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Vampire von Florian Kührer

Monster - Mythos - Medienstar

Rezension von Oliver Kotowski

 

Rezension:

Vampire. Monster – Mythos – Medienstar will mit kritischem Blick die Motivstränge des Vampir-Mythos aufdröseln und gleichzeitig ein bisschen Ideengeschichte betreiben – den Wandel des Vampirs vom schädlichen toten Nachbarn zur glitzernden Popikone. Dazu gliedert der Autor sein Werk in drei Abschnitte auf, die zwischen 50 und 132 Seiten lang sind.

 

Nach einer kleinen Einleitung geht es mit Der Vampir im Volksglauben – ein Monster aus der Mitte der Gemeinschaft los. Kührer geht zunächst die Frage an, was als Vampir bezeichnet werden kann – schließlich gibt es auf der ganzen Welt den Glauben an Verstorbene, die ihr Grab verlassen, wie es den Glauben an übernatürliche Wesen gibt, die das Blut der Menschen trinken. Kührer schließt sich Peter Mario Kreuter an, der in Der Vampirglaube in Südosteuropa den Vampir als toten Menschen, der sein Grab verlässt, um Blut zu ziehen und anderen Schaden anzurichten, definiert. Außerdem sei der Vampir klar als Individuum gekennzeichnet. Weiterhin referiert Kührer, wie jemand (nach dem Vampirglauben) zum Vampir wurde, wie er enttarnt und unschädlich gemacht werden konnte und welchen Nutzen der Vampirglaube der gläubigen Gemeinde bringen konnte. Hier orientiert sich Kührer weiter an die erwähnte Arbeit von Kreuter. Zudem erweist der Autor Hagen Schaubs Blutspuren die Ehre, indem er dessen Kapitel über den Erkenntniswert der Archäologie zusammenfasst und um ein neues Beispiel und ein wenig Medienkritik erweitert. Abschließend werden noch die verschiedenen modernen Deutungen der Vampirepidemien und der immer noch gelebte Glaube gestreift.

 

Dann geht es zum Kern der Arbeit: Monster der Moderne – der Vampir als Medienstar. Hier zeichnet Kührer die Transformation von einem bösen Nachbarn, der einen selbst nach dem Tod keinen Frieden lässt, hin zum glitzernden Mädchenflüsterer nach. Er geht chronologisch vor und beginnt entsprechend mit der Eroberung des Balkanraums. Nachdem die Grenze des Habsburger Reiches in Richtung Kleinasien verschoben wurde, wurden Vampirzwischenfälle aus den neuen Gebieten gemeldet. Man untersuchte und war sich zunächst unklar darüber, was wirklich geschehen war. Die Fälle wurden von den Gelehrten aufgegriffen und ausdiskutiert: Man führte die Vorfälle auf verschiedene lokale Eigenheiten und Rückständigkeiten zurück. Ungefähr zwanzig Jahre später entdeckten die Poeten das Thema für sich und begannen es zunächst zaghaft, dann immer häufiger zu verarbeiten. Kührer behandelt die Vampirgedichte als Vorspiel für die Vampirgeschichten, die den Byronic Vampire verwenden und das Bild (zumindest in der Rückschau) lange prägen sollten. Der Autor geht etwas auf das literarische Umfeld und die Theatervampire ein und kommt dann zu Varney, dem ersten Star der Massenmedien, zu Leopold von Sacher-Masochs vampirische Geschichten, die aus der Heimat der Vampire stammen, und zu Hanns Heins Ewers Vampirgeschichte, die sehr kompatibel mit dem Blut-Teil der Nazi-Ideologie ist. Darauf kann nur eine verhältnismäßig ausführliche Rekapitulation der Auseinandersetzung mit Bram Stokers Roman Dracula folgen, die Kührer mit Fakten und Deutungen zum 'Vorbild' Vlad III. Ţepeş verknüpft; das reicht bis zum 2004 gescheiterten Dracula-Themenpark Rumäniens. Für Kührer wechselt der beachtenswerte Teil der Ideengeschichte mit Walter Murnaus Nosferatu – Symphonie des Grauens zum Film. Er zeichnet rasch die Entwicklung der Darstellung der Draculas/Orloks nach, verliert ein paar Worte zu Interview mit einem Vampir, So finster die Nacht und From Dusk till Dawn u. a., er zeigt kurz zentrale Motivstränge auf und referiert über die "Gratifikation" des Vampirfilms – warum es sich lohnt, Vampirfilme anzuschauen.

 

