Artikel: Vampire aller Kontexte vereinigt Euch!
 
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Artikel: Vampire aller Kontexte vereinigt Euch!

Ein kleiner Überblick über die verschiedenen möglichen Bedeutungen des Wortes Vampir

 

Redakteur: Oliver Kotowski

 

Beschreib' mal schnell einen Vampir! – Also, nachts streift er umher um Frauen zu verführen und ihr Blut zu trinken. Er fürchtet das Kreuz und Knoblauch und zerfällt im Tageslicht zu Staub. Er ist ein eleganter, attraktiver Mann, hager, irgendwie düster und mysteriös. Genau genommen sieht er aus wie ein jüngerer Christopher Lee (oder, wenn ihr es seid, die jünger sind, dann sieht er aus wie Gary Oldman). – Ist doch Quatsch: Zwar trinkt er Menschenblut und zerfällt im Sonnenlicht zu Staub, aber der Rest ist bloßer Aberglaube. Außerdem sieht er aus wie Brad Pitt (oder Tom Cruise). – Blödsinn, er leuchtet in der Sonne und trinkt nur das Blut von Tieren! Und er sieht aus wie Robert Pattinson (ooohhh – Cedric Diggory)! – In Wirklichkeit …

 

Verlassen wir die gedachte Diskussion an dieser Stelle: Es wird klar, dass es keine eindeutige Antwort gibt. Kann es gar nicht, schließlich ist der Vampir-Mythos – je nach Auffassung – tausende oder zumindest hunderte von Jahren alt. Das 'Vampir'-Bild antiker Mythen unterscheidet sich klar von dem neuzeitlicher Mythen, welches wieder anders ist als das der gegenwärtigen Literatur. Aber nicht nur das, es gibt nicht einmal einen festen Kern, keine allgegenwärtige Eigenheit, die als conditio sine qua non zu werten wäre.

Es ist meiner Ansicht nach ähnlich wie mit Ludwig Wittgensteins Sprachspielen. Nach Wittgenstein haben Worte keine feststehende Grundbedeutung, sondern können je nach Kontext Unterschiedliches bedeuten. Nehmen wir zum Beispiel das Wort "Spielen": Schach spielen beschreibt eine deutlich andere Tätigkeit als Verstecken spielen; Theater spielen und Flöte spielen meinen wieder anderes und das Muskelspiel oder das freie Spiel der Kräfte weisen in der Bedeutung zwar Ähnlichkeit auf, sind in der Tätigkeit aber sehr unterschiedlich. Je nach Zusammenhang kann ein Spiel etwas geistiges oder körperliches, fröhliches oder ernstes sein, es kann eine Person alleine betreffen oder nur in abstrakten Größen funktionieren. Dennoch weisen viele Situationen ähnliche Konnotationen auf – sie sind quasi miteinander verwandt und sehen einander in gewissen Aspekten ähnlich.

 

Das fängt schon bei der ursprünglichen Bedeutung des Wortes "Vampir" an. Stammt es aus dem Türkischen und heißt so etwas wie "Nichtflieger"? Oder ist es aus dem Polnischen und meint ein "Geflügeltes Gespenst"? Neben diesen Herleitungen gibt es noch einige weitere, besonders die vom "Blutsaugen" ist beliebt – allerdings auch mit einiger Wahrscheinlichkeit falsch, denn hier wird das Pferd von hinten aufgezäumt: Erst die literarischen Vampire rücken das Blutsaugen massiv in den Vordergrund. Die Fixierung moderner Autoren darauf führt bisweilen dazu, dass ein Vampirtext nicht als solcher erkannt wird. Claude Lecouteux befasst sich in seinem kenntnisreichen Buch Die Geschichte der Vampire unter anderem mit den Vorbildern der Vampire; in einem Text geht es um einen Vampir, der seine ehemaligen Nachbarn erschreckt. Lecounteux versteigt sich dazu, den Text nicht zum Vampir-Mythos zuzurechnen, eben weil der Tote kein Blutsauger ist und das, obwohl er klar "Vampir" genannt wird.

 

Im Folgenden will ich einen kleinen Überblick über die verschiedenen Kontexte geben, angefangen mit dem Vampirglauben.

 

Vampire im Volksglauben

Beginnen wir mit den Vampiren des Volksglaubens. Diese Vampire zeichnet aus, dass sie einst als real existent begriffen wurden (und zum Teil auch immer noch werden). Den Volksglauben erreicht man durch Berichte, aber auch Sagen und Märchen, also Texte, die für Ethnologen interessant sind.

