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Edgar Allan Poe und der Vampir

Redakteur: Oliver Kotowski

 

Edgar Allan Poe ist einer der bekanntesten Autoren von Horror-Kurzgeschichten überhaupt. Der Vampir ist das erfolgreichste Motiv des Horrors. Poe war vor allem in den dreißiger und vierziger Jahren des 19. Jh. schriftstellerisch tätig – seit den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts, nach der Veröffentlichung von John William Polidoris Der Vampyr trat der Vampir seinen Siegeszug im englischen Sprachraum an, zunächst auf der Theaterbühne, dann auch zunehmend im Erzähltext. Da muss es doch auch Werke von Poe geben, zumal er sich mit dem Thema der schönen Toten, des Scheintodes und dergleichen intensiv befasst hatte! Entsprechend finden sich immer wieder verschiedene Geschichten Poes in Kurzgeschichtensammlungen mit dem Vampir als Schwerpunkt – zuletzt nahm Frank Festa Ligeia in seine 2007 erschienene Anthologie Denn das Blut ist Leben mit auf. Aber ist die Aufnahme auch gerechtfertigt? Oder gehört Poe zu den Autoren, die "schon eher Krampfhaft [versuchen] das Vampirgenre um neue Ideen zu bereichern", wie es ein enttäuschter Amazon-Kunde formulierte? Werfen wir einen Blick auf die in Frage kommenden Geschichten!

 

In der 1835 erschienenen Geschichte Berenice geht es um die Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler Egaeus und seiner Cousine Berenice; die beiden leben im Familienschloss zusammen. Während die schöne Berenice zwar ein lebenslustiges Wesen hat, aber auch unter einer schleichenden Krankheit leidet, ist Egaeus ein eigenbrödlerischer Sonderling. Er liebt seine Verwandte, allerdings nicht ihren Körper – er bemerkt ihren Verfall kaum – sondern das, was sie repräsentiert, besonders ihre Zähne, die er für Ideen hält. Nach einem weiteren Krankheitsschub wird die scheintote Berenice in der Gruft beigesetzt. Egaeus schleicht sich zu der Geliebten und bricht ihr die Zähne heraus.

Im selben Jahr veröffentlichte Poe Morella. Darin geht es um die Beziehung zwischen dem Ich-Erzähler und seiner faszinierenden Frau Morella. Da sie ihm in allen Belangen überlegen ist, frustriert er bald, und als sie erkrankt, wünscht er ihr den Tod. In ihrem Sterbebett bringt sie noch die gemeinsame Tochter zur Welt und prophezeit dem Erzähler eine bittere Zukunft. Den gruselt die Tochter, denn sie wächst schnell heran und wird ihrer Mutter immer ähnlicher. Als sie zehn Jahre alt geworden ist, beschließt er ihr einen Namen zu geben – unwissend warum, nennt er sie "Morella". Da flüstert es aus dem Grab: "Hier bin ich!" Die Tochter stirbt daraufhin und muss alleine in der Gruft liegen, denn die Leiche ihrer Mutter ist verschwunden.

Drei Jahre später folgt dann Ligeia. Zentral ist die Dreiecksbeziehung zwischen dem Ich-Erzähler, seiner ersten Frau Ligeia und seiner zweiten Frau Rowena. Ligeia ist die perfekte Frau: schön, klug, gebildet und willensstark. Sie wird krank und stirbt. Der Erzähler verheiratet sich erneut, kann Rowena aber nicht ausstehen. Bald wird auch sie krank und stirbt. Während der Totenwache geschieht Unheimliches: Der Körper der Toten bebt ein wenig – dann liegt er wieder still. Ist Rowena nur scheintot? Der Erzähler beginnt mit erfolglosen Wiederbelebungsmaßnahmen. Der Vorgang wiederholt sich mehrfach in der Nacht, bis der Opium konsumierende Erzähler dem Wahnsinn nahe ist. Schließlich erhebt sich die Tote – doch ist es nicht Ligeia, die zurückkehrte? Oder ist der Erzähler nun endgültig dem Wahnsinn verfallen?

