung“ und schreibe meine Dissertation zu Siebenbürgen (Transsilvanien) in der Zwischenkriegszeit. Die Auseinandersetzung mit dem Vampir-Mythos lief zuerst nur nebenher – und ist durch „Vampire. Monster – Mythos – Medienstar“ natürlich um einiges intensiver geworden. „Vampirologe“ bin ich allerdings keiner, denn ein wenig Distanz zu seinem „Untersuchungsgegenstand“ schadet nicht.

 

 

Fantasyguide: Ich habe gelesen, dass Sie sich mit der osmanischen Expansion in Südosteuropa in der Frühen Neuzeit befasst haben. Spitz auf Knopf: War Vlad III. ein strenger, aber gerechter Verteidiger der Christenheit oder ein blutrünstiger Verräter? Oder: Welcher Tradition ist mehr zu trauen?

 

Florian Kührer: Vlad III. hatte – so wie wohl die meisten Herrscher – vor allem seine eigenen Interessen im Blick. So war der Kampf gegen die Osmanen im Grunde kaum religiös motiviert, sondern schlicht eine Notwendigkeit. (So wie die zeitweiligen Allianzen, die die Fürsten an der unteren Donau mit ihren heidnischen Nachbarn eingingen, wenn es die Lage gebot.) Blutrünstig war Vlad der Pfähler wohl tatsächlich – ob er seine Herrscherkollegen dabei übertraf, bleibt fraglich. Der ungarische Hof und die Siebenbürger Sachsen, denen er zeitweilig ein ziemlich unangenehmer Nachbar war, haben bei ihren weit verbreiteten Horrorgeschichten über den „Trakle Waida“ ordentlich übertrieben: man brauchte vor der „internationalen Politik“ eine Rechtfertigung, um den relativ papstreuen Vlad aus dem Verkehr zu ziehen. Die „Verteidigung der Christenheit“ war somit ein Nebenprodukt seines Wirkens, seine hervorstechende (und aufspießende) Blutrünstigkeit zumindest teilweise das Ergebnis eines inszenierten „Medienhypes“ (Flugblätter!) um ihn. Eines war er aber sicher nicht: ein Vampir.

 

 

Fantasyguide: Da wir gerade beim Namensgeber für den bekanntesten Vampir der Literatur sind: Welcher Weg führte Sie zu den Vampiren?

 

Florian Kührer: Ich kam über mein Interesse an Ost- und Südeuropa zu den Vampiren, meine wichtigste Frage war zu Beginn jene nach den Stereotypen über den „Osten“, die über den Vampirmythos transportiert werden. Ich habe selbst einige Zeit in der siebenbürgischen, also transsilvanischen Stadt Klausenburg studiert. Rumänien hat gewiss einige wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme, aber vampirisch geht es dort eigentlich nicht zu. Trotzdem denkt man zuerst an Vampire, wenn man das Wort Transsilvanien hört, und dann gleich an Rückständigkeit, Armut und Kriminalität. Ich wollte wissen, wie solche Bilder erzeugt und verfestigt werden, alles andere kam danach.

 

 

Fantasyguide: Es scheint mir, als gäbe es in Österreich besonders viele Vampirforscher – wenn ich mich richtig erinnere, stammen knapp die Hälfte der Beiträge der von Julia Bertschik und Christa Agnes Tuczay herausgegebenen Sammlung "Poetische Wiedergänger" von Österreichern. Woran mag das liegen? Stehen Sie selbst unter diesem Einfluss?

 

Florian Kührer: „Der Balkan fängt am Rennweg an“, soll ein gewisser Herr Metternich einst gesagt haben – der Rennweg aber liegt im dritten Wiener Gemeindebezirk. Wie auch immer er das damals gemeint hat, er scheint recht zu behalten: wo sonst findet man ein solch mittel-ost-europäisches Kulturgemisch, wie in der Wiener Küche und – eng damit verbunden – in der Wiener Seele? Es ist also kein Wunder, dass auch die Kunde von den Vampiren über die Drehscheibe Wien nach Westeuropa gelangte. Bis heute kann man sich hier von Emigranten aus Südosteuropa magische Geschichten erzählen lassen! Als in Wien Lebender stehe ich also mit großer Wahrscheinlichkeit auch unter diesem Einfluss – ganz bestimmt aber unter dem der Wiener Küche, „Fusion-Kitchen“ im besten Sinne des Wortes.

 

 

Fantasyguide: Wie ist Ihr Verhältnis zur übrigen Phantastik?