 

Beschränkt man sich auf solche Texte, die das Wort "Vampir" oder eine klare Analogie verwenden, dann ergibt sich ein eigentümliches Bild: Der Vampir ist ein aus dem Grabe zurückgekehrter Toter, aber Blut saugt er nur selten. Stattdessen geht er einer Vielzahl von Bosheiten nach. Im Märchen treten sie häufig als Leichenfresser, toter Bräutigam, der seine lebende Braut freit, oder als Gehenkter, der sich für die Schändung seines Leichnams (zumeist an der falschen Person) rächt, auf. In Sagen und besonders Berichten schleudert er Gegenstände umher, schlägt und rüttelt an Türen und Fenstern und veranstaltet generell großen Radau; er neckt das Vieh indem er die Euter von Kühen leer trinkt, Beine und Schwänze zusammenbindet und Pferde böse malträtiert. Man möchte fast sagen, er treibt allerhand üblen Schabernack, doch es beschränkt sich nicht auf groben Unfug – oft genug sorgen sie für den Tod von Menschen: Wenn er sie nicht zu Tode würgt, dann sterben diese an rätselhaften Krankheiten oder gar ohne ersichtlichen Grund.

Auch dieses Bild gilt nur unter Vorbehalt, denn vielfach ist unklar ob ein Begriff in einer anderen Sprache nun denselben oder bloß einen ähnlichen Gegenstand beschreibt – ist der istrische Strigon nun eine Hexe oder ein Vampir und gehört der kroatische Vukodlak zu den blutsaugenden Wiedergängern oder Werwölfen? Wie ist es mit dem Bajang aus Malysia, wie mit der Lamia aus dem antiken Griechenland? Klare Antworten sind hier letztlich nicht möglich.

 

Ähnliches gilt für die besonderen Stärken und Schwächen und selbst das Aussehen sogar für die eindeutigen Vampire, die aus dem südosteuropäischen Raum stammen. Weit verbreitete Stärken sind die Fähigkeit sich in einen Wolf oder anderes zu verwandeln und die übernatürliche Starke z. B. des gehenkten Vampirs; zu den bizarreren Talenten gehört die Fähigkeit sich in eine Scheune oder einen mit Öl gefüllten Ziegenlederschlauch zu verwandeln. Knoblauch und christliche Riten und Symbole vertreiben nicht nur Vampire, sondern helfen stets gegen das Übernatürliche. Vernichten lassen sie sich ebenfalls durch Allzweckheilmittel: Wer einen Toten mit einem Pfahl an den Erdboden nagelt, den Schädel mit einem Spaten abtrennt oder gleich ganz verbrennt, sorgt nicht nur dafür, dass der Vampir nicht zurückkehrt, sondern ganz allgemein dafür, dass die Toten die Lebenden in Frieden lassen – gibt es keinen Körper, kann dieser nicht gefährlich werden.

Auffällig sind drei 'Mängel' der Vampire des Volksglaubens, die eine eminente Position in fiktionalen Geschichten einnehmen: 1. Sie sind keine Adligen, sondern in der Regel tote Nachbarn, d. h. Bauern, Handwerker oder Tagelöhner. 2. Sie können sich nicht in Fledermäuse verwandeln; das mag damit zusammenhängen, dass erst mit den heimkehrenden Konquistadoren Berichte über Vampirfledermäusen von Südamerika nach Europa gelangt sind. 3. Sie zerfallen im Sonnenlicht nicht zu Staub; es gibt allerdings Geschichten, in denen Vampire 'sterben', wenn sie am Tage nicht in ihrem Grab liegen.

 

Im frühen 18. Jh. kam es nach der 'Rückeroberung' südosteuropäischer Landstriche durch das Habsburger Reich und einer Reihe von Vampirfällen – hier seien stellvertretend die von Peter Plogosovitz 1725 in Kisolova und Arnod Paole 1732 in Medvegi genannt – zum letzten hellen Aufflackern des Vampirglaubens: Es wurden zahlreiche wissenschaftliche Traktate verfasst, die diese Fälle erklären sollten. Schließlich schien die Existenz von Vampiren unhaltbar und Maria Theresia erließ 1755 ein Gesetz, das die Verstümmelung und damit auch die Enthauptung von Leichen verbot. So wurde aus einem Glauben ein Aberglaube – der Vampir war von nun an offiziell ein Mythos.