1839 wurde eine der bekanntesten Geschichten Poes erstmals abgedruckt: Der Untergang des Hauses Usher. Hier geht es wiederum um ein Beziehungsdreieck, aber ein Eckpunkt wird zunächst deutlich vernachlässigt: Der Ich-Erzähler besucht seinen alten Freund Roderich Usher und dessen Schwester Madeline. Die beiden Freunde verbringen viel Zeit miteinander und ignorieren die kranke Frau weitgehend, bis sie verstorben ist. Da sie an Starrkrämpfen litt und der Hausarzt unzuverlässig scheint, wird die zunächst im Kellergewölbe aufgebahrt. Seltsame Geräusche belasten das Nervenkostüm des eh' schon labilen Roderichs, doch als Madeline in blutigen Leichentüchern gehüllt sich auf ihren Bruder stürzt, treibt es ihn endgültig in den Zusammenbruch. Mit den beiden stirbt nicht nur das Geschlecht aus, auch das Haus stürzt ein.

Drei Jahre später folgt dann mit Das ovale Porträt die letzte und meiner Ansicht nach die beste "Vampir"-Geschichte Poes. Ein reisender Ich-Erzähler übernachtet in einem verlassenen Schloss. Weil er nicht schlafen kann, beschäftigt er sich mit den Gemälden im Schloss. Eines beeindruckt ihn besonders: Das sehr lebendig wirkende Porträt einer jungen Frau. Sie war von ihrem Mann, der ein erfolgreicher Künstler war, gemalt worden und je weiter die Arbeit am Bild fortschritt, desto weiter schritt auch die geheimnisvolle Krankheit seiner Frau fort, desto weniger beachtete er sie. Als das Bild fertig war, rief er erstaunt aus, dass es lebendig sei, allein seine Frau hörte es nicht mehr, da sie just in diesem Moment gestorben war.

 

Man sieht, ein Leichnam, der aus dem Grabe zurückkehrt um das Blut der Lebenden zu saugen, taucht in keiner Geschichte auf. Kann man sie dennoch zu den Vampirgeschichten rechnen?

Zunächst einmal fällt der jeweils ähnliche Schauplatz auf: Es sind einsame, heruntergekommene Schlösser oder Anwesen. Diese Schauplätze finden sich häufig in der Vampirgeschichte – hier sei nur an Schloss Dracula, Schloss Karnstein und Schloss Brancova erinnert. Doch ein zwingendes Motiv ist es keineswegs – tatsächlich lieben die modernen Vampire schicke und funktionable Einrichtungen: Weder Lestat noch Dr. Weyland hausen gerne in einem Loch, auch wenn es gerne etwas abgeschieden liegen kann. Das verfallene Schloss bzw. Anwesen ist eigentlich ein typisches Merkmal der gothic novel – die symbolische Kulisse spiegelt die verrottete Gesinnung und Entfremdung des Bösen von der Gesellschaft wieder. Poe versuchte mit seinen Geschichten nun die 'deutsche Schauergeschichte' für den amerikanischen Leser zu erschließen. Dazu übernahm er häufig die geschichtsträchtigen europäischen Schauplätze, die in den geschichtslosen USA über die symbolische Kulisse hinaus fest mit den negativen Seiten des Europas verbunden waren, vor dem die Kolonisten einst geflohen waren. Mit dem Plot hat er allerdings weitgehend gebrochen: Statt gruseliger Abenteuergeschichten, verfasste er conte cruel – oder sich daran Orientierendes.