 

Florian Kührer: Ich beschäftige mich unter anderem mit südosteuropäischer Nationalgeschichtsschreibung – man mag gar nicht glauben, wie viele „phantastische“ Elemente da zu finden sind. Im Übrigen haben Phantastik und Romantik für mich viel miteinander gemeinsam – immer ist es die Auslagerung der Phantasie an einen anderen Ort, die Suche nach einer heilen, oder zumindest besseren Welt: die Romantiker des vorletzten (und letzten) Jahrhunderts suchten sie in der Verklärung des Mittelalters, die Phantastik folgt sehr ähnliche Strukturen, auch wenn sie sich dabei nicht nur auf eine Epoche fixiert. Oder anders ausgedrückt: Phantastik ist Romantik ohne Nationalismus. Und dann sind da noch die ästhetischen Aspekte, die sich gerade beim Vampir aus (scheinbaren) Widersprüchen nähren: Nicht umsonst nennt man in Wien ein würdiges Begräbnis „a schene Leich’“.

 

 

Fantasyguide: Zur Entspannung eine einfache Frage: Was ist Ihr Lieblingsvampir (und warum)?

 

Florian Kührer: Kate Beckinsale als Selene in der Underworld-Trilogie ist sicher eine recht ansehnliche Figur – starke Frauen sind toll, mit oder ohne Reißzähne. Eine besondere Faszination geht aber von den Kind-Vampiren der letzten Jahrzehnte aus: egal ob Claudia in „Interview mit einem Vampir“, Eli in „So finster die Nacht“ oder die Volturi-Vampirin Jane in der „Twilight“-Saga. Sie scheinen eine Bestätigung des modischen Kampfs gegen das Älterwerden zu sein, bei dem jeder seine alternde Hülle durch vorgeschobene Jugendlichkeit kompensieren will. Eigentlich sind sie aber die brutale Antithese: Diese Methusalems mit juvenilem Äußeren sind in ihrer Ambivalenz durchwegs tragische Kreaturen.

 

 

Fantasyguide: Wenden wir uns Ihrem Buch "Vampire. Monster – Mythos – Medienstar" zu, über dessen Duktus, nämlich die Differenzierung des Vampirbildes, ich mich sehr gefreut habe. Ich habe gelesen, Sie arbeiten an Ihrer Dissertation. Sie sind demnach durchaus beschäftigt. Was also war Ihre Motivation, das Buch zu schreiben? Geld? Herzblut?

 

Florian Kührer: Aus pragmatischer Sicht gewiss das Angebot vom Verlag Butzon & Bercker, ein solches Buch zu schreiben. Die große Faszination dabei war es aber, den Begriff, das Thema, das Motiv „Vampir“ durch die Jahrhunderte zu verfolgen, dabei verschiedenste Disziplinen (Geschichte, Philologie, Theologie, Medienwissenschaft, Psychologie etc.) genauer kennenzulernen bzw. anzuwenden. Herausgekommen ist eine Kulturgeschichte des Vampirs, eine Verfolgungsjagd durch die Geschichte, immer hinter dem Haken schlagenden, ständig mutierenden Mythos her.

 

 

Fantasyguide: Sie schreiben, dass der Vampirglaube seinen Ursprung in der vorchristlichen Zeit habe. Auf welche Quellen stützen Sie sich dabei? Immerhin stellen Sie selbst fest, dass es für das Mittelalter kaum Quellen gibt, die auch nur den Wiedergänger, der ja nicht unbedingt ein Vampir ist, belegen.

 

Florian Kührer: Der Vampirglaube per se stammt gewiss nicht aus vorchristlicher Zeit – allerdings sind bestimmte Elemente im Volksglauben zu finden, die auf naturreligiöse Ansichten hindeuten, z.B. die Fixierung des (Un)toten im Boden durch einen Holzstab oder einen langen Metallstift: wo Körper und Seele als Einheit gedacht werden (Präanimismus), wird auch beides gleichzeitig in der Erde fest- und von der Wiederkehr abgehalten. Aber eines soll noch einmal betont werden: der Vampir im Volksglauben ist nur eines von vielen „Monstern“, eigentlich ein klassischer Wiedergänger, der die dörfliche Welt bedroht. Seine phänomenale Solokarriere startete er erst im Westen – in Büchern, auf der Bühne und auf der Leinwand.