Zwar nahm die Zahl der Vampirfälle seither stetig ab, doch gänzlich verschwanden sie nie: 1909 wurde beispielsweise nahe Hermannstadt das Schloss Bethenykörös von einem Mob abgebrannt – der letzte Schlossherr soll ein Vampir gewesen sein; der Roman Bram Stokers zeigte Wirkung. Auch in der Gegenwart gibt es Menschen, die Vampire für real halten – dazu mehr in einem späteren Kapitel, jetzt geht es zu den historischen Vampiren.

 

Die historischen Vampire

Die im vorigen Kapitel betrachteten vampirischen Aktivitäten waren entweder keine direkte Reflektionen auf reale Ereignisse – wie bei den Märchen oder z. T. bei den Sagen – oder wenn sie sich auf reale Ereignisse bezogen, dann wurden diese nie auf die Aktivitäten lebender Menschen bezogen: Peter Plogosovitz und Arnod Paole wurden erst als Leichen gefährlich – erst nach ihrem Tod schädigten sie die Lebenden und folgerichtig wurden Leichen bestraft. Oftmals wurden reale Unglücksfälle, die keine (zu jener Zeit) plausiblen Erklärungen fanden, dem Vampir zugeschrieben. Dann musste nur noch herausgefunden werden, wer der Vampir ist und die Gefahr war schon halb gebannt.

 

Bei den historischen Vampiren ist das anders. Hier werden die Aktivitäten der Menschen als sie noch lebten in irgendeiner Weise mit dem Vampirismus in Verbindung gebracht. Hierbei handelt es sich in der Regel um Mörder (die einzige mir bekannte Ausnahme stellt Victor Ardisson, ein bloßer Nekrophiler, dar), meistens sogar um Massenmörder. Die Taten müssen in irgendeiner Art auffällig sein, oftmals sind sie besonders blutrünstig, häufig mit sexuellen Motiven oder Kannibalismus verknüpft.

Der bekannteste historische Vampir ist selbstverständlich Vlad III. Der transsilvanische Fürst ist der Sohn von Vlad II., der den Beinamen "Dracul" trug, weil er Mitglied des 1418 von Kaiser Sigismund gestifteten Drachenordens war. Vielfach wurde vermutet, dass Vlad III. seinen Beinamen "Draculea" daher habe. Interessanterweise bezeichnet das Wort "drac" im Rumänischen den Teufel, so dass auch hier Parallelen gezogen wurden. Vlad III. hat von der Nachwelt noch einen weiteren Beinamen verliehen bekommen, nämlich Ţepeş, was soviel wie "Pfähler" heißt. Ob der germanophobe Woiwode nun wirklich übermäßig häufig zur Hinrichtung durch Pfählung griff, ist allerdings unklar – zumindest wurde ihm dieses von der deutschen Überlieferungstradition vorgeworfen. Auch die Verbindung zu Bram Stokers Romanfigur Dracula wird heiß diskutiert: Hat der Romancier sein fiktives Monster dem historischen Mann nachgestaltet – oder sind es bloß einige späte, oberflächliche Modifikationen gewesen, die die beiden verbinden?

Auch der französische Graf Gilles de Rais, der Kindermörder und Satanist war Jeanne d'Arcs Kampfgefährte und Vorbild für die Märchenfigur des Blaubart, und die ungarische Erzébet (Elisabeth) Báthory, die 'Blutgräfin' soll im Blut von Jungfrauen gebadet haben, waren brutale Mörder, die nachträglich als Vampire bezeichnet wurden. Neuere Fälle gibt es zahlreiche: Fritz Haarmann, John George Haigh, Peter Kürten, Martin Dummolard, Antoine Léger und Joseph Vacher sind nur einiger der Mörder, die zu den historischen Vampiren gerechnet wurden und werden.

Von besonderem Interesse ist allerdings der Fall des Rod Ferrell. 1998 wurde der US-Amerikaner für den Mord an den Eltern seiner Freundin für schuldig befunden. Diese Morde sollten seine Macht in der Hölle mehren, denn er hielt sich für den uralten Vampir Vesago, das Oberhaupt eines Vampirklans.

 

Den meisten dieser Mörder wurde eine psychologische Störung attestiert – doch die Psychologen kennen noch andere Vampire. Dazu mehr im nächsten Kapitel, in dem es um die lebenden Vampire geht.

 

Die lebenden Vampire

Zwischen historischen und lebenden Vampiren lässt sich nicht strickt trennen, da beide Begriffe auf reale Menschen gemünzt sind. Grob gesagt werden historische Vampire aufgrund von Morden "Vampir" genannt, während "lebender Vampir" eine Reihe von unterschiedlichen Menschengruppen trifft, die zwar in irgendeiner Weise Vampir-affin sind, aber deswegen keine Kapitalverbrechen begehen.

 

Wie die meisten historischen Vampire ein Fall für den Psychologen sind, sind es auch einige der lebenden Vampire – als Blutfetischisten. Als hämatophil werden bisweilen Menschen bezeichnet, deren positive Beziehung zum Blut rein ideell ist. Magnus Hirschfeld weiß von einem Bericht über eine Frau, die sich unter anderem wünschte Blut aus den Ohren anderer zu trinken. Diese Wünsche werden allerdings nicht direkt, sondern nur indirekt ausgelebt: Blutrot wird als Farbe bevorzugt, Blutorangen als Obst, etc. Hämatodipsie stellt die folgerichtige Steigerung dar: Es ist das tatsächliche erfassen des Blutes mit den Sinnen – sehen, riechen, schmecken – das bei entsprechenden Personen positive Gefühle auslöst. Häufig wird nicht zwischen den Symptomen der Hämatophilie und der Hämatodipsie unterschieden; sie werden dann alle als Hämatophile abgehandelt. Zuweilen wird auch eine spezielle Art des Sadismus, bei dem der Sadist seinem Partner in die Kehle beißt, als Vampirismus bezeichnet.

 

Häufiger sind allerdings die so genannten emotionalen Vampire (mitunter auch Energie-Vampire oder psychische Vampire); darunter versteht man Menschen, die unter verschiedenen psychischen Störungen leiden können. Möglicherweise sind sie bloß traumatisiert und können daher kaum Emotionen weitergeben, bedürfen ihrer aber besonders. Der US-amerikanische Psychologe Albert J. Bernstein verwendet den Begriff gleich für eine ganze Reihe von manipulativen Persönlichkeitsstörungen, bei denen jeweils das Fordern von positiven Emotionen – Spaß, Liebe, Anerkennung – deutlich über dem Geben solcher Emotionen steht.

Dann gibt es Menschen, die ihre reale oder eingebildete Persönlichkeitsstörung mit den positiven Seiten des literarischen Vampirbildes zu glorifizieren versuchen; sie sprechen dann von PSI-Vampiren oder dergleichen, die sich am esoterischen Energiehaushalt des Opfers laben.

 

Auch die Vampyre bedienen sich für ihren Lebensstil bei den verschiedenen Vampirbildern, vor allem den fiktionalen. Bei ihnen handelt es sich um eine sehr uneinheitliche Gattung: Vielleicht kleiden sie sich wie Goths, vielleicht ganz normal, vielleicht trinken sie Blut, vielleicht auch nicht – aber auf jeden Fall meinen sie es ernst, denn schließlich sind sie Vampyre! Deutlich differenzierter findet man in Britta Radkowskys Arbeit Moderne Vampyre. Mythos als Ausdruck von Persönlichkeit keine klare Linie.

Bei einigen Vampyren gehen Lifestyle und Life-Rollenspiel – besonders nach den Regeln von Vampire: The Masquerade – eng zusammen. Aber bevor wir uns den Vampirgeschichten in ihren verschiedenen Formen zuwenden, werfen wir einen kurzen Blick auf abstraktere Formen des Vampirtums.

 

Der abstrakte Vampir

In den zuvor behandelten Kontexten ist immer wieder die Schädlichkeit des Vampirs thematisiert worden – gäbe es nicht wenige Ausnahmen, könnte man darin die conditio sine qua non des Vampirs sehen. Oftmals manifestiert sich diese Schädlichkeit im Saugen der Lebenskraft des Opfers, sei es nun durch das Blut oder durch mystische Verbindungen wie beim mythischen Nachzehrer oder modernen PSI-Vampir.