Das findet sich bei den hier betrachteten Geschichten wieder: Es geht jeweils um einen Mann, der eine sexuelle bzw. sexualisierte Beziehung zu einer Frau unterhält. Die Frau leidet in der Regel an einer Form der Schwindsucht und erliegt ihr anscheinend. Dann wird sie bestattet, aber das ist nicht das Letzte, was man von ihr hört: In irgendeiner Form kehrt die (häufig: inzestuös) Geliebte aus dem Grab zurück. Hier ahmte übrigens das Leben die Kunst nach: 1847 erlag seine vierundzwanzigjährige Cousine Virginia ihrer Tuberkulose; Poe hatte sie elf Jahre zuvor geehelicht und ließ ihre schöne Leiche noch porträtieren.

Bei Madeline und besonders Berenice ist der Fall eindeutig: Sie waren bloß Scheintot; nichts Übernatürliches hat sich ereignet. Bei Ligeia ist die Angelegenheit weniger klar: Ist Ligeia zurückgekommen – dann hat eine Art übernatürlicher Seelentausch stattgefunden – oder ist der Erzähler wahnsinnig geworden – dann gibt es wiederum kein übernatürliches Element (und damit ist die Geschichte der todorovschen Phantastik zuzuordnen). Morella ist anscheinend in ihrer Tochter wiedergeboren worden, aber der Text ist insgesamt schwer durchschaubar. Bei dem ovalen Porträt ist die Sache abstrakter: Während des Prozesses des Malens wird die Lebendigkeit, die Essenz der jungen Frau, von der Gemalten ins Gemälde übertragen; sie lebt quasi im Gemälde nach. Zumindest keine der Frauen kommt als Vampir in Frage.

Doch vielleicht kommen sie als Vampiropfer in Betracht? Schließlich werden die Symptome der Schwindsucht und die des Vampiropfertums literarisch fast identisch dargestellt. Bei den vier Frauen mit Namen ist die Lage wiederum eindeutig: Bei ihnen handelt es sich um schwindsüchtige Frauen, die ihrer Krankheit erliegen und unter Umständen nicht von ihrem Mann gepflegt bzw. beachtet werden. Diese Vernachlässigung wird manchmal als psychischer Vampirismus verbucht. Mir ist diese Verwendung des Vampir-Begriffs jedoch zu weit: So würde beinahe jeder psychologische Roman zu einer Vampirgeschichte. Im fünften Fall ist die Sachlage anders, denn das Sterben der Frau ist eindeutig mit dem Lebendigwerden des Porträts verknüpft; hier könnte man die Kunst als Vampir begreifen. Ein ganz ähnlicher Raub findet sich in Jan Nerudas Der Vampir, der ein halbes Jahrhundert später entstanden ist. Dennoch scheint mir beides stärker zum Seelenraub gehörig, wie er im Glauben, dass eine Fotografie dem Abgelichteten die Seele raubt, zu finden ist.

Besondere Aufmerksamkeit verdient Egaeus Zahnfetisch: Nach Hans Richard Brittnachers Ästhetik des Horrors weise Poe mit der Erotisierung von Berenices Zähnen jener der Vampirfänge, wie sie in James Malcolm Rymers Varney, der Vampir oder Bram Stokers Dracula verwendet würden, den Weg.

 

Wir haben gesehen, dass es eine sexuelle bzw. sexualisierte Beziehung oft über den Tod hinaus oder zwischen Verwandten, also mithin unorthodoxe Sexualität, gibt, die sich in schönen Toten manifestiert, dass es Schwindsuchtsopfer gibt, die kaum von Vampiropfern zu unterscheiden sind, dass es Lebensraub und ein Nachleben nach der Beisetzung gibt und dieses alles in verfallenen, einsamen Gebäudekomplexen stattfindet. Doch diese für die Vampirgeschichte sehr typischen Elemente ergeben eben für sich genommen keine – es kommt auf die Anordnung an und die ist hier anders, sieht man von Das ovale Porträt ab, dass man als abstrakte Vampirgeschichte lesen kann.

Nichtsdestoweniger können alle diese Geschichten für Vampirophile interessant sein, gerade weil sie die typischen Elemente so kombinieren, dass etwas Anderes herauskommt.

 

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Erstellt: 11.01.2009, zuletzt aktualisiert: 10.02.2015 01:21