 

 

Fantasyguide: Stephenie Meyers "Bis(s)"-Reihe wird ja häufig eine reaktionäre, sexistische Haltung vorgeworfen. Sie halten dagegen, dass es um Zuneigung gehe, die sich nicht im Körperlichen spiegele; sozusagen ein Gegenentwurf zum Mainstream der 'Generation Porno'. Das halte ich einerseits für treffend beobachtet, andererseits halte ich auch die Sexismusvorwürfe für weitgehend zutreffend. Wie stehen Sie zur Grundtendenz der Reihe, wie stehen Sie allgemein zur Reihe?

 

Florian Kührer: Meyers Bücher habe ich ehrlich gesagt nicht von Alpha bis Omega durchgelesen, kenne aber natürlich die ganz Story. Die Filme finde ich vor allem (meist unfreiwillig) komisch. Wenn das Schmalz trieft, schrammt so manche Szene nur knapp an der eigenen Parodie vorbei. Ich bin aber auch kein vierzehnjähriger Teenager und kann die Perspektive der Zielgruppe nur als „Exogener“ beurteilen. Ich bleibe dabei: die Faszination scheint von diesem Ernst auszugehen, mit dem die Beteiligten ihre Zuneigung er- und ausleben. Die Sache mit „keinen Sex/Biss vor der Ehe“ ist sicher nicht ganz auf der Höhe der Zeit, aber wie sagt schon Bella: Edward ist „old school“ – das scheint anzukommen. Ob da realiter eine neue Enthaltsamkeitsbewegung unter den Jugendlichen ausgelöst wird oder die traditionellen Rollenbilder wieder in besonderer Weise gelebt bzw. imitiert werden, wage ich zu bezweifeln. Auch hier gilt: die Buchseite, die Leinwand ist „lediglich“ eine phantastische Alternative zur Realität.

 

 

Fantasyguide: Nun noch eine Frage zum Literaturverzeichnis. Mir ist aufgefallen, dass Nina Auerbachs "Our Vampires, Ourselves" fehlt. Darf ich fragen, warum das so ist?

 

Florian Kührer: Die Antwort ist ganz unspektakulär: Ich habe übersehen, es hineinzuschreiben. Freilich kenne ich das Buch, Auerbachs Schwerpunkt ist aber nicht unbedingt meiner.

 

 

Fantasyguide: Was dürfen wir in Zukunft von Ihnen erwarten – Vampire, Werwölfe oder Transhumanismus? Oder wenden Sie sich jetzt vollends der Königsdiktatur zu?

 

Florian Kührer: Die rumänische Zwischenkriegszeit wird noch einige Zeit meine Hauptbeschäftigung sein. Ein Buch über Werwölfe oder andere Monsterkollegen wird es wohl nicht so schnell geben, sonst bin ich auf einen Themenbereich festgelegt wie Graf Dracula auf seine Heimaterde. Die fließenden Grenzen zwischen Realität und Phantasie, die der menschliche Geist ständig überschreitet, faszinieren mich nach wie vor – mehr kann ich dazu aber noch nicht sagen.

 

 

Fantasyguide: Und schließlich: Welche Frage hätte gestellt werden sollen, wurde es aber nicht, und wie lautet die Antwort darauf?

 

Florian Kührer: Im Moment scheint es nur eine Frage zu geben, die relevant ist: Team Edward oder Team Jacob – Vampir oder Werwolf? Meine Antwort: Grundsätzlich meine ich, die Figur des Vampirs ist von größerer Komplexität, als Individualist einfach interessanter und durch seine in Dosen losgelassene Gewalt dem animalischen Werwolf auch strategisch überlegen. (Wer schon tot ist, stirbt nicht so leicht.) Dass in „Van Helsing“ der Werwolf siegt, halte ich für einen dramaturgischen Ausrutscher. Aber im Falle von „Twilight“ lege ich andere Maßstäbe an: im Duell „edler Prinz“ gegen „Stieftochter“ – blasser Ärztesohn aus der Bauhausvilla gegen Ureinwohnerkind aus dem Reservat – gewinnt zwar laut Meyer der Typ mit den sauberen Fingernägeln. Moralischer Sieger für mich ist aber Underdog Jacob, der Werwolf aus der Barackensiedlung – Solidarität mit Aschenputtel! Flohpelz hin oder her…

 

 

Fantasyguide: Vielen Dank für das Interview!

 

 

Nachbemerkung: Florian Kührer wies mich in Bezug auf die letzte Frage auf einen kleinen Essay von ihm hin, welchen ich den Lesern nicht vorenthalten möchte: Solidarität mit Aschenputtel! - Er ist meines Erachtens auch als Ergänzung zur Bis(s)-Frage zu verstehen.

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Erstellt: 28.08.2010, zuletzt aktualisiert: 16.05.2019 13:31