Kein Wunder also, dass dieses Bild auf gesellschaftliche Zusammenhänge übertragen wurde. Schon Voltaire sah in den Mönchen die wahren Vampire: Weil sie seiner Ansicht nach aufgrund ihrer Profession Ressourcen verbrauchten konnten ohne etwas dafür zu geben, hielt er sie für Schmarotzer an Bauern und König. Kapitalisten, die er in London ausmachte, hielt er zwar schon für ziemlich verrottet, aber noch nicht vampirisch. Karl Marx war in seinem Urteil weniger nachsichtig: So wie sie den Arbeiter ausbeuten, seine Lebenskraft rauben ohne etwas zu geben, waren sie gleich dem mythischen Vampir. Aber nicht nur die Kapitalisten, Marx hielt das ganze System für den Vampir – abstrakter geht es kaum noch: Das System Kapitalismus entsaugt dem Proletariat (und im geringeren Maße auch den anderen Klassen) die ökonomische Lebenskraft. Ähnliches wurde übrigens auch anderen politischen Systemen wie dem britischen Imperialismus vorgeworfen und während des Zweiten Weltkriegs karikierten US-amerikanische Zeitungen japanische Bomberpiloten als Vampire; wer im Dritten Reich als "Volksschädling" und Vampir maskiert wurde, braucht nicht eigens erwähnt zu werden.

 

Norbert Borrmann geht in seinem Buch Vampirismus noch weiter: Er versucht den Vampirismus als zentralen Wesenszug allen menschlichen Lebens zu kennzeichnen, vom Säugling, der mit der Milch seiner Mutter die Vitalität aus dem Leib saugt, über Diktator Adolf Hitler, der für seine Gier nicht nur die Deutschen bluten ließ, bis hin zur Menschheit, die an Mutter Natur ökologischen Raubbau betreibt.

Wie vergleichsweise hausbacken ist doch Frank Koschembars Vergleich, den er in seinem Buch Der Vampir-Effekt. Wie Kinderwerbung wirkt aufstellt: Es ist der vampirus reklamis, der das Geld aus den Taschen von Kindern und Eltern saugt; des Marxens Metapher wirkt nach.

 

Nun aber endlich zum Versprochenen: Den Vampirgeschichten.

 

Der Vampir der Vampirgeschichte

Vampirgeschichten lassen sich in allen erdenklichen Medien erzählen. Da sind die klassischen Formate der Erzähltexte wie Roman, Kurzgeschichte etc. pp., selbstverständlich auch die anderen Literaturformen wie Lyrik und Drama, sogar Opern und seit knapp hundert Jahren der Film. Neuerdings kommen noch Rollenspiele und Computerspiele – und im weiteren Sinne auch herkömmliche Brett- und Kartenspiele – Hörspiele, Comics und das Musical hinzu. Vielmehr noch als bei den anderen Kontexten ist es kaum möglich die Verwendung des Motivs umfassend darzustellen. Daher soll hier nur eine Entwicklungslinie aufgezeigt werden; es handelt sich dabei vielleicht nicht um die eine zentrale – die gibt es möglicherweise gar nicht – aber mindestens um eine sehr wichtige, was das Bild des Vampirs im Alltagsdiskurs angeht. Bei der Auswahl der Filme habe ich mich sehr schwer getan, aber auch bei der Literatur fehlen natürlich viele wichtige Werke – auf Varney, Carmilla, Barlow und wie sie alle heißen, muss an anderer Stelle eingegangen werden.

 

Der erste propere Vampir der Literatur dürfte wohl der des Gedichts Mein liebes Mädchen glaubet von Heinrich August Ossenfelder sein. In dem 1748 veröffentlichten Text wird das Vampir-Motiv mit dem Thema Sexualität verknüpft: Wie ein Vampir will der Liebhaber sein Christianchen des Nächtens besuchen. Aus verschiedenen Gründen dürfte Johann Wolfgang von Goethes 1797 veröffentlichtes Die Braut von Korinth, in dem die tote Liebende aus dem Grab zum lebenden Geliebten zurückkehrt, bekannter sein. Dieses Gedicht inspirierte Lord Byron 1816 zu dem Romanfragment, das sein damaliger 'Freund' und Arzt William Polidori 1819 zur bekannten Novelle Der Vampyr weiter verarbeitete. Auch wenn es nicht der älteste Erzähltext mit Vampir ist, so ist es doch der älteste erhaltene. In ihm tritt mit Lord Ruthven ein Vampir auf, der schon alle zentralen Eigenheiten besitzt: Der adlige Blutsauger ist ein Untoter, der mit Vorliebe die Tugendhaften (sprich: junge Damen) und Verzweifelten (sprich: glücksspielende Familienväter) ins Unglück stürzt. Dracula, der Vampir des 1897 erschienenen Romans gleichen Namens von Bram Stoker, weist viele Ähnlichkeiten auf: Er ist adlig, untot, saugt Blut und ist hinter schönen jungen Frauen her – allerdings nicht um sie zu verderben, das ist ein bloßer Nebeneffekt – sondern weil sich der grausame Machiavellist an seinen Widersachern rächen will. Auch wenn Dracula der bekannteste vampirische Erzähltext ist, hat er nur begrenzt und indirekt die Vorstellungen vom Vampir geprägt. Dieses bleibt den zahlreichen Verfilmungen überlassen.

 

Einen Meilenstein legte F. W. Murnau mit seinem Stummfilm Nosferatu: Eine Symphonie des Grauens von 1922. Es ist die sehr freie Verfilmung von Stokers Dracula. Hier wird vorsichtig eine wichtige Neuerung eingeführt: Graf Orlok, das Schreckgespenst der Nacht, wird vom Tageslicht getötet – er verschwindet wie Nebel im Morgenlicht. Richard Mathesons Roman Ich bin Legende von 1954 greift diesen Punkt auf und verstärkt ihn: Alte Vampire zerfallen im Sonnenlicht zu Staub. Matheson stellt Dracula quasi auf den Kopf, wenn am Ende der Jäger der von Viren geschaffenen Vampire die Funktion des teuflischen Mörders aus der alten Welt übernimmt – aus dem letzten Menschen ist das eigentliche Monster geworden. In die fatale Falle wird er übrigens von einer attraktiven, hübschen Vampirin gelockt. Doch Mathesons Geschichte übte lange Zeit mehr Einfluss auf den Zombiefilm (George R. Romero richtete seine Zombies an Mathesons Virenvampire aus) als auf das Vampirbild aus.

 

Auf dieses übte allerdings Terence Fishers Film Dracula von 1958 den nachhaltigsten Einfluss aus: Seither sehen Vampire in der Werbung Christopher Lee mit schwarzem Cape (nach Borrmann ein Überbleibsel der früheren Theaterinszenierungen) ähnlich und verbrennen im Sonnenlicht. Auch wenn man sich vom subtilen Grusel der gothic novel radikal verabschiedet hatte – immer hin einer der frühen Farbfilme; wie soll man da auf so schön rotes Blut verzichten? – ist der machtgierige Dracula Lees direkter an Stokers Dracula dran als viele andere Film-Draculas.

Nach der Veröffentlichung des Romans Dracula hatte es eine lange Zeit gegeben, in der nur relativ wenige Erzähltexte mit Vampiren veröffentlicht wurden und noch weniger originelle Geschichten. In den 70er Jahren änderte sich dieses dauerhaft. Zwar ist es nicht alleine Anne Rices Verdienst, doch mit dem Roman Interview mit einem Vampir aus dem Jahr 1976 lieferte die Autorin nicht nur den erfolgreichsten Beitrag dieser Welle, sondern legte auch den Grundstein zum Erfolg eines neuen Typ Vampirs: Schwermütige Feingeister, Lust betont, dekadent, amoralisch. Der christliche Ritus hat als Waffe gegen den Vampir ausgedient und ist weitgehend durch das Sonnenlicht ersetzt worden. Ohne auf die Werke im Einzelnen einzugehen, will ich hier auf eine wichtige Wandlung im Duktus der Vampirgeschichte hinweisen. Vielfach wurden die Texte mit einem gesellschaftskritischen Subtext unterlegt, wobei die alte Verknüpfung von Vampir und Sexualität sich gut für Gender-Aspekte eignet und das Blut im Vampir- wie in Rasse-Diskursen eine zentrale Rolle spielt.

 

In den 90ern tat sich wiederum einiges. 1991 veröffentlichte Mark Rein-Hagen die erste Auflage des Erzählrollenspiels Vampire: The Masquerade. Nach D&D ist es das erfolgreichste Rollenspiel: Es sind nicht nur unzählige Exemplare der zahllosen Erweiterungsbände der verschiedenen Auflagen verkauft worden, es wurden einige offizielle Romane zum Setting und viel mehr inoffizielle Geschichten geschrieben und sogar eine (allerdings wenig erfolgreiche) Fernsehserie – Kindred: The Embraced – gedreht. Der Spieldesigner führte in seinem Setting die verschiedensten Vampir-Traditionen mit Hilfe eines hübschen Kniffs plausibel zusammen: Es gibt verschiedene Klane und Blutlinien, die sich z. T. erheblich von einander unterscheiden. Um nicht von den Menschen erkannt und gejagt zu werden, spielen sie die Titel gebende Maskerade und da sie einen geheimen Krieg um die Macht miteinander führen, nimmt ihre Zahl nicht überhand. Diese und weitere Motive wie der ewige Krieg zwischen Vampiren und Werwölfen finden mit dem Erfolg des Rollenspiels verstärkt Eingang in Literatur und Film. Zwei Verfilmungen aus den 90ern geben dem Genre einen zusätzlichen Schub: Francis Ford Coppolas Bram Stoker's Dracula aus dem Jahr 1992 und Neil Jordans Interview mit einem Vampir von 1994. Außerdem gaben sie der aktuellen Welle des Genres den entscheidenden Impuls: Keine Frau (oder zumindest fast keine) kann der geballten Charme-Attacke von Gary Oldman, Brad Pitt und Tom Cruise widerstehen – Vampire sind sooo romantisch.

