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Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym / Die Eissphinx von Edgar Allan Poe und Jules Verne

Rezension von Ralf Steinberg

 

Verlagsinfo:

Der sechzehnjährige Arthur Gordon Pym versteckt sich im Laderaum eines Walfängers, als er seinem Freund auf einer Seereise folgen will. Eingeschlossen in der Dunkelheit, ohne Wasser und Proviant, verliert Arthur fast den Verstand, bis sein Freund ihn entdeckt. Doch an Bord des Schiffes beginnt für ihn nun eine weitaus gefahrvollere Reise, die ihn bis ans Ende der Welt führt und sogar darüber hinaus. Die Geschichte um Arthur G. Pym gilt als E.A. Poes stilles Meisterwerk. Sie wurde später von Jules Verne in gekonnter Form fortgesetzt. Nun gibt es die Romane erstmals in einem Band.

 

Rezension:

In optisch ähnlicher Aufmachung wie Vernes Die geheimnisvolle Insel bringt Lübbe nun ein weiteres Werk von ihm heraus, diesmal jedoch in Verbindung mit dem Werk, dem Verne seine Inspiration hierfür entnahm. Edgar Allen Poes einziger Roman, Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym beschäftigte Leser und Anglisten seit seinem Erscheinen 1837. Es gibt mehrere Besonderheiten, die für Diskussionsstoff sorgen. Da ist zum einen das Erscheinung Poes selbst im Roman. Allerdings tritt er nicht als Herausgeber von Pyms Abenteuern auf, wie es etwa Swift mit den Reisen Gullivers tat, vielmehr erklärt Pym selbst, dass Poe seine Aufzeichnungen in Romanform brachte. Der Autor redet über sich selbst durch eine seiner Figuren - diese erstaunliche Selbstinszenierung führte in Verbindung mit den klanglich ähnlichen Namen alsbald dazu, dass man in diesem Roman eine Art Selbstreflexion Poes sah und Pym mit ihm gleich setzte.

Eine weitere Besonderheit ist das rätselhafte Ende, das im eigentlichen Sinne fehlt. Poe meldet sich hier als Herausgeber zu Wort und vermeldet den Tod Pyms und das Fehlen der letzten Seiten der Aufzeichnungen, sodass der Schluss für ewig im Dunklen bleiben müsse. Gerade dieses Ende ohne Ende reizte wohl auch Verne, eine Fortsetzung zu schreiben.

Gerade die letzten Szenen der Aufzeichnung, ihr Mystizismus und im Gegensatz zum Rest phantastischer Inhalt gehen weit über das hinaus, was im Allgemeinen eine Seefahrergeschichte beinhaltet. Nimmt man das Ende als eine Vision Poes vom Tod? Fehlte ihm eine Idee für den richtigen Schluss? Konnte es kein anderes Ende geben nach dem Erscheinen der göttlichen Gestalt?

Desweiteren sorgten die Funde Pyms auf der Insel Tsalal für Neugierde. Die Symbole und Zeichen weisen auf etwas hin, das Poe aber nicht näher benennt. Eine versteckte Rätselhaftigkeit, die sich der Erkenntnis durch den menschlichen Geist verschließt.

Poe treibt seinen Pym von Katastrophe zu Katastrophe, stets gibt es noch eine Steigerung des Unglücks, immer wieder durchlebt Pym Momente des Grauens, die er aber zu ertragen versteht. Er entwickelt sich durch diese dunkelsten Momente zu einem Menschen, der aus der Dunkelheit drängt, wohl wissend, dass das Licht nur ein kurzes aufblitzen ist, der dies aber hinnimmt um es zu überleben. Kein Jammern, sondern Aktion führt Pym vorwärts.

Die ungeheure stilistische Kraft Poes, seine Fähigkeit, das Grauen in alltäglichen Situationen zu wecken und auch im Leser entstehen zu lassen, machen diesen Roman fesselnd und vermitteln ungeheure Nachhaltigkeit.

 

Der Kontrast zu Verne Eissphinx ist groß. Das Spätwerk von Verne ist geprägt von besinnlichen Romanen. Die Auseinandersetzung mit Poes rätselhaftem Roman mag ihn in ähnlicher Stimmung gefunden haben, wie Poe bei der Niederschrift. Verne erwähnt in der Eissphinx mehrere von Poes Werken, die in Frankreich durch die Übertragungen von Charles Baudelaire, so auch der Pym, bekannt wurden. Sein eigener Roman setzt denn auch dem stoischen Katastrophenmanagement Pyms ein Vertrauen in die menschliche Schaffenskraft entgegen, die letztlich mit Gottvertrauen den Redlichen belohnt. Zwar schlägt Verne seine Figuren auch mit Unglücken, jedoch fehlt ihnen das Grauen. Bei Verne sind es Schiffbruch und Meuterei, also rein natürliche Geschehen, die sich klar abheben von klaustrophobischen Ängsten oder jenem Anfall von Höhenangst, mit den Pym zu kämpfen hatte.

Überhaupt spült Verne so ziemlich alles weich, was Poe in dunkler Schärfe schuf. Hinzu kommen etliche Längen, in denen Wetter und Kurs ausführlich besprochen werden. Zwar gibt es auch bei Poe derartige Exkursionen, jedoch ist der Versuch des Kurzgeschichtenschreibers, Seiten zu schinden, weniger langatmig ausgefallen. Das führt bei Verne dazu, dass der eigentliche Handlungsanteil im letzten Drittel des Romans vorzufinden ist und selbst hier oft genug unterbrochen von redundanten Dialogen, in denen immer wiederkehrende Themen aufs Neue erörtert werden. Selbst der eigentlichen Eissphinx gibt Verne erstaunlich wenig Raum, sie wirkt, als bräuchte der Autor zum Schluss hin noch etwas Außergewöhnliches, mit dem er die Geschichte Pyms enden lassen kann.

So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass die Rechteverwalter Poes, gegen Verne prozessierten und sämtliche Einnahmen Der Eissphinx zugesprochen bekamen.

 

Erwähnenswert ist noch, dass es auch von H. P. Lovecraft eine Quasi-Fortsetzung des Pyms gibt. Berge des Wahnsinns hätte man sich noch in dieser Sammelausgabe von Lübbe gewünscht.

 

Das Titelbild hat leider mit beiden Romanen überhaupt nichts zu tun. Auch ist es schade, dass eine so interessante Ausgabe keine Bemerkung des Herausgebers enthält. Der Preis jedoch macht es wahrscheinlich, dass einige mehr zu diesem Buch greifen werden und so nicht nur eines der ungewöhnlichsten werke Poes kennenlernen, sondern auch einen Blick auf das späte Werk Vernes werfen können.

 

Fazit:

Zu einem unschlagbaren Preis gibt es zwei Klassiker. Besonders der einzige Roman Poes verspricht ein ganz eigenes und erstaunliches Lesevergnügen. Aber auch Jules Vernes Fortsetzung bietet dem Leser so manche spannende Stunde.

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Buch:

Die Abenteuer des Arthur Gordon Pym / Die Eissphinx

Autoren: Edgar Allan Poe und Jules Verne

Original Pym: The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket, 1837

Übersetzerin: Maria Lazar in einer Ausgabe von 1922

Original Sphinx: Le Sphinx des glaces. 1897

Übersetzung der Ausgabe von 1898

Lübbe, 2007

Paperback, 589 Seiten

ISBN-10: 3404157885

ISBN-13: 978-3404157884

Erhältlich bei: Amazon

 

Weitere Infos:


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Erstellt: 01.12.2007, zuletzt aktualisiert: 16.08.2019 12:16