Damit zum dritten Akt: Globaler Code und blutige Realität – ein Mythos zwischen den Extremen. Der Begriff "Vampir" wird natürlich nicht nur im Volksglauben und im Kontext des Fiktionalen gebraucht. Um die Bedeutung des Bluträubers vollständig zu erfassen, muss man sich erst einmal der Bedeutung des Blutes selbst im Klaren sein; so wird die Verbindung zwischen Kapitalisten und Vampiren viel einleuchtender, wenn man weiß, dass der Geldfluss als Blutkreislauf der Gesellschaft verstanden wurde. Auch der hohe Stellenwert des Bluts als Krankheitsträger ist sehr wichtig. Weiter macht Kührer mit einer knappen Darstellung der Entwicklung des Gegensatzes von femme fragil und femme fatal, der in der Vampirgeschichte viel Raum einnimmt. Dann stellt Kührer fest, dass der Mythos mittlerweile die Kraft hat, die Bewertung der Fakten zu formen – Lilith und Elisabeth Báthory wurden nachträglich von ihm vereinnahmt, statt ihn zu prägen. In Hinblick auf Stephenie Meyers Bis(s)-Reihe stellt Kührer dessen positive Seiten heraus – sie erfüllt den Wunsch nach Wertschätzung, die sich nicht im Geschlechtsverkehr ausdrückt. Nach den gender-politischen Aspekten, geht es zum Rassismus und Antisemitismus; der Mythos ist so stark, dass nicht nur in Europa alle 'Volksschädlinge', vom Kapitalisten über den Gewerkschafter hin zum Pensionär, damit bezeichnet werden können, auch im eher Vampir-fernen Iran kann man Juden als Vampire diffamieren. Damit geht es zu den 'realen' Vampiren. Nach ein paar Worten zum falschen Reverend Montague Summers werden Serienmörder, die von der Presse zu Vampiren stilisiert werden, und Subkulturler, die sich selbst zu Vampiren stilisieren, knapp vorgestellt. Ein Resümee und ein Epilog schließen den Text ab.

 

Vampire. Monster – Mythos – Medienstar ist in erster Linie ein Überblickswerk. Dazu hat Kührer eine Reihe von Zusammenfassungen zusammengestellt – Kreuter, Schaub, Brittnacher, Ramsland und zahlreiche andere mehr; das Literaturverzeichnis ist zehn Seiten lang. Sieht man von Nina Auerbachs Our Vampires, Ourselves ab, habe ich nicht bemerkt, dass ein relevantes Werk fehlen würde. (Mit der drittletzten Frage des Interviews erläutert Kührer, warum das so ist.) Gelegentlich ergänzt Kührer die Zusammenfassungen um eigene, aktuelle Beispiele. Sowohl die Auswahl als auch die Zusammenfassungen selbst sind im Großen und Ganzen gut getroffen. Schwächen sind in der Regel Spiegelungen des wissenschaftlichen Diskurses. So versteht Kührer die Vampirgedichte als Vorstufe der Literatur. Damit wird er meines Erachtens der Bedeutung des Gedichts – und des Vampirgedichts – nicht gerecht. Sieht man von ein paar Hinweisen zum Einfluss von Samuel Taylor Coleridges Christabel auf LeFanus Carmilla ab, gibt es in der Forschungsliteratur selten mehr. Für wirklich bedauerlich halte ich aber das Fehlen eines umfassenden Kapitels zum Vampirmotiv in der Literatur – wie erwähnt, sattelt Kührer mit Nosferatu von der Literatur zum Film über. Das Medium Film hat zwar eine erheblich größere Reichweite als das Buch und es werden auch viele wichtige Werke durch die Filme abgedeckt, doch gerade Letzteres deutet die Kraft der Literatur an: Die überwiegende Mehrheit der bedeutenden Vampirfilme basiert immer noch auf literarische Vorlagen. Das Motiv wird immer noch vor allem in der Literatur weiterentwickelt, die Filme sind eher Derivate.

 

Zum Abschluss will ich noch Vermerken, dass Kührers Unterfangen sich positiv auf das Vampirbild auswirken sollte. Bisher wurde allzu häufig ein bestimmtes Bild auf andere Bereiche projiziert: Gerne stellten Ethnologen, die sich mit dem Vampirglauben befassen, fest, dass es kaum Literatur mit "echten" Vampiren gäbe, Mediziner, die vom Christopher-Lee-Dracula ausgingen, machten seltsame Krankheiten zum Quell der historischen Vampirhysterien und Literaturwissenschaftler, die von Stokers Dracula ausgingen, stellten fest, dass in der deutschsprachigen Literatur des 18. Jh. Vampire nicht heimisch waren. Kührer streicht notwendigerweise einen Wandel des Bildes heraus – im Volksglauben, in den Literaturen der unterschiedlichen Zeiten und Sprachen, in politischen Diskursen wird jeweils der benötigte Vampir konstruiert: Es gibt keinen "echten" Vampir. Kührers Werk sollte dazu beitragen, dass nicht mehr beliebige Vampirbilder zur Beurteilung fremder Diskurse angewendet werden. Gut so.

 

Fazit:

Vampire. Monster – Mythos – Medienstar will mit kritischem Blick die Motivstränge des Vampir-Mythos aufdröseln und gleichzeitig ein bisschen Ideengeschichte betreiben – gelingt dies? Es gelingt weitgehend gut. Der Überblick greift die wichtigen Punkte auf und gibt den aktuellen Stand wieder, ohne dabei abweichende Ansichten allzu viel zu diskutieren. Die Schwächen spiegeln die Schwächen des Forschungsdiskurses wieder, sieht man vom fehlenden umfassenden Literaturüberblick ab. Nichtsdestoweniger hat Kührer ein gutes Überblickswerk für Einsteiger verfasst, das den Wandel der Vorstellungen vom Vampir treffend nachzeichnet.

 

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Sachbuch:

Titel: Vampire. Monster – Mythos - Medienstar

Reihe: -

Original: -

Autor: Florian Kührer

Übersetzer: -

Verlag: Butzon & Berker (Juni 2010)

Seiten: 297 – Klappbroschur

Titelbild: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung

ISBN-13: 978-3-7666-1396-7

Erhältlich bei: Amazon

Weitere Infos:


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Erstellt: 28.08.2010, zuletzt aktualisiert: 19.07.2019 16:56