 

Selbst die Serie Buffy – Im Bann der Dämonen konnte (oder wollte) sich diesem Image nicht ganz entziehen. Zwar drehte Joss Whedon von 1997 bis 2003 eine Vielzahl von Klischees auf dem Kopf und gab dem Vampir einen alten, aber durchaus interessanten Dreh – ein dämonischer Geist nahm einen menschlichen Leichnam in Besitz und machte ihn zum Blutsauger – doch blieb einer der Fürsten der Nacht für längere Zeit in Sunnydale, so entstanden stets gewisse Spannungen; könnten Vampire Kinder zeugen, hätte Buffy verhüten müssen. Insgesamt ist die Serie weniger eine Vampirgeschichte als viel mehr ein Kommentar zur populären Vampirgeschichte – damit ist es wohl die erste postmoderne Vampirserie und meines Wissens nach bisher auch die einzige.

Den Abschluss meiner Aufzählung will ich mit einer Geschichte des neuen Jahrtausends setzen: Stephenie Meyers 2005 veröffentlichter Auftakt Biss zum Morgengrauen ist nicht nur außerordentlich erfolgreich – die Medien haben sie zur Thronfolgerin von J. K. Rowling gekürt – sondern führte auch die Entwicklung des romantischen Vampirs zu einem bisherigen Höhepunkt, denn Vampir Edward dürfte der Traum aller (oder zumindest fast aller) jungen Frauen sein. Und nicht nur das, im Sonnenlicht erstrahlt das ritterliche Raubtier für die geliebte Beute in engelsgleicher Schönheit. Edward ist für die Romanze, was die Eierlegende Wollmilchsau für die Agrarwirtschaft ist – unübertrefflich. Ach ja: Vampire und Werwölfe befehden sich auf's Blut.

 

Dieses waren nur ein paar Glanzlichter eines Entwicklungsstrangs der Vampirgeschichten. Man sieht schon an den wenigen herausgehobenen Details die Entwicklung und die Vielfalt des Motivs: Vom Verderber tugendhafter Frauen zum Kavalier für moralisch Herausgeforderte, von Dämonen besessene Leiche oder Virenopfer, den vielleicht das Kreuz oder die Sonne vernichtet, vielleicht aber auch beides kalt lässt. Und dabei bin ich weder in die Tiefe gegangen, noch habe ich vampirische Autos, Aliens, Orchideen oder ähnliche Bizarrheiten bemüht. Doch auf der anderen Seite sind hoffentlich ein paar wichtige ´Themen deutlich geworden, die zwar nicht notwendigerweise, aber doch sehr häufig angegangen werden: Der Vampir ist ein Untoter, oder zumindest ein phantastischer Lebensräuber, zumeist via Blutentzug, der charmant und aus der Position sozialer Stärke heraus nicht nur die Penetration des Halses verspricht. Weit von Lord Ruthven hat sich dieser Strang in diesen wesentlichen Punkten nicht entfernt.

 

Fazit:

Vergleicht man nun die Verwendungen des Wortes "Vampir", dann kann man nur zu einem Schluss kommen: Es gibt keinen gemeinsamen Kern, keine gemeinsame Grundbedeutung. "Vampir" kann eine Figur des Volksglaubens bezeichnen, die sich in eine Scheune verwandeln kann, kann einen blutrünstigen, realen Mörder, ein ausbeuterisches System, einen Blutfetischisten oder eine literarische Figur, die von den Toten zurückkehrt um von den Lebenden das Blut zu saugen, sein. Da ist nicht einmal der ontische Status des Bezeichneten klar: fiktiv oder real, lebender Mensch, Untoter, oder Abstraktum. Bei den Attributen geht es noch weiter auseinander; selbst die weit verbreitete negative Konnotation ist nicht übergreifend: Vampyre halten ihr Dasein sicher für nichts Schlechtes. Und dabei wurden Vampirfledermäuse und andere blutsaugende (bzw. leckende) Tiere nicht betrachtet, wurde nur ein kleiner Überblick, der weder in die Tiefe, noch in die Breite ging, geboten; wer seinen Blick weiter schweifen lässt, wird besonders in der Literatur auf die ungewöhnlichsten Figuren stoßen.

 

Nichtsdestotrotz gibt es einige gewichtige Themen: So ist der Vampir häufig eine Art smarter Räuber, Ausbeuter oder Schmarotzer. Krankheit spielt sehr häufig eine große Rolle – der Vampir wird mit einem Kranken verglichen, ist vielleicht selbst krank, macht krank oder ist gar eine Krankheit. Nicht umsonst ist der bekannteste Vampirjäger ein Medizinprofessor. Auch hat der Vampir oftmals ein positives, lustvolles Verhältnis zum Blut; vielleicht konsumiert er es, vielleicht ein Substitut, vielleicht aktiviert es seinen Sexus, vielleicht sind die Späne, die fallen, wenn er hobelt, Blutspritzer. Wenn das Wort "Lust" fällt, ist das Wort "Sexualität" nie fern – und so ist es auch beim Vampir: Ob idealisierte Emotion oder bloße Lust, zumeist ist der Vampir sexy. Es ist wiederum kein Zufall, dass der Vamp, die moderne femme fatal, sich vom Vampir herleiten lässt.

Wenn man sich auf gewisse Kontexte beschränkt, lassen sich noch weitere übergreifende Themen aufzeigen. So sind die fiktiven Vampire sehr häufig Untote oder zumindest paranormal – den realen Vampiren steht diese Option natürlich nicht zur Verfügung.

 

Beinahe obligatorisch ist die abschließende, halb ironisch, halb ernst gemeinte Frage, ob es sie vielleicht doch existieren, die echten Vampire. Das halte ich für albern – selbstverständlich gibt es die realen Vampire, doch die sind nicht gemeint, und ebenso selbstverständlich gibt es die mythischen Vampire nicht. Dieser Umstand ist einer der zwei gewichtigen Gründe für den großen Erfolg und die Vielzahl der Vampir-Bilder; wenn es nichts Konkretes gibt, das man hervorzeigen kann, dann kann der Vampir alles das sein, was du will: Ein schreckliches Monster, dass du mit deinem Mut und festen Willen vertreiben kannst, ein verführerischer Vamp, den du pfählen kannst, oder ein ritterliches Raubtier, dass dich vor der grausamen Welt beschützt. Der andere Grund ist das Alter des Begriffs – so wie man heutzutage in einer Drogerie keine Drogen mehr erhält, ist dass zentrale Vampirbild nach dem Film Interview mit einem Vampir ein anderes als vorher, ganz zu schweigen von dem Bild, dass die Mitbürger des Peter Plogosovitz hatten.

 

Ich habe weitgehend auf eine Wertung der jeweiligen Verwendungen verzichtet; es ist mir, das sei gesagt, manchmal nicht leicht gefallen, denn ich halte nichts davon, Adolf Hitler oder gar Maximilien de Robespierre als Vampire zu bezeichnen, wie man dieses beispielsweise bei Borrmann findet. Auch denke ich, dass, weder Menschen mit manipulativer Persönlichkeitsstörung oder gar Opfer von Traumata mit diesem Begriff belegt werden sollten – er verschleiert mehr als er klärt. Doch der geneigte Leser mag für sich selbst entscheiden, in welcher Situation er den Begriff "Vampir" als passend empfindet.

Ich hoffe, dass die komplizierten und komplexen Wechselwirkungen zumindest etwas klar geworden sind und dieser Überblick bei den folgenden Artikeln hilft, das Besprochene ein wenig in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, denn wir – die Redakteure des FantasyGuide – planen in der nächsten Zeit verschiedene Aspekte, die hier nur angerissen werden konnten, vertiefend zu behandeln.

 

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Bram Stoker

Anne Rice

Stephenie Meyer

Weitere Infos:

Vampire: Requiem (ergänzendes Regelwerk) - Eine ausführliche Rezension zum Nachfolger von Vampire: The Masquerade


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Erstellt: 04.01.2009, zuletzt aktualisiert: 11.07.2024 19:06